Kinoun akineton

Simulationsobjekt
Articulatio composita

Der moderne Mensch steht, wie es so vielfach von besorgten Mitmenschen beklagt wird, unter dem Beschuss eines enormen, immer weiter um sich greifenden Konsumterrors. Während sich der Homo Sapiens in der Vergangenheit mit Kinkerlitzchen wie Säbelzahntigern und natürlichen Geburten die Zeit vertrieb, ist er heute ein Gehetzter, ein Getriebener der eigenen Affluenz. Und während er also, letztlich ahnungs- und willenlos, durch das Jammertal des Wohlstands wankt, tappt er in manchen Konsumfalle, vor die ihn nicht einmal die menschliche Eigenart der Vernunft bewahren kann.
Zur Veranschaulichung der Gefahr: Schon im 18. Jahrhundert erfand Monsieur Perrelet handliche Zeitmesser, die sich, durch die kleinen Alltagsbewegungen des Handgelenks getrieben, immer wieder selbst aufladen – Triumph menschlicher Ratio! Wer eine solche Uhr hat – so denkt man, wenn man den Mechanismus des Konsumterrors noch nicht kennt – wer eine solche Uhr besitzt, dessen Bedürfnisse müssen restlos befriedigt sein. Nie wieder den Kopf in Richtung Sternenhimmel drehen, an winzigen Rädern wuzeln, Batterien kaufen oder gar auf den Sonnenaufgang warten. Die Zeitfrage ist ein- für alle mal geklärt, der Kopf des Uhrträgers nun frei für Wichtigeres (z.B. Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit o.ä.).
Doch weit gefehlt. Konsumterroristen sind ja keine RAF, die gleich den Schwanz einzieht, nur weil sie mal ein paar Jahre lang ein bisserl überflüssig wirkt – neinnein. Im Jahre 2009 bietet also die Firma Pro-Idee ein Gerät feil, das "die Bewegung Ihres Handgelenks simuliert" und so "Ihre wertvollen Chronometer automatisch in Gang hält" (automatisch-automatisch, möchte man hinzufügen!). Der "präzise Uhrenbeweger für bis zu 3 Automatikuhren gleichzeitig (Mit Innenbeleuchtung)" ist nicht nur "Kein Vergleich zu einfachen Uhren­bewegern", nein, er kostet auch nur schlappe 269 €!
Feinden der Entfremdung, der Entsagung von den Wurzeln, der Vertreibung aus dem Paradies der Mutter Erde muss dies ein tief eingebohrter Dorn im Auge sein. Lebten wir noch in einer organischen Beziehung zu unserer Umwelt, ohne freien Markt, Fortschrittswahnwitz und anonyme, unpersönliche Internetversender, bliebe uns die Bürde dieses geschmacklosen Produktes erspart. Und wir könnten in unbedarfter Fröhlichkeit (mit der einen oder anderen Keule oder angespitzten Stöcken bewaffnet) schwächere Mitmenschen versklaven und ihnen unsere Uhren an die Arme zu schnallen, statt mit derart holprigen Simulationsgeräten vorlieb nehmen zu müssen. Auf sowas fällt eine anspruchsvolle Automatikuhr doch nicht rein, da hilft aller Klavierlack nix!

(Bild: Gray’s Anatomy/Wikimedia Commons)

4 Responses to “Kinoun akineton”

  1. felix Says:

    Da werden mal wieder mutwillig 1Euro-Jobs vernichtet…Vor allem würde die Uhr wahrscheinlich noch besser durch Bewegungen aufgeladen, wie sie vornehmlich beim Staubwischen und Hemdenbügeln vorkommen.

  2. bibo Says:

    muss ich haben!Hab zwar noch keine uhr dafür, aber egal.

  3. cohu Says:

    Wie wärs dann stattdessen damit? (Wobei man sich ernsthaft fragen muss, warum sowas gleich 230 Dollar kostet…das kann man doch auch billiger aus Fischertechnik bauen)

  4. croco Says:

    Wenn bedarf besteht, stelle ich meinen Trockner zur Verfügung.Der wackelt immer so bei der Arbeit.


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