Begegnung mit dem Bösen

Was macht man an einem ungemütlichen, einsamen Freitag dem Dreizehnten? Richtig – man wirft einen Blick auf die Dunkle Seite…einen Blick auf die Abgründe der Zivilisation, auf den Schrecken, ja – auf das Böse selbst. Letzteres ist bekanntlich banal, der Weg zu ihm führt daher estmal in den Tengelmann. Man weiß, man ist auf dem richtigen Weg, wenn schon die Kassiererin beim Einscannen fragt: "Igitt! Wollen Sie das echt essen – das sind ja…iiiiiih!"

[An dieser Stelle hat sich der Leser einen Soundtrack vorzustellen, in etwa so wie Track 17]

In Salz- und Essiglake eingelegte gekochte Eier. Simpsonsfans werden sie aus Moe’s Bar kennen, wo sie wohl schon seit den siebziger Jahren in einem großen Glas auf der Theke stehen. Soleier sind in unserer entfremdeten Zivilisation der Inbegriff des Abstoßenden – das kann man schon daran sehen, wieviele Hundertschaften von verwirrten Teenagern Videos von "Pickled Egg Challenges", also Soleier-Mutproben, auf die Tube stellen. Diese Dinger müssen ja geradezu unvorstellbar widerlich sein – aber wir lassen uns nicht abschrecken, so schlimm wirds schon nicht werden (bei der chinesischen Variante kneifen ja sogar die Furchtlosesten!).  Aber gut, das kommt natürlich für Cohu nicht in Frage. Nach kurzer Geruchskontrolle flugs eins der Eier rausgeholt – ich hatte ja eher so eine wabbelige Kuh-Augapfel-Konsistenz und -Größe erwartet…

…aber das Ei ist erstaunlich fest und sehr klein. Vermutlich die gleiche optische Täuschung, die Fische, durch die Wasseroberfläche betrachtet, ein gutes Drittel größer aussehen lässt, als sie es tatsächlich sind (sog. Hemingway-Effekt). Aber nun zum Entscheidenden:

Hm. Ein ganz normales, allerdings sehr bissfestes, gekochtes Ei, das ein wenig nach Essig schmeckt. Etwa so, als hätte es ein paar Stunden in einem Kartoffelsalat gelegen.
Das Böse ist in der Tat sehr banal. Fazit: harmlos, aber teuer. Fünf Eier kosten nämlich etwa sechs Euro. Aber das ist auch schon das Schrecklichste an ihnen.

Mei, diese Hitze…

Nicht verzagen: morgen macht die Ballabeni auf.

Plötzlicher Sinneswandel

Cohu hatte bis jetzt eigentlich nie das Bedürfnis, die Stadt Bern zu besuchen. Seit ich aber (wohlgemerkt innerhalb von 2 Tagen…) den Vorrat an Trüffeln aufgebraucht habe, die mir die IT dankenswerterweise von der dort ansässigen Confiserie Läderach mitgebracht hat, ist das anders.

Ich glaube, ich muss unbedingt mal ganz dringend in der nächsten Zeit so bald wie möglich und unverzüglich, unaufschiebbar und unabwendbar nach Bern.

[Inwiefern eigentlich diese schweizer Firma mit dem gleichnamigen deutschen Unternehmen zusammenhängt, ist mir nicht ganz klar…]

(Bild: Wikimedia Commons)

If life throws you lemons

Was um alles in der Welt macht man mit einer "Konfitüre aus grünen Zitronen"? Möglichkeit 1: Gebäck mit einem Mandelmürbteig. Passt gut zum Tee. Für weitere Vorschläge bin ich dankbar, wie auf dem Foto sichtbar, ist das Glas noch so gut wie voll. Aufs Brot essen kommt nicht in Frage, da die Konfitüre für meinen Geschmack pur etwas zu bitter ist. Dafür duftet sie ganz köstlich. Erstaunlicherweise ein wenig nach…Lavendel? Die Jahre als Raucher haben wohl doch aromatische Schneisen geschlagen.

Die deutsche Hausfrau im Advent

Für Frau B.’s Sammlung:

So einen schönen Kranz kann man natürlich nicht kaufen, den muss man sich innerfamiliär in hausfraulicher Handarbeit basteln lassen. Auch nur durch Handarbeit zu erlangen ist der mit Maroni und Feta im Ofen gebackene Kürbis (Piment! Frisch gemahlen…ein Zaubermittel).

Aber es kommt noch besser.

(Am Bildnamen sieht der aufmerksame Leser, wie die bei Cohu heißen. Wer aus patriotischen Gründen was dagegen hat, kann ja jetzt, wie von einer internationalen Blümchenschürzenträgerin so treffend beschrieben, ein bisserl rumgrantln).

Brot für die Welt

Zu globaler internetziger Berühmtheit ist inzwischen das knetfreie Brot des NYT-Kolumnisten Mark Bittman gelangt (der es wiederum von der Sullivan St. Bakery adaptiert hat). Wer sich von einem Rezept von “The Minimalist” ein, naja, wirklich minimalistisches Brot erhofft, dürfte nicht ganz so begeistert sein, wenn er feststellt, dass das No-Knead-Brot:
1. mit Hefe gemacht wird (manchen gelingt sie immer, wie z.B. der in dieser Hinsicht sehr glücklichen Cohu, andere haben da irgendwie eine schlechte Aura…)
2. 18-20 Stunden, und dann in der Form nochmal 2 Stunden, gehen muss und
3. dass man einen gusseisernen Topf dafür braucht, in dem das Brot gebacken wird.

Es geht noch einfacher. Bei meiner Expedition nach Doolin war ich im “Sommer” ganz hingerissen vom Irish Soda Bread, das uns unsere B&B-Wirtin jeden Morgen frisch gebacken zum Frühstück reichte (in der Variante “Spotted Dog”, d.h. süß mit Rosinen), und das in der schlichten, leicht salzigen Version auch in den diversen Pubs dieses Landstrichs gerne zum Stew serviert wird. Der Geschmack ist schlecht zu beschreiben – Brot mit leichtem Brezenaroma? Das liegt, vermute ich jetzt mal, am Baking Soda, zu deutsch Natron, das der Ire in Kombination mit Buttermilch als Backtriebmittel verwendet. Die Konsistenz ist saftig-krümelig, aber nicht so schwer wie der typische Vollkorn-Pflasterstein, im gegenteil, trotz fehlender großer Blasen ist das Brot richtig leicht und hat eine knusprige Kruste. Ich hab es jetzt mal ausprobiert und es ist tatsächlich auch für eine Nicht-Brotspezialistin ganz gut replizierbar:

500g Vollkornmehl
150g Weißmehl
1/2 Tasse zarte Haferflocken
1 EL Baking Soda (im Supermarkt bei den Backzutaten unter “Kaiser Natron” erhältlich)
1 EL Salz
500-750ml Buttermilch

Die trockenen Zutaten sieben und sehr gut vermischen (aus dem VK-Mehl ausgesiebte Kleie einfach wieder dazugeben). Währenddessen Ofen und Backblech bzw. Kastenform auf 230° vorheizen. Buttermilch zu den trockenen Zutaten gießen und verrühren. Es soll einen bazigen und klebrigen Teig geben, der nicht besonders homogen sein muss, nur halt irgenwie zusammenhält. Da die Buttermilch nun sofort beginnt, mit dem Natron zu reagieren und der Teig aufgeht, soll man so kurz wie möglich kneten. Dann Teig in einen Batzen rollen und evt noch in Haferflocken oder Kleie wälzen, in die heiße (!) Kastenform geben bzw. auf das Backblech (dann mit Backpapier). bei 230°C 10 Minuten backen, auf 200° runterschalten und noch mal 35 Minuten backen. Also mir schmeckts…

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Oxford Dispatch: Quasi-Koloniale Kürbisküche

Der afghanische Emir Sher Ali mit seinen "Freunden" Russland und Großbritannien (1878)  – (Wikimedia Commons)

Eine weitere köstliche Art, Kürbis zuzubereiten, ist Kaddo Bowrani. Diese afghanische Spezialität ist insofern auch für einen Oxford Dispatch geeignet, als Afghanistan einst unter britischem Einfluss stand (s. Abb.), und man auch heute wieder, leider auf unschöne Weise, mit diesem Land in Kontakt tritt. Afghanistan hat aber beileibe auch anderes zu bieten als Taliban und Tote-Ziegen-Polo.

Der Kürbis (ich habe einen Butternut verwendet, Hokkaido wäre aber vermutlich sogar noch besser) wird geschält und in große Würfel geschnitten und in einer Pfanne in Öl sehr heiß von allen Seiten angebraten und gebräunt (ca. 5 Minuten). Dann gibt man ihn mit einer sehr großzügigen Menge Zimtzucker in eine Flache Metallform in den Ofen, wo er für ca. 30 Minuten gebacken wird (im Originalrezept steht, man soll ihn dazu zudecken, fand ich aber doof und habe ihn offen backen lassen…eine Temperatur wird nicht angegeben, ich habe es bei 170° gemacht). Währenddessen macht man eine einfache Hackfleischsoße,  die ich – wiederum entgegen Rezeptangaben – nicht nur mit Pfeffer und Salz, sondern auch mit Thymian gewürzt habe, und eine Joghurtsauce (möglichst ein dicker griechischer oder türkischer Joghurt, Knoblauch, Pfeffer und wenig Salz). Man gibt auf den Teller Joghurtsauce, dann ein paar Kürbisstücke und schließlich die Fleischsauce. Als Beilage eignen sich Reis, Bulgur oder Brot. Das Rezept klingt zugegebenermaßen etwas frugal, ist aber – durch die unterschiedlichen Konsistenzen und harmonisierende Säure und Süße der verwendeten Zutaten – ein geschmacklich erfrischendes und gleichzeitig von innen wärmendes Herbstgericht, das jeder Kürbisfreund einmal ausprobieren sollte.

Für die Nichtköche bzw. Kürbishasser unter meinen Lesern hier zumindest noch ein Video vom afghanischen Elvis Ahmad Zahir mit einer extravaganten Version von "Now or Never". 

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Von streng halal bis ganz und gar haram

Shepherd’s Pie ist ein köstliches Herbstgericht, leider nicht besonders fotogen, und in Deutschland nur mit einigem Aufwand herzustellen, da Lammhackfleisch schwer zu besorgen ist – teilweise wird es gar nicht angeboten (z.B. in der Karstadt-Feinkostabteilung am Hauptbahnhof), in Metzgereien nur nach Vorbestellung. Angeblich ist es problematisch, das Lammfleisch durch den "normalen" Fleischwolf laufen zu lassen, weil sich der nächste Kunde am Geschmack stören könnte, deshalb wird das nur extra nach Ladenschluss gemacht. Seltsam, schmeckt man das bisschen Schaf wirklich so raus? Hier gibt es Lammhack in jedem Supermarkt (übrigens mit Halal-Zertifikat, was auf die Hauptabnehmer hinweist) – sehr lobenswert und schmackhaft. Der Shepherd’s Pie kann auch mit Rindfleisch gemacht werden, dann heißt er allerdings "Cottage Pie" und schmeckt ganz anders.

Nun aber zum unreinen Teil dieses Postings. Es gibt, liebe Leser, exakt einen guten Grund,(*) warum Italienerinnen über 40 eher Dottore Pedersoli nacheifern als Signora Hunziker. Er, bzw. sie fängt mit "P" an und hört mit "orchetta" auf. In den Marken haben wir sie beim Metzger vor Ort gekauft, dazu reichte sogar Cohus Italienisch. Seitdem taucht sie in meinem Träumen auf. Diese Spezialität ist – je nach Interpretation – eine im buchstäblichen Sinne fleischgewordene Widerlegung der Sure 5:3 oder jedenfalls eine Verlockung von geradezu satanischen Ausmaßen. Ein Spanferkel wird entbeint und mit Kräutern (z.B. Fenchel oder Rosmarin) und Salz aufgerollt und schließlich über einem Holzfeuer geröstet. Unser bayerischer Schweinsbraten, den der Doktor  in jugendlicher Verirrung sogar als heiligen Gral bezeichnet, kann dagegen sowas von einstecken. Es mag heutzutage gang und gäbe sein, kaltes Fett als Inbegriff der Ekligkeit zu sehen: wer solchen Unfug vertritt, hat sich allerdings noch nie die Lippen nach einer himmlischen Scheibe schmalzig-fettiger Porchetta geleckt. Brot dazu ist unnötig und würde nur ablenken.

(*) Gut, in Wirklichkeit gibt es noch zahlreiche andere exzellente Gründe dafür. Probieren kann man die z.B. in der Osteria de le Cornacchie, exemplarisch herauszuheben ist der Ciambellone, ein erstaunlich saftiger Kuchen, den ich bei Gelegenheit nachkochen muss, wenn mein Italienisch gut genug ist, um entsprechende Rezepte zu entziffern. Dem Geschmack nach muss Hefe drin sein und das hier ist demnach ein Schmarrn. Oder die geschmorte Kalbshaxe, die erstaunlicherweise genauso schmeckt, wie man sich als Kind die knusprig gebratenen Wildschweine vom Obelix immer vorgestellt hat…oder die gebackenen Bohnen…das Rührei mit Pilzen…

(Bilder: Ausschnitt aus Ernst Meissner, Schäfer, Alessio Damato, Wikimedia Commons)

Decline of a Nation: Marktversagen

Paul Krugman erhält dieses Jahr den Ökonomie-Nobelpreis. Dieser sympathische Bartträger  (und Blogger) ist neben seiner Forschungstätigkeit natürlich bekannt durch seine NYT-Kolumne, auf die ich auch das eine oder andere Mal verlinkt habe, er hat sich u.a. aber auch einem Thema gewidmet, dass uns hier besonders interessiert: "Supply, Demand, and English Food". Warum ist die britische Küche eigentlich bekannt für ihre Furchtbarkeit, für  "greasy fish and chips,gelatinous pork pies, and dishwater coffee"? So eine Frage ist für den Experten für Geographical Economics natürlich ein gefundenes Fressen. Während, so Krugman, inzwischen Geschichten wie diese…

"I remember visiting one fairly expensive London Italian restaurant in 1983 that advised diners to call in advance if they wanted their pasta freshly cooked."

…der Vergangenheit angehören, prägte doch über Jahrzehnte Ungenießbares die britischen Esstische – obwohl man sich längst nicht mehr auf Scheußlichkeiten wie Dosenerbsen und rotgefärbte Schlachtabfallwürste hätte beschränken müssen, weil die Fabriken (und die Geldbeutel) längst Besseres hergegeben hätten. Ein Versagen des freien Marktes, erklärt Krugman:

"[T]he history of English food suggests that even on so basic a matter as eating, a free-market economy can get trapped for an extended period in a bad equilibrium in which good things are not demanded because they have never been supplied, and are not supplied because not enough people demand them."

Laut Krugman ist dieses "bad equilibrium" inzwischen vorbei – die Briten sind auf den Geschmack gekommen. Glauben wir ihm das jetzt einfach mal. Schließlich ist es vollkommen undenkbar und noch nie dagewesen, dass ein Nobelpreisträger einfach vollkommen daneben liegt

(Foto: Office of Communications, Princeton University)

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Orangene Revolution

Einer der zahlreichen Vorteile des Frühherbstes ist bekanntermaßen der Cucurbita maxima convar. Hubbardiana. Die Begeisterung, die diese Kürbis-Modesorte bei mir auslöst, ist leider invers proportional zu der Anzahl an Zubereitungsweisen, die mir dazu einfallen (Suppe, Suppe, und Suppe). Vorgestern allerdings schlug ich der orangenen Eintönigkeit ein Schnippchen und bereitete eine Kürbistarte (angelehnt an dieses Rezept) zu: einfach einen salzigen Mürbteigboden, den ich nicht vorbacke, dann den Kürbis in dünne Scheiben/Streifen schneiden und schließlich einen Guss aus Sahne, Créme fraîche, Eiern und Feta darüber. Würzen mit Pfeffer, Meersalz, frisch geriebener Muskatnuss und Thymian.

Oh!

Ah!

Zur Nachahmung empfohlen.