Cohu klagt an

Das geht doch wohl nicht, dass seit Neuestem in der Maxvorstadt alle ihre Cafés und Galerien etc. nur noch so saublöd unkreativ benennen. Also "Barer 61", "Raum 54", "Görres 10"… hallo? Das war schon bei der Gruppe 47 doof, aber wenigstens noch innovativ. Es reicht! Und der Gipfel ist ja jetzt in der Türkenstraße das am Samstag öffenende Café "Laden." Nicht mal "Der Laden", sondern einfach nur "Laden." Wir sind hier nicht in Berlin, denkt Euch gefälligst was barockes aus, wo man sich auch was drunter vorstellen kann. Hier mein persönlicher Vorschlag für den Relaunch des Atzinger (aber nur, weil ich gut gelaunt bin!): wie wärs mit "Zum bapperten Bierfuizl"?

Ich war noch niemals in New York…

Copyright: Luigi Makkaroni & Gunther Klatt

… und wozu auch? Schließlich kann man hier einen Sonntag damit beginnen, bei Francesco Dreyfus einen unvergleichlich frischen Bagel zu essen, während man den Live-Klängen des zigarrenliebenden Kunstsaxophonisten Harry Saltzman(s. Abb.) lauscht.
Added Bonus: man kann dabei im Gegensatz zu New York vorbeifahrenden Trambahnen nachschaun.

Und Central Park kannst vergessen, fahrn wir lieber, natürlich mit der Tram, in den Botanischen Garten. Naja gut, ein paar Nachteile: man durfte dort nicht Langlaufen.

Es gab keine Hülsenfrüchte, das war ein leeres Versprechen.

Und die angeblich übersehene Traubenhyazinthe haben wir auch nicht übersehen, sondern sogar fotografiert.

Man sieht nur mit der Brille gut

Als ich gerade bei meinem Lieblingsoptiker, der dem geneigten Leser inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte, in der Refraktionseinheit mit Phoropter, Probierbrille und schwindelerregenden Dioptriewerten kämpfte, wer schäkerte da am Nebentisch galant mit der Optikerin? Richtig – unser stadtbekannter Nobelpreisträger, Prof. Hänsch, lustigerweise ausgerechnet eine Koryphäe der Quantenoptik. Hänsch erhielt den Nobelpreis für die Erfindung des Frequenzkammes, scheint aber, wenn meine – zugegebenermaßen schwachen – Augen nicht trügen, keinen, äh, makroskopischen Kamm zu besitzen… Archetypus Nutty Professor (s. Abb.). Cohu berichtete bereits über eine andere oberflächliche Unzulänglichkeit dieses sympathischen Geistesmenschen (Stichwort Diastema)  – nun ist es aber wirklich keine Überraschung, dass der Mann hinsichtlich der Sehkraft genau wie Cohu das Ideal des Maulwurfs anstrebt. Zwischen Intelligenz und Kurzsichtigkeit besteht schließlich eine gut belegte Korrelation:

"Verschiedene Studien zeigten einen Zusammenhang[*] zwischen IQ und Kurzsichtigkeit. Im Schnitt schaffen Kurzsichtige etwa 7 bis 9 Punkte mehr beim IQ-Test als Leute ohne Brille. Hochbegabte sind ganz besonders oft kurzsichtig. Eine Studie an 157 748 israelischen Rekruten kam zu dem Ergebnis, dass von den Menschen mit dem niedrigsten IQ 8% kurzsichtig waren, in der Gruppe mit dem höchsten IQ dagegen 27,3 Prozent."  (Wikipedia)

Und, ich sage es jetzt mit aller Bescheidenheit: Genies kaufen bei Brillen Schneider!

([*] Wenn Wikipedia von einem "Zusammenhang" spricht, ist das natürlich sehr irreführend, weil es eine Kausalbeziehung impliziert. Die ist aber nicht belegt, sondern lediglich eine Korrelation. Ich musste das jetzt klarstellen, auf die Gefahr hin, dass es ganz furchtbar klugscheißerisch wirkt. Obwohl man argumentieren könnte, dass das jetzt auch schon egal ist.)

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn

"Brillengeschäfte sind der Hort des Amokläufers", klagt Felix. Alle Brillengeschäfte? Nein.
Denn gerade hat sich etwas wahrhaft wunderbares ereignet. Cohu – myopischer Maulwurf vor dem Herrn – betrat den Brillen Schneider in der Amalienstraße. Etwa zwei Minuten, nachdem die Tür hinter Cohu zugefallen war, reichte ihr der sympathische Inhaber eine schöne Brille. Zwanzig Minuten später, nach dem Ausprobieren vieler geeigneter und weniger ungeeigneter Modelle stand fest: die von diesem  wahren Glasschmuck-Virtuosen als allererstes vorgeschlagene Brille war das Idealmodell!
In ein paar Wochen gibt’s also für Cohu diese neue Brille. Und für den "Brillen Schneider", bei dessen Kontaktlinsenabteilung ich früher auch schon gute Erfahrungen gemacht habe, gibts – nach zahllosen erfolglosen und frustrierenden Besuchen bei den unterschiedlichsten Optikern – jetzt schon ein großes Cohu-Prädikat.

(Bild: Friedrich Herlin, Lesender Petrus, 1466, Wikimedia Commons)

Münchner G’schichten

Eine Durchsage an alle Münchner Leser: Falls Ihr’s noch nicht gesehen habt – die Abendzeitung ist jetzt auch "richtig" online.
Eine detaillierte Kritik des Onlineangebots findet sich bei Thomas Mrazek. Abendzeitung.de ist vielleicht nicht das Ei des Kolumbus, aber für Freunde der gediegenen Lokalnachricht (wie Cohu) auf jeden Fall was Feines. Die SZ macht sich im München-Onlinebereich ja eigentlich nur noch lächerlich (siehe Bildstrecken, siehe Kommentar-Freeze), und für eine richtige Lokalnachrichtenversorgung hat Münchenblogger einfach zu wenig bzw. zu einseitigen Content. Was will der Lokalnachrichteninteressierte eigentlich? Sowas. Sowas. Und, bei Gott: sowas. Gegen die packende Immanenz  solcher Meldungen können Pseudoboulevard und "Szene" von mir aus einpacken.
Und damit zurück zu den Weltnachrichten.

Münchner Kindle

Beim gestrigen Vortrag des Stanford-Bibliothekars Michael Keller zum Thema "The Future of Books" gab es für die wenigen unter den Zuhörern, die die Sendlinger Mordweihnacht nicht mehr selbst miterlebt hatten, nicht viel Neues zu hören. Dafür aber was Neues zu sehen bzw. zu befummeln: das Amazon Kindle. Cohu ist seit jeher keine blindwütige Buchfetischistin, sondern eine Contentophile, und daher solchen medialen Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen. Leider, oh leider genügt das Kindle meinen Ansprüchen nicht: zwar ist die Bildschirmqualität exquisit und das Lesen an sich angenehm – schön auch Funktionen wie die Schriftgrößeneinstellung – doch, ojeh, der Bildschirm baut sich viel zu langsam auf, so dass man nach dem Blättern einen Moment auf die neue Seite warten muss; deshalb ist Speedreading genauso unmöglich wie das vom Computer gewohnte Scrollen. Dazu kommen kleinere Probleme: das Kindle wird nicht von allen schön gefunden (s.Abb.), manch einer findet die Verschwendung von Bildschirmplatz für eine volle Tastatur hirnrissig, und – lästiges Detail – das Kindle ist an allen Ecke und Kanten dermaßen mit Knöpfen und Tasten übersät, dass man es gezwungenermaßen beim Hochheben auch umblättert. Also, einige Modelle muss man da wohl noch abwarten, bis die Anschaffung eines solchen elektronischen Büchleins Sinn macht. Mal ganz abgesehen davon, dass das Kindle und seine exquisiten Belieferungsfunktionen momentan eh noch nicht in Europa erhältlich  – und in den USA ausverkauft – sind.

[Nebenfrage: Muss ich mir eigentlich Sorgen machen, wenn eine von mir frequentierte Institution als "die vielleicht wichtigste Einrichtung “neurechter Ideologiebildung”" bezeichnet wird?]

Meine Stadt, meine Straße, mein Blog

Zwischen Türken- und Amalienstraße herrscht schon immer eine herbe Konkurrenz. Ob es wahr ist oder nicht, es gehört jedenfalls zu den Maxvorstädter Folklore, dass der

"kleine Lausbub Gerhard Polt aus der Amalienstraße »Türkenstraßler festgenommen hat und ihnen das Brennglas vom Opa auf den Zeh gehalten hat, bis er qualmte«."
(Münchner Wochenanzeiger)

Was hat die Türkenstraße schon vorzuweisen: Hans Carossa – innerer Emigrant und auch noch Namenspatron eines humanistischen Gymnasiums, das ich in nicht allzu guter Erinnerung habe – und, gut, immerhin, Georg Elser (dafür aber auch Heydrichs Büro), was sind solche Kleinigkeiten gegen einen Geistesmenschen wie Polt? Fangt mir nicht mit dem Simplicissimus an, der heutige Simpl negiert rückwirkend alles, was Ringelnatz oder Valentin dort vorführten. Es tröstet kaum, dass der berlinblütige Allzu-Real-Romancier Maxim Biller die Amalienstraße als "ein wenig abweisend" in Erinnerung hat – wenn er im gleichen Atemzug unsere gute Türkenstraße als "dörflich" und Maxvorstadt als "Schwabing" bezeichnet, und das auch noch im unsäglichen Intelli-Poser-Blatt Cicero. Und dann seh ich auch noch: die Amalienstraße hat einen eigenen Webauftritt (www.amalienstr.de), während man das hundert Meter weiter nicht hinkriegt. Es sieht also schlecht aus für meine momentane Heimatstraße. Einzige Möglichkeit, die verfeindeten Schwesterstraßen zu versöhnen: Cohu muss in die Annalen der Münchner Stadtgeschichte eingehen. Dann stünde nämlich in meinem post mortem von Verehrern und Jüngern geschriebenen kilometerlangen Wikipedia-Eintrag: "Cohu lebte in München, zunächst in der Amalien-, später in der Türkenstraße. Beide fand sie sehr schön und pries sie stets lauthals als die schönsten Straßen Münchens – nachdem sie sämtliche Kontinente bereist hatte, sogar als die schönsten Straßen der Welt."
Und die Maxvorstädter könnten sich endlich auf die Verachtung anderer Viertel konzentrieren – wie wärs mit Haidhausen?

Prozentuwahl

So, jetzt gibt’s ihn also doch noch rechtzeitig vor der Wahl, den München-Wahlomat, leider nicht vollautomatisch – man braucht Zettel und Stift oder gutes Gedächtnis -, aber trotzdem, sie enttäuscht uns nicht, unsere guten alte AZ. Und wer hat ihn gefunden? Natürlich die immer rundum informierte Helga!
(Den Teststimmzettel auf Muenchen.de kann ich aufgrund der schlechten Softwareumsetzung, die bei mir zu Browsercrashs führt, nicht empfehlen…)
Jetzt ist es ja blöd, wenn man so ein Ergebnis bekommt wie vier Mal d, vier mal a, zwei mal c. Da weiß man ja am Schluss noch weniger, was man wählen soll…Soll man dann, bei Stadtrat und BA, seine diversen Stimmen (80 für den Stadtrat, 25 für den BA 3) prozentual aufteilen – kann ich schon mal gar nicht ausrechnen -, oder sich für eine Partei entscheiden? Und: weiß der durchschnittliche Bürger eigentlich, wofür BA und Stadtrat so zuständig sind? Ich weiß das ehrlichgesagt im Detail nicht, obwohl ich sogar schon Bürgerversammlungen besucht habe (und somit praktisch als  Hardcore-Kommunalpolitikjunkie gelten muss).
Ich selbst hab ja, ich geb es zu, kommunalpolitisch gesehen eigentlich nur eine Position: Pro Mülleimer. Ja, wenn es um ungeleerte, überfüllte und vernachlässigte Abfallkörbe geht, werd ich zur Fundamentalistin. Aber diesen Punkt hab ich noch in keinem Wahlprogramm gefunden. Anscheinend teilt keiner meine private Obsession. Ts, dann suhlt Euch doch weiter im Schmutz, ihr garstigen Mitbürger. Kreuz der Demokratie!

Castor Fiber (vulgo: Biber)

Dass sich der Biber in Bayern, obwohl er hier hundert Jahre lang ausgerottet war, inzwischen wieder heimisch fühlt, ist ja bekannt, schließlich durfte Cohu schon vor einem guten Jahrzehnt mit kleidsamen Wathosen idyllische niederbayrische Sümpfe und Auen aufsuchen, um sich von dieser Tatsache zu überzeugen. Gesehen hab ich nie einen, aber das machte nichts; man denke an die UFO-Jäger, die wissen auch: die Wahrheit ist irgendwo da draußen!, und das genügt. Saisonal gesehen möchte ich speziell nochmal die Jesusfans unter meinen Lesern darauf hinweisen, dass der Biber als Fastenspeise geeignet ist, also auch was für ganz Bibertreue, äh, Bibeltreue. Aber Obacht, die Nagetiere sind streng geschützt, höchstens in der Tradition dieser Herrschaften kann man sich einen saftigen Biberschweif braten.
Jetzt aber zu den Lokalnachrichten: vom Biber im Englischen Garten hatte die SZ schon berichtet. Wir fanden heute selbst eindeutige Spuren am Tivolikraftwerk:

Aber nicht nur das. Der IT gelang es, sogar ein Foto von diesem kleinen braunen Racker zu schießen, wie er einen besonders dicken Baumstamm durchnagt. Aber seht selbst...

Schilderung

München ist ja bekanntermaßen die Hauptstadt des Expressionismus. Ein besonders eindrucksvolles (bzw.: ausdrucksvolles) Beispiel dieser Stilrichtung sah ich gestern – brutal komplementärfarben, Geworfensein in die Welt, Wasser als Unbewusstes, ein stilisierter aufgerissener Mund als Bildeinrahmung beschwört die kollektive Oralfixierung herauf: beeinflusst von der Art Primitif bis hin zur piktogrammatischen Abstraktion, verworrene Dynamik. Bild einer Epoche oder purer Psychologismus? Hoffnung oder Tod? Die Spannung bleibt bestehen.


Urban Art am Oberföhringer Isarwehr, Emaille auf Blech, unbekannter Künstler.

(*) Das erinnert mich dran, dass ich mal auf XING von einem Künstler gebeten wurde, seine Ausstellungskataloge zu betexten. Mit meiner Ablehnung habe ich der Welt viel erspart.)