Decline of a Nation: Analyze That

Seit Jahren dokumentiert Cohu akribisch den Untergang Großbritanniens. So schlimm kann es aber eigentlich gar nicht stehen um die Insel: die Suizidrate nimmt seit Anfang der 90er kräftig ab (und ist gerade mal etwas mehr als halb so hoch wie die unsrige!). Im Kampf gegen diese menschlichste aller Todesarten schreckt die britische Regierung auch vor seltsam anmutenden Methoden der Vorbeugung nicht zurück: seit einiger Zeit wird jedem NHS-Pflegling, der sich mit Depressionen plagt, noch vor der medikamentösen Behandlung eine computerbasierte kognitive Verhaltenstherapie nahegelegt, und zwar mit dem Programm Beating the Blues. Ein Schwesterprogramm namens FearFighterTM dient der Bekämpfung von Angststörungen – ein ängstlicher Slate-Schreiber ("England is crazy, and so am I") hat das Programm ausprobiert und war – Surprise, surprise! – nicht so wirklich begeistert. Aber: Computerisierte Therapien wie diese sollen der britischen Regierung helfen, 136 Millionen Pfund im Jahr einzusparen. Noch mehr Geld soll sich, nach Cohu-Recherchen, einsparen lassen, wenn man auch die Patienten durch Computersimulationen ersetzt – Großbritannien denkt bereits darüber nach.
Wer mit Computer-Verhaltenstherapie  unzufrieden bzw. kein NHS-Kunde ist,  kann sich immerhin an der altbekannten Internetzanalytikerin ELIZA abreagieren. Allerdings mit zweifelhaften, leicht passiv-aggressiven Ergebnissen, was die Suizidprävention angeht: siehe Abb.

Posted in Decline of a Nation, Weichwaren. Comments Off on Decline of a Nation: Analyze That

Stoppt den Schlankheitswahn.

Na, auch schon mal das Macbook Air geifernd in der Vitrine bewundert, lieber Mac-Freund? Nimm das.

O is for Ogdred, killed by his black heart

Meine Schwester hat mich dankenswerterweise auf Edward Gorey aufmerksam gemacht: einen Autor und Illustrator allerersten Ranges. In Deutschland ist er nur den wenigsten bekannt: durch seine im Diogenes Verlag in den 80ern erschienenen Kinderbücher, "Schorschis Schatz" und "Schorschi schrumpft" (letzteres gewann 1977 sogar den Jugendliteraturpreis und wurde daher vermutlich von zahlreichen bildungsbürgerlich beflissenen Eltern gekauft…vielleicht ja auch von Euren?)
Bis jetzt wusste ich aber nicht, dass Gorey auch Bücher für und teilweise sogar ausschließlich für Erwachsene gemacht hat. Unter dem Pseudonym Ogdred Weary etwa schrieb und zeichnete er eine (oberflächlich vollständig jugendfreie) Pornographie-Parodie namens "The Curious Sofa". Gorey ist ausdrücklich nicht jedermanns Geschmack, insbesondere die "Gashlycrumb Tinies", die man hier ansehen kann, und auch "The Loathsome Couple", das von einem Ehepaar handelt, das sich ausgerechnet Kindsmord als Hobby ausgesucht hat. Bezeichnend die Reaktion des Verlags:

Gottlieb rejected the book on the grounds that it wasn’t funny. An astonished Gorey replied, "Well, Bob, it wasn’t supposed to be funny; what a peculiar reaction."

Gorey ist im Jahr 2000 verstorben. Ganz prosaisch an einem Herzinfarkt und nicht etwa durch Ersticken an einem Pfirsich. Behauptet zumindest dieser Salon-Artikel.

(Edward Goreys Autogramm und Pseudonyme: Wikimedia Commons)

Posted in L'art pour l'art. Comments Off on O is for Ogdred, killed by his black heart

Bloß nicht verpassen…

…heute ist Welt-Tapir-Tag. Mein Lieblings-Tapir ist der Schabrackentapir (er ist auch in Hellabrunn zu bewundern, auf der Rückseite des Nashorn-Hauses).
Junge Tapire haben zur Tarnung Streifen, genau wie Wildschwein-Nachwuchs. Nebenstehend: ein Flachland-Tapir-Frischling.
(Bild: Wikimedia Commons)

Vorbereitungen für den Sommer

1. Gestern E-Garten-Saison eröffnet mit einem phänomenalen Thunfischsandwichpicknick an meinem neuen Lieblingsplatz, wo man sogar an einem Sonntag wie gestern ganz in Ruhe und idyllisch im Gras liegen und sich einen Sonnenbrand holen kann, ohne von halbnackten VolleyballidiotInnen genervt oder von rasiermesserscharfen Frisbees getroffen zu werden. Und dann beim Pavillion gesehen: es gibt wieder "Nogger Choc", das legendäre Nogger Choc! Trotz hartnäckiger Rassismusvorwürfe ist es wieder da, das Traumeis, mit altbewährtem Namen. Konnte es leider nicht probieren, da ich schon ein Cornetto gekauft hatte. Hat’s schon jemand versucht?

2. Herr Bajwa aus Berlin hat mir wunderschöne Hausschuhe geschickt – besser gesagt indische Khussa. Trotz meiner abendländischen Breitfüßigkeit passen mir die Dinger und komme mir vor wie Hebbels Odaliske. Vollständig über den Rassismus-Verdacht erhaben ist übrigens auch dieses Gedicht nicht: Nun weist er stumm den Mohren fort / Dem wild das Auge glüht vor Lust – Fürstin Gloria steht in Hebbelscher Tradition! Und dann, es musste ja so kommen – , plötzlich dringt ein jäher Schrei/Von außen ihr ins bange Ohr/Sie ruft verstört, was das denn sei? Und er versetzt: es starb der Mohr! – ein Spruch, der die Odaliske vermutlich vollständig aus den Socken gehauen hätte, hätte sie nicht so toll sitzende Lederpantoletten getragen. Abgesehen von solchen kulturhistorischen Überlegungen sind die orientalischen Schuhe sehr hitzetauglich. Der Sommer kann also kommen.

Posted in Freier Markt, Gedichtetes, Speis & Trank. Comments Off on Vorbereitungen für den Sommer

Decline of a Nation: Maestro bleibt daheim

Ja mei, die Briten: sie freuen sich, wenn doch mal einer der ganz großen zu ihnen rüber kommt und ihnen eine Kultur mitbringt, besonders wenn es eine hohe ist. So hätten sie eigentlich das Glück gehabt, dem größten Klaviererer aller Zeiten, am Sokolov Schorsch, lauschen zu dürfen – im Barbican wollte der in Italien wohnende russische Genius am 10. Mai spielen. Nur dann war halt das Blöde, dass man heutzutage ja niemandem mehr trauen darf, schon gar nicht als Engländer einem Russen, und überhaupt könnte da ja ein jeder kommen. Also hat man dem Schorschi gesagt: Schorschi, geh her, bevor hier eingereist wird, schickst Du uns einen Fingerabdruck, einen biometrischen. Den macht dir ein freundlicher Herr in der britischen Botschaft in Rom. Jetzt ist das blöde, dass der Schorschi ein schwieriger Mensch ist, der alles in allem lieber klavierert, als nach Rom zu fahren. Dem ist schon eine CD-Aufnahme zu blöd, und so ein biometrischer Zwergerlaufstand gleich dreimal. Deshalb bleibt der Tastenschorsch dieses Jahr daheim. Und das Barbican sagt sein Konzert ab. Und der kulturliebende Brite weint, was blöd ist, weil: vor dem Russen kann man sich nicht genug in Acht nehmen. Wer weiß, was der Sokolov angestellt hätte, mit seinem Geklimper, seinem radioaktiven.
Cohu übrigens lässt es gar nicht drauf ankommen (wer weiß, was dem Beckstein demnächst einfällt?) und fährt direkt ins Teatro la Fenice, da werden sie ihn ja noch reinlassen. Alle anderen bekommen zumindest das hier, was eine schöne Illustration bzw. Vertonung ist für diese absurde Geschichte.

“Es kann nimmer besser werden” kann nimmer besser werden

Gestern betrat Cohu erstmals das reizende Lokal & Theater Heppel & Ettlich. In diesem sympathischen Gemäuer trat nämlich das Trio Kabarest auf, dessen eines Drittel ich schon seit Jahren die Freude habe, in einer an Verwandtschaft grenzenden Bekanntschaft kennengelernt haben zu dürfen (tschulligung, ich hab heut schon vor 9 Sloterdijk gelesen – das Hirn ist wund). Also, es ging um das Thema "850 Jahre München", genauer gesagt um Lieder über u.a. Bier, Transrapid, Bier, Bieseln, Klimawandel, Weißbier, den Hundemetzger von Giesing und natürlich die Liebe ("Ich bin der Fuchsschwanz – Du bist die Antenne") und Tod (Rock’n’Roll von motorisierten Gehwägelchen). Das "Theater" (das eigentlich eher ein Nebenraum ist) war zu Recht ausverkauft, die Stimmung zu Recht gut, bis auf einen Dialektfaschisten, der schon im ersten Satz die zu hochdeutsche Aussprache von Giesing, pardon: Giasing lautstark bemängelte. Aber das brachte einen schon in die richtige münchnerische Stimmung, um z.B. tiefsinnige Lieder über die wahre Bedeutung des Grants überhaupt aufnehmen zu können. Also rundherum: Cohu-Prädikat. Am 1., 2., und 3. Mai ist das Programm nochmal zu sehen und hören (heute auch, aber schon ausverkauft). Ein Besuch im Heppel in der Kaiserstraße lohnt aber auch unabhängig vom Spielplan. Für Raucher gibt es im "Theater" ab 22:30 einen Club – und für gesundheitsbewußtere Gäste frische Fleischpflanzl.
Übrigens: wer sich einem zwangsironischen Provinzdistanz-Habitus verpflichtet fühlt, wird sich weder bei "Es kann nimmer besser werden" noch im Gastraum des Heppel wohlfühlen. Er oder sie kann aber gottseidank auch einfach zuhaus bleiben und Martenstein lesen oder glotzen. Ist auch lustig.

Die zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft

Ich persönlich freue mich ja immer, wenn ich von meiner Alma Mater zugespammt werde  interessante Informationen zugesandt bekomme. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr euch in einem Anfall geistiger Umnachtung auch mal so ne "Campus-LMU"-Adresse zugelegt hab: da sind so nützliche und vor allem zielgruppenpräzise Sachen dabei wie

Du bist ein kreativer Mensch oder möchtest deine kreativen Potentiale umsetzen? Dann komm zum IdeenJam! an der LMU mit dem Thema „Kreativität“

…wir laden Sie herzlich ein zu einem kostenlosen Weißwurstfrühstück beim "Branchentreff Medien" am 24.01.08 …

Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel (Max-Planck-Institut Andechs) spricht zum Thema:„Wissen ohne Schule. Lernen in traditionalen melanesischen Gesellschaften“

…im Universitätskindergarten sind momentan zwei Plätze für Zweijährige zu vergeben.Bei Interesse wenden Sie sich bitte an das Büro der Frauenbeauftragten…

…die Ludwig-Maximilians-Universität zum Anziehen, Verschenken und auf Datenspeichern – das gibt es jetzt im Online-Shop der LMU. Rund 50 Artikel mit LMU-Branding vom USB-Stick bis zur coolen Retrojacke, lassen sich ab sofort rund um die Uhr bestellen…

Ich für meinen Teil, liebe Leser,wüsste nicht, wie ich ohne diese Informationen meinen straff organisierten Uni-Alltag gestalten sollte. Heute kam der Hinweis, dass morgen der "Konvent der Fachschaften" – anscheinend eine neue Organisation zur Studentenvertretung – tagt. Neugierig wie ich bin, hab ich natürlich sofort auf den angehängten Link (pdf) geklickt. Schließlich geht es um die Vertretung meiner Interessen!
Als erster Punkt wird verzeichnet, dass die Studierendenvertreter 20 Laptops bekommen, inklusive UMTS-Karten. Eine Homepage wird geplant, eine Sekretärin eingestellt. Alles in meinem Sinne, schließlich kümmern die Herrschaften sich ja um den reibungslosen und interessengemäßen Ablauf der Lehre! Ich bin gespannt auf die in diese Richtung geplanten Initiativen. Schließlich gäbe es da so manches zu verbessern. Nun kommen aber erstmal zwei Antifa-Anträge (Teilnahme an Demonstrationen, eine für Grundrechte, eine gegen Gebirgsjäger) dran. Dann kommen einige Seiten mit sage und schreibe 27 Logo-Vorschlägen. Kreative Menschen, das ist gut (vermutlich waren die alle beim IdeenJam!). Jetzt aber kommt das Inhaltliche, die Spannung steigt: Vorschläge zur Gleichstellung, inklusive einem "Knappen Überblick über den Feminismus". Äh, kommen wir etwas vom Thema ab? Geschlechtergerechtes Formulieren. Meinetwegen. Über Mag.a als weibliche Form des Magisters müssen wir nochmal reden, aber gut. Jetzt kommt aber was Relevantes: Verwendung von Studiengebühren. Im Gegensatz zum Genderthema ist da noch nicht so viel Ihnaltliches da, ist aber auch schwierig. Halbe Seite reicht. Außerdem sind Studiengebühren doof. Drangehängt ist dann die alte Forderung nach einer "verfassten Studentenschaft" (mehr Kompetenzen, mehr Geld). Als letzter Punkt kommt dieser Satz:

Studierendenvertretungen sind traditionell ein wichtiges Element der außerparlamentarischen politischen Landschaft. Sie vertreten die zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft. Aus diesem Grund darf und muss die Studierendenvertretung sich auch zu allgemeinpolitischen Themen äußern dürfen.

Moment mal. Antifa: Gerne. Genderzeug: her damit. Feminismus: geil. Meinetwegen könnt ihr mit Euren UMTS-Karten rumsurfen, was das Zeug hält, und jede Woche eine Erklärung zur Lage der Welt veröffentlichen. Aber wenn jemand die Gruppe, die er selbst vertritt (und der ich zufällig auch noch angehöre), allen Ernstes als zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft bezeichnet, ist bei Cohu Schluss, aus, Nikolaus. Sowas gehört doch Exmatrikuliert. Gibt es keinen Anstand mehr?

Da auf mich erfahrungsgemäß aber eh niemand hört, hab ich sicherheitshalber auch noch ein dementsprechendes Logo für die StudierendenvertreterInnen gebastelt. So nen Spruch soll man schließlich nicht irgendwo in Grundsatzpapieren verstecken, sondern gleich ins Zentrum des Brandings stellen ("Die Linke" hat das ja beispielhaft vorgemacht). Also Bitteschön:


P.S. Ach ja, ein ganz zentraler Tagesordnungspunkt dieser ersten Sitzung scheint auch noch zu sein: "Diskussion zur Befreiung von StudierendenvertreterInnen von Studiengebühren". Damit dürfte sich dann, in bester demokratischer Tradition, die Studentenvertretung wenigstens für eine Gruppe ganz deutlich lohnen: die Studentenvertreter.

Surfer, ihr könnt einpacken

Es gibt auch bei schlechtem Wetter zumindest einen Grund, trotzdem in den E-Garten Laufen (oder Spazieren) zu gehen. Nein, nicht die doofen Surfer. Viel lustiger finde ich persönlich die Kunststücke des Wasseramselpärchens ein paar Meter weiter, am Wasserfall hinter dem Haus der Kunst. Obwohl überall Schilder mit "Schwimmen verboten – Lebensgefahr!" aufgestellt sind (was in Anbetracht der reißenden Flut auch relativ glaubwürdig wirkt), stürzen sich die faustgroßen Vögelchen mit eleganten Bauchplatscherern in den Schwabinger Bach, laufen auf dem Bachboden oder "fliegen" unter Wasser und und klettern schließlich, wenn sie was zu Fressen gefunden haben (oder ihnen die Luft ausgeht) am Ufer wieder heraus, genau wie in diesem Video, das ich bei Youtube gefunden hab. Zwischendrin machen sie reizende Knickse. Und das alles ohne Surfbrett und ohne nass zu werden.

Sieben Jahre in Grosny

In der taz findet sich ein hochinteressanter Artikel über das Chinabild des Westens, insbesondere im Bezug auf den Tibetkonflikt:

Die Berichterstattung in den westlichen Medien wiederum gleicht einer Art Hysterie. Schon lange gilt Tibet in Europa und Nordamerika als etwas ganz Besonderes und Mystisches. Tibet wird als ein exotisches Gebilde angesehen, das idealisiert und als "rein" begriffen wird, als "Mythos Tibet", wie ein vor einigen Jahren erschienenes Buch dieses Phänomen nannte. Hier sei auch daran erinnert, dass Tibet vor 1950 keineswegs eine harmonische, auch nur annähernd demokratische, sondern eine stark hierarchisch organisierte Klassengesellschaft war, die selbst der Dalai Lama als "feudal" charakterisiert hat: mit einer erblichen und besitzenden Adelsklasse an der Spitze und einer großen Zahl armer oder landloser Kleinbauern – auch wenn niemand mehr dorthin zurück möchte.  (Thomas Heberer in der taz)

Flagge der tschetschenischen Exilregierung

Wer weiß: hätte mein Jugendheld Heinrich Harrer nicht in Lhasa, sondern in Tschetschenien seine Zuflucht gefunden und ein dementsprechendes Buch geschrieben, dass man dann wiederum mit Brad Pitt hätte verfilmen können, würden die Lisa Simpsons dieser Welt Free Tchetchnia rufen (wenn es sich auch nicht so schön anhört).

In dieser Hinsicht haben die Tschetschen aber eher Pech gehabt.