Wer ist hier der Chef?

Cohu hat sich, in Anbetracht des nahenden Jahreswechsels und ihrer Abneigung gegen elektronisch gestützte Terminplanung, heute einen ganz ordinären paper-based-Kalender gekauft. Hab von den Moleskines, Bindewerk – Produkten und sonstigem kostspieligen, befilzten und belederten Tand  abgesehen. Nein, natürlich nicht, weil ich übertrieben sparsam wäre (keinesfalls!), sondern lediglich, um mich bewusst von den "Schriftstellern und Intellektuellen der letzten 200 Jahre" sowie von "Originalität, Qualität, Individualität, oder Exklusivität" abzusetzen. Als alte Anarcholiberale, die Schrifstellerei verachtet, Intellektuelle hasst, Traditionen (insbesondere 200-jährige) prinzipiell ablehnt, Originalität verspottet, Qualität meidet, Individualität entgegenzuwirken sucht und Exklusivität aus der Tiefe ihres Herzens hasst (außerdem mag ich diese Moleskine Gummibandtl nicht!), habe ich mir stattdessen für zweifuchzig beim Karstadt einen schlichtes Kalenderbuch geholt namens – man höre und staune – "Chefkalender." Es gab Familienkalender, Handwerkerkalender, Mondkalender, Arztkalender und sogar Akademikerkalender, aber der gefiel mir am besten.
Beim Durchblättern meines alten Notizblocks habe ich übrigens viele amüsante Einträge gefunden, darunter auch, einmal im September: "Bild lesen!". WTF???? Daneben ein Kastl zum Durchstreichen, das gottseidank unbefleckt war…

The Decline Of A Nation: Auswanderer

Wer, um alles in der Welt, würde davon träumen, ausgerechnet nach Deutschland auszuwandern? Der Heimat von Kuckucksuhr, Dieter Bohlen und Holocaust?  Insbesondere, wenn er nicht aus einem Drittweltland kommt, kein verfolgter Dissident ist und zuhause eine Arbeitslosenquote im natürlichen Bereich sein eigen nennt? Der zudem heute noch die Worte “Blitzkrieg” und “Stahlhelm” in seinem Sprachschatz trägt?
Es muss wohl jemand sein, der aus einem Land stammt, in dem es kein einziges wirklich schließendes Fenster gibt und keine funktionierende Tür. In dem Krebspatienten ihre Medikamente illegal über das Internet bestellen müssen, weil sie sie nicht verschrieben bekommen. Wo einer von 300 Patienten (!) aus Pfuscherei im Krankenhaus stirbt, jemand aus dem fettesten Land Europas mit den unverschämtesten Schratzen.
Ja, es muss ein Brite sein! Besonders München ist laut SPIEGEL Online ein beliebtes Ziel der Auswanderer. Bei “toytown munich” habe ich nachlesen, wie es sich für die (oft britischen) Zuagroasten hier anfühlt – sie haben deutsche Lieblingswörter und sie hassen deutsche Supermärkte. Sie erklären mir die neue Absolut-Werbung, die ich bis jetzt ehrlich gesagt nicht kapiert hatte… und ein britischer Neu-Neuhausener schreibt in einem Thread namens “Perpetual Complaints about Germany” sogar:

“You really cannot compare the UK to Germany. I have lived in England, both away from and in London, and Germany is 100 times better. The only reason you could pick the UK over Germany is if you had family there. The quality of life here is far superior. I would go as far as saying that that is a fact.” (toytown germany)

Reizend! Solche Briten werden gerne integriert. Wer jetzt neben dem Linksverkehr noch Gründe sucht, Großbritannien zu verlassen, lese bitte hier nach.

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Ich habe einen Traum

Jedesmal, wenn Cohu durchgefroren, mit Tüten voller Essen und Flaschen voller Trinken bepackt in das Vestibül ihrer bescheidenen Heimstätte in München-Maxvorstadt tritt, stellt sie fest, dass es drinnen ziemlich viel wärmer ist als draußen. Im ungünstigen Fall beschlägt ihre Brille schon einige Sekunden vor dieser Feststellung auf das Vehementeste, im Günstigsten Fall hat sie es trotz morgendlicher Faulheit geschafft, vor dem Einkaufen die Linsen in die Augen zu popeln. Aber selbst dann: wo hin mit dem ganzen Zeug? Erstmal werden die Viktualien strategisch günstig in der Miniatur-Küche und der Mantel auf dem Bett fallengelassen. Doch jetzt stellt sich die alles entscheidende Frage: wohin mit Mütze, Handschuhen und u.U. sogar noch einem Schal? Jedesmal, wenn Cohu sich in dieser Situation befindet, wünscht sie sich auf das Sehnlichste einen galanten Diener, der alles auf einem Silbertablett drapiert und dann dezent aus dem Raum geht diesen Böppel von Ikea (siehe Abb. ) namens BLIMP Wandaufbewahrung. Besitzer eines solchen Böppels beneide ich, bzw. ich benitte sie, wann ich sie kännte. Ich habe einen Traum: eines Tages werde ich in ein IKEA-Möbelhaus treten. Und es als Besitzerin eines BLIMP-Böppels wieder verlassen. I say to you today, my friends, so even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream.

(Bild: IKEA)

Decline of a Nation: You Gimme Fever

Einst war Großbritannien das Haupt eines weltumspannenden Empires, eine stolze Seefahrer- und Eroberernation, der Kristallisationskern der industriellen Revolution, die Wiege parlamentarischer Demokratie und des Empirismus sowie des Utilitarismus, anregende Heimstätte für Shakespeare, Händel, Constable, Wilde und Spotted Dick. Später überlebte man Dinge wie die IRA, Thatcher und die Spice Girls.
Und heute? Tony Blair – und von da an ging’s bergab, würde die Frau von Söttingen sagen. Es lässt sich die britische Regierung nämlich vom mickrigen Klimawandel ins Bockshorn (in Form eines Stern Review) jagen und zu allem Überfluss auch noch von meiner IT beraten, was “large rises in sea-level” angeht. So tief sind sie gesunken, fast schon unter Meeresspiegelniveau sozusagen, bevor die Polkappenschmelze überhaupt richtig eingesetzt hat!
Aber, zugegeben, wie man in Deutschland auf die Sache (“Die Erde hat FIEBER! Die Erde ist krank!”) reagiert hat, nämlich mit spontaner Totalabschaltung,  ist auch etwas hysterisch…

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As time goes by

Ist der Kunstparkt-Ost-Flohmarkt wirklich weg? Vollständig aufgelöst? Das gibts doch nicht. Oh oh oh… [wehklagend verlässt Cohu die Bühne]

Decline of a Nation: Korrumpierende Inselschönheit

Wenn vornehme Zurückhaltung, Anstand, Klugheit, sorgsam gekämmtes Haar, dezentes Make-Up, eine wohlbedeckte Büste und ein Teint, so makellos wie der eigene Ruf, in einer Person zusammentreffen, dann muss es um eine prominente Britin gehen!
Ganz schön rabiat, wie sie sie bei "Miss Great Britain" gleich durchgestrichen haben, die Arme.
(Für die Männer oder selbstverständlich auch die Frauen: die Website der Dame. Sie trägt sozusagen britische Tracht, daher nur bedingt "safe for work")

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Sprachliche Nachträge

Drei Sachen, in chronologischer Reihenfolge.

Erstens: Auf der Rückfahrt aus Österreich, auf der Straße zum dann sich leider als gesperrt herausstellenden Fernpass, sah ich ein Schild mit der Aufschrift: "Lawinenstrich". Ich kenne – man liest ja Zeitung – einiges: Straßenstrich, Babystrich, Bahnhofsstrich – aber was soll ein Lawinenstrich sein? Müssen wir uns hier eine sexuelle Perversion vorstellen, die sich auf Schneemassen bezieht? Oder auf das drohende Erwischtwerden von der Lawine beim Ge-Vau? Ist das mit der "Lawine" vielleicht übertrieben (so wie "Baby", "Straße" und "Bahnhof", wo es doch in Wirklichkeit um "Teenager", "Rückbank" und "Bahnhofsklo" geht) und es sind nur kleine bis mittelgroße Schneebälle involviert? Aber die brennendste Frage: warum stellen die Tiroler dafür ein Schild auf? Ist das etwa erlaubt? Tsk.

Zweitens: die U-Bahn-Dame sagt jetzt "Sendlinger Tor" endlich richtig. Die SWM lesen Münchenblogger.

Drittens: diese Firma stellt u.a. kleine München-Buttons her (gesehen beim Breitengrad in der Schelling, nicht im Internetz). Auf denen steht "Minga – I moag [sic] di".
Welche Lehre ziehen wir daraus? Von einer Firma, die das gleiche Graffel für Hamburg und sogar Berlin (!) macht, kauf ich doch sowas nicht. Zumal die Aussage eine offensichtliche Lüge ist. Ich weiß gar nicht, wer mich mehr hasst, "Minga" oder Berlin. Beide Städte haushalten sehr gezielt mit ihrer Zuneigung (ja, in der Hinsicht kann sogar Berlin haushalten!). Und kennt ihr eigentlich irgendeinen Münchner (nicht aus Landshut, Erding oder FFB zugezogen oder im Volksmusik- oder Trachtenbereich tätig), der Minga sagt?

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Ja in den Bergen wohnt die Freiheit / In den Tälern wohnt der Schicki-Micki

 
Tiroler fressen mir aus der Hand

So, Tirol hätten wir auch überstanden. Sehr erholsam! Berge, Berge von Essen, und Berge von Geschenken (exemplarisch: eine schöne Robert Gernhardt-Gesamtausgabe, eine Aluminiumkasserole, und ein Riesen-Coffeetablebook mit allen Cartoons des New Yorker, und noch ganz viele andere Sachen). Danke auch für die zahlreichen Gratulations-SMS und -Kommentare.
 Nur gegen Ende wurde es dann ganz schön kalt und schneelastig, und bei einem Talbesuch in Ötz (der Hunger trieb uns nach unten) sind wir in ganz komische Kreise geraten. Nur so von der Anmutung her, ich will nichts unterstellen, kam man auf die Idee, dass hier der Schnee nicht nur unter den Reifen der Geländewagen knirscht. Ganz im Gegensatz zur Vorstellung unseres Mannes in New Haven waren die Schicki-Mickis keineswegs ausgestattet mit (Zitat) "Edelweisstattoo am Oberarm und Polo-Ralph-Lauren-Holzfällerhemd" sondern vielmehr schwarzen Anzügen (!), gelverstärkten Haaren, pashminabehängten Damenschultern, feinen (?) "Drinks", es hatte gar eine dezente Diskokugel und vor allem wahnsinnig laute, u.a. volkstümliche Musik, die uns das Essen zu einer wahren Freude machte. Im Il Giardino sind die 90er noch nicht zuende gegangen und werden das auch eine Weile lang nicht tun, daher wohl die deutliche Alkoholisierung rauschhafte Stimmung von Wirtin und Gästen, die hoffentlich das Morgenlicht bzw. das Fin de Siècle nicht so bald bzw. wenigstens nicht so bewusst erleben werden. Heisser Geheimtipp für Zeitreisende mit akustischer Toleranz!

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Über alle Berge

Falls einer fragt, ich bin für ein paar Tage in Tirol, wo ich Halloween, Reformations- und Geburtstag feiern werde. Und, nicht zu vergessen, Allerheiligen. Übrigens super Idee, einen Feiertag für sämtliche Heilige zu machen, also sehr effizient, und wenn man an dem Tag ausreichend gedenkt, hat man alles abgedeckt an Heiligenverehrung.
Warum feiert man nicht auch alle Geburtstage an einem Tag? Wie wärs mit “Allgeburtstag” am 15. Juli, da ist es schön warm. Große Party, jeder kriegt ein Geschenk, und man kommt nicht mehr mit den ganzen Daten durcheinander. Allerdings: wenn man den Tag dann auch noch vergisst, ist es wirklich blöd…

Onomatopoeia

Gibt es ein Wort, das klanglich besser zu seinem Denotat passt als Lesbentrommelgruppe? Ich glaube, bis auf Pfandflaschenautomat (man kann die Flaschen mit einem blecherenen Hall und ein wenig Zischen verschwinden hören) fällt mir keines ein. Deutsch ist schon was Tolles.
Wie ich gerade sehe, gehört die Lesbentrommelgruppe außerdem zu den wenigen Ausdrücken, die nur einen einzigen Googlehit hervorbringen. Äh, also jetzt sind es dann alsbald 2.
Sichere mir hiermit den Romantitel Die Lesbentrommel. Das surreal-groteske Werk wird mich bei seinem Erscheinen im Alter von 32 Jahren schlagartig berühmt machen; erst gegen Ende meines Lebens werde ich zugeben, in meiner Jugend Mitglied der Landshuter JU gewesen zu sein.

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