Soso, ahja,

…1938 konnte man also ein Lied über Marijuana singen, es dabei mit einem Kontrabass treiben – und das Ganze kam dann sogar noch ins Kino:

(Wer sich davon nicht schon beim ersten Hören einen Ohrwurm eingefangen hat, sollte jetzt mal zur Sicherheit seinen Puls kontrollieren.)

Aber, liebe Leser, Hörer und vor allem Zuseher – es kommt noch wilder, und zwar hier:

Alles mit den wunderbaren The Cats And The Fiddle (und im zweiten Video den jodelnden Dandridge Sisters).

Der erste Film entstammt übrigens dem Genre der sich ausschließlich an ein schwarzes Publikum richtenden “race movies”. Der zweite war, meinem Gefühl nach, wohl eher was für Weiße…

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давай слишком нас, давай слишком вас, давай за здорово живёшь российский газ

Cohu-Leser wissen: Firmensongs sind das letzte Rückzugsgebiet richtig authentischer, ernstgemeinter und technisch perfekt umgesetzter Musik (Cohu berichtete). Was aber Gazprom jetzt vorgelegt hat, ist wirklich nicht mehr zu toppen. Ob die Übersetzung dem russischen Liedtext entspricht, kann ich natürlich nicht sagen. Aber wenn ich Wodka tränke, würde ich jetzt definitiv einen auf russisches Gas heben:

 (via Metafilter)

Stimme der Vernunft

Vor zwei Stunden war es soweit. Was Deutschlandfunkhörer sich in ihren düstersten Träumen nicht ausmalen wollten,  wurde schreckliche Wirklichkeit: Elke Durak hatte ihren letzten Tag bei "Informationen am Morgen" und verabschiedete sich mit wenigen Worten. Im Sendungsarchiv kann man ihre Beiträge noch finden – bis ihre Stimme eines Tages auch aus diesen Speichern verschwinden wird, ohne große Verabschiedungsfeier, ohne Fanseite, ohne Sondersendung. Die bekam stattdessen der Intendant – der die meisten Hörer wirklich nur minimal interessieren dürfte. Ein einziges Bild ist von Frau Durak aufzutreiben und die knappen Zeilen:

"In Liebenwalde/Brandenburg geboren. Studium der Philosophie in Leipzig. Redakteurin Hauptabteilung Information beim Rundfunk der DDR. Redakteurin und Moderatorin (Zeitfunk/Politik) bei Stimme der DDR, Deutschlandsender Kultur und Deutschlandradio, Berlin. Redakteurin im Zeitfunk." (wir über uns)

Dabei war Frau Durak eine der ganz Großen. Der Tag, an dem Ihre angenehme, dunkle, lebhafte Stimme morgens aus dem Radio kam, konnte so schlimm nicht werden. Ihre beharrlichen Fragen munterten auf und ihre unerschütterliche Neutralität tröstete einen sogar über die unsäglichen Musikeinspielungen ihres Senders hinweg. Sie machte Interviews zu einer scheinbar mühelosen Kunstform – was einem erst dann auffiel, wenn an ihrer statt ein Kollege die Fragen stellte und mit den Wortblasen und Ausweichmanövern der Gesprächspartner hoffnungslos überfordert war. Frau Durak dagegen wusste die windigsten, öligsten Verbalwiesel mit ein, zwei gezielten Stilettstichen zu erlegen. Warum sie jetzt aus dem Äther verschwindet, werden wir vermutlich nie erfahren. Geht sie zu einem anderen Sender? Der Google-Alert ist eingerichtet. Hat sie schon das Pensionsalter erreicht? Man wünscht ihr in diesem Fall einen großen Garten, viele Katzen, und eine ordentliche Flasche Rotwein jeden Abend (oder ein ihrem sicherlich tadellosen Geschmack entsprechendes Äquivalent).

Der verlassene Hörer tröstet sich mit Garrison Keillor und Ira Glass, und findet es schade, dass das deutsche Radio seine Stars so wenig zu feiern weiß. Vielleicht müsste ihnen hierzulande auch mal jemand ein Fan-Blog widmen.


[Dabei fällt mir auf, dass sämtliche SchlaubiRadiosprecher und ihre Fans Brillen mit schwarzen Kunststoffgestellen tragen; Cohu eingeschlossen. Ein unwillkürlicher Geheimcode?]

(Bild via Wikimedia Commons)

Bildgebung

"Mit Fotos von Leichen, Raucherlungen, Tumoren oder kranken Kindern sollen Bätzing zufolge nun auch „Hardcore-Raucher“ erreicht werden."  FAZ.net: "Zigarettenschachteln von 2010 an mit Schock-Bildern"

Wasser auf meine Mühlen! Werbe ich doch schon lange dafür, Autos nur noch unter der Auflage verkaufen zu lassen, dass auf ihren Kühlerhauben und Sonnenblenden großformatige Fotos von blutigen Unfallopfern pappen. Memento mori, ihr Genusssüchtigen!

[Dass jedoch ab 2010 auf jedem Wahlzettel ein Posselt-Konterfei abgedruckt werden muss, um Wähler vor den Gefahren der repräsentativen Demokratie zu warnen, ist nur ein böses Gerücht.]

Alternativlos

In diesen Tagen betont jeder politisch Engagierte: wer nicht zur Europawahl geht, macht was falsch. Über den Vertrag von Lissabon würde ich in der Tat nur zu gerne abstimmen. Leider gibt es wohl keine einzige Partei, die politisch noch einigermaßen akzeptabel ist (d.h. moderat und nichtreaktionär, damit meine ich alles zwischen SPD, FDP, Grünen und in Gottes Namen sogar der CDU) und gleichzeitig gegen diesen Verfassungsvertrag.
Ich hatte ja auf die Libertas gehofft, die vom Programm her akzeptabel war – leider wird diese nun in Deutschland nicht selbst antreten, sondern geht eine Kooperation mit der AUF ein. So wichtig mir ein demokratisch legitimiertes Europa ist: nur über meine Leiche werde ich jemals eine Partei wählen, die sich "Christen für Deutschland" nennt und sich von Eva Hermann vertreten lässt.

Da in der Auswertung dieser Wahl aber jede Stimme, die nicht explizit für eine Anti-Lissabon-Partei abgegeben wird, als Zustimmung zu diesem Vertrag interpretiert werden wird, bleibt den Wählern, die gegen Lissabon sind, nichts anderes übrig, als zuhause zu bleiben (was, wie ich andernorts vertreten habe, auch nicht so schlimm ist wie oft behauptet). Für Alternativvorschläge bin ich dankbar.

Aber auch noch ne gute Nachricht: inzwischen finden sich die Songs des Robinson-Konzerts von Rainald Grebe, und auch viele andere Songs von ihm, auch bei YouTube. Hier eins meiner Lieblingslieder – zufällig handelt es auch von fehlenden Alternativen: 

[Da ich annehme, dass Herr Grebe an YouTube keinen Cent verdient, nun noch der obligatorische Hinweis: besucht ein Live-Konzert von Grebe, das ist es wirklich wert, oder kauft eine CD von ihm. Viele der Songs gibt es auch für schlappe 84 Cent als MP3-Download via Amazon, also sogar für altmodische Itunes-Verweigerer wie Cohu.]

Altersfrage

Im ersten Fall dieser Art hat sich ein amerikanischer Manga-Sammler schuldig bekannt, für den Aufbau einer umfangreichen Manga-Sammlung fiktive Kinderpornographie aus Japan importiert und im Besitz genommen zu haben. Nach einem 2003 verabschiedeten Gesetz wird auch fiktive Kinderpornographie verfolgt: der Angeklagte hat also mit bis zu 15 Jahren Gefängnis zu rechnen. (Wired-Artikel dazu). In Deutschland ist sowas auch strafbar ("kinderpornographischen Schriften … die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben").

[Sollte ich wegen Recherche dieser Rechtsfrage, die notwendigerweise die Suche nach zweifelhaften Stichwörtern via Google erfordert, von den Schergen der Zensursula in U-Haft genommen werde, bitte ich meine Leser, mir baldigst einen Kuchen mit eingebackener Feile zuzuschicken. Zur Not auch  Kuchen ohne Feile, solange es nur ein Schokoladenkuchen ist.]

Aber ernsthafte Frage: wie stellt man eigentlich die Volljährigkeit fiktiver Figuren fest? Reicht es, wenn z.B. in einem pornographischen Mangacomic die (fiktiven) vorpubertär erscheinenden Figuren im ersten Bildchen ihren (fiktiven) Ausweis hochhalten, in dem ihr (fiktives) Geburtsalter im einem Jahr vor 1991 liegt? Und wie verfährt man hinsichtlich der Altersfeststellung ausgedachter Personen eigentlich bei so kuriosen Fällen wie Peter Pan oder gar diesem hier:

"Well," gasped Mr. Button, "which is mine?"

"There!" said the nurse.

Mr. Button’s eyes followed her pointing finger, and this is what he saw. Wrapped in a voluminous white blanket, and partly crammed into one of the cribs, there sat an old man apparently about seventy years of age. His sparse hair was almost white, and from his chin dripped a long smoke-coloured beard, which waved absurdly back and forth, fanned by the breeze coming in at the window. He looked up at Mr. Button with dim, faded eyes in which lurked a puzzled question.

"Am I mad?" thundered Mr. Button, his terror resolving into rage. "Is this some ghastly hospital joke?

"It doesn’t seem like a joke to us," replied the nurse severely. "And I don’t know whether you’re mad or not–but that is most certainly your child."

The cool perspiration redoubled on Mr. Button’s forehead. He closed his eyes, and then, opening them, looked again. There was no mistake–he was gazing at a man of threescore and ten–a baby of threescore and ten, a baby whose feet hung over the sides of the crib in which it was reposing.

The old man looked placidly from one to the other for a moment, and then suddenly spoke in a cracked and ancient voice. "Are you my father?" he demanded.

Mr. Button and the nurse started violently.

"Because if you are," went on the old man querulously, "I wish you’d get me out of this place–or, at least, get them to put a comfortable rocker in here," 

(The Curious Case Of Benjamin Button. F. Scott Fitzgerald)

Die Juristen können sich glücklich schätzen, dass Herr Fitzgerald nicht auf Pornographie spezialisiert war…

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Untergang des Abendlandes

Etwa durch Vermehrung der Unterschicht? I wo: es kommt noch viel schlimmer. Das Abendland (lies: bürgerliche Mittelschicht) geht  für mich dann unter, wenn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung allen Ernstes einen lobpreisenden Artikel über New Burlesque veröffentlicht:

Ein neues Phänomen ist in Deutschland angekommen: Burlesque. Das ist eine ironische Form des Strips, die auch Frauen gefällt. Es darf schlüpfrig sein, auch vulgär. Billig ist es nie. Und es wird viel gelacht. (FAZ.net)

Ach Gott. Als Akademikerin ist man bei diesem Fachblatt der upper middle class eh schon unter Reproduktionszwangs-Dauerbeschuss. Aber dass mir jetzt auch noch ironisches Strippen gefallen muss….

(Ich bin eine durch und durch amerikafreundliche und, wie der Ami so schön sagt, sex positive Person, aber Porno durch eine Comedymühle zu drehen, damit er am Schluss “ironisch” und “lustig” ist und – juhuuu! – dann sogar Frauen gefallen darf, jedenfalls in einem “ironischen” Sinne – das finde ich derart reaktionär und im schlimmsten Sinne amerikanisch-protestantisch prüde, dass es mich schüttelt. Die Idee kommt wohl aus der gleichen Ecke wie die Auffassung, die sexuelle Revolution der Siebziger hätte aus “Erotikkomödien” bestanden. Und Emmanuellefilmchen waren dann wohl feministische Propaganda. Na logo.)

(Bild: Josephine Baker, 1927, aus den Wikimedia Commons)

First We Take London

Leonard Cohen live in London, 18 Juli 2008. Und zwar das gesamte Konzert von 2 1/2 Stunden. Das Video gibt’s aber nur für eine Woche: Hier.

 

(Bild: Rama/Wikemedia Commons)

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“…so that I’m not screwed by a bear.”

Isabella Rossellini mag seit gut 16 Jahren zu alt sein für Lâncome – aber sie hat immer noch genug jugendliche Energie, mittlerweile schon die zweite Staffel Filmchen für das Projekt "Green Porno" abzudrehen. Während die erste Staffel der charmanten Mikro-Kurzfilme sich dem Sexualleben der landlebenden Kleinlebewesen widmete (Insekten, Spinnen, Schnecken, Würmer), geht es in "Green Porno Season 2" um diverses Seegetier – darunter Fische, Seesterne, Wale und, meine persönliche Lieblingsfolge: Napfschnecken (Limpets). Die Filme beider Staffeln kann man hier ansehen. Keine Zeit ist keine Ausrede, die Filmchen dauern jeweils nicht länger als eine Minute.

(Dazu ein Interview in Salon und ein deutschsprachiger Artikel in SPON. Und nein, liebe Chip: das sind keine "Erotikfilme". Wobei es eine schöne Vorstellung ist, dass der eine oder andere picklige Jüngling aufgrund der Chip-Meldung auf rassige Italienerinnen-Action hofft…und dann das da über seinen Handybildschirm flackert.)

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Das Recht zu stehlen

Lolita ist nicht nur ein großartiges Buch, das exemplarisch fast alles zeigt, was gute Literatur kann. Es ist auch eins der Bücher, die jeder zu kennen glaubt, aber fast niemand tatsächlich gelesen hat – wer sich jetzt ertappt fühlt,  empfehle ich dringend, das nachzuholen.(*)

Das Buch hat neben seinem überragenden literarischen Wert außerdem auch den Verdienst, Cohu auf eine (mögliche) Erklärung für die Plagiarismus-Debatte um die Musiker Kreisler und Lehrer (Cohu berichtete) aufmerksam gemacht zu haben. Die Frage war: wie kann es sein, dass Kreisler einige Lieder Lehrers übernahm, und doch behauptet, sich nicht daran erinnern zu können, von Lehrer inspiriert worden zu sein? Lehrer dagegen ist sich anscheinend sicher, dass Kreisler plagiiert hat (auch, wenn er das mit viel Humor nimmt). Wir schätzen beide Künstler und würden auch gerne beiden glauben. Geht das?

Die gleiche Frage stellt sich bei Lolita: wie kann es sein, dass Nabokov eigentlich eine bereits existierende Geschichte zu bearbeiten scheint (nämlich eine Kurzgeschichte des Deutschen Heinz Eschwege, die von einer sehr ähnlichen Begebenheit um ein Mädchen namens – Tusch! – Lolita erzählt) – dass Nabokov sich aber gleichzeitig überhaupt nicht dessen bewusst ist, irgendetwas von Eschwege übernommen zu haben?

Die Psychologie kennt als Erklärung das Phänomen der "Kryptomnesie", der verdeckten Erinnerung. Das ist, im juristischen Jargon gesprochen, der gutgläubige Erwerb von Einfällen: Aneignung von Ideen, wobei man sich nie dessen bewusst ist, sie geklaut zu haben, sondern wirklich davon überzeugt ist, die Einfälle seien die Eigenen gewesen. Einen langen Artikel über dieses Phänomen – mit zahlreichen Beispielen aus den unterschiedlichsten Kunstgattungen – hat Jonathan Lethem 2007 unter dem Titel "The ecstasy of influence" geschrieben. Am Ende bleibt die Frage: Kunst ganz ohne Plagiat – geht das überhaupt? Und wenn es geht: wollen wir das?

Simpsonsfans können sich diesen 13-Seiten-Text aber auch sparen. Alles Wesentliche zum Thema Kunstplagiat wurde nämlich schon 1996 in der Episode "The Day The Violence Died" gesagt, im Gerichtssaal-Monolog eines durch und durch schamlosen Plagiators:

Myers: Okay, maybe my dad did steal Itchy, but so what? Animation is built on plagiarism!
[lawyer slaps his forehead]
If it weren’t for someone plagiarizing the Honeymooners, we wouldn’t have the Flintstones. If someone hadn’t ripped off Sgt. Bilko, they’d be no Top Cat. Huckleberry Hound, Chief Wiggum, Yogi Bear? Hah! Andy Griffith, Edward G. Robinson, Art Carney.
(…)

Your honor, you take away our right to steal ideas, where are they gonna come from? Her? [points at Marge]


Marge: Uh… Hmm… How about… Ghostmutt?
(The Day The Violence Died, SNPP)

 

(*) Und zwar im Original. Wenn ein Russe es hingekriegt hat, das Buch auf Englisch zu schreiben, sollte man soviel Transferleistung auch vom Leser erwarten. Die Fremdsprachlichkeit ist ausnahmsweise sogar wirklich zentral – von Nabokovs Vorliebe für Anagramme und Wortspiele abgesehen ist ja nicht nur der Autor, sondern auch der Erzähler ganz dezidiert kein englischer Muttersprachler. Mindestens drei Ebenen des Buchs gehen also vermutlich mehr oder weniger am Leser vorbei, wenn er zur Übersetzung greift.

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