Only in America

Ann Coulter, ein konservatives bzw. teilweise in Richtung Wahnsinn tendierendes Kommentatorinnen-Phänomen, ist der Meinung, dass Obamas Verbindungen zu fragwürdigen Gestalten von der Presse nicht ausreichend durchleuchtet werden. Sie illustrierte dies anschaulich:

“I feel like we are talking to the Germans after Hitler comes to power, saying, ‘Oh, well, I didn’t know,’ " (YT) (*)

Aber Obama ist nicht der einzige, der bei Coulter sein Fett wegkriegt. Auch der schöne Spruch

"I’m not comparing McCain to Hitler. Hitler had a coherent tax policy." (Huffington Post)

wird ihr zugeschrieben. In der Tat hat Coulter inzwischen einen derart umfänglichen track record an Nazivergleichen, dass es fast unmöglich ist, überhaupt noch den Überblick zu behalten (ein Klassiker übrigens auch das Coulter-Hitler-Quiz, bei dem es zu erraten gilt, welches saftige Zitat von wem stammt). Für uns Europäer und besonders uns Deutsche eine herbe Schlappe: Nazivergleiche, das muss man neidlos anerkennen, sind eines der zahlreichen Felder, in dem die U.S.A. durch Top-Performer wie Coulter einfach unangefochtene Weltspitze sind.

[(*) Danke an meinen NY-Korrespondenten für den Hinweis!]

(Foto: Kyle Cassidy, Wikimedia Commons)

Einstiegskurse

Während der Leser sich bei sueddeutsche.de über die horrenden Auswirkungen der Finanzkrise, den, Zitat "Turbo-, Raubtier- und Heuschreckenkapitalismus", das "wahnsinnige Streben nach immer höherer Rendite" informiert, wird er heute gleichzeitig auf großformatigen Werbebannern dazu aufgefordert, Finanzprodukte der ABN Amro zu kaufen. Und zwar ausgerechnet Basket- und ETC-Zertifikate. Einer der "Experten" versichert dynamisch, wenn auch leicht halbseiden im rostroten Anzug: "Um an der Börse erfolgreich zu sein, muss man wissen, aus welcher Richtung der Bulle kommt" (eine hellseherische Fähigkeit, die er sich zweifelsohne selbst zuschreibt), eine andere Fachfrau säuselt: "Mit Zertifikaten haben sie an der Börse nicht tausende von Möglichkeiten, sondern unendlich viele Chancen."

Dass die Süddeutsche sich dafür hergibt, erstaunt nicht. Wohl aber, dass eine Bank in solchen Zeiten Geld für großangelegte Werbekampagnen über hat (das Investmentgeschäft der ABN Amro gehört zur inzwischen gezwungenermaßen teilverstaatlichten Royal Bank of Scotland…). Ob man sich da an Bill Gates’ zeitloser Weisheit orientiert: "If I was down to my last Dollar, I’d spend it on PR"?

Decline of a Nation: Spot On

Ach komm, das da? Matt, schwach, harmlos. Was den schlagkräftigen Gebrauch von Nazivergleichen im richtigen Moment und angemessenen Zusammenhang und mit unzweideutigem Biss angeht, sollte man sich lieber mal ein Scheibchen von den Briten abschneiden. Z.B. Frau Sheila New. Sie ließ ihr Haus graublau streichen. Leider steht es unter Denkmalschutz, deshalb wurde ihr von Amts wegen unter Androhung einer Geldstrafe mitgeteilt, sie müsse es wieder in den alten (gelben) Zustand versetzen. Der Daily Express zitiert sie mit diesen Worten:

"This is like the Nazis. They had rules and forced people to do things they didn’t want to."

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Oxford Dispatch: Quasi-Koloniale Kürbisküche

Der afghanische Emir Sher Ali mit seinen "Freunden" Russland und Großbritannien (1878)  – (Wikimedia Commons)

Eine weitere köstliche Art, Kürbis zuzubereiten, ist Kaddo Bowrani. Diese afghanische Spezialität ist insofern auch für einen Oxford Dispatch geeignet, als Afghanistan einst unter britischem Einfluss stand (s. Abb.), und man auch heute wieder, leider auf unschöne Weise, mit diesem Land in Kontakt tritt. Afghanistan hat aber beileibe auch anderes zu bieten als Taliban und Tote-Ziegen-Polo.

Der Kürbis (ich habe einen Butternut verwendet, Hokkaido wäre aber vermutlich sogar noch besser) wird geschält und in große Würfel geschnitten und in einer Pfanne in Öl sehr heiß von allen Seiten angebraten und gebräunt (ca. 5 Minuten). Dann gibt man ihn mit einer sehr großzügigen Menge Zimtzucker in eine Flache Metallform in den Ofen, wo er für ca. 30 Minuten gebacken wird (im Originalrezept steht, man soll ihn dazu zudecken, fand ich aber doof und habe ihn offen backen lassen…eine Temperatur wird nicht angegeben, ich habe es bei 170° gemacht). Währenddessen macht man eine einfache Hackfleischsoße,  die ich – wiederum entgegen Rezeptangaben – nicht nur mit Pfeffer und Salz, sondern auch mit Thymian gewürzt habe, und eine Joghurtsauce (möglichst ein dicker griechischer oder türkischer Joghurt, Knoblauch, Pfeffer und wenig Salz). Man gibt auf den Teller Joghurtsauce, dann ein paar Kürbisstücke und schließlich die Fleischsauce. Als Beilage eignen sich Reis, Bulgur oder Brot. Das Rezept klingt zugegebenermaßen etwas frugal, ist aber – durch die unterschiedlichen Konsistenzen und harmonisierende Säure und Süße der verwendeten Zutaten – ein geschmacklich erfrischendes und gleichzeitig von innen wärmendes Herbstgericht, das jeder Kürbisfreund einmal ausprobieren sollte.

Für die Nichtköche bzw. Kürbishasser unter meinen Lesern hier zumindest noch ein Video vom afghanischen Elvis Ahmad Zahir mit einer extravaganten Version von "Now or Never". 

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Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Vielleicht kennen einige meiner geschätzten Leser bereits den "National Novel Writing Month", kurz NaNoWriMo (Cohu berichtete). Ziel ist es, einen 50.000-Worte-Roman zu schreiben, und zwar innerhalb eines Monats. Traditionell ist das der November. 2008 jährt sich der NaNoWriMo zum zehnten Mal. Während 1999 nur 21 Autoren mitmachten und lediglich spärliche sechs davon es tatsächlich schafften, die Mindestwortzahl zu erreichen, waren es letztes Jahr schon 101.510 angemeldete Teilnehmer – und stolze 15.333 Gewinner. Gewinner ist jeder, der einen Roman mit Mindestwortzahl einreicht.

Also ich für meinen Teil werde es versuchen. Geschätzte sieben Seiten am Tag ist schon verdammt viel, und der Leser glaube nun bitte nicht, dass ich auch nur den Funken einer Ahnung hätte, wovon das Buch handeln soll, aber: siehe Überschrift. Wer macht mit?

Der New Yorker an sich…

…liebt Haustiere! Nein, die meine ich nicht! Viel appetitlicher:

 

Von streng halal bis ganz und gar haram

Shepherd’s Pie ist ein köstliches Herbstgericht, leider nicht besonders fotogen, und in Deutschland nur mit einigem Aufwand herzustellen, da Lammhackfleisch schwer zu besorgen ist – teilweise wird es gar nicht angeboten (z.B. in der Karstadt-Feinkostabteilung am Hauptbahnhof), in Metzgereien nur nach Vorbestellung. Angeblich ist es problematisch, das Lammfleisch durch den "normalen" Fleischwolf laufen zu lassen, weil sich der nächste Kunde am Geschmack stören könnte, deshalb wird das nur extra nach Ladenschluss gemacht. Seltsam, schmeckt man das bisschen Schaf wirklich so raus? Hier gibt es Lammhack in jedem Supermarkt (übrigens mit Halal-Zertifikat, was auf die Hauptabnehmer hinweist) – sehr lobenswert und schmackhaft. Der Shepherd’s Pie kann auch mit Rindfleisch gemacht werden, dann heißt er allerdings "Cottage Pie" und schmeckt ganz anders.

Nun aber zum unreinen Teil dieses Postings. Es gibt, liebe Leser, exakt einen guten Grund,(*) warum Italienerinnen über 40 eher Dottore Pedersoli nacheifern als Signora Hunziker. Er, bzw. sie fängt mit "P" an und hört mit "orchetta" auf. In den Marken haben wir sie beim Metzger vor Ort gekauft, dazu reichte sogar Cohus Italienisch. Seitdem taucht sie in meinem Träumen auf. Diese Spezialität ist – je nach Interpretation – eine im buchstäblichen Sinne fleischgewordene Widerlegung der Sure 5:3 oder jedenfalls eine Verlockung von geradezu satanischen Ausmaßen. Ein Spanferkel wird entbeint und mit Kräutern (z.B. Fenchel oder Rosmarin) und Salz aufgerollt und schließlich über einem Holzfeuer geröstet. Unser bayerischer Schweinsbraten, den der Doktor  in jugendlicher Verirrung sogar als heiligen Gral bezeichnet, kann dagegen sowas von einstecken. Es mag heutzutage gang und gäbe sein, kaltes Fett als Inbegriff der Ekligkeit zu sehen: wer solchen Unfug vertritt, hat sich allerdings noch nie die Lippen nach einer himmlischen Scheibe schmalzig-fettiger Porchetta geleckt. Brot dazu ist unnötig und würde nur ablenken.

(*) Gut, in Wirklichkeit gibt es noch zahlreiche andere exzellente Gründe dafür. Probieren kann man die z.B. in der Osteria de le Cornacchie, exemplarisch herauszuheben ist der Ciambellone, ein erstaunlich saftiger Kuchen, den ich bei Gelegenheit nachkochen muss, wenn mein Italienisch gut genug ist, um entsprechende Rezepte zu entziffern. Dem Geschmack nach muss Hefe drin sein und das hier ist demnach ein Schmarrn. Oder die geschmorte Kalbshaxe, die erstaunlicherweise genauso schmeckt, wie man sich als Kind die knusprig gebratenen Wildschweine vom Obelix immer vorgestellt hat…oder die gebackenen Bohnen…das Rührei mit Pilzen…

(Bilder: Ausschnitt aus Ernst Meissner, Schäfer, Alessio Damato, Wikimedia Commons)

Oxford Dispatch: Augen zu und durch

Angesichts der momentanen Hysterie kann eine Institution wie die University of Oxford nur mit den Schultern zucken: hier hat man schon ganz anderes mitgemacht. Dabei war der zweite Weltkrieg an der "home front" noch das kleinste Übel (mein College etwa war gezwungen, große Teile seines Gartens für den Kartoffelanbau zu opfern, eine Schande, die noch heute tief im kollektiven Bewußtsein von Lady Margaret Hall verankert ist). Im neunzehnten Jahrhundert rafften Cholera-Epidemien zahlreiche Oxforder dahin, wobei jedoch die Colleges davon eher nicht betroffen gewesen sein dürften: sie lagen nicht in Sümpfen und hatten anständige Abwasserrohre. Gottseidank hatte die Cholera zudem das richtige Timing, wie ein Herr Cox in seinen "Recollections of Oxford" 1868 bemerkt:

"It is very remarkable (we may well call it providential) that the cholera on its two appearances in Oxford broke out at the commencement of the Long-vacation, and happily went down as the young men were beginning to come up for the Michaelmas Term."

 

Es gab Schlimmeres: etwa die Pest, die dutzende Male über Oxford hereinbrach, die Colleges nicht verschonte, und es 1575 sogar erforderte, den Beginn des Michaelmas-Terms nach hinten zu verlegen, wie ich einem NYT-Artikel von 1883 entnehme, der mit den schönen Worten schließt:

"Such were the sanitary difficulties under which academical studies were carried on in what posterity has been taught to regard as the golden age of Elizabeth"

Die größte Katastrophe lag allerdings wohl im Englischen Bürgerkrieg: König Charles der 1. suchte sich ausgerechnet Oxford, bzw. Christ Church, als Stützpunkt für seinen aussichtslosen Kampf aus. Einige der dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten kommen dem modernen Bewohner von Oxanforda ziemlich bekannt vor:

"So many soldiers in the streets led to so much brawling that the sale of alcohol was forbidden after nine in the evening. Oxford scarcely functioned as a university at all." (Oxford and the English Civil War)

Am schlimmsten traf das intellektuelle Oxford wohl die Plünderung ihrer großartigen Bibliotheken durch Soldaten Edwards des 6.: das ist aber jetzt auch schon ein paar Jahrhunderte her und inzwischen ganz gut verkraftet.
In dieser Tradition stehend können die Studenten der Universität Oxford den momentanen Aufruhr nicht nachvollziehen. Das sieht man z.B. deutlich, wenn man Homepage der Studentenzeitung Cherwell aufschlägt: seit Tagen wird sie von der Meldung dominiert, dass Studenten nach dem Besuch einer Schaumparty einen Hautausschlag bekommen haben ("Hives outbreak after Coven foam party"). Ganz klein daneben findet man den Vermerk, dass die Universität in einer lästigen Angelegenheit (irgendwas mit Island?) 30 Millionen Pfund verloren hat. Keine Panik: es handelt sich dabei nämlich lediglich um läppische fünf Prozent des Uni-Vermögens. Des Barvermögens, wohlgemerkt.

Was soll man sich also groß aufregen? Am wichtigsten ist immer noch das hier.

 [Illustration: George Cruikshank, 1831, Beratung des "Zentralen Gesundheitskommittees" über die Cholera –  "Long life to our Central Board – "In medio tutissimus bibis", as we say in the classics!" – "I drink Reform in our Hospitals, may they close their doors against the public and the poor die in Hackney coaches!" – "I pledge myself to keep some cases aflout!" – "May we preserve our Health by bleeding the Country!".Gefunden bei Zeno.org]

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Introducing: Oxford Dispatch

Endlich, liebe Leser, wird das Geheimnis um Cohus Sonderaktion zum fünfjährigen Blogiläum gelüftet: unter dem Motto "Zurück zu den Wurzeln" hält sich Cohu als Blog-Korrespondentin in den nächsten sechs Wochen in der Universitätsstadt an der Isis auf, um vor Ort zu überprüfen, wie weit der hier ja schon oft besungene "Decline of a Nation" seit meinem letzten Besuch gediehen ist. Schließlich ist Großbritannien (bzw. sein Untergang) mit 139 Einträgen die dominierende Kategorie in diesem elektronischen Tagebuch und somit als Jubiläumsstation geradezu prädestiniert. Aufgrund des akademischen Klimas ist die Ochsenfurt auch als Erholungsort für Wöchnerinnen bestens geeignet und, vergessen wir dies nicht, eine Reise in die city of the dreaming spires war es, die im lang vergangenen Jahre 2003 überhaupt den Anstoß gab, sich blogschriftlich mit der Welt zu beschäftigen. Erwarten Sie deshalb, liebe Leser, in den nächsten Wochen spannende Exklusivberichterstattung direkt von der Insel – von Ihrer Korrespondentin aus der Caroline Street 4 (s. Abb.)

Zur Einstimmung gibt es nun für alle, die ihn noch nicht kennen, die Quintessenz des Briten an sich: Earl Okin, "musical genius and sex symbol". Dieser sympathische Sigmatiker ist nicht nur einer der überzeugendsten Vertreter des Bossa Nova, sondern auch der einzige Mann außer Tom Wolfe, der ungestraft Gamaschen tragen kann:

Mondregenbogen

Eine sehr schöne lunare Korona konnte man gestern beobachten.

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