Meine Stadt, meine Straße, mein Blog

Zwischen Türken- und Amalienstraße herrscht schon immer eine herbe Konkurrenz. Ob es wahr ist oder nicht, es gehört jedenfalls zu den Maxvorstädter Folklore, dass der

"kleine Lausbub Gerhard Polt aus der Amalienstraße »Türkenstraßler festgenommen hat und ihnen das Brennglas vom Opa auf den Zeh gehalten hat, bis er qualmte«."
(Münchner Wochenanzeiger)

Was hat die Türkenstraße schon vorzuweisen: Hans Carossa – innerer Emigrant und auch noch Namenspatron eines humanistischen Gymnasiums, das ich in nicht allzu guter Erinnerung habe – und, gut, immerhin, Georg Elser (dafür aber auch Heydrichs Büro), was sind solche Kleinigkeiten gegen einen Geistesmenschen wie Polt? Fangt mir nicht mit dem Simplicissimus an, der heutige Simpl negiert rückwirkend alles, was Ringelnatz oder Valentin dort vorführten. Es tröstet kaum, dass der berlinblütige Allzu-Real-Romancier Maxim Biller die Amalienstraße als "ein wenig abweisend" in Erinnerung hat – wenn er im gleichen Atemzug unsere gute Türkenstraße als "dörflich" und Maxvorstadt als "Schwabing" bezeichnet, und das auch noch im unsäglichen Intelli-Poser-Blatt Cicero. Und dann seh ich auch noch: die Amalienstraße hat einen eigenen Webauftritt (www.amalienstr.de), während man das hundert Meter weiter nicht hinkriegt. Es sieht also schlecht aus für meine momentane Heimatstraße. Einzige Möglichkeit, die verfeindeten Schwesterstraßen zu versöhnen: Cohu muss in die Annalen der Münchner Stadtgeschichte eingehen. Dann stünde nämlich in meinem post mortem von Verehrern und Jüngern geschriebenen kilometerlangen Wikipedia-Eintrag: "Cohu lebte in München, zunächst in der Amalien-, später in der Türkenstraße. Beide fand sie sehr schön und pries sie stets lauthals als die schönsten Straßen Münchens – nachdem sie sämtliche Kontinente bereist hatte, sogar als die schönsten Straßen der Welt."
Und die Maxvorstädter könnten sich endlich auf die Verachtung anderer Viertel konzentrieren – wie wärs mit Haidhausen?

23 Responses to “Meine Stadt, meine Straße, mein Blog”

  1. Don Alphonso Says:

    Der natürliche Feind des Maxvorstädters ist zuerst mal der Schwabinger, dann der Freimanner, dann der Isarvorstädter, der Nymphenburger, der Sendlinger, der Restmünchner, und zusammen mit dem Leheler, seinem einzigen Verbündeten, ist er der festen Überzeugung, dass über der Isar ohnehin nichts mehr kommt.

  2. Dr.Sno* Says:

    Ich dachte immer die Hauptfeinde der Maxvorstädter sind in erster Linie, die Maxvorstädter, die felstenfest behaupten, sie würden in Schwabing wohnen?

  3. Oweh Says:

    Schwabing. Sich ausbreitend wie eine Virenkultur. Die Maxvorstadt ist schon lang geschluckt, Milbertshofen wird gerne als »Nordschwabing« bezeichnet und die Grenzen von Freimann werden auch schon unterspült. Ist der ganze Englische Garten nicht Schwabing…?

  4. Helga Says:

    Maxvorstadt wurde aber auch schon um die Jahrhundertwende zur Zeiten der – jetzt kommt’s – SCHWABINGER Boheme als eben Schwabing bezeichnet. das legendäre Stephanie lag übrigens auch in der Amalienstraße.PS: hätt ich mir ja denken können, dass du in der kleinen Stadt pseudo-humanistische Bildung genossen hast;-) Frau Cohu welcher Abi-Jahrgang sind Sie eigentlich??

  5. cohu Says:

    @Don: Gut, ich gebe zu, Haidhausen ist nicht der ideale Feind, da praktisch schon andere Stadt. Schwabing, Nymphenburg sind aber zu langweilig, um ernsthaft Konkurrenz zu machen – also wie wärs mit Todfeind Glockenbachviertel?@Sno*: diese Gruppe dürfte identisch sein mit den Stammgästen des Sausalitos bzw. (für ältere Semester) der News Bar.@Oweh: Als ich mal ne Wohnung "In Uninähe" suchte, wollte mir eine Dame allen Ernstes ein Appartment am Tierpark zeigen – "da sind sie in 15 min. an der Uni!" – merke: Hellabrunn ist "Süd-Schwabing"!@Helga: Ja, das ist eine alte Verwirrung. Für mich ist Schwabing halt eigentlich vor allem Altschwabing (Occamstr, Feilitzschstr…). Verwirrend aber, dass das "Café Altschwabing" ausgerechnet in der … Schellingstraße liegt! (Hab dieses Jahr zehnjähriges Abi-Jubiläum.)

  6. Helga Says:

    man sollte manche Fragen nicht stellen;-)

  7. OWeh Says:

    Ich finde das Glockenbachviertel viel zu spießig, um zum anständigen Feind zu taugen. Im Augenblick ist es hier im Westend(Westschwabing)recht interessant. Mal sehen, wo es hingeht mit diesem Viertel.

  8. locutus Says:

    gibts eigentlich irgendwo eine ähnlich schicke karte für die türkenstr wie für die amalienstr? wär nämlich sehr interessant.und überhaupt, sowas wie ein erweiterter münchen guide für münchner, um die stadt besser kennenzulernen? in london zB gibt es ein buch namens "london for londoners", in dem alle viertel ziemlich gut beschrieben werden, von den preisen über die clientèle bis zum kulturleben. sowas sollte es mal für münchen geben…

  9. Dr.Sno* Says:

    Uaahhh… "das Westend kommt" doch angeblich schon seit Mitte der 90er. Und ganz ehrlich, bei der Steidle-Beklotzung der Schwanthalerhöhe kann ich so gar keinen Funken Konkurrenz zur Maxvorstadt erkennen. Na na na… nix gegens Glockenbach. Schliesslich wusste schon der Polt: "Spießig ist riesig!"

  10. cohu Says:

    Gegen das Westend möcht ich hier auch keine Konkurrenzgedanken schüren, schließlich bin ich (genau wie übrigens die IT) väterlicherseits Westendlerin. Tut mir leid, Dr. Sno* dann muss es doch das Glockenbachviertel sein!Ähnliche Karten gibt es für die Schellingstraße – http://www.schellingstr.de. – wesentlich interessanter aber dieser eher historisch orientierte Aufriss der Schellingstr. und Umgebung. Was das Buch angeht: vielleicht will ja der Münchner an sich mehrheitlich andere Stadtteile gar nicht kennenlernen… 🙂

  11. Kröti Says:

    In Anlehnung eines großen Wortes des ehemaligen RCDS-Mitglieds T. Krawitz, äh, nein, Franz Josef Strauß, bin ich geneigt, "Sann Sie überhaupt Münchener?" zuzurufen, denjenigen, die sich hier gar fein und ziseliert über "heimatliche" Straßenzüge äußern…

  12. Stadtneurotiker Says:

    Hm, die Damen und Herren auf Amalienstrasse.de behaupten auch, daß "ihre" Straße zu Schwabing gehört. Unter http://www.tuerkenstrasse.com gibt es eine Copy-Oase.Als ehemaliger Maxvorstädter kann ich die Liebeserklärung an Amalien- und Türkenstraße sehr gut verstehen. Ich möchte hier aber nicht die mindestens genauso schöne Wörthstraße nicht unerwähnt sein, die bei Tageslicht noch schöner ist… 😉

  13. cohu Says:

    @Rotbauchunke:Sie kennen schon das Prinzip des ius soli, Herr Deutelmoser? Oder wird mir vorgeworfen, dass ich Vertriebenenkind/blutsmäßige Halb-Mährin bin? Für die anderen Herrschaften kann ich natürlich nicht sprechen. Doch kann der Zuagroaste die Stadt ja oft auch besser verstehen als der Altverwurzelte.@Stadtneurotiker:Muss bald mal wieder Pralinen beim Miksch am Ostbahnhof kaufen, dann werd ich einen Spaziergang in die Wörthstraße machen und sie bei Tageslicht betrachten.

  14. Grünbauchbepanzerte Tortue (ungleich Tortur) Says:

    Geschätzte Cohu,gerne gestehe ich Ihnen zu, diese unsere Stadt, die uns jetzt beiden eine Heimstätte ist, als Fremde zu entdecken und zu genießen. Es lag mir nur an der Zurechtrückung mancher Kommentarstellen.Es grüßt aus der Leopoldstraße, mit Blick auf Siegestor und (demnächst) Allianz ArenaKröti

  15. Dr.Sno* Says:

    Pah! Ich bin ja sogar in Schwabing geboren! Und das übrigens zweimal!!!

  16. cohu Says:

    Ich gebe es jetzt nur höchst widerwillig zu, aber ich bin (soweit ich mich erinnern kann), zur Welt gekommen in der Maistraße. Ich bestehe jetzt aber darauf: das ist Ludwigsvorstadt und keinesfalls Glockenbach!

  17. Oweh Says:

    Geil. Und irgendwann lern ich dieses Hmtl oder wie das heißt. Cohu, kannst Du den Strich vor das a…? *schäm*

  18. Korrigierter Oweh Says:

    Das lässt sich doch schon ganz gut an hier. Dann ist der Weg frei für Berliner Verhältnisse!

  19. Wolf Says:

    Fällt Nürnberg aus Münchner Sicht eigentlich unter die Feindbilder, oder ist das mehr sowas wie Narnia?Von da sollen ja welche kommen, die nach zehn Jahren München gerade mal zu ihrem zuständigen Supermarkt finden und rehct zufrieden damit sind. Es sind digitale Zeiten.

  20. cohu Says:

    Nürnberg ist keinesfalls ein Feindbild! Das Feindbild ist der Franke – und das nicht nur in München 😛 (Warum fehlt hier eigentlich der Beckstein?).

  21. Dr.Sno* Says:

    Das Nürnberg wie Narnia ist finde ich allerdings sehr super!

  22. Wolf Says:

    Franken sind niemandes Feinde, die sind höchstens verwaltungsmoralisch eine Art Preußen mit mildernden Umständen. Was seit Napoleon am Boden liegt, wird doch nicht mehr in die Waffel gestiefelt, also bitte.Der Beckstein wird berühmt, wenn da auch der Pelzig drinsteht…


Comments are closed.

%d bloggers like this: