Grenzerfahrung

Bezwungen!

Es gibt bestimmte Arten von Erfahrungen, die muss man selbst machen, die sind nicht aus zweiter Hand zu erwerben. Dazu gehören neben Pipifax wie Nanga Parbat und Einhandsegeln traditionell der Genuss von Drogen, das Zeugen und/oder das Gebären von Kindern und das Sterben – aber auch die Lektüre mancher Bücher. In diese Kategorie fällt zweifellos der amerikanische Antikommunismus-Klassiker Atlas Shrugged von Ayn Rand: Das muss man erlebt haben. So wie Cohu in den letzten, äh, geschätzt 5 Monaten. Ich gestehe –  ich musste zwischendrin zur Erholung immer wieder andere Bücher lesen, so wie der Extremalpinist in der Todeszone ab 7000 Metern ab und zu einen tiefen Zug aus der Sauerstoffpulle nimmt – aber jetzt ist es vollbracht. Ich bin nach dieser Tortur dem Amerikanischen Wesen, und vor allem dem Wesen des Kapitalismus, nun so nahe, dass Obama mir, meritokratisch gesprochen, eigentlich stante pede die Greencard überreichen müsste. Stattdessen bekomme ich ab August den Status eines non-resident alien, noch dazu mit einem dependent visa, Unverschämtheit.

Böse Zungen behaupten, Atlas Shrugged sei das schlechteste Buch, das je geschrieben wurde. Das halte ich für übertrieben, es gibt schließlich noch Ken Follett und, wie mancher anmerken wird, im deutschen Sprachraum einen gewissen “Herrenschmuckträger, der sich aktiv entschieden hat, in der Öffentlichkeit mit einem Klobrillenbart aufzutreten”. Außerdem nötigt die Heldin des Buches,  Dagny Taggart, dem Leser doch gewissen Respekt ab: Sie hat ein unter literarischen Heldinnen wohl einmaliges Selbstbewusstsein, eine Eisenbahnlinie, und last but not least wilden Sex mit den tollsten Kerlen. Abgesehen von diesen marginalen Vorzügen weist Atlas Shrugged wohl den krassesten Quotienten zwischen literarischer Qualität und Verkaufserfolg auf, der dem Romanleser je untergekommen ist: trotz haarsträubender Miserabilität steht es 53 Jahre nach seinem Erscheinen bei Amazon immer noch auf Rang 154, Tendenz steigend!

Als markerschütternd schlechtes Buch mit großem Erfolg beim Publikum hat Atlas Shrugged natürlich hunderte von Rezensenten auf den Plan gerufen – die meisten von ihnen wutschäumend, wobei Whittaker Chambers’ Rezension aus dem Erscheinungsjahr des Buches besonders hervorsticht und kulminiert in der Feststellung:

…From almost any page of Atlas Shrugged, a voice can be heard, from painful necessity, commanding: “To a gas chamber — go!”

(Whittaker Chambers: Big Sister is Watching You, 1957)

Umso erstaunlicher übrigens, dass der Wälzer zwar irgendwann ins Deutsche übersetzt wurde, aber schon seit ewigen Zeiten vergriffen und in Deutschland selbst unter Amerikanisten quasi unbekannt ist. Neulich stand mal ein Mini-Artikel darüber in der SZ am Wochenende (natürlich nicht online verfügbar), das war aber auch schon alles. Der Möchtegern-Amerikaversteher muss sich weiterhin durch den englischen Text quälen, bis das Buch 2011 endlich verfilmt wird. Für die Lesefaulen gibt es hier eine stark gekürzte Fassung.

Die ursprüngliche Alice…

…steht jetzt online, und zwar hier. Besonders schön die Illustrationen:

Alice mit dem weißen Kaninchen

“Long and sad tale/tail” der Maus

Vogel Strauß als Crocketschläger (erst in späteren Versionen wird daraus ein Flamingo)

Die Herzkönigin

Die Grinsekatze, engl. cheshire cat fehlt auch noch in dieser frühen Version. Wikipedia liefert als eine mögliche Erklärung für ihren seltsamen Namen diese katzenartige Wasserspeierfratze (s. Abb.)

Und als wäre das nicht genug: hier noch die erste Filmversion der Alice, aus dem Jahr 1903 (8 Minuten). Man beachte die Grinsekatze um die 5. Minute herum. Modernste Filmtechnik!

(Bild: SilkTork/Wikimedia Commons)

Crash Blossoms

Zu den vielen Freuden, die dem Nicht-Englischsprecher versagt bleiben, gehören kryptische Zeitungsüberschriften. Manchmal führen sie (selbst bei Muttersprachlern) nur zu Kopfzerbrechen, manchmal aber auch zu großem Amüsement. Darüber berichtete neulich sogar die NYT, und lieferte für das Phänomen folgende Erklärung:

“Since English is weakly inflected (meaning that words are seldom explicitly modified to indicate their grammatical roles), many words can easily function as either noun or verb. And it just so happens that plural nouns and third-person-singular present-tense verbs are marked with the exact same suffix, “-s.” In everyday spoken and written language, we can usually handle this sort of grammatical uncertainty because we have enough additional clues to make the right choices of interpretation. But headlines sweep away those little words — particularly articles, auxiliary verbs and forms of “to be” — robbing the reader of crucial context.” (On Language: Crash Blossoms)

Soviel zur Theorie. Viel lustiger ist aber die Praxis:

British Left Waffles on Falklands

Torture professor John Yoo in San Mateo

Police vow to murder victim’s family

Prostitutes appeal to Pope

Gator Attacks Puzzle Experts

Reagan Wins on Budget, but More Lies Ahead

Der Name des Phänomens, Crash Blossoms, stammt übrigens von dieser Überschrift. Und ein entsprechendes Blog gibts natürlich auch schon…

Der gehütete Kater

I know it is wet / And the sun is not sunny. / But we can have /Lots of good fun that is funny.

Der 1957 erschienene amerikanische Kinderbuchklassiker  “The Cat in the Hat” hat, was kulturelle Wirkmächtigkeit angeht, vermutlich keine Entsprechung auf dem deutschen Markt. Obwohl manche befürchten,  “Der Regenbogenfisch”, ein weltanschaulich zweifelhafter Riesenbestseller für Vorschulkinder, könnte in Deutschland ähnlich einflussreich werden:

“Dieses Buch ist Sozialismus pur. Den Kindern wird beigebracht, dass man nichts besitzen darf, anderenfalls ist man ein böser Mensch und bekommt keine Freunde. Es dokumentiert die sogenannte soziale Gerechtigkeit, die Umverteilung von oben nach unten. Alle Menschen sollen gleich (wenig) besitzen (eine einzige Schuppe). Es wird ihnen vorgemacht, dass sie nur dadurch glücklich werden können (durch fehlende Individualität und Besitzlosigkeit). Das ist die Verneinung des Lebens. So können Kinder schon in zartestem Alter politisch manipuliert werden.” (Ein empörter Amazon-Kunde)

Ganz anders bei der Hutkatze. Die wurde nicht primär nach politischen oder moralischen Vorstellungen der Eltern, sondern nach empirischen Kriterien der Leseförderung gestaltet: der Autor, Theodor Geisel (aka “Dr. Seuss”), hatte im Artikel eines Experten gelesen, dass Kinder durch zu viele Vokabeln, zu lange Wörter, und zu brave Geschichten vom Lesen abgeschreckt werden. Er nahm deshalb die Liste von 220 einfachen Wörtern, die amerikanische Kinder in den ersten Schuljahren lernen, erfand einen irren, subversiven Protagonisten – die Katze mit Hut -, und bastelte ein Buch draus:

“The story is 1626 words in length and uses a vocabulary of only 236 distinct words, of which 54 occur once and 33 twice. Only a single word – another – has three syllables, while 14 have two and the remaining 221 are monosyllabic. The longest words are something and playthings. (…)

The Cat at one point balances a cup, some milk, a cake, three books, the Fish, a rake, a toy boat, a toy man, a red fan, and his umbrella while he’s on a ball to the chagrin of the goldfish.” (Wikipedia)

Aufgrund der rigiden Wort- und Silbenbeschränkung brauchte Geisel neun Monate, um das durchgehend gereimte Buch fertigzustellen. Es wurde 10 Millionen Mal gedruckt und gehört noch heute zu den bestverkauften Büchern im Segment “Lesen Lernen”. Die Übertragung ins Deutsche kam anscheinend nicht so gut an.

(Die abgebildete Katze gehört zur Hutmacherei ALIDA in der Fürstenstraße)

Arbeitsteilung

So sieht “Die erste Brigitte OHNE MODELS” unter der fetten (haha) “OHNE MODELS”-Banderole aus. Für die Herren unter meinen Lesern: das Äquivalent wäre der Kicker, “Ab jetzt OHNE PROFIFUSSBALLER!!!”, mit dem Aufmacher: “Training: So passt es in Ihr Leben – 14-Tage-Programm für den perfekten Elfmeter – Plus: Offizielles DFB-Regelwerk für die Sporttasche”. Na sauber.

Andersrum, liebe Brigitte, wird ein Schuh draus: mit Models, aber ohne Diäten. In einer modernen Gesellschaft mit effizienter Arbeitsteilung macht jeder, was er am besten kann. Die Models: diätieren und gut aussehen. Ich: auf dem Sofa liegen, ein Stück Pizza essen und schöne Menschen anschauen. OK?

Towards thee I roll, thou all-destroying but unconquering whale

Zu Weihnachten bekam ich das Popup-Buch von Sam Ita, das ich schon ein ums andre Mal beim Goltz bewundert hatte. Wolf vom Moby-Dick-Blog widmet meinem Fundstück “One Drawing for Every Page of Moby-Dick” einen aufschlussreichen Eintrag (wobei aller Dank natürlich, wie so oft, meiner Lieblingscommunity MetaFilter bzw. Herrn synecdoche gebührt). Und gestern im Baader-Café schwärmte ein Herr am Nebentisch von einer Hörbuchfassung des Klassikers, die ihm eine tagelange Autofahrt regelrecht zur Walfangexpedition machte. Ich glaube, ich bin der Anti-Ahab. Der weiße Wal verfolgt mich!

…and I should know

“Die Gehirnwissenschaft ist intellektuell extrem anspruchsvoll. Dagegen ist das, was wir hier tun, simpel.”

So der Post-Chef und ehemalige Neurobiologe Frank Appel zur FAZ.  Ich glaube, das ist der perfekte Anlass, um noch einmal diesen grandiosen Sketch in Erinnerung zu rufen: