Decline of a Nation: Gleichheit im Unrecht

Wer sich über unseren tapferen, wenn auch etwas paranoiageplagten, Innenminister täglich wieder neu aufregt, sollte sich – sozusagen zur Relativierung – mal ansehen, was auf den Inseln hinsichtlich Bürgerrechte so läuft. Dagegen ist unser Wolfi ein, äh, Schafi…
Über den CCTV-Wahn hatte ich schon mal berichtet. Jetzt fordert ein führender Richter – der mit seiner Perücke und seinem Kassengestell übrigens verdächtig nach Monty Python’s Flying Circus aussieht – dass ab jetzt von allen Briten, und allen, die nach Großbritannien einreisen, DNA-Proben genommen und gespeichert werden sollen:

"Everybody, guilty or innocent, should expect their DNA to be on file for the absolutely rigorously restricted purpose of crime detection and prevention." (BBC News)

Begründung: bis jetzt werden die DNA-Proben von Verbrechern und von Leuten gespeichert, die niemals eines Verbrechens schuldig gesprochen, aber von der Polizei verhaftet worden waren. Darunter sind dann aufgrund von Polizeimethoden eine überproportional hohe Anzahl von Menschen, die einer ethnischen Minderheit angehören. Das findet der RIchter ungerecht…die einzige Option ist seiner Meinung nach nun die Ausweitung der DNA-Datei auf alle.
Schönes Argument. In den USA ist es ja seit Jahrzehnten ein Streitpunkt, dass (proportional gesehen) wesentlich mehr Afroamerikaner der Todesstrafe anheimfallen als Weiße. Um da mehr Gerechtigkeit einkehren zu lassen, schlage ich – Richter Sedley folgend – vor, dass man einfach präventiv alle U.S.-Amerikaner der Giftspritzenbehandlung unterzieht. Damit, wie der Bayer sagt, a Ruah is!

(Bild: Wikimedia Commons)

Nach Art der Köhlerin

Auf der Suche nach einem tröstenden Spaghetti-Carbonara-Rezept für diesen verregneten Abend bin ich auf dieses hier gestoßen. Am besten finde ich den ersten Satz:
"Die Eier möglichst ohne Schale in eine große Schüssel geben."
Möglichst?
Ich gebe mein Bestes!

Decline of a Nation: Jubiläubsedition und: Euch gehts wohl zu gut!

Es ist heute exakt das 100ste Mal, dass Cohu Euch an dieser Stelle Beweise liefert für den langsamen aber sicheren Untergang des einstmals so stolzen Vereinigten Königreichs. Da gab es – neben 93 anderen Vorfällen – grabbelnde Profs in Cambridge und den "mysterious bottom pincher" in Oxford, alkoholisiert auf Bäume kletternde Studenten, Werbeverbot für Käse, grottenschlechte Witze sowie Mikrowellen-Baked-Beans.
Aber was bin ich Euch immer schuldig geblieben? Richtig: eine Erklärung dafür, warum es mit Großbritannien derart steil bergab geht. Die lieferte  – gottseidank rechtzeitig zur Jubiläumsedition – der Kommentator Jeremy Seabrook im britischen Fachblatt für Thatcherbashing und Vollkornplätzchen, dem Guardian. Haltet Euch fest, denn die Antwort ist näher liegend als gedacht und erklärt so einiges:

"Proposed remedies to cure our ailing society are vacuous because no one wants to admit the real problem: economic prosperity.(…)
When confronted by gun and knife culture, the excesses of substance abuse, addictions, social and family breakdown, extreme individualism and the exorbitant rewards that co-exist with extreme poverty, a collusive consensus exists to shield these phenomena from their cause. And the economy has "performed" extremely well for the past 15 years.(…)
The government is bound to deny any connection with the health of the economy and the sickness of society. That these may be intimately linked, not only at times of insufficiency and misery, but at times of prodigious wealth-creation and excess, is the taboo which prevents a more rigorous examination of that most lasting of relationships, the one between economy and society. (Guardian)"

Aha: Messerstecher, Drogensucht, Individualismus: alles hat seinen Grund im wirtschaftlichen Erfolg der Insel, erklärt uns Herr Seabrook. Den Briten gehts einfach zu gut! Und warum ist das gerade jetzt ein Problem?

"No longer schooled to the relentless rhythms of loom and lathe, of machine and mechanism, the iron rules of control have been swept away.
The removal of industrial disciplines also does away with restraint, self-control, limits on what we may and may not have in this world. It also uncovers some distinctly undesirable desires – instant rage and jealousy, an inability to tolerate being thwarted, a morbid desire for the unattainable."

Ganz klar: weil der heutige Unterschichtsbrite nicht mehr wie noch vor hundert Jahren an den Webstuhl oder die Dampfmaschine gekettet ist, wird er sauer, eifersüchtig und will Dinge, die er nicht kriegen kann. Wahnsinn und Kriminalität sind die notwendige Folge. Schuld ist (ich glaube, ich muss es an dieser Stelle nicht noch weiter ausführen), der freie Markt; er macht die Menschen zu Monstern, sogar Engländer, die ja sonst bekanntermaßen eines der zartbesaitetsten, friedlichsten, zurückhaltendsten und natürlich schönsten Völker auf Gottes weitem Erdenrund sind.

So weit, so gut. Aber was können wir aus diesem Zusammenhang für Deutschland lernen? Zunächst mal: dass die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland nicht so gut läuft, ist erstmal super. Ohne Verwicklung in den freien Markt – und das sehen wir da drüben ja jeden Tag – bleiben die jungen Männer Sachsens brav wie die Lämmer. Auf Dauer kann das natürlich nicht so gehen, hey, es ist ja teuer, dieses sozialistische Quasi-Paradies da drüben zu erhalten. Aber wie wir von Großbritannien lernen, sollten wir auf keinen Fall zulassen, dass da drüben Jobs entstehen, die den jungen Herren noch Zeit für kriminelle Aktivitäten lassen (ich denke da etwa an Call-Center. Naja, die sollte man auch aus anderen Gründen von Sachsen freihalten). Man müsste also eher sowas fördern, da fehlt dann einfach die Energie für Unfug. Danke für den Tipp, Herr Seabrook!

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Aua

Momentan herrscht bei mir eine ausgeprägte Neigung zur Automutilation. Allerdings vollkommen unabsichtlich, was ja dann eigentlich sogar noch blöder ist, oder? Schwungvolles In-Schreibtischschubladen-Rennen und Halbe-Daumen-Abschneiden, sowas in die Richtung passiert hier ständig. Quasi Pflasterverbrauch eines Hämophilen ohne Faktor VIII, im Hause Cohu. Was würde Freud dazu sagen – Thanatos lässt grüßen. Wenn ich mich nächste Woche an den Strand lege, wird sich ob meiner blauen Flecken ein aufgebrachter Mob um die IT scharen. (Oder auch nicht, wir fahren ja in die Türkei. Höhö, der musste sein)
Jedenfalls: bald hab ich Geburtstag!

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Aufg’merkt!

Das finde ich wirklich mal beruhigend. Unsere Justizministerin Merk weist im Zusammenhang mit den unseligen Onlinedurchsuchungen darauf hin:

Dabei müsse der Öffentlichkeit jedoch deutlich gemacht werden, dass es auch aufgrund der technischen Möglichkeiten nur um Durchsuchungen bei schwersten Delikten wie Mord, Terrorakten oder Kinderpornografie gehe. (DLF)

Cohu fiel beim Hören dieser Nachricht fast aus dem Bett, vor Freude natürlich. Denn wenn es bei den Untersuchungen, sozusagen per definitionem Merkii, immer schon vorher feststeht, dass es einen Mord, Terrorplanung oder Kindesmissbrauch gab, kann man sich ja weitere Untersuchung, und eigentlich auch einen langen Prozess, sparen, und den Onlineuntersuchten direkt ins Gefängnis stecken. Mei, was man da an Steuergeldern sparen kann!

Cohus Bekenntnis

Im Glashaus

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Cohu sich für das neue Glasfenster im Kölner Dom begeistern kann. Ich, die zertifiziert quasi-anarchokapitalistische LinksparteiSatanistin!

Es hat mich dann doch beruhigt, dass der Kardinal Meisner das Fenster doof findet, weil er lieber eine schöne Maria g’habt hätte mit einem Jesuskindlein, oder ein Kruzifix incl. Heiland (oder vielleicht, zur verschärften Distanzierung von Konkurrenzveranstaltern, Ecclesia und Synagoga oder ein paar Muselmänner). Aber es kam anders, und es gefiel Cohu, aber ach… katholisch, katholisch is dees need!

Decline of a Nation: Lost in Transplantation

Das öffentliche Gesundheitssystem auf den Inseln: immer wieder liefert es traumhafte Geschichten für Cohu’s Lieblingsrubrik. Diesmal – die BBC berichtet – geht’s um eine Hornhaut, die für die Transplantation gedacht war. Äh, nicht vom Fuß, sondern vom Auge. Die Kornea, wie der Fachmann sagt, lag jedenfalls tatenlos über Nacht auf einem Busbahnhof herum, statt schnellstens zum Transplantats-Empfänger geliefert zu werden. Lustigerweise werden in Großbritannien menschliche Ersatzteile anscheinend schon seit Jahren über den öffentlichen Personenverkehr (d.h. Überlandbusse) befördert, und wenn der Busbahnhof geschlossen ist, muss der Transplantatsempfänger warten…Vielleicht sollte man das ganze nochmal überdenken, schließlich gibt es auch andere Methoden, um Augen zu transportieren, die wesentlich zuverlässiger sind.
Wenn man sich übrigens dieses Google-Suchergebnis ansieht, drängt sich insgesamt der Verdacht auf: das Erlebnis NHS muss man sich ungefähr so vorstellen, wie wenn bei uns die Bahn, die Telekom und die Post gleichzeitig für das Gesundheitswesen zuständig wären.

(Bild: Wikimedia Commons)

Durch Fehler zum Fortschritt

 Von wegen!
(Bild: Wikimedia Commons)

Meine Leser sind ja erfahrungsgemäß derart gebildet, dass ich mir sicher bin, dass jeder von ihnen die Lebens- und Wirkungsgeschichte des "Deutschen Darwin", Ernst Haeckel, aus dem Effeff kennt. Ich dagegen musste erstmal seinen Wikipediaartikel lesen.
Wie schade, dass dieser Haeckel – eigentlich einer der interessantesten Geistesmenschen in der deutschen Geschichte  – aufgrund seiner unschönen Verwicklung in das Aufkommen von "Eugenik" (im nationalsozialistischen Sinne) und Sozialdarwinismus – fast vollkommen in der Versenkung verschwunden ist. Insbesondere seine Rezeptionsgeschichte ist interessant, denn nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern auch die Nazis und sogar die Anthroposophen (!) fanden ihn toll, und wer kann das schon von sich behaupten? Der momentan vergötterte Humboldt jedenfalls nicht, wenn er auch zugegebenermaßen etwas sympathischer wirkt als Haeckel.
Was ja nur wenige wissen, und damit komme ich zum Anlass dieses Textes, ist, dass Haeckel der Meinung war, es gäbe verschiedene Arten (i.S.v. Spezies) des Menschen. So gehört nach Haeckels Einteilung z.B. die Autorin zur Gattung homo eranoides, denn sie ist ein Lockenhaarmensch, mit einem "Mittelkopf" (als "schiefzähniger Langkopf" lasse ich mich dann doch nicht beschimpfen), Grundton hell, und ist damit ein Mitglied der Spezies euplocamus mediterraneus. Die zwölf verschiedenen Menschenarten nach Haeckel findet man in seiner "Natürlichen Schöpfungsgeschichte" in dieser übersichtlichen Tabelle.
Haeckel würde vermutlich in seinem schmucken Grab rotieren, wenn er wüsste, was die heutigen Humangenetiker (ganz zu schweigen von den Anthropologen) so treiben, denn heute sind die mehrheitlich der Meinung, dass es nicht mal Menschenrassen gibt, und schon gar keine Arten. So kann man sich täuschen, lieber Herr Haeckel! Die Entwicklung ist natürlich Wasser auf Cohus anti-essentialistische Mühlen, aber trotzdem: Wissenschaftler, die Unrecht hatten, sind doch viel interessanter, als die, die sich letztendlich durchsetzen. Denn der Fortschritt lebt – wie wir seit Popper wissen – von der Falsifizierung. Na, zumindest, bis jemand den Popper falsifiziert.
Ich rufe jedenfalls hiermit den Haeckel zum neuen Humboldt aus. Und als nächster ist Rudolf Virchow dran, der hat sich nämlich auch einige spannende Irrtümer geleistet!

Visualisierung: nein Danke

Mindmap, die: graphisch-textuelles Mittel aus der Gattung der Verständnisverhinderer (decomprehensia). Mit einer M. gelingt es, komplexe Zusammenhänge, die dem Darstellenden verstandesmäßig nicht zugänglich sind, so darzustellen, dass die intellektuelle Erfassung in noch weitere Ferne rückt. Der Weg von der M.  zum ->Fließtext ist – nach einer überlieferten Volksweisheit – in etwa so steinig wie der von Kandahar nach Kabul. M. werden hauptsächlich empfohlen in Büchern mit Titeln wie "Lernen lernen für Dummies", "Der Neuronen-Faktor", "So werden Sie fit im Kopf" und "Steigern Sie ihr geistiges Potential – die Visual-Cognition-Methode."
Dagegen bin ich ja ein großer Freund der Flow Chart, hier etwa ein Exemplar, das einem bei der Entscheidung für oder gegen ein Vista-Upgrade helfen soll.