Why We Fight

“Aufgabe der ISAF ist die Unterstützung der gewählten Regierung Afghanistans zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines sicheren Umfeldes in Afghanistan. In erster Linie soll so der Wiederaufbau Afghanistans, die Etablierung demokratischer Strukturen und die Durchsetzungsfähigkeit der frei gewählten Zentralregierung vorangetrieben werden.” (Wikipedia: ISAF)

Diese gewählte Regierung Afghanistans versucht mittlerweile, ein Gesetz zu verabschieden, wonach:

– das Sorgerecht für Kinder grundsätzlich nur Vätern oder Großvätern zugesprochen werden kann
– es keine Vergewaltigung in der Ehe mehr gibt, da Frauen zu Sex verpflichtet sind
– Frauen das Haus nur mit Erlaubnis ihres Mannes oder Vaters verlassen dürfen

Eine afghanische Parlamentarierin bezeichnet das Gesetz als “schlimmer als die Taliban”. Das alles steht im Guardian. Die deutschen Medien scheinen sich nicht so sehr dafür zu interessieren – obwohl über eine geplante Aufstockung des deutschen Kontingents und die damit zusammenhängenden diplomatischen Verwicklungen überall in epischer Breite berichtet wird.

Ich habe zum Afghanistan-Krieg keine wirklich gefestigte Meinung, weiß auch insgesamt nicht, was ich von der deutschen Beteiligung halten soll. Bin da einfach unentschieden. Aber, ernst gemeinte Frage: Warum wird es nicht als massives Problem wahrgenommen, dass Deutschland eine Regierung militärisch unterstützt, die eine große Gruppe der Bevölkerung offiziell entrechten will? Warum diskutiert diese Frage niemand?

(P.S.: Eigentlich wollte ich das mit dem Video einer traditionellen afghanischen Sängerin illustrieren. Leider ist sowas – von wenigen im Exil lebenden Ausnahmen abgesehen – schwer aufzutreiben: Frauen, die öffentlich musizieren, bekommen noch immer Todesdrohungen. Die Taliban versuchten ja bekanntlich, alle nichtreligiöse Musik zu unterbinden, und Musikerinnen waren ihnen natürlich ein besonderer Dorn im Auge. Ein hochinteressanter Film über ein Projekt zur Rettung traditioneller afghanischer Musik findet sich hier. Auch, wenn ihre “Freiheit” mittlerweile mehr als sieben Jahre andauert, dürfen wir der im Film gezeigten Musikerin beim Singen nicht zusehen: ihr Gesicht ist gepixelt. Das im Film vorgestellte Afghan Music Project kann man durch den Kauf von Musik unterstützen.)

Retrospektive

I’m not a fan of cheap porn and I don’t have a fetish for bountiful airbrushed women. But I am an admirer of Playboy. (Brett Popplewell, "When Playboy ruled the world")

Wem’s ähnlich geht, der kann im Playboy Archive in alten Playboy-Ausgaben stöbern. Lohnt sich schon der drolligen Reklame wegen. Und keine Angst: pornographisch gesehen harmloser als die meisten Werbeseiten z.B. im SZ-Magazin.

(Übrigens eine der vielen Gelegenheiten, bei der Cohu sich über ihren neuen vertikal stellbaren Monitor freut, auf den eine senkrechte DINA4-Seite passt.)

Cohu sucht die Superhummel

Seit Monaten bin ich auf der Suche nach der besten Version von Rimski-Korsakovs "Hummelflug". Favorit ist nun ein junges Talent aus der Ukraine, Alexander Gavrylyuk, quasi ein Schewtschenko am Klavier. Man kann sich in sehr guter Qualität ein ganzes Konzert anhören und -sehen, das der Jungspund Anfang Februar im concertgebouw gegeben hat – "onvoorstelbaar mooi", meinen die Holländer. Hier die erste Hälfte, da die zweite. Die Hummel kommt im Teil zwei ca. bei 00:38:29 angeflogen, und zwar ganz ungewohnt düster und dramatisch und mit einer Geschwindigkeit, die einen fast schon einen erneuten ukrainischen Dopingskandal befürchten lässt.

Man mag es sich ja nicht vorstellen, aber: wenn Grischka dereinst bucklig wie immer auf einem Wölkchen hockt und statt in Leiersaiten in die Tasten eines himmlischen Steinways greift … dann bleibt uns Irdisch-Zurückgebliebenen immer noch Klein-Sascha.

(Mehr von Alexander Gavrylyuk auf Youtube)

(Bild: Trounce/Wikimedia Commons)

Birds do it, Whales do it

New Yorker Leser, also nicht jetzt Leser des New Yorker sondern Leser in New York, jedenfalls: aufgehorcht! Nächste Woche Donnerstag Pflichttermin im Philoctetes Center for the Multidisciplinary Study of Imagination, nämlich:  "Living in the Musical Moment: Interspecies Jamming with Whales, Birds, and Humans." Für uns bedauernswerte Nicht-Neujorker wird der artübergreifende Jazzabend wohl gestreamt.

Und wenn mich nicht alles täuscht, dürften unter den Cohu-Lesern auch einige sein, die sich für das Video hier interessieren: "The Presumption of Rationality: Psychological Challenges to Legal Certainty" – mit Peter Brooks (Yale/Princeton), Anne Dailey (moderator), Carol Gilligan (NYU), Nomi Stolzenberg (USC), Kenji Yoshino (NYU).

Wer weiß, wie lange das Philoctetes Center noch solche abgefahrenen Veranstaltungen organisiert – einer der großen Finanziers des Instituts war nämlich der Große Bernie, von dem es andernorts heißt:

"He out-Ponzied Charles Ponzi. He out-Princed Chuck Prince. He could have taught the Egyptians how to build pyramids. In the history of high-stakes grifting, he out did them all. A Robin Hood with Alzheimer’s; he stole from the rich. If he’d only remembered to give to the poor he’d be a hero!" (Bill Bronner)

Für die hoffentlich wenigen unter meinen Lesern, die wider Erwarten weder Interspecies Jazz noch einer Dekonstruktion der juristischen Rationalitätsannahme etwas abgewinnen können, zum Trost Shirley MacLaine und Frank Sinatra – letzterer passenderweise in der Rolle eines pseudorationalen Juristen mit Gesangstalent.

Avantgarde der Frühgeschichte

Hatten die Neanderthaler Musik? Und wenn ja, wie hörte sie sich an? Der Jazzkomponist Simon Thorne (Obacht, Audio) hat im Auftrag des Walisischen Nationalmuseums eine Komposition geschaffen, die dieser Frage nachspüren soll. Hier ein Artikel darüber und hier ein kurzer Ausschnitt.

Jetzt muss ich freilich dazusagen, Cohu ist ja selbst eine große Freundin der Neuen Musik. Unter der Dusche trällere ich Zwölfton-Greatest-Hits (siehe) und wenn ich mal richtig relaxen will, kommt mein Lieblingssong in den CD-Spieler – zum Mitschunkeln:

Aber trotzdem, Herr Thorne: Dass die Neanderthaler eine solch greislige Musik gemacht haben sollen, wie Sie sie da abgeliefert haben, glauben Sie doch selber nicht. Nur, weil die Damen und Herren homo neanderthalensis keine schwarzen Rollkragenpullis, Apple-Computer und Saxophone ihr eigen nannten, können sie ja trotzdem Geschmack, Virtuosität und Groove gehabt haben. So wie z.B. die Baka-Pygmäen – ein heute noch jägerisch und sammlerisch tätiges Volk der Schwesternspezies homo sapiens -, die mir musikalisch viel besser gefallen als das von Ihnen pseudoprimitiv nachempfundene Gewummer, Gedröhne und Gegröhle.

[P.S.: Jodeln rockt! Cohu berichtete.]

Better than Vista

Vermutlich haben schon alle Menschen, die xkcd gut finden, diesen Webcartoon in ihrer Favoritenleiste, oder in ihrem RSS-Feed, oder auf dem handbeschriebenen Zettel, auf dem sie ihre Lieblings"homepages" notieren, jaha! Trotzdem muss ich, verzweifelt verharrend in meiner Hoffung darauf, dass es bald wieder ein verwendbares Microsoft-Betriebssystem geben wird, und vor allem aufgrund einer gelungenen Hitler-Referenz, die mein Sammlerherz jubeln macht, heute mal drauf verlinken. (Mein Lieblings-xkcd ist übrigens das da.)

Tentakelspaß

Viel zu kalt! Was tun bei einem solchen Wetter? Für die Oktopodenfreunde unter meinen Lesern habe ich einen guten Tipp. Hier kann man einen Tintenfisch bauen, taufen, und in die Weiten der (virtuellen) Weltmeere entlassen. Später kann man ihn besuchen und nachsehen, was er so treibt (Registrierung ist nicht erforderlich). In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die drängende Frage, was eigentlich ein guter Name für einen Oktopus ist – meiner heißt Glubsch Brockhausen und ist unter "Find Your Octopus" nachschlagbar (aktuell wiegt er 1 Kilo und hat sich mit einer Schule Leuchtfische angefreundet).

Die Seite stammt im Übrigen von den Machern der Riesentintenfisch-Ausstellung im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa – der einzige Ort, wo ein sogenannter "Koloss-Kalmar" öffentlich gezeigt wird. Der Mesonychoteuthis hamiltoni ist das größte wirbellose Tier der Welt und damit sogar noch größer als die bekannteren Riesenkalmare. Das Te-Papa-Exemplar, das 2007 gefangen wurde, wiegt fast eine halbe Tonne und hat Augen, die ohne Übertreibung größer sind als Suppenteller: 27, beim lebenden Tier vermutlich sogar 40cm!

[Eine ganz andere Form von Tentakelspaß für Erwachsene und Kunstfreunde gibt es hier (vermutlich eher NSFW). 1820!??? Was wären wir ohne das Internetz. Wobei man, hab ich mir neulich gedacht, bei dem in der Alten Pinakothek hängenden Fragonard  auch schon zweimal hinschauen muss, ob dieses Bild da jetzt wirklich ernsthaft hängt. Wenn mich nicht alles täuscht, war das sogar, ohne weiteren Kommentar natürlich, in unserem Kunsterziehungs-Schulbuch abgedruckt. Da sage nochmal einer, der Freistaat sei pornografiefeindlich.]

Going To My Hometown

Doppelt passend wegen heutigem Cohu-Ausflug in die Provinz, und weil das da unter dem Weihnachtsbaum lag.

Hundert Jahre krötische Genialität

Es ist nun hundert Jahre her, dass Kenneth Grahames Buch "The Wind in The Willows" in England veröffentlicht wurde (einen längeren Artikel dazu gibts bei Salon). In Deutschland ist dieses wunderschöne Kinderbuch, das, vergleichbar mit Alice in Wonderland oder den Chronicles of Narnia, zu den absoluten Klassikern englischer Literatur gehört, leider fast unbekannt. Wer will, kann es hier lesen, oder es aber mir gleichtun und sich mal die Übersetzung von Harry Rowohlt zu Weihnachten wünschen, die sicher umwerfend ist (leider aber als "Nur-Kinderbuch" vermarktet wird).

Die idyllische Flusslandschaft und die drolligen Tierchen täuschen ein wenig: denn alsbald taucht in dieser biederen Umgebung der großartigste, umwerfendste, wahnsinnigste, fähigste, visionärste, selbstbewussteste, schönste, beredteste, talentierteste, genialischste, kurz: der krötischste Charakter aller Zeiten auf – der Kröterich Mr. Toad of Toad Hall, von dem es heißt:

The clever men at Oxford
Know all there is to be knowed.
But none of them know half as much
As intelligent Mr. Toad!

Hier sehen wir ihn einer nach Grahames Vorlage gekonnt gemachten Fernsehserie – seine aktuelle Leidenschaft ist da gerade der Journalismus bzw. das Zeitungsverlegen, und das Ganze lohnt sich schon wegen des Tweedjackets und der Knickerbocker, die er trägt. In anderen Geschichten versucht Mr. Toad, Autos ("horseless carriages") zu bezwingen, Filme zu drehen oder Klavier zu spielen – alles mit großer Geste und durchschlagendem Erfolg…

Wenn man in England genau hinsieht, findet man übrigens heute noch Plätze, die an Grahames magische Flusslandschaft erinnern, etwa im Hirschgarten des Magdalen College:

Sieht das nicht fast aus wie Toad Hall, da im Hintergrund? Aber wenn der äußerst konservative Herr Grahame (der vor seinen schriftstellerischen Anstrengungen immerhin Geschäftsführer der Bank of England war) sich dann umdrehen würde und hinter der College-Hecke ausgerechnet das hier vorspitzen sähe:

… nämlich das Minarett des Oxford Centre for Islamic Studies (Obacht, Arbeitnehmer Christlicher Tendenzbetriebe bitte vorher Ton abdrehen), also wenn er das sehen könnte, inklusive goldener Halbmonde, dann würde er schon merken, dass seit seiner Zeit ereignisreiche hundert Jahre vergangen sind. Mr. Toad bleibt trotzdem zeitlos und unsterblich. Heutzutage würder er vermutlich ein Web-2.0-Unternehmen gründen.

“Kasperl oder Genie?”

Die so betitelte Ringsgwandl-Doku (Arte/BR) gibts hier (in 5 Teilen) zu sehen. Der Film ist ordentlich gemacht und nicht nur für Hardcore-Fans interessant. Oder – wenn es sowas noch gibt – sogar für Leute, denen das Wort "Ringsgwandl" gar nix sagt. Soviel sei schon mal verraten: die im Titel gestellte Frage ist nurmehr eine rhetorische.

(Wer wegen Weihnachtstress keine Zeit hat, das ganze Ding anzusehen, der schaue zumindest mal im ersten Teil bei 7:58 für 30 Sekunden rein. Aus rein historischem Interesse sozusagen.)