Apostasie, oder: Abfall vom Glauben

Da hatte ich mich am Sonntag morgen um halb neun schon gefreut, als ich einen Stadtangestellten mit einen dieser kleinen orangen Müll-Lastwägelchen im Miniformat den Bürgersteig an der Ludwigstraße hab runterfahren sehen. Ich hatte Hoffnung geschöpft und den Glauben an die Güte der Welt und vor allem der Landeshauptstadt wiedergewonnen. Aber dann…
Es geht darum: Maxvorstadt hat ja ein Müllproblem, Cohu berichtete. Euch wird jetzt vielleicht statt des Müllproblems mehr interessieren, was ein normaler Mensch an einem Sonntag vor halb zwölf überhaupt auf der Straße macht, aber wir sind hier ja nicht beim Wunschkonzert, sondern in einem Privatblog, und da bestimme ich!
Also, der Abfallentsorger. Lichtgestalt in Orange. Messias der Müllbeutel. Er steigt tatsächlich bei jedem der kleinen, hoffnungslos überquellenden Eimerchen aus. Er nimmt den Rahmen/Deckel ab. Er bückt sich sogar, hebt umliegende Papiere und Unrat auf, um sie in die Tonne zu befördern. Aber dann: statt die Tüte rauszuziehen und in seinen Wagen zu werfen, hebt er seinen bestiefelten Fuß und tritt mehrmals kräftig auf den Müll, um ihn zusammenzudrücken und Raum in der Tonne zu schaffen. Dann zieht er den Stiefel wieder raus — Cohu hofft immer noch, atemlos — aber der Müllmann dreht sich um, geht zum Wagen und kommt vermutlich erst nächste Woche wieder. Oder übernächste.
Im E-Garten findet sich neben dem Weg zum Monopteros eine Reihe überquellender Eimer, eigentlich ist die ganze Wiese müllübersät, was etwa fünfzig darin herumstochernde Krähen und Möwen sehr freut. Vielleicht können die Geier, die in Spanien aufgrund einer EU-Verordnung nix mehr zum Fressen finden und jetzt ruhelos Europa durchstreifen, auf der Suche nach Tierischem, einfach mal hier vorbeischauen.

Gemütliches Hobby

Von wegen, Vogelbeobachter müssen vor Sonnenaufgang aufstehen, an mückenverseuchte Stauseen fahren und riesige Ferngläser schleppen: man kann sich auch einfach in die Küche setzen, Kaffee trinken, ein Honigbrot essen, und warten, was vorbeikommt. Zumindest, wenn man in einem so morschen Haus wohnt wie Cohu.

Ist er nicht reizend, der dendrocopos major?

(Als nächstes bitte ich darum, mir eine Großtrappe vorbeizuschicken. Die wollt ich immer schon mal sehen, aber deshalb extra nach Brandenburg fahren?)

Freitagsnachmittagsdoppel

Aubergine

  Oberschiene

(Bilder: Wikimedia Commons)

Man muss dringend Mittagspause machen…

… wenn man statt "Privater Autokauf im Ausland" liest:
"Privater Amoklauf im Ausland."

Posted in Sprachliches. Comments Off on Man muss dringend Mittagspause machen…

Wie ein Grab

In der Schellingstraße versucht eine Frau verzweifelt, durch Zerren an der Leine ihr kleines Yorkshireterrier-Hündchen davon abzuhalten, vor der Buchhandlung Frank an die Karton-Aufsteller zu bieseln. Da der Hund widerborstig bleibt, hebt sie ihn kurzerhand hoch, hält ihn vor ihr Gesicht und ruft: "Burli, kannst Du mir amal sagen, was des soll? Was denkst Du Dir denn dabei!"
Auch ich hatte auf eine erschöpfende Antwort gehofft. Aber Burli schweigt.

Servus im Merhaba

Würde garantiert im Merhaba essen: Atatürk

Cohu ist heute endlich einer Empfehlung des Stadtneurotikers nachgekommen und hat die "Taverne Merhaba", ein türkisches Restaurant im mir vorher auch nicht bekannten Franzosenviertel in Haidhausen, besucht. Nach ca. halbstündiger Parkplatzsuche (das Viertel ist ein sog. Parklizenzgebiet) kamen wir mit ziemlichem Hunger in ein erstaunlicherweise bis auf den Koch und den Kellner vollkommen leeres Lokal! Vermutlich lag’s an der Urlaubszeit oder dem Fußballspiel; ungemütlich war es aber trotzdem nicht in dem hellen, sehr klar und ohne viel Folklore relativ anspruchslos eingerichtetem Gastraum. Wir wurden mit ausgesuchter Freundlichkeit und Höflichkeit bedient. Dann gab es für die IT eine Art  – hör weg, Kemal! – Bifteki, also natürlich die türkische Version davon, (Hacksteak mit Schafskäse gefüllt), und für mich eine auf der Zunge zergehende gebackene Aubergine, gefüllt mit Putenfleischwürfeln in einer Tomaten-Soße mit diesen dünnen hellgrünen türkischen Paprikaschoten. Alles, bis zum kleinsten Reiskorn und der milden Joghurtsauce, war – wie wir es ja inzwischen von der exzellenten türkischen Küche außerhalb der Dönerbuden gewohnt sind – absolut perfekt, was Konsistenz und Würzung anging, frisch,  nicht zu fettig, nicht zu salzig, mit einfach unglaublichem Gemüse, wie man es in deutschen Lokalen selten findet (also auf jeden Fall was für Vegetarier!). Ein würdiger Münchner Ersatz für das Hamburger "Mangal," würde ich sagen, und sogar ganz ohne Diekmann.
Für die Durstigen: im Merhaba wird süffiges Oberbräu Holzkirchen ausgeschenkt, auf den Deckeln steht der griffige Werbespruch "Oben Schaum – Unten Traum" (vom Ringsgwandl wurde das Oberbräu, wie diese Seite berichtet, daher schon mal als "Epileptikerbier" bezeichnet).
Also: der Taverne Merhaba verleihe ich hiermit ein uneingeschränktes Cohu-Prädikat, und das will was heißen. Auf dass ab jetzt alle meine Blogleser nur noch dort essen und wir das nächste mal nicht alleine im Eck sitzen!
[Wenn Ihr Euch den Parkplatz-Trouble ersparen wollt: die nächste U-Bahn Station wäre glaub ich der Ostbahnhof.]

(Bild: Wikimedia Commons)

Decline of a Nation: Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt…

Britische Wissenschaftler sind seit Jahrhunderten die Speerspitze der Forschung. Newton entdeckte die Masse, Cavendish den Wasserstoff, Watt die Dampfmaschine, Dalton das Atom, Bentham die Glücksformel, Fleming das Penicillin,  Crick die DNA, Hawking schwarze Löcher, und Oliver das genießbare englische Essen – wo wären wir ohne diese Genies von der Insel? Wir würden vermutlich immer noch unter Bäumen sitzen und uns wundern, warum uns Äpfel auf den Kopf fallen; würden Sauerstoff trinken, würden mit Pferdekutschen fahren, hätten nichts, worüber wir uns mit dem Iran streiten könnten, wären ungewollt unglücklich, würden an Mandelentzündung sterben, könnten keine lustigen leuchtenden Schweine basteln, würden uns wundern, wo die ganzen Sterne hin verschwinden, und bekämen bei Londonbesuchen nur gesalzenes Porridge und Baked Beans zu essen.

Warum denn bloß?

Aber die britische Forschung prescht weiter voran, um unser Leben lebenswert, unser Streben strebenswert zu machen. Wissenschaftlerinnen der University of Newcastle haben nämlich jetzt eine Studie mit bahnbrechenden Resultaten vorgelegt: erstes Ergebnis, für die Öffentlichkeit schon von beträchtlichem Interesse: Newcastle hat eine Uni.
Zweites Resultat – mit der unglaublichen Anzahl von 209 Freiwilligen haben zwei Neuro-Wissenschaftlerinnen erprobt, welche Farben Menschen spontan bevorzugen. Weltbewegende Erkenntnis: alle Menschen mögen Blau, aber Frauen mögen lieber rötliche (Pink-, Lila-) Töne, während Männer grünliche Schattierungen (Himmelblau, Türkis) bevorzugen. An diesem Punkt könnte man noch sagen: ganz interessant. Aber vollkommen absurd wird’s, wenn die Forscherinnen das Ergebnis interpretieren:


Ling speculates that the color preference and women’s ability to better discriminate red from green could have evolved due to sex-specific divisions of labor: while men hunted, women gatherered, and they had to be able to spot ripe berries and fruits. Another theory suggests that women, as caregivers who need to be particularly sensitive to, say, a child flushed with fever, have developed a sensitivity to reddish changes in skin color, a skill that enhances their abilities as the “emphathizer.” (Time)

…deshalb!

Hui! Cohu interpretiert das ganz anders. Meiner Meinung nach waren die Frauen in der Urzeit dafür zuständig, große Mammuts und Säbelzahntiger zu schlachten sowie Neanderthaler-Stämme zu jagen. Und dabei, so meine Vermutung, haben wir von unseren blutrünstigen Vorfahrinnen eine Vorliebe für rot – rot wie frisches, warmes, salziges MAMMUTBLUT! oder NEANDERTHALERHERZEN – geerbt. Während die Herren der Schöpfung für das Sammeln frischer, grüner Triebe für die Salatbeilage zuständig waren. Bei allem, was wir über die Arbeitsteilung bei den Vorfahren des Menschen wissen (nämlich: nicht viel, um nicht zu sagen: nix), könnte dies durchaus der Fall gewesen sein.
Cohu übrigens mag kein Pink. Aber auch kein Hellblau. Sondern den wunderschönen, warmen, appetitanregenden Farbton, der noch heute Ochsenblut heißt.

(Bilder: Wikimedia Commons)

Decline of a Nation: Dogstitution

Kann man diese Augen leihen?
(Bild: Wikimedia Commons)

In London wird im Oktober eine (amerikanische) Firma eine Filiale eröffnen, die den schönen Namen "Flexpetz" trägt. Es geht aber da nicht um den Verkauf von besonders flexiblen Tieren – man denke an sich windende Schlangen, Würmer und Schnecken, gelenkige Äffchen oder Gummibären – nein, vielmehr kann man bei der Flexpetz-Agentur stundenweise Hunde ausleihen.
(Cohu-Vertraute werden wissen, dass es sich dabei um ein Geschäftsmodell handelt, mit dem sich Cohu selbst schon lange selbstständig machen wollte. Das ganze scheiterte daran, dass mir das Risiko zu hoch war. Die Kunden hätten früher oder später davon Wind bekommen, dass aus den altersbedingt nicht mehr für den Service geeigneten Hunden köstliche koreanische Suppe gekocht und kuschelige Luxus-Handtaschen genäht werden, und dann wäre ich dagestanden, mit 300 süßen Welpen!).
Abgesehen davon, dass mich das Geschäftsmodell irgendwie an diese Geschichte im Stern erinnert ("Tagsüber Golden Retriever oder Pudel – abends Begleiter bis in den Park") ist das doch eine sehr löbliche Idee: so werden vielleicht einige Hunde davor bewahrt, in Haushalten zu landen, wo man sich eigentlich nicht ordentlich um sie kümmern kann, weil es nicht genug Zeit oder Platz gibt. Auch vermute ich, dass die Hunde darunter nicht leiden (wenn man charakterlich geeignete aussucht und sie nicht zu oft vermietet).
Aber der Guardian wäre nicht der Guardian, wenn er  es nicht hinbekäme, diesen neuen Service als Indiz für den nahenden Untergang zu deuten. 2382 Worte (ich habe nachgezählt) verwendet Stuart Jeffries darauf, uns – unter Zuhilfenahme eines Soziologen, eines Journalisten, eines Psychologen bis hin zu Freud und sogar eines Ökonomen – zu erklären, dass – o tempora, o mores! – keiner mehr Verantwortung übernehmen will, nicht mal für Hunde, und dass daran (wie könnte es anders sein) der Kapitalismus schuld ist…

Flexpetz is surely symptomatic of a new age in which commitment is on the wane and there is a great deal of money to be made from services that offer traditional pleasures without the pain of ownership. It’s one in which the commitment to owning and maintaining consumer durables (cars, handbags and – if it isn’t too ludicrous to put the next two under such a heading – pets and partners) seems just too much of a bother. (Guardian)

Dass es eventuell more of a bother ist, einen Hund von dieser sauteuren Agentur auszuleihen, als sich einfach einen Welpen zu kaufen und ihn auszusetzen, sobald er einem zu blöd wird, darauf  ist er allerdings nicht gekommen.  Würde aber auch nicht zur These passen…

Posted in Decline of a Nation, Freier Markt, Nichtmenschliche Tiere. Comments Off on Decline of a Nation: Dogstitution

Zeit verlieren

Posted in Aus Aller Welt, Politisches. Comments Off on Zeit verlieren

Ein offener Brief (und Bemerkungen über besonders aufschlussreiche Anagramme)

Liebe SZ,
dass Du von mir abschreibst, bin ich ja schon gewohnt. Aber jetzt: muss es wirklich sein, dass Dein Feuilletonist Ijoma Mangold mein Thema klaut und eine halbe Seite lang über typisch deutsche Redewendungen labert? Zufällig sechs Wochen nach meinem Hinweis auf dieses interessante Gebiet? Ha!
Und, liebe SZ, ich hätte ja gern auf den Artikel verlinkt, damit die Leser vergleichen können, wer zum Thema Phrasen den sprichwörtlichen Nagel besser auf den Kopf trifft. (Als Indiz für die Überlegenheit meines Textes erlaube ich mir, darauf zu verweisen, dass Herr Spinat oder wie er heißt den letzten Absatz einleitet mit "Resümierend lässt sich sagen:…" ). Aber direkt vergleichen können meine Leser nicht, liebe SZ, weil Deine Artikel nicht im Internet stehen, außer für "E-Paper-Abonnenten". Neben Herrn Prantls Kommentaren ein Hauptgrund, warum ich Dein Abo gekündigt habe.
Resümierend lässt sich sagen: Mangold hat Unrecht, wenn er annimmt, das Schimpfwort "Aso" sei verschwunden. Wenn er behauptet "Statt dessen ist  heute mit bewegter oder belegter Stimme vom Hartz IV-Empfänger die Rede", dann können wir uns gut vorstellen, dass dies innerhalb der SZ-Redaktion tatsächlich der Fall ist (Prantl wacht!), der Autor aber momentan zu wenig Erfahrungen außerhalb dieser Redaktion sammelt. Aso!

Nochmal zu einem anderen, aber immer noch durchaus sprachlichen, Thema: der Name des Autors – übrigens ein echter, kein Künstlername – hat mich schon immer fasziniert. Der Vollständigkeit halber hier noch einige Anagramme, die sich daraus bilden lassen:

NAJA, LOG IM DOM
DA LAG JIM MONO
OLGA, JA, IM MOND
MAG MAL JOD ION
LIGA AN DJ MONO
GNOM-AAL IM JOD
und:
JODL AMIGO MAN

Zu der Tätigkeit in der Journalistenausbildung passt übrigens bei Mangolds Kollegen Prantl sehr gut: BAER LEHRT PRINT. Und dass Du selbst, liebe Süddeutsche, bei einiger Buchstabenverschiebung aufforderst: DU GUTE, SEI CSU-HETZEND, kann doch kein Zufall sein?
Wer an Anagrammen aus seinem eigenen Namen (bei mir ergibt sich da z.B. der schöne Räuber-Imperativ TASCHEN HER – TON ZU!)  interessiert ist, finde diese entweder mit Hirnschmalz und gespitzem Bleistift, oder aber hier heraus.

(Bild: Wikipedia)