Quod licet jovi, non licet bovi

Frau B. wies vor kurzem auf die zeitlose Bedeutung von "Omasprüchen" hin, insbesondere auf das Exemplar "Messer, Gabel, Schere, Licht…". Es gibt wirklich schöne solche Sprüche, überhaupt ist Cohu eine große Freundin bildhafter Idiome und Sprichworte.
Jedoch: manche deutschen "Oma-Sprüche" (die natürlich auch Mama-, Papa- oder Lehrer-Sprüche sein können) strotzen vor hemmungsloser Autoritätsgläubigkeit, bitterem Fatalismus und menschenverachtender, ja geradezu schäubloiden, antiliberalen Verfassungsfeindlichkeit. Hier mal eine kleine Liste – Auswahlkriterium ist natürlich nicht, dass Cohus Oma sie geäußert haben muss, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie geschickt eine gewisse Überlegenheit des Äußernden, eine Abwertung des Adressaten und eine positivistisch-sozialdarwinistische Weltsicht ausdrücken. Das sind ja Qualitäten, die heute wieder modern werden, jetzt wo Diekmann die Achtundsechziger restlos entzaubert hat! Also, auf gehts, zurück in die 50er:

Es war ja nicht alles schlecht damals
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
– Langes Fädchen, faules Mädchen (der ist nun aber tatsächlich von meiner Oma)
– Wir waren ja froh, wenn wir in die Schule gehen durften
Da muss mit eisernem Besen gekehrt werden!
Kinder soll man sehen und nicht hören
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! (ca. ab den 80er Jahren wurde dieser Spruch abgelöst von:)
Wer zu krank für die Schule ist, ist auch zu krank zum Fernsehen!
– Große Buben weinen nicht. Große Mädchen machen sich nicht schmutzig.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt (und wo wir schon beim letzteren sind:)
Solange du Deine Beine unter meinen Tisch streckst….

Und, mein persönlicher Lieblingsspruch:

– "Halt den Mund, wenn Du mit mir redest!"

Ich finde, sowas sollte man auch an die nächste Generation weitergeben. Sind doch eh alle so schlecht erzogen, diese Racker, immer mit dem Handy die MVV-Fahrgäste belästigen, mit ihrem Peking Pension oder wie die heißen, die jungen Herren. Ich habe ja, als ich jung war, noch den schönen Spruch beherzigt "Aus dem Walkman tönt es grell / Den Nachbarn juckts im Trommelfell." – naja, wenn ich einen gehabt hätte, einen Walkman. Hatten wir ja alles nicht!!!

6 Responses to “Quod licet jovi, non licet bovi”

  1. Marc Says:

    Nur ein kleiner unmaßgeblicher (aber weit abschweifender) Gedanke zu diesem tatsächlich erbaulichen feinen Posting. Diesen Satz "Solange Du Deine Beine unter meinen Tisch streckst…" hat doch dieser DonnaAlphonsendingsbums in der Neuzeit schlichtweg in "Solange Du Deine Worte in meinen Blog schreibst…" abstrahiert.Mit anderen Worten. Auch die alten Dinge haben Bestand, allein in einem neuen Gewand kommen sie daher.P.S. Das mit dem nicht vorhandenen Walkman nehme ich Ihnen nicht ab. Den hatte ja sogar schon ein so alter Sack, wie ich!

  2. cohu Says:

    Den Herrn Alphonso lese ich ja kaum (bin selbst schon cholerisch genug), aber schön und bewundernswert, wenn er die alten Traditionen bewahrt. Silberbesteck, Porzellangeschirr, Überzeugung von der Verkommenheit derer, die nachkommen: da passen einige der obigen Sprüche atmosphärisch gut dazu. Überhaupt tolle Einstellung, so manichäisch, der DA.Ich hatte nicht nur einen Walkman, sondern sogar einen (noch nervigeren) Gameboy. Man muss manchmal lügen, für die Kunst.

  3. Helga Says:

    "Halt den Mund, wenn du mit mir redest" ist großartig! Aber die Tisch und Beine Korrelation war in meiner Generation noch weit verbreitet;-)

  4. Anonymous Says:

    Mein Vater sagte immer gern auf mich bezogen: Wer nicht arbeitet, soll wenigstens gut essen.

  5. Marc Says:

    Gewagt! Wurde dem Kerl, der seine Thesen – wie man behauptet – an der Wittenbergschen Schlosskirchentür anschlug nicht auch nachgesagt, er sei manichäsitisch?! Diese eventuelle Korrelation würde Donna, den einzig wahren Auserwählten, sicher nicht sehr freuen.

  6. Oweh Says:

    Ach ja, die guten Aufkleber in der S-Bahn und der Hürlimann. »Die gute alte Zeit!« Und »Quod licet jovi, non licet bovi« hat mein Vater auch immerzu gesagt. Allerdings schon als Zitat von seinem Vater und so mit einem Augenzwinkern. Als Kind denke ich, die Welt ist alles, was ich selbst bin. Um Ratschläge zu geben bin ich meistens zu beschäftigt mit dem Nachdruck für die Wunscherfüllung. Als Jugendlicher, also von 12 bis tief in die 20, glaube ich, die Welt schon komplett durchblickt zu haben. Aber weil ich erkannt habe, dass sie schlecht ist und verrottet, gebe ich auch keine Ratschläge. Wem denn? Sind doch alles Nieten. Dann bin ich ein paar Jahre mit dem Aufbau der Karriere beschäftigt. Und weil Lehrjahre eben keine Herren… Naja, wieder nix mit Ratschlägen.Dann springt mich plötzlich die Familie an, es entstehen Menschen, die anscheinend noch bodenloser sind in dieser Welt und ich erinnere sich an erlernte Verhaltensweisen und gebe Ratschläge bis der Watschenbaum umfällt. Mein lieber Freund & Kupferstecher! Aber dann kommt das Großelternalter. Ich bin aus der direkten Verantwortung raus und kann nach Herzenslust meine Weisheiten weitergeben. Was ich auch hemmungslos tue, denn das junge Gemüse hat ja eh noch nichts geleistet, denen muss man schon mal sagen, wo es lang geht. Ich glaube, um die Weitergabe von Benimmregeln muss man sich keine Sorgen machen. Denn es führen sich viele Alte wie Sokrates (angeblich) auf. Zur Zeit allerdings nicht so arg, denn wenn Mutter und Tochter die gleichen Klamotten anziehen und in die selben Clubs gehen, Vater und Sohn das gleiche Auto und ähnliche Aktienportfolios haben, tut man sich schwer, einerseits aus dem Jugendwahn heraus, oder in die neue Sittsamkeit hinein, wie ein Altvorderer zu erscheinen.


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