Mit guter Laune ins Neue Jahr

Das fortune cookie beim Chinesen versprach mir vor ein paar Tagen:

“Your life is going to be enriched by invulgar experiences.”

Unvulgär? Enttäuschend, lehrt doch die Erfahrung, dass Vulgarität die Voraussetzung für alles Gute und Schöne ist. (Der deutsche Text enthüllte, was gemeint war: “ungewöhnlich”. Naja.)

Á propos ungewöhnlich, wer wie Cohu noch immer keinen passenden Kalender hat, kann sich nun, wie Wired berichtet, bei der Amerikanischen Anti-Terror-Behörde kostenlos per Download mit einem besonders schönen Exemplar eindecken: während auf der einen Seite die Tage in Wochenspalten aufgeführt sind, angereichert mit den wichtigsten Daten der Terrorismusgeschichte, findet man gegenüber schön bebilderte Blätter über Terroristen, Terrorvereinigungen und kulturelle Hintergründe des islamistischen Terrors, sowie Informationen über zu erwartende Belohnungen bei Terroristendenunziation, und sogar tolle Gimmicks wie eine Montage von Osama ohne Bart und Anzug:

Mit so einem Kalender kommt Freude auf. Wer die überschwängliche Stimmung, die wohl charakteristisch für dieses Jahr sein wird, noch weiter betonen möchte, kauft sich für die Neueinrichtung des Schreibtischs noch ein Poster von Despair.com und einen Lehman-Brothers-Kaffeebecher. Ein Gutes Neues!

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Hundert Jahre krötische Genialität

Es ist nun hundert Jahre her, dass Kenneth Grahames Buch "The Wind in The Willows" in England veröffentlicht wurde (einen längeren Artikel dazu gibts bei Salon). In Deutschland ist dieses wunderschöne Kinderbuch, das, vergleichbar mit Alice in Wonderland oder den Chronicles of Narnia, zu den absoluten Klassikern englischer Literatur gehört, leider fast unbekannt. Wer will, kann es hier lesen, oder es aber mir gleichtun und sich mal die Übersetzung von Harry Rowohlt zu Weihnachten wünschen, die sicher umwerfend ist (leider aber als "Nur-Kinderbuch" vermarktet wird).

Die idyllische Flusslandschaft und die drolligen Tierchen täuschen ein wenig: denn alsbald taucht in dieser biederen Umgebung der großartigste, umwerfendste, wahnsinnigste, fähigste, visionärste, selbstbewussteste, schönste, beredteste, talentierteste, genialischste, kurz: der krötischste Charakter aller Zeiten auf – der Kröterich Mr. Toad of Toad Hall, von dem es heißt:

The clever men at Oxford
Know all there is to be knowed.
But none of them know half as much
As intelligent Mr. Toad!

Hier sehen wir ihn einer nach Grahames Vorlage gekonnt gemachten Fernsehserie – seine aktuelle Leidenschaft ist da gerade der Journalismus bzw. das Zeitungsverlegen, und das Ganze lohnt sich schon wegen des Tweedjackets und der Knickerbocker, die er trägt. In anderen Geschichten versucht Mr. Toad, Autos ("horseless carriages") zu bezwingen, Filme zu drehen oder Klavier zu spielen – alles mit großer Geste und durchschlagendem Erfolg…

Wenn man in England genau hinsieht, findet man übrigens heute noch Plätze, die an Grahames magische Flusslandschaft erinnern, etwa im Hirschgarten des Magdalen College:

Sieht das nicht fast aus wie Toad Hall, da im Hintergrund? Aber wenn der äußerst konservative Herr Grahame (der vor seinen schriftstellerischen Anstrengungen immerhin Geschäftsführer der Bank of England war) sich dann umdrehen würde und hinter der College-Hecke ausgerechnet das hier vorspitzen sähe:

… nämlich das Minarett des Oxford Centre for Islamic Studies (Obacht, Arbeitnehmer Christlicher Tendenzbetriebe bitte vorher Ton abdrehen), also wenn er das sehen könnte, inklusive goldener Halbmonde, dann würde er schon merken, dass seit seiner Zeit ereignisreiche hundert Jahre vergangen sind. Mr. Toad bleibt trotzdem zeitlos und unsterblich. Heutzutage würder er vermutlich ein Web-2.0-Unternehmen gründen.

Decline of a Nation: What’s not to love?

Wenn ein Journalist im Müslifachblatt Guardian einen zusammenfassenden Artikel über die bisherige Amtsausübung vom BoJo schreibt, kann das natürlich nur bös werden:

In August, he was criticised in Britain and abroad for appearing at the otherwise immaculate closing ceremony of the Beijing Olympics in an unbuttoned suit jacket, with his belly protruding and his hair like a small haystack. (Guardian)

Ach geh. Ist da etwa einer neidisch auf Boris’ umwerfende Haarpracht?

(Gibt es eigentlich einen einzigen deutschen Politiker, der Komische Politthriller schreibt? Nein, der zählt nicht, wobei von dem zu schließen, was Titelauswahl und Veröffentlichungsdatum angeht, ein gewisses komisches Talent vorhanden sein muss…)

Decline of a Nation: Wagnerian Crescendo

Ein Hamburger Informant hat mich dankenswerterweise auf die diesjährigen "Bad Sex Awards" hingewiesen, die von der enlischen "Literary Review" verliehen werden:

"The Bad Sex Awards were inaugurated in 1993 in order to draw attention to, and hopefully discourage, poorly written, redundant or excessively pornographic passages of a sexual nature in fiction. The intention is not to humiliate." 

Cohu und viele andere sehen diesen Preis tatsächlich eher als Auszeichnung denn als Ohrfeige – schließlich hat sogar der größte lebende Romancier, Tom Wolfe, für das Meisterwerk "I Am Charlotte Simmons" einen solchen Award eingeheimst ("Slither slither slither slither went the tongue…")

Für die im Englischen nicht so firmen gibt es hier einen netten Zeit-Artikel zur diesjährigen Verleihung. Wesentlich interessanter aber: die Shortlist, die hier nachzulesen ist – mit so zeitlosen Zeilen wie

"Sebastian’s erect member was so big I mistook it for some sort of monument in the centre of a town." (Kathy Lette, To Love, Honour and Betray)

"Brida surrendered herself entirely. The forces of the world were penetrating her five senses and these were becoming transformed into an overwhelming energy." (Paolo Coelho, Brida)

"Do you want to see my vagina?" (John Updike, The Widows of Eastwick)

Und wer hat den Preis gewonnen? Niemand geringerer als die Schwester des großartigen und unvergleichlichen Boris Johnson, des Londoner Bürgermeisters (Cohu berichtete). Diese Familie ist geradezu gepflastert mit Genies, und das sieht man auch an dieser Passage:

"I find myself gripping his ears and tugging at the locks curling over them, beside myself, and a strange animal noise escapes from me as the mounting, Wagnerian crescendo overtakes me. I really do hope at this point that all the Spodders are, as requested, attending the meeting about slug clearance or whatever it is." (Rachel Johnson, Shire Hell)

Das Buch wird gekauft und gelesen. Wenn es diese beiden Sätze enthält, muss es gut sein.

Decline of a Nation: I Like To Watch

Aufgrund der großzügigen Leihgabe der IT, die es wiederum als Geschenk erhielt, durfte ich mir in den letzten Tagen das wunderbare Buch "Watching The English" von Kate Fox zu Gemüte führen. Frollein Fox ist eine Oxbridge-Anthropologin und hat als solche schon mal einen Stein, ach, was sage ich, ein Bergmassiv bei mir im Brett, denn wer ist noch ein aus Oxbridge-Anthropologe, jahaaa, dreimal dürft ihr raten, Hugh "Derdürftemichauchmaldiagnostizierenrowrrr" Laurie (nebenbei hier noch ein Bild für die Dartwerfer unter meinen Lesern!) – aber ich schweife ab.

Fox beschäftigte sich bis jetzt mit Subkulturen – nämlich der der Pubs und der Pferderennbahnen – was sie natürlich für eine Untersuchung über die Engländer in besonderer Weise prädestiniert.  Besonders interessant sind, neben den vielen englischen Besonderheiten, die in leichter Anekdotenform aufgetischt werden, Fox’ Ausführungen zu den "Class Codes" in den verschiedensten Bereichen von Sprache über Kleidung bis zum Konsumverhalten. Die entdeckt man, wenn man sich das mal überlegt, genauso auch bei uns; den Briten scheint die Klasseneinteilung lediglich stärker bewußt  bzw. peinlicher zu sein…

Fox führt den Englischen Nationalcharakter auf eine Liste von Grundeigenschaften zurück: Humour – Moderation – Hypocrisy – Empiricism – Eeyorishness – Class Consciousness – Fair Play – Courtesy – Modesty. Im Zentrum dieser Aspekte steht die "Social Dis-Ease":

"The English social dis-ease is a congenital disorder, bordering on a sort of sub-clinical combination of autism and agoraphobia (the politically correct euphemism would be ‘socially challenged’). It is out lack of ease, discomfort and incompetence in the field (minefield) of social interaction; our embarrassment, insularity, awkwardness, perverse obliqueness, emotional constipation, fear of intimacy and general inability to engage in a normal and straightforward fashion with other human beings."

Das hört sich übel an, macht uns Anglophilen die Inselaffen aber natürlich nur noch sympathischer. Was soziale Fähigkeiten angeht, sind wir Deutschen ja beim besten Willen auch nicht geschickter. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir uns und unsere Ungelenkheit auch noch  fürchterlich ernst nehmen. Die typisch englische entwaffnende Selbstironie, die Fox als "Oh, Come Off It"-Rule (etwa: "Ach komm!"-Regel") beschreibt, könnte sich der Deutsche an sich deshalb wirklich mal hinter die Ohren schreiben. Und beim Jammern ("Eeyorishness"), das der Frau Fox besonders aufgefallen ist, schlagen wir die Engländer vermutlich noch um Längen…Wobei sich in meiner Interpretation jetzt natürlich der deutsche Nationalcharakter durchsetzt, dessen bitterer Kern meiner Analyse nach aus reinem, unverfälschten Selbsthass besteht, aber ich bin ja keine Antrophologin.

Also, das Buch eröffnet nicht nur einen Einblick in die Psyche des Engländers, sondern in die Struktur menschlicher Gesellschaften überhaupt: die anthropologische Sichtweise auf Sitten und Gebräuche macht einem die tausenden von sozialen Regeln bewußt, die man tagtäglich befolgt, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Sehr spannend!

Nur eine Sache hat Frau Fox übersehen – die typisch englische Vorliebe für Teppichboden auch an den unmöglichsten Plätzen wie Badezimmer, Pub und Flughafenwartehallen. Das hätte ich ja gerne mal von einem Anthropologen analysiert gehabt.

Preaching to the choir

Nur mal so als Stimmungsbild aus dem bayerischen Wahlkampf für die Nordlichter. Drunter steht noch “Enteignung von Banken und Großkonzernen!” und ein paar ähnliche Vorschläge.

P.S.: Ist das nicht furchtbar langweilig, als Linkspartei so ne Veranstaltung zu machen wie die unten angekündigte? Also, in der Angelegenheit sollten die sich doch dann wirklich ausnahmslos alle Anwesenden einig sein. Oder melden sich dann echt welche mit  “hmja, also dieses Jahr wollte ich dann doch mal DIE NAZIS wählen, weil, ich finde die sind voll die ALTERNATIVE, oder soll ich das lieber nicht machen, was meint ihr, Genossen?” Warum, liebe sogenannte Linke, nicht mal ein Thema, über das man auch diskutieren kann. “Der Markt ist die Lösung” oder so. Ist doch sonst wirklich gähn.

Deutscher Qualitätsjournalismus

Ach ja?

Mal sehen, wie lange der Spiegel seine inzwischen langsam vollkommen absurde “Obama-hat-keine-Chance”-Kampagne noch aufrecht erhält…

Steilvorlagen

"Wo bleibt unser Obama?" titelte gestern eine Münchner Zeitung. Es drängt sich ein Bild auf: Kurt Beck, wie er eine Rede vor dem Washington Monument hält.

Aber es gibt natürlich noch weitaus steilere Vorlagen in der Boulevardpresse…

(Bild: Wikimedia Commons)

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“Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht”

So das Bild-Mantra. Allerdings deutet man es in der Redaktion selbst meist so: jeder Schocker, der Leute aufregt, muss notwendigerweise von einem mutigen Menschen geäußert worden und damit auch wahr sein. Und man strengt sich bei der Bild verdammt an, "mutig" in diesem Sinne zu sein.
Daher traut sich ein Bild-Kolumnist namens Nikolaus Fest auch, in einem Anti-Gysi-Artikel eine ziemlich mutige Massenmördervergleichsoverkillstrategie zu fahren, um die stählerne Wahrheit seiner These (Gysi=Satan) zu untermauern:

"Auf andere Heilsbringer angewandt, ließen sich schöne neue Biografien verfassen. Stalin ohne die Karussell-Pferdchen Gulag, Deportationen und Kulackenmord; Pol Pot ohne die „killing fields“; und auch unser Adolf wäre in dieser Betrachtung vermutlich ein famoser Kerl, wenn nicht immer der Vorwurf des Judenmordes im Raum stehen würde." (Bild)

Es gibt da noch so nen Spruch. "Mit Kanonen auf Spatzen schießen". Angesichts des Artikels über Gysi in der Zeit, auf den Fest es abgesehen hatte bei seiner Analogie, kann man das vielleicht sogar umwandeln zu "Mit Panzerfäusten auf nicht vorhandene Amöben feuern." Ziemlich mutig.

(Danke für den Hinweis, Thersites!)

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Decline of a Nation: Sex and the City auf Englisch

Eine kanadische Journalistin namens Leah McLaren hat mit den britischen Männern bittere Erfahrungen gemacht: sie zog nach Großbritannien, in der Hoffnung, dort wilde Liebesabenteuer im Stil von “Sex and the City” zu erleben. Leider wurde daraus nichts. Nun hat sie das Drehbuch für eine Fernsehserie verfasst, die auf unterhaltsame Weise von ihren gescheiterten Versuchen erzählt, den britischen Männer näher zu kommen. Zuvor legte schon Artikel “The Tragic Ineptitude Of The English Male” von ihren Erfahrungen auf subtile Weise Zeugnis ab:

“Since moving to London, my romantic life has been characterised by last-minute text messages, incomprehensible drunkards, first-date coke-bingers and split bar tabs.” (The Spectator)

Was, The Spectator? Da arbeitete doch auch mein Lieblingsengländer! Die Spannung steigt – was meint denn die glücklose Liebessucherin zu Boris Johnson?

“He’s very sexy, but I didn’t have an affair with him,” she said. “He’s a very unusual character. He’s not your usual upper-class Englishman, is he?” (The Independent)

Ich weiß nicht…irgendwie habe ich das Gefühl, dass man auch mit Herrn Johnson kein “romantisches Date” nach nordamerikanischem Vorbild durchleben dürfte. Frau McLaren wäre vermutlich entsetzt. Ich jedoch bitte um Verfilmung, aber bitte nur, wenn Boris sich selbst spielt.

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