Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen

Die Anwälte von Eldrick Tont Woods haben in Großbritannien eine einstweilige Verfügung erwirkt, die die Veröffentlichung von Nacktfotos ihres Klienten unter Strafandrohung unterbinden soll. Im an die Öffentlichkeit geratenen Dokument findet sich dieses Juwel juristischer Argumentation:

“For an avoidance of doubt this Order is not to be taken as an admission that any such photographs exist, and in the event that these photographs do exist, and it is not admitted, any such images may have been fabricated, altered, manipulated and or changed to create the false appearance and impression that they are nude photographs of our client. Our client is not aware of any images and in any event he would not have consented to any such photographs being taken nor would he have consented to the dissemination and exploitation of the same.” (Tiger Woods injunction – pdf)

Also: es gibt keine Nackfotos; wenn es welche gäbe, wären sie gefälscht oder manipuliert. Gäbe es – was unser Klient bestreitet – echte Fotos, hätte unser Klient ihrer Erstellung nicht zugestimmt. Selbst wenn er ihrer Erstellung zugestimmt hätte, hätte er der Verbreitung der Nacktfotos nicht zugestimmt. Eine Veröffentlichung der gefälschten oder echten (aber sowieso nicht-existenten) Nacktfotos durch wen auch immer ist daher gerichtlich untersagt.

(Ein interessanter Artikel über das berüchtigt drakonische englische libel law und seine bevorstehende Reform findet sich in der NYT.)

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Auf nüchternen Magen

Sicher kein Porridge.

Treffend bezeichnet die Journalistin Louise France den sogenannten Porridge (englisch für Haferschleim) als:

“vile, stomach-churning runny snot of elderly slugs”

…also den abstoßenden Rotz von Rentnernacktschnecken, bleibt aber trotzdem bei ihrer Story: Die eklige Grütze, traditionell von armen Schotten mit den Zutaten Wasser, Haferflocken und Salz zubereitet, wird gerade von den britischen und Welt-Eliten als gesundheitsfördern und schmackhaft (!) wiederentdeckt. Madonna, Nelson Mandela, Nigella Lawson, Nicole Kidman, Bill Gates, und zu allem Überfluss auch noch der Ober-Tory David Cameron, sollen angeblich schon Porridge-Fans sein. (Why porridge is the new power breakfast, The Observer).

Da fragt man sich doch ernsthaft: habt ihr keine Alternativen zu diesem ekligen Zeug? Anscheinend nicht. Denn selbst Cohus Lieblingsbrite ist frühstücksmäßig offensichtlich vollständig unterbelichtet:

“Johnson only eats a small piece of brown toast for breakfast or leftovers from the night before, according to his press officer. Today it was cold roast potatoes from yesterday’s Sunday lunch.” (guardian.co.uk)

Uähgh! Cohu hatte schon lange so eine düstere etymologische Ahnung, und jetzt ist sie bestätigt: das Englische breakfast kommt tatsächlich von “schnell brechen”.

(Bild: Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg, 1520, via Wikimedia Commons)

Decline of a Nation: Oh Deer

Großbritannien ist bekannt für seine ausgefallenen Hobbies. Neben diversen anoraks wie dem Zug-, Flugzeug-, Bus-, Schiff-, Sturm- und dem Vogelspotter (vulgo Twitcher) gibt es auch deer-spotter. Die sind fasziniert vom Naturschauspiel geschlechtsreifer Cervi elaphi zur Paarungszeit:

"Testosterone-charged stags with thickened manes make a fearsome sight as, muscles rippling, flanks caked in mud, breath billowing white against the dark heather, they roar their welcome to the dawn…"

Sauberer Geweihporno also. Aber dieses Jahr habens die Hirschnerds übertrieben:

"We had one stag who walked all the way here from Bournemouth and as soon as he got here he was surrounded by 29 people with cameras. There are so many people coming now that they disturb the animals." (…) One stag arrived last week. "The next day we had 50 or 60 people here. They came from Bristol, Devon and Cornwall after they read about him on a website." (Guardian)

Mal wieder ist es Zeit für den Briten, sich am Deutschen ein Beispiel zu nehmen. Auch wir schätzen ja traditionell die Hirschbrunft, aber wir machen’s richtig und hängen uns einfach so einen zünftigen Gesellen über das Sofa, statt mit der Spiegelreflex zum stagstalking zu hetzen. Wem das zu unreflektiert ist, der kann interpretatorisch etwas mit Bazon Brock nachhelfen.

(Ein Rätsel der Hirschbrunft bleibt allerdings ungelöst. Jeden Herbst wundert sich Cohu wieder über das obige Schild im Tierpark Hellabrunn: Warum wird das Damwild-Streichelgehege denn bitte aus Tierschutzgründen geschlossen? Wären das nicht eher "Menschenschutzgründe"?)

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Up Yours

Sie war zwar nicht der Grund, weshalb Cohu sich trotz eines mehrwöchigen Tierarztpraktikums lieber für den Erwerb einer vollständig nutzlosen universitären Qualifikation entschied, aber trotzdem: die rektale Palpation gehört definitiv zu den weniger angenehmen Seiten der angewandten Veterinärmedizin. Der Betrachter ist sich hier regelmäßig unsicher, wer von beiden weniger zu beneiden ist: Patient oder Polyethylen-Handschuhträger? Besonders gilt das natürlich für die Übungsphase.

Wie das Leaflet dieses – leicht irreführend betitelten – "Besamungskurses für Rinder" informiert, trainierte man früher, bevor es zur "praktischen Übung am weiblichen Tier" ging, die "Palpation und Insemination am Schlachtorgan", also am Kadaver. Bitte, liebe Leser – damit diese Kuh nicht umsonst gestorben ist, stellen Sie sich das bildlich vor: wie die oberösterreichischen Herren Präsidenten, Doctores und Magistri Viehböck, Schlesinger und Miesenberger sich darum balgen, wer als nächstes das Kuhorgan befummeln darf… 

Zu Übungszwecken waren tote Einzelteile verständlicherweise aber nicht ideal. Hier soll nun, wie Wired berichtet, die sogenannte "Haptic Cow" Abhilfe schaffen,

"…a virtual, touch-feedback device that mimics the feeling of real bovine anatomy, placed inside a fiberglass model of a cow’s rear end."

Vor allem unter Tierschutzaspekten ist das eine gute Entwicklung, denn:

"If a fledgling vet gets too rough and exceeds the number of Newtons considered safe by experienced vets, virtual Bessie will belt out a cautionary “Moo-oo!”"

An mehreren Veterinärausbildungsstätten im Vereinigten Königreich wird der von Sarah Baillie entwickelte  bovine rektale Palpations-Simulator bereits erfolgreich verwendet. Das Modell soll nun auch zur Übung der Erkennung von Koliken am Pferd (der "Equine Colic Simulator" sieht so aus) und der Untersuchung besonders sensibler pelziger PatientInnen eingesetzt werden: Tiermedizin kann doch richtig putzig sein…

(Bild: Bundesarchiv)

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Decline of a Nation: Bigger Than The Beatles

Dass die glorreichen Zeiten des Vereinigten Königreichs schon ein bisserl länger zurückliegen, beweist diese Woche Vera Lynn. Die 92-Jährige führt mit dem Lied "We’ll meet again" die britischen Albumcharts an. (Ok, eigentlich ist es nicht so erstaunlich, dass die Dame 92 ist, sondern eher, dass es noch Albumcharts gibt, aber gut…). Jetzt kam mir der Titel schon irgendwie vertraut vor, und, klar, das kennt man doch: 

…aber woher? Schließlich hat Cohu trotz ihres beachtlichen Alters die Zeit des 2. Weltkriegs nicht miterlebt… – Ach so, daher

Wer jetzt denkt,  also wirklich, so eine unerträglich lahme Schnulze, dem sei noch mitgeteilt – bei weitem nicht jeder britische Interpret ist diesem scheinbar melodisch und rythmisch so einfach gestricktem Lied gewachsen: 

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Decline of a Nation: That’s gotta hurt

Die Britische Regierung versucht sich – neben der Rettung der Welt – auch an übersichtlicheren Aufgaben, etwa daran, Kindern Verkehrssicherheit beizubringen. Dafür wurde jetzt die Kampagne "Tales of the Road" gestartet. Erfrischend sind zwar düstere Optik und spöttischer Erzählton (so in etwa Edward Gorey meets Tim Burton), aber der pädagogische Wert der Kampagne darf ernsthaft bezweifelt werden. Wenn man sich die auf der Seite angebotenen Spiele nämlich genauer ansieht, bemerkt man mit Erstaunen: brutalste Kollisionen Auto vs. Engländerchen, bei denen das Verkehrsopfer dutzende Meter durch die Luft fliegt und mehrfach auf dem Asphalt aufschlägt, werden hier nicht nur schonungslos gezeigt – nein, sie gehen auch noch regelmäßig mit einem quietschfidelen und lediglich traurig dreinschauenenden Buben aus, der nach dem spektakulären Zusammenstoß seinen Arm in einer Verbandsschlinge trägt und meint "Aua – 8 Wochen kein Sport!" (s. Abb.). Wenn man aus diesem Spiel etwas lernen kann, dann höchstens, dass Vor-Autos-Hüpfen eine exzellenten Zeitvertreib für langweilige Feriennachmittage abgeben müsste. Ich befürchte außerdem, dass "Acht Wochen kein Sport" für einen Großteil britischer Kinder eher wie ein Versprechen klingen dürfte denn wie eine Drohung…

Andererseits: immer noch besser als die Helmi-Seite (Achtung, automatische Tonspur und visuell schmerzhaft).

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There’s probably no god

Das Vereinigte Königreich ist von jeher eine Hochburg der Religionskritik: schließlich hat man hier den Empirismus erfunden, und spätestens mit Darwin wars dann endgültig vorbei mit der geruhsamen Glauberei. Auch bei diesem Thema zeigt sich übrigens der Charme der aurea mediocritas,(*) der Goldenen Mitte also: viele Fundamentalatheisten kommen in ihrem Auftreten in nach Cohus Geschmack ja fast schon ebenso unsympathisch daher wie (sehenswerte) Vertreter der anderen Seite. Herrn Dawkins (natürlich auch ein Brite!) führt das Camp Extrem-Blasphem an, darunter auch die berüchtigten "Brights", die sich in zehennagelaufrollender Idiotie selbst für die Allerhellsten halten, als hätten sie den Materialismus im Alleingang erfunden.

In Großbritannien jedenfalls ist der Atheismus praktisch schon ein Volksglaube. Nicht nur, dass seit einiger Zeit Londoner Busse für die Tatsache werben, es gäbe "wahrscheinlich" (sic!) keinen Gott.

Der Volksatheismus hat auch schönere Seiten: so wandelten etwa in Northumberland zwei Briten eine aufgegebene Kirche in ein Wohnhaus um, und das ist ganz schön gut gelungen, wie man in der Fotostrecke "We turned a church into a home" nachprüfen kann (besonders pikant ist für christlich Sozialisierte: die Platzierung des Ehe, äh, Partnerschaftsbetts).

Zu den erfreulichsten Folgen des Abwurfs christlich-abendländischer Ketten der Weltanschauung gehört allerdings die Wiederentdeckung vorchristlicher Glaubensrichtungen, insbesondere des Paganismus (vulgo Heidentum). Angeblich gibt es mittlerweile schon wieder 250.000 praktizierende Heiden in Großbritannien. Die diesseitigen Vorteile dieser Konfession sind aber auch für spirituelle Analphabeten wie Cohu nachvollziehbar: heidnische britische Polizisten bekommen mittlerweile bis zu 8 freie Tage, um ihrem Glauben nachzugehen, dazu gehören die Sommersonnenwende oder (für Cohu geburtstagstechnisch besonders interessant) das Halloweenfest. Am interessanten am einschlägigen BBC News-Artikel ist aber mal wieder ein Nebensatz: es gibt eine Pagan Police Association, eine Organisation der heidnischen britischen Polizisten also. Großbritannien schlägt uns also nicht nur beim Atheismus, sondern auch bei der Vereinsmeierei um Längen.

(*) Dieselbe aurea mediocritas war übrigens auch Thema der Rede, die Cohus Schuldirektor bei ihrer Abiturfeier hielt. Ich habe jetzt fast elf Jahre lang drüber nachgedacht, aber bis jetzt ist mir kein Motto eingefallen, das für eine commencement speech vor einer Hundertschaft Neunzehnjähriger schlechter geeignet wäre. Chapeau, Herr Dr.Fr.Br.!

(Bild: Julius Schnorr von Carolsfeld, via Wikimedia Commons)

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Decline of a Nation: Veer are yur papeers?

Der Obertory David Cameron ist Cohu ja schon früher negativ aufgefallen durch sein "Vlog", das mit unglaubwürdigen Anbiederungsversuchen in Videoform in vollem Umfang das Adjektiv cringe-inducing verdient hat (Cohu berichtete, die damaligen Videos sind allerdings nicht mehr online, stattdessen erschreckt bei Webcameron jetzt ein monty-phythonesker "Mr.Pickles" den Besucher).

Jetzt gibt es Wirbel über eine Äußerung Camerons bei einer Veranstaltung zum Thema "ID-Card". Man muss wissen, dass es in Großbritannien traditionell keine persönlich identifizierenden Ausweisdokumente wie unseren Personalausweis gibt – bis vor ein paar Jahren hat das die wenigsten gestört, aber in Zeiten von schröcklichem Terrorismus ist das natürlich eine Sache, die der sicherheitsbewusste Brite nicht länger hinnehmen kann. Cameron versuchte nun, seine nachvollziehbare Abneigung gegen solche Plänezu mit einem flotten Witzchen zu erläutern. Personalausweise würden, so Cameron, nur dann Sinn machen, wenn es gleichzeitig eine Ausweispflicht gäbe. Wie unappetitlich das wäre, illustrierte er mit einem so schlechten deutschen Akzent, dass dieser (siehe Video) für den Uneingeweihten als solcher gar nicht zu erkennen ist: ""You take the dog for a walk at night and the policeman comes up and says ‘Veer are yur papeers?’" 

Abgesehen vom misslungenen Akzentimitat reicht dieser Pseudo-Witz ja nicht mal zum unterhaltsamen Nazivergleich: schließlich, ich darf den Leser daran erinnern, gibt es in Deutschland auch heutzutage zwar keine Ausweispflicht Ausweismitführungspflicht de jure, aber doch eine de facto, was jeder, der schon einmal mit längeren Haaren, dunklerer Haut (oder Männerrock) am Bahnhof rumstand, sicher bestätigen wird.

Schwach schwach also, das Ganze. In einer internationalen Arena von Witzbomben eines Kalibers von Berlusconi hätte dieser Cameron definitiv keine Chance. Wenn ich dagegen (was ich eigentlich hormonbedingt immer tue) an Boris Johnson denke…warum wird der, ebenfalls überzeugter Gegner der ID-Cards, eigentlich nicht Tory-Premierminister?

"I have to say that flattering though this suggestion is, I think it is highly unlikely that I would be called upon to serve in that office." Referring to a politician in ancient Rome who was working on his farm when summoned to take power, he added: "Were I to be called, like Cincinnatus, from my plough, obviously it would be a huge privilege to serve. But you may have a long time to wait. I am on record as saying I am more likely to be reincarnated as a hobbit or locked in a disused fridge."  (telegraph.co.uk)

Dass die Briten in Wirklichkeit keinen so tollen Sinn für Humor haben, wie sie immer meinen, ist hiermit also abschließend bewiesen (erste Indizien dafür hatte Cohu ja schon hier gesammelt). Hätten sie wirklich einen Humor, die Briten, dann hätten Leute wie Schleimi Cameron und Trübtüte Brown überhaupt nichts zu sagen. Dann wäre BoJo nämlich schon längst nicht nur Londoner Bürgermeister, sondern dazu noch Premierminister, Oppositionsführer, König und natürlich Trainer der Fußball-Nationalmannschaft. Und einen deutschen Akzent würde er abstammungsbedingt auch ordentlich hinkriegen.

Decline of a Nation: O How The Mighty Have Fallen

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Decline of a Nation: Mein Feind, der Baum

In Großbritannien gibts, im Gegensatz zu Cohus Nachbarschaft, keine Biber, und das schon seit deren Ausrottung im 16. Jahrhundert. Dem will man nun abhelfen mit dem Aussetzen einer kleinen Gruppe dieser Tiere in Schottland und später auch in anderen Landesteilen. An sich ja nett, das rewilding, aber müssen es denn unbedingt baumfressende Nassratten sein? Großbritannien leidet schließlich bereits seit Jahrhunderten an einer scheußlichen Baumknappheit. Für die Beherrschung der Welt brauchte man Schiffe und für Schiffe Bäume ("each of Nelson’s Royal navy war ships at Trafalgar (…) required 6,000 mature oaks", belehrt uns Wikipedia). Heute ist ein hübscher Wald daher die große Ausnahme im Landschaftsbild, erst recht im kahlen Schottland. Mal sehen, wie die Briten es verkraften, wenn das große Nagen losgeht. Zur Not gibt es ja noch die amerikanische Lösung zum Umgang mit Castor fiber:

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