Hundert Jahre krötische Genialität

Es ist nun hundert Jahre her, dass Kenneth Grahames Buch "The Wind in The Willows" in England veröffentlicht wurde (einen längeren Artikel dazu gibts bei Salon). In Deutschland ist dieses wunderschöne Kinderbuch, das, vergleichbar mit Alice in Wonderland oder den Chronicles of Narnia, zu den absoluten Klassikern englischer Literatur gehört, leider fast unbekannt. Wer will, kann es hier lesen, oder es aber mir gleichtun und sich mal die Übersetzung von Harry Rowohlt zu Weihnachten wünschen, die sicher umwerfend ist (leider aber als "Nur-Kinderbuch" vermarktet wird).

Die idyllische Flusslandschaft und die drolligen Tierchen täuschen ein wenig: denn alsbald taucht in dieser biederen Umgebung der großartigste, umwerfendste, wahnsinnigste, fähigste, visionärste, selbstbewussteste, schönste, beredteste, talentierteste, genialischste, kurz: der krötischste Charakter aller Zeiten auf – der Kröterich Mr. Toad of Toad Hall, von dem es heißt:

The clever men at Oxford
Know all there is to be knowed.
But none of them know half as much
As intelligent Mr. Toad!

Hier sehen wir ihn einer nach Grahames Vorlage gekonnt gemachten Fernsehserie – seine aktuelle Leidenschaft ist da gerade der Journalismus bzw. das Zeitungsverlegen, und das Ganze lohnt sich schon wegen des Tweedjackets und der Knickerbocker, die er trägt. In anderen Geschichten versucht Mr. Toad, Autos ("horseless carriages") zu bezwingen, Filme zu drehen oder Klavier zu spielen – alles mit großer Geste und durchschlagendem Erfolg…

Wenn man in England genau hinsieht, findet man übrigens heute noch Plätze, die an Grahames magische Flusslandschaft erinnern, etwa im Hirschgarten des Magdalen College:

Sieht das nicht fast aus wie Toad Hall, da im Hintergrund? Aber wenn der äußerst konservative Herr Grahame (der vor seinen schriftstellerischen Anstrengungen immerhin Geschäftsführer der Bank of England war) sich dann umdrehen würde und hinter der College-Hecke ausgerechnet das hier vorspitzen sähe:

… nämlich das Minarett des Oxford Centre for Islamic Studies (Obacht, Arbeitnehmer Christlicher Tendenzbetriebe bitte vorher Ton abdrehen), also wenn er das sehen könnte, inklusive goldener Halbmonde, dann würde er schon merken, dass seit seiner Zeit ereignisreiche hundert Jahre vergangen sind. Mr. Toad bleibt trotzdem zeitlos und unsterblich. Heutzutage würder er vermutlich ein Web-2.0-Unternehmen gründen.

2 Responses to “Hundert Jahre krötische Genialität”

  1. Wolf Says:

    Wenn’s Harry Rowohlt eingelesen hat, ist das ein Qualitätsmerkmal. Ich find’s näher an Winnie-the-Pooh – und die nur ganz leicht parodistische Verfilmung mit Teilen von Monty Python, Sturm in den Weiden, nicht vergessen, gell.

  2. cohu Says:

    Ja, stimmt, Alice und Narnia fand ich auch eher von der Wichtigkeit her vergleichbar und nicht vom Inhalt. Die Verfilmung hab ich nicht gesehen (hier gibts einen Ausschnitt, der finde ich darauf hindeutet, dass der Film eher so mittelgut ist), aber der Titel steht schon länger auf meiner Leihliste 🙂


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