Münchner Kindle

Beim gestrigen Vortrag des Stanford-Bibliothekars Michael Keller zum Thema "The Future of Books" gab es für die wenigen unter den Zuhörern, die die Sendlinger Mordweihnacht nicht mehr selbst miterlebt hatten, nicht viel Neues zu hören. Dafür aber was Neues zu sehen bzw. zu befummeln: das Amazon Kindle. Cohu ist seit jeher keine blindwütige Buchfetischistin, sondern eine Contentophile, und daher solchen medialen Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen. Leider, oh leider genügt das Kindle meinen Ansprüchen nicht: zwar ist die Bildschirmqualität exquisit und das Lesen an sich angenehm – schön auch Funktionen wie die Schriftgrößeneinstellung – doch, ojeh, der Bildschirm baut sich viel zu langsam auf, so dass man nach dem Blättern einen Moment auf die neue Seite warten muss; deshalb ist Speedreading genauso unmöglich wie das vom Computer gewohnte Scrollen. Dazu kommen kleinere Probleme: das Kindle wird nicht von allen schön gefunden (s.Abb.), manch einer findet die Verschwendung von Bildschirmplatz für eine volle Tastatur hirnrissig, und – lästiges Detail – das Kindle ist an allen Ecke und Kanten dermaßen mit Knöpfen und Tasten übersät, dass man es gezwungenermaßen beim Hochheben auch umblättert. Also, einige Modelle muss man da wohl noch abwarten, bis die Anschaffung eines solchen elektronischen Büchleins Sinn macht. Mal ganz abgesehen davon, dass das Kindle und seine exquisiten Belieferungsfunktionen momentan eh noch nicht in Europa erhältlich  – und in den USA ausverkauft – sind.

[Nebenfrage: Muss ich mir eigentlich Sorgen machen, wenn eine von mir frequentierte Institution als "die vielleicht wichtigste Einrichtung “neurechter Ideologiebildung”" bezeichnet wird?]

Ein neues Wort erblickt das Licht der Welt

Asselkrapfen, der:  1. süßes marmeladegefülltes Gebäckstück, das zur Abwendung von Sozialkontakten (oft im Büro- oder Arbeitskontext) alleine vor dem –>PC konsumiert wird. 2. [abw.] extrem introvertierter Mensch, syn. –> Aspi.

Holterdipolter

Dieser Nazivergleich – und das dazu passende holprige Dementi – darf in Cohu’s Sammlung nicht fehlen: Kawumm!

"Ein Holocaust" drohe den Palästinensern im Gazastreifen, wenn sie den Raketenbeschuss fortsetzten, sagte [der israelische Verteidigungs-Vize] Vilnai. Arie Mekel, Sprecher des Außenministeriums, eilte umgehend zu Hilfe. Vilnai habe den Terminus "im Sinne von Desaster oder Katastrophe verstanden", versuchte er zu relativieren. Keinesfalls habe er tatsächlich einen Holocaust gemeint." (taz.de)

Auch hier gilt wieder die alte Weisheit: wenn man sagt, was man meint, wird man besser verstanden.

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Und Nietzsche hat doch recht

 Jaja, immer diese Softwaretipps, da kommt man sich vor wie ein bildungsferner Nerd. Dabei weiß ich doch, meine Leser sind so gebildet und weltgewandt, die darf man mit so Zeug nicht langweilen. Deshalb heute: Cohu’s Weichwarenratgeber featuring unseren liebsten syphilitischen Schnauzträger, Bonus: griechische Mythologie!

(Bildausschnitt: Ulysses and the Sirens, 1909 Herbert James Draper. Wikimedia Commons)

Friedrich Nietzsche wandelt oft auf peinlichen, aber mit Eleganz beschrittenen Holzwegen, etwa, wenn er meint: "Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen." – und den Mann in seiner Verspieltheit ausdrücklich im Gegensatz zur Frau darstellt. Ich darf Euch in diesem Zusammenhang auf eine ganz reizende Seite hinweisen, auf der man sich beim momentanen Wetter sich doch einige Zeit angenehm vertreiben kann: Die Anstalt. Zumindest im Weibe Cohu ist ein Kind versteckt: das will spielen. Und zwar mit psychisch kranken Kuscheltieren. Geheilt hab ich allerdings noch keins…

Der Wahrheit – und der wirklich nützlichen Software – etwas näher kommen wir mit Nietzsche, wenn er meint, es wäre "im Weibe ein Sclave und ein Tyrann" verborgen leider vollkommen zutreffend. Vor allem das mit dem Tyrannen. Der bildet sich dann z.B. ein, dass es nicht gut ist, den ganzen Tag auf nutzlosen Seiten rumzusurfen. Und installiert eine faschistoides Firefox-Add-On namens LeechBlock – eine Art grausame Browser-Kindersicherung, die fein justierbar ist: man kann z.B. einstellen, dass der Browser zu den üblichen Arbeitszeiten nur LEO, WordRef und Wikipediaseiten öffnen kann. Oder: dass zeitstehlende Internetseiten, Foren und sonstige Spielereien nur eine bestimmte Anzahl von Stunden/Minuten am Tag zugänglich sind. Gesichert mit einem Passwort, dass man gut versteckt. Man kann sich das vorstellen wie bei Odysseus und den Sirenen (siehe Abb.). Seit ich dieses Ding verwende, ist meine Arbeitsproduktivität um ca. 40% gestiegen – mein innerer Tyrann jubiliert.
Eine Seite, die ich nie blockiere, ist allerdings die Cohu-Administration. Der gute FriWi trifft hier schlussendlich den Nagel auf den Kopf:

"Weib und Genie arbeiten nicht. (…) In allen Augenblicken, wo wir unser Bestes thun, arbeiten wir nicht. Arbeit ist nur ein Mittel zu diesen Augenblicken."

Ein jeder ist seines Liedes Schmied

Geigenspielende Roboter (Cohu berichtete) werden echten menschlichen Fiedelvirtuosen noch nicht so bald Konkurrenz machen, und sei es nur wegen ihres hohen Preises und fehlender Aura bzw., wie der Amerikaner so schön sagt, layability (wobei: manche Jahrhundertgeigerinnen sind mir noch um einiges unheimlicher als die mandeläugige Toyota-Schönheit).
Nun habe ich aber wieder eine technische Neuerung für Menschen ausgegraben, die kein musikalisches Talent, dafür aber Ambitionen haben. "MySong" ist eine Software, die es einem ermöglicht, herzzerreißende Balladen mit Klavierbegleitung zu erschaffen, ohne in die Tasten greifen oder auch nur Noten lesen zu können. Man singt dem Computer einfach was vor, und der bastelt dazu dann eine Begleitung. Extrabonus: auf kleinen Schiebern kann man "Jazz Factor" und "Happy Factor" einstellen, um "schiefere" oder "traurigere" Begleitungen zu erzeugen (siehe Abb. und Video bei 1:40). Die Ergebnisse sind erstaunlich.
Tja, liebe wurstfingrige Teenager, die ihr euch schon jahrelang widerwillig mit Notenlesen und Fingersätzen abplagt, nur um eventuell mal die eine oder andere geneigte Dame ins Bett zu kriegen (man nennt es den Lagerfeuer-Effekt): peinliche Liebesschwüre trällern kann bald jeder, und euer Wettbewerbsvorteil ist futsch. Müsst ihr halt dann doch Tanzen lernen. Ein bisschen Zeit habt ihr allerdings noch mit der Gitarre, dem Feuer, dem Bier, und den Euch anhimmelnden Zahnspangenträgerinnen, denn man kann die Software zur Zeit (noch) nicht herunterladen oder kaufen.

Hallo Nachbar

Nicht nur im Realen beschäftige ich mich mit meiner Nachbarschaft, nein, auch im Virtuellen.
So weckt es natürlich gleich mein Interesse, dass auf "www.çohu.org" eine neue Seite entstanden ist –  anscheinend geht es dort um etwas Ehrenwertes, nämlich, so mich meine beschränkten Kenntnisse des Albanischen nicht täuschen, eine im Kosovo ansässige Organisation "für Demokratie, Anti-Korruption und Menschenwürde." (Letztere heißt, sehr nett: "Dinjitet"). Inhaltsunabhängig hat das Albanische dank der vielen e-Punkte ein reizendes Schriftbild (siehe Abb. und Text) Was es alles gibt!

Meine Stadt, meine Straße, mein Blog

Zwischen Türken- und Amalienstraße herrscht schon immer eine herbe Konkurrenz. Ob es wahr ist oder nicht, es gehört jedenfalls zu den Maxvorstädter Folklore, dass der

"kleine Lausbub Gerhard Polt aus der Amalienstraße »Türkenstraßler festgenommen hat und ihnen das Brennglas vom Opa auf den Zeh gehalten hat, bis er qualmte«."
(Münchner Wochenanzeiger)

Was hat die Türkenstraße schon vorzuweisen: Hans Carossa – innerer Emigrant und auch noch Namenspatron eines humanistischen Gymnasiums, das ich in nicht allzu guter Erinnerung habe – und, gut, immerhin, Georg Elser (dafür aber auch Heydrichs Büro), was sind solche Kleinigkeiten gegen einen Geistesmenschen wie Polt? Fangt mir nicht mit dem Simplicissimus an, der heutige Simpl negiert rückwirkend alles, was Ringelnatz oder Valentin dort vorführten. Es tröstet kaum, dass der berlinblütige Allzu-Real-Romancier Maxim Biller die Amalienstraße als "ein wenig abweisend" in Erinnerung hat – wenn er im gleichen Atemzug unsere gute Türkenstraße als "dörflich" und Maxvorstadt als "Schwabing" bezeichnet, und das auch noch im unsäglichen Intelli-Poser-Blatt Cicero. Und dann seh ich auch noch: die Amalienstraße hat einen eigenen Webauftritt (www.amalienstr.de), während man das hundert Meter weiter nicht hinkriegt. Es sieht also schlecht aus für meine momentane Heimatstraße. Einzige Möglichkeit, die verfeindeten Schwesterstraßen zu versöhnen: Cohu muss in die Annalen der Münchner Stadtgeschichte eingehen. Dann stünde nämlich in meinem post mortem von Verehrern und Jüngern geschriebenen kilometerlangen Wikipedia-Eintrag: "Cohu lebte in München, zunächst in der Amalien-, später in der Türkenstraße. Beide fand sie sehr schön und pries sie stets lauthals als die schönsten Straßen Münchens – nachdem sie sämtliche Kontinente bereist hatte, sogar als die schönsten Straßen der Welt."
Und die Maxvorstädter könnten sich endlich auf die Verachtung anderer Viertel konzentrieren – wie wärs mit Haidhausen?

Libum iste non frangit ieiunium

Gut zu wissen:

"(…) bereits im 16. Jahrhundert wurde Nonnen und Mönchen Schokolade als Fastenspeise erlaubt. Und das sogar von höchster Stelle – vom Papst persönlich. 1569 hatten die Bischöfe von Mexiko eigens einen Abgeordneten zu Papst Pius V. in den Vatikan gesandt, damit dieser entschied, ob das Getränk mit dem Namen Xocoatl (Schokoladenwasser) in der Fastenzeit getrunken werden dürfe. "Der Papst kostete widerwillig, verzog das Gesicht und sagte: Potus iste non frangit jejunium – Schokolade bricht das Fasten nicht" (www.kirchensite.de)

Dann kann ja selbst ich als römisch-katholisch Getaufte dies köstliche Fastengericht zu mir nehmen, ohne das Risiko einzugehen, später mal nicht in den Himmel zu kommen (man weiß ja nie!).

(Bild: Wikimedia Commons)

Prozentuwahl

So, jetzt gibt’s ihn also doch noch rechtzeitig vor der Wahl, den München-Wahlomat, leider nicht vollautomatisch – man braucht Zettel und Stift oder gutes Gedächtnis -, aber trotzdem, sie enttäuscht uns nicht, unsere guten alte AZ. Und wer hat ihn gefunden? Natürlich die immer rundum informierte Helga!
(Den Teststimmzettel auf Muenchen.de kann ich aufgrund der schlechten Softwareumsetzung, die bei mir zu Browsercrashs führt, nicht empfehlen…)
Jetzt ist es ja blöd, wenn man so ein Ergebnis bekommt wie vier Mal d, vier mal a, zwei mal c. Da weiß man ja am Schluss noch weniger, was man wählen soll…Soll man dann, bei Stadtrat und BA, seine diversen Stimmen (80 für den Stadtrat, 25 für den BA 3) prozentual aufteilen – kann ich schon mal gar nicht ausrechnen -, oder sich für eine Partei entscheiden? Und: weiß der durchschnittliche Bürger eigentlich, wofür BA und Stadtrat so zuständig sind? Ich weiß das ehrlichgesagt im Detail nicht, obwohl ich sogar schon Bürgerversammlungen besucht habe (und somit praktisch als  Hardcore-Kommunalpolitikjunkie gelten muss).
Ich selbst hab ja, ich geb es zu, kommunalpolitisch gesehen eigentlich nur eine Position: Pro Mülleimer. Ja, wenn es um ungeleerte, überfüllte und vernachlässigte Abfallkörbe geht, werd ich zur Fundamentalistin. Aber diesen Punkt hab ich noch in keinem Wahlprogramm gefunden. Anscheinend teilt keiner meine private Obsession. Ts, dann suhlt Euch doch weiter im Schmutz, ihr garstigen Mitbürger. Kreuz der Demokratie!

Wie das Private Politisch wird

Blogrolls sind ja so ne Sache. Erstaunlich finde ich immer wieder, dass man, wenn man sich nicht auf ein Thema festlegt, automatisch in die Blog-Kategorie "persönlich/privat" fällt. Dabei habe ich den Eindruck, im Vergleich mit anderen besonders wenig über Persönliches und schon gar nicht über Privates zu schreiben…siehe auch das Zahlenverhältnis in den Kategorien. Ich würde grundsätzlich sagen, dass man mich oder meine Persönlichkeit durch Lektüre meines Blogs überhaupt nicht kennenlernt. Evt. eher im Gegenteil.

Also, da muss man sich eindeutig anders positionieren. Ich hab mir da schon mal nen Plan überlegt, um als "politisch" oder "ernsthaft" wahrgenommen zu werden. Wenn wir schon beim selbstreferentiellen Bloggeschwafel sind, muss das natürlich in eine astreine Zehnerliste gegossen werden. Also hier: 10 Tipps, wie man ein ernsthaftes Blog schreibt.

(1) Kochrezepte und Berichte über Handarbeits-Hobbies weglassen (Verlinkungen auf "Mein Oldtimer-Club", "Meine Hardware" oder "Mein Fußballverein" dagegen würden vermutlich nicht weiter auffallen, aber halt bitte kein so Mädchenzeug!)

(2) Keine Kätzchen. Kätzchen gehen nicht. Und sowas geht schon mal gar nicht. Tiere allgemein nur im politischen Kontext, also; Kampfhunde, Heuschrecken, Problembären. Auch das bitte nur an Casual Fridays.

(3) Keine allzu ironischen Artikel schreiben, das wird immer falsch verstanden. Sarkasmus ist dagegen empfehlenswert.

(4) Unverzichtbar auch: eindeutige Stellungnahmen. Unentschiedenheit oder implizite Andeutungen sind was für Erstsemester und Mädchen. Besser: Strategie-Ratschläge für Volksparteien oder gar Gesellschaftsgruppen, ein Bild der Zukunft unseres Landes zeichnen, außenpolitisch klare Positionierung. Visionen!!! Dann auch: ernsthafte Besorgnis um die Zukunft. Katastrophenprognosen. Verbitterung. Und natürlich: Wahlempfehlungen. Auch zu Wahlen im Ausland. Dein Leser braucht Führung.

(5)  Dazu: braucht man natürlich ne Hammer-Tagline. Sowas wie "Zukunft ist möglich" oder "Vision der Freiheit". "Sterbende Demokratie". "Schöne Neue Welt" . Oder "1984" – warum nicht. Hier gerne dick auftragen. (Was nicht geht, z.B: "Mehr Wichskabinen für Deutschland" oder "Geschichten aus crazy Cybermausi’s verrücktem Leben")

(6) Das richtige Logo. Mein blöder Frauen-Kopf muss natürlich weg (junge Frauen sind ja per definitionem privat), da brauch ich stattdessen ein – eindeutiges! – politisches Symbol. Justitia, äh, oder so ne Art RAF-Logo, statt Kalaschnikow ein Federkiel. Milton Friedman im Ché-Guevara-Stil. Sowas.

(7) Political Correctness. Man muss sich in der Frage eindeutig einem Lager zuordnen lassen. Entweder total dagegen oder absolute UnterstützerIn der entrechteten MinoritätInnen.

(8) Trolle. Man braucht Trolle und Flamewars. Dann zu einer willkürlichen Kommentarlöschpolitik übergehen ("Zensur").

(9) In diesem Zusammenhang: mehr Diskussionen über Antisemitismus. Henryk M. Broder muss da spätestens im 2. Absatz erwähnt oder zitiert werden. (siehe auch –> Flamewar).

(10) Schließlich: klare Blog-Gegner bzw. besser -Feinde, um über ungerechtfertigte Kommentarlöschungen auf anderen Blogs berichten zu können (siehe auch –> Zensur). Hierzu muss man u.U. selbst als Troll tätig werden, was einen Großteil der Zeit und psychischen Ressourcen in Anspruch nehmen kann.

Oh oh, ich sehe schon, ganz schön aufwendig. Eventuell bleib ich da doch lieber bei meiner zurückhaltenden Blogstrategie und -Tagline, die sich folgendermaßen erklärt:

"During the Civil War, newspapers on occasion published dispatches from the field under a cautionary note that read "Important, If True." (Peter Sandman)

"(…) the vast reaches of the Internet operate back in that land of “important if true.”
It’s like a big op-ed page with no editors and quasi-information that moves at the speed of light. At worst, it’s really terrible.
"(NYT editorial page editor Gail Collins, .pdf)

Wobei die letzten zwei Sätze doch auch schöne "Taglines" abgäben.