Rasierer zu Pflugscharen

Dass es auf dem Markt für Nassrasierer verschwörerische Verwicklungen geben könnte, ahnte man irgendwie schon bei der Lektüre des amtlichen Schriftstücks 31993D0252 aus dem Jahre 1993. Wenn ich den spannenden Text recht verstehe, untersagte damals die europäische Kommission dem Marktführer Gillette, sich (indirekt) am Geschäft seines Konkurrenten Wilkinson Sword zu beteiligen – man befürchtete eine Kartellbildung.

Angesichts einer derart vertrackten Marktsituation sind die unverschämt hohen Preise für Rasierklingen nicht weiter erstaunlich. Als ich heute im Drogeriemarkt das hier sah, erschrak ich trotzdem ein wenig:

Die Reaktion des männlichen Teils der Bevölkerung auf diese Entwicklung ist auf den ersten Blick etwas kratzbürstig, aber doch nachvollziehbar: Rasierer-Boykott (benannt nach einem imposanten Bartträger, übrigens) ist in Zeiten der Krise die einzig angemessene, gerechte Strafe für die halsabschneiderischen Praktiken der Konzerne! Und so verwundert es nicht, dass die amerikanische Presse inzwischen bereits einen immer stärker um sich greifenden Trend zu recession stubble und backlash beard ausruft:

According to the marketing research company The NPD Group, sales of electric shavers and men’s facial trimmers have dipped 12 percent just in the last year [2008] while beard-related activities are, well, bristling. (msnbc.com)
 

Männer: Marx wäre stolz auf Euch. Wenn es allerdings wirklich einen Zusammenhang zwischen Rezession und Rasierstreik gibt, macht Euch auf was gefasst. Damenrasierer sind traditionell nämlich noch teurer als die für Männer, Frauen haben zudem deutlich weniger Geld für solche Luxusprodukte übrig. Ich überlasse es den geneigten Lesern und Leserinnen, aus dieser Tatsache die richtigen Schlüsse  zu ziehen.

Volltreffer

Geschmackvolle Anzeigenplatzierung in einem sueddeutsche.de-Artikel über eine Selbsthilfegruppe für jung verwitwete Männer. Gut, das ist jetzt schäbig, sich darüber lustig zu machen, schließlich finden sich unter dem gleichen Artikel auch wirklich passende und für die Zielgruppe hilfreiche Anzeigen:

Wie heißt es so schön beim AdSense-Optimierungs-Team: "Die Süddeutsche hat das Potenzial der Anzeigenplatzierung gleich von Anfang erkannt und erfolgreich genutzt."

Kinoun akineton

Simulationsobjekt
Articulatio composita

Der moderne Mensch steht, wie es so vielfach von besorgten Mitmenschen beklagt wird, unter dem Beschuss eines enormen, immer weiter um sich greifenden Konsumterrors. Während sich der Homo Sapiens in der Vergangenheit mit Kinkerlitzchen wie Säbelzahntigern und natürlichen Geburten die Zeit vertrieb, ist er heute ein Gehetzter, ein Getriebener der eigenen Affluenz. Und während er also, letztlich ahnungs- und willenlos, durch das Jammertal des Wohlstands wankt, tappt er in manchen Konsumfalle, vor die ihn nicht einmal die menschliche Eigenart der Vernunft bewahren kann.
Zur Veranschaulichung der Gefahr: Schon im 18. Jahrhundert erfand Monsieur Perrelet handliche Zeitmesser, die sich, durch die kleinen Alltagsbewegungen des Handgelenks getrieben, immer wieder selbst aufladen – Triumph menschlicher Ratio! Wer eine solche Uhr hat – so denkt man, wenn man den Mechanismus des Konsumterrors noch nicht kennt – wer eine solche Uhr besitzt, dessen Bedürfnisse müssen restlos befriedigt sein. Nie wieder den Kopf in Richtung Sternenhimmel drehen, an winzigen Rädern wuzeln, Batterien kaufen oder gar auf den Sonnenaufgang warten. Die Zeitfrage ist ein- für alle mal geklärt, der Kopf des Uhrträgers nun frei für Wichtigeres (z.B. Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit o.ä.).
Doch weit gefehlt. Konsumterroristen sind ja keine RAF, die gleich den Schwanz einzieht, nur weil sie mal ein paar Jahre lang ein bisserl überflüssig wirkt – neinnein. Im Jahre 2009 bietet also die Firma Pro-Idee ein Gerät feil, das "die Bewegung Ihres Handgelenks simuliert" und so "Ihre wertvollen Chronometer automatisch in Gang hält" (automatisch-automatisch, möchte man hinzufügen!). Der "präzise Uhrenbeweger für bis zu 3 Automatikuhren gleichzeitig (Mit Innenbeleuchtung)" ist nicht nur "Kein Vergleich zu einfachen Uhren­bewegern", nein, er kostet auch nur schlappe 269 €!
Feinden der Entfremdung, der Entsagung von den Wurzeln, der Vertreibung aus dem Paradies der Mutter Erde muss dies ein tief eingebohrter Dorn im Auge sein. Lebten wir noch in einer organischen Beziehung zu unserer Umwelt, ohne freien Markt, Fortschrittswahnwitz und anonyme, unpersönliche Internetversender, bliebe uns die Bürde dieses geschmacklosen Produktes erspart. Und wir könnten in unbedarfter Fröhlichkeit (mit der einen oder anderen Keule oder angespitzten Stöcken bewaffnet) schwächere Mitmenschen versklaven und ihnen unsere Uhren an die Arme zu schnallen, statt mit derart holprigen Simulationsgeräten vorlieb nehmen zu müssen. Auf sowas fällt eine anspruchsvolle Automatikuhr doch nicht rein, da hilft aller Klavierlack nix!

(Bild: Gray’s Anatomy/Wikimedia Commons)

Dankbarkeit

"Verbraucher können zu Hause weiter ihre alten Glühlampen benutzen."

Das ist aber nett, liebe EU. Dass ich meine Glühbirnen noch aufbrauchen darf und unser Fünfjahresplan nicht vorsieht, dass sie zwangsweise zu Sambarasseln verarbeitet werden müssen. Und dann spare ich auch noch 50 Euro im Jahr mit den tollen neuen Energiesparlampen. Wahnsinn.

Aber eine Frage hab ich jetzt noch – es ist bitter, aber in fast allen deutschen Supermärkten kann man leider immer noch diese rückständigen Italienischen Nudeln kaufen, die teilweise 12 Minuten brauchen, bis sie gar sind. Dabei gibt es inzwischen längst innovative Pastaprodukte, die lediglich mit kochendem Wasser übergossen werden müssen… was man da an Energie sparen könnte!!! Warum gibt es noch keine dementsprechende Verordnung? Warum lässt die EU uns hier so bitterlich im Stich!?

(Wenn man sich ans Grab von Onkel Hayek setzte und seinem Leichnam die EU-Glühbirnen-Entscheidung vorläse, würde er übrigens nach Berechnungen von Cohu-Experten so schnell und langanhaltend rotieren, dass man mit der entstehenden Energie alle Haushalte der EU für ein Jahr mit Licht versorgen könnte. Schönes, warmes, quecksilberfreies Glühlampenlicht, wohlgemerkt.)

Darum liebe ich den Suckfüll

… weil ich keinen anderen Eisen- und Haushaltswarenhändler kenne, der Zitate von Ruskin in seine Schaufenster hängt.

[Man verzeihe die schlechte Bildqualität. Ein neuer elektronischer Helfer wird bald im Hause Cohu eintreffen, dann wird das Bildmaterial wieder gestochen scharf – bis dahin muss das Fotohandy der IT herhalten…]

Einstiegskurse

Während der Leser sich bei sueddeutsche.de über die horrenden Auswirkungen der Finanzkrise, den, Zitat "Turbo-, Raubtier- und Heuschreckenkapitalismus", das "wahnsinnige Streben nach immer höherer Rendite" informiert, wird er heute gleichzeitig auf großformatigen Werbebannern dazu aufgefordert, Finanzprodukte der ABN Amro zu kaufen. Und zwar ausgerechnet Basket- und ETC-Zertifikate. Einer der "Experten" versichert dynamisch, wenn auch leicht halbseiden im rostroten Anzug: "Um an der Börse erfolgreich zu sein, muss man wissen, aus welcher Richtung der Bulle kommt" (eine hellseherische Fähigkeit, die er sich zweifelsohne selbst zuschreibt), eine andere Fachfrau säuselt: "Mit Zertifikaten haben sie an der Börse nicht tausende von Möglichkeiten, sondern unendlich viele Chancen."

Dass die Süddeutsche sich dafür hergibt, erstaunt nicht. Wohl aber, dass eine Bank in solchen Zeiten Geld für großangelegte Werbekampagnen über hat (das Investmentgeschäft der ABN Amro gehört zur inzwischen gezwungenermaßen teilverstaatlichten Royal Bank of Scotland…). Ob man sich da an Bill Gates’ zeitloser Weisheit orientiert: "If I was down to my last Dollar, I’d spend it on PR"?

Decline of a Nation: Marktversagen

Paul Krugman erhält dieses Jahr den Ökonomie-Nobelpreis. Dieser sympathische Bartträger  (und Blogger) ist neben seiner Forschungstätigkeit natürlich bekannt durch seine NYT-Kolumne, auf die ich auch das eine oder andere Mal verlinkt habe, er hat sich u.a. aber auch einem Thema gewidmet, dass uns hier besonders interessiert: "Supply, Demand, and English Food". Warum ist die britische Küche eigentlich bekannt für ihre Furchtbarkeit, für  "greasy fish and chips,gelatinous pork pies, and dishwater coffee"? So eine Frage ist für den Experten für Geographical Economics natürlich ein gefundenes Fressen. Während, so Krugman, inzwischen Geschichten wie diese…

"I remember visiting one fairly expensive London Italian restaurant in 1983 that advised diners to call in advance if they wanted their pasta freshly cooked."

…der Vergangenheit angehören, prägte doch über Jahrzehnte Ungenießbares die britischen Esstische – obwohl man sich längst nicht mehr auf Scheußlichkeiten wie Dosenerbsen und rotgefärbte Schlachtabfallwürste hätte beschränken müssen, weil die Fabriken (und die Geldbeutel) längst Besseres hergegeben hätten. Ein Versagen des freien Marktes, erklärt Krugman:

"[T]he history of English food suggests that even on so basic a matter as eating, a free-market economy can get trapped for an extended period in a bad equilibrium in which good things are not demanded because they have never been supplied, and are not supplied because not enough people demand them."

Laut Krugman ist dieses "bad equilibrium" inzwischen vorbei – die Briten sind auf den Geschmack gekommen. Glauben wir ihm das jetzt einfach mal. Schließlich ist es vollkommen undenkbar und noch nie dagewesen, dass ein Nobelpreisträger einfach vollkommen daneben liegt

(Foto: Office of Communications, Princeton University)

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Damals und heute

Früher hatte man eine schöne Vanitas oder Mater Dolorosa, heute den verzweifelnden Börsianer. Zahlreiche Beispiele sind zu bewundern im Brokers with Hands on Their Faces Blog.

(Bilder: Michelangeos Pietà, Stilleben von de Champaigne, Screenshot von faz.net)

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Aber die Brille ist echt

Mehrere meiner Leser haben mir, teils in den Kommentaren, teils persönlich, nach meiner Hymne an den hier ansässigen Augenoptiker mitgeteilt, sie hätten jetzt auch endlich eine neue Brille gefunden – natürlich bei Cohu’s “Brillen Schneider”! Einige der neuen Brillen habe ich auch schon mit eigenen Augen gesehen, leider nicht alle (strenger Blick nach Norden). Ich hatte ja damals auch schon von den berühmten Kunden des Herrn Schneider berichtet. Und tatsächlich – neulich gab es dann schon wieder Schlagzeilen von einem eindeutigen Schneider-Kunden, der Weltruhm erlangt hat. Für nähere Informationen zu diesem Vorgang bitte auf das Bild klicken.

(Mehr dazu hier).

The Oil Price of Crowds

Eine Apologie des “Spekulanten” gab’s bei Cohu schon mal hier. James Surowiecki (“The wisdom of Crowds” und Finanzexperte des New Yorker) ist, wie zu erwarten, der gleichen Meinung wie Paul Krugman.
Aber warum absolviert der Ölpreis denn dann Höhenflüge? Neben der fraglos gestiegenen Nachfrage bei nahezu gleichbleibendem Angebot und Problemen wie einem drohenden Irankrieg weist Surowiecki auf einen interessanten Effekt hin:

“But there’s also something else at work, which the oil guru Daniel Yergin calls a “shortage psychology.” The price of oil—more than that of many other commodities—isn’t based solely on current supply and demand. It’s also based on people’s expectations about future supply and demand, because those expectations determine whether it makes sense for oil producers to sell their oil now or leave it in the ground and sell it later. Currently, the market is assuming that oil will become scarcer, and that global demand will keep rising (…) Now, it could be that these assumptions are all wrong (…) In that case, oil would turn out to have been hugely overpriced. But that won’t be because of sinister speculators; it will be because oil producers and oil users collectively misread the future.” (The New Yorker, Financial Page: Oily Speculations)

Da man anonyme Massen aber wesentlich schlechter beschimpfen und zur Verantwortung ziehen kann als den pösen, pösen Spekulanten, wird sich an der politischen Praxis der Spekulantenbeschimpfung auch weiterhin nichts ändern:

“That’s what makes speculators a perfect target: by going after them, Congress can demonstrate to voters that it understands their pain, and at the same time avoid doing anything that might require real sacrifice from Americans.”

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