Märchenstunde

Sich eine gruselige Szenerie auszudenken und einen hysterischen Artikel drüber zu schreiben gehört ja für Boulevardjournalisten zum täglichen Brot. In dieser Hinsicht ist der Artikel in der tz über einen "Gefährlichen Trend unter Kindern" nicht erstaunlich. Bemerkenswert ist eher: die erste stärkere Verbreitungswelle dieser ollen Kamelle gab es im Jahr 2003, und seitdem kommt es immer wieder zu Ausbrüchen der "sex bracelets"-Epidemie. Die haarsträubende Legende ist ursprünglich sogar noch älter, sie kam laut Barbara Mikkelson von snopes.com schon Mitte der 90er-Jahre vor. Einziger Unterschied: die Kinder werden bei jeder Nacherzählung jünger – in ein paar Jahren dürfte es (zumindest fiktiv) zu Geschlechtsverkehr in der PEKiP-Gruppe kommen. Eine ziemlich hartnäckige Story, die trotz mittlerweile jahrzehntelanger narrativer Traditionsbildung natürlich vollkommen erfunden ist.

Also mich persönlich würde es nicht wundern, wenn uns die tz demnächst von einem Mädchen aus einer zerrütteten Patchworkfamilie erzählt, das jahrelang von einer Gruppe kleinwüchsiger Männer als Sklavin gefangen gehalten wurde

There’s probably no god

Das Vereinigte Königreich ist von jeher eine Hochburg der Religionskritik: schließlich hat man hier den Empirismus erfunden, und spätestens mit Darwin wars dann endgültig vorbei mit der geruhsamen Glauberei. Auch bei diesem Thema zeigt sich übrigens der Charme der aurea mediocritas,(*) der Goldenen Mitte also: viele Fundamentalatheisten kommen in ihrem Auftreten in nach Cohus Geschmack ja fast schon ebenso unsympathisch daher wie (sehenswerte) Vertreter der anderen Seite. Herrn Dawkins (natürlich auch ein Brite!) führt das Camp Extrem-Blasphem an, darunter auch die berüchtigten "Brights", die sich in zehennagelaufrollender Idiotie selbst für die Allerhellsten halten, als hätten sie den Materialismus im Alleingang erfunden.

In Großbritannien jedenfalls ist der Atheismus praktisch schon ein Volksglaube. Nicht nur, dass seit einiger Zeit Londoner Busse für die Tatsache werben, es gäbe "wahrscheinlich" (sic!) keinen Gott.

Der Volksatheismus hat auch schönere Seiten: so wandelten etwa in Northumberland zwei Briten eine aufgegebene Kirche in ein Wohnhaus um, und das ist ganz schön gut gelungen, wie man in der Fotostrecke "We turned a church into a home" nachprüfen kann (besonders pikant ist für christlich Sozialisierte: die Platzierung des Ehe, äh, Partnerschaftsbetts).

Zu den erfreulichsten Folgen des Abwurfs christlich-abendländischer Ketten der Weltanschauung gehört allerdings die Wiederentdeckung vorchristlicher Glaubensrichtungen, insbesondere des Paganismus (vulgo Heidentum). Angeblich gibt es mittlerweile schon wieder 250.000 praktizierende Heiden in Großbritannien. Die diesseitigen Vorteile dieser Konfession sind aber auch für spirituelle Analphabeten wie Cohu nachvollziehbar: heidnische britische Polizisten bekommen mittlerweile bis zu 8 freie Tage, um ihrem Glauben nachzugehen, dazu gehören die Sommersonnenwende oder (für Cohu geburtstagstechnisch besonders interessant) das Halloweenfest. Am interessanten am einschlägigen BBC News-Artikel ist aber mal wieder ein Nebensatz: es gibt eine Pagan Police Association, eine Organisation der heidnischen britischen Polizisten also. Großbritannien schlägt uns also nicht nur beim Atheismus, sondern auch bei der Vereinsmeierei um Längen.

(*) Dieselbe aurea mediocritas war übrigens auch Thema der Rede, die Cohus Schuldirektor bei ihrer Abiturfeier hielt. Ich habe jetzt fast elf Jahre lang drüber nachgedacht, aber bis jetzt ist mir kein Motto eingefallen, das für eine commencement speech vor einer Hundertschaft Neunzehnjähriger schlechter geeignet wäre. Chapeau, Herr Dr.Fr.Br.!

(Bild: Julius Schnorr von Carolsfeld, via Wikimedia Commons)

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Offen und ehrlich

Marxisten haben wie alle religiöse Fundamentalisten nicht ganz zu Unrecht den Ruf, unbelehrbar zu sein. Dass jetzt aber ein antikapitalistischer Arbeitskreis des LMU-Fachschaftskonvents so ehrlich zu eben dieser Eigenschaft steht, erfreut: die lesen einmal die Woche "Das Kapital" und sind "gegen Argumente"!

[Den für die Domain engagierten Texter hätten sie aber auch gleich noch für Veranstaltungstitel beschäftigen sollen. Mit "Die Krise der „Realwirtschaft“ – bringt die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zur Anschauung" kann ich weder syntaktisch noch semantisch was anfangen…]

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Nachtverscheucher

"Der Hahn ist dem Çraosha geweiht, dem himmlischen Wächter, der, vom Feuer geweckt, selbst wiederum den Hahn weckt, dieser vertreibt dann durch sein Krähen die Daêvas, die bösen Geister der Finsternis."  (Hehn)

Als vorzügliche Zubereitungsart für ein solches Tier (z.B. auch für Asklepiosopfer oder als Erinnerung an saisontypischen Skeptizismus) empfiehlt Cohu das Orientalische Brathähnchen, wie es hier beschrieben wird. Ich habe es allerdings gleich über Nacht eingesalzen im Kühlschrank gelassen, die Würzpaste noch mit Piment, Zitronenzesten und -Saft (und wesentlich weniger als 1TL Zimt) angerührt, in den Vogel eine mehrfach angepiekste Zitrone gesteckt und ihn zugenäht. Das Fleisch war wie versprochen äußerst zart, die Haut knusprig und von unvergleichlicher Würze! (Ein griechischer oder türkischer, etwas festerer Joghurt passt  zur Abkühlung gut dazu).
Als panreligiöser Ausgleich zu diesem zoroastrischen Mahl gibts heute eine durch und durch katholische Torta Pasqualina (wenn ich auch nicht 33 Teigschichten für die Anzahl der vollendeten Lebensjahre Jesu mache, sondern lediglich zwölf. Auch dafür dürfte sich eine Symbolik  finden lassen, zur Not sogar im Christentum).

(Bildausschnitt: Jean-Léon Gérôme, Hahnenkampf, 1846)

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Auwehzwick

Also ich hoffe, dass die EU nicht dahinterkommt, dass Cohu ein böses, böses, energiefressendes dual display verwendet…wo doch jetzt die IT-Branche den Stromverbrauch um 20% senken soll…und wenn die erst der Cohu-IT dahinterkommen, ich möcht gar nicht dran denken! Da sind Strafzahlungen zu erwarten.

Jetzt  (praktisch zur Ablenkung) noch ein Vorschlag für die EU: wie wäre es, wenn alle EU-Dokumente die supertolle Toner- und damit energiesparende "Ecofont"-Schriftart verwenden ("spart 20% Toner durch Aussparen von Druckbereichen")? Ach, was red ich: warum stellen wir nicht gleich ganz Europa auf diese Schriftart der Zukunft um? (Funktioniert übrigens auch auf dem Bildschirm, durch Pixelsparen!) 

Alte Neue Medien

Höchst erfrischende Perspektiven auf aktuelle Diskussionen bietet diese Seite, auf der Quellen aus dem 19. Jahrhundert zusammengetragen sind. Alle Texte handeln von den Gefahren, die neue Medien mit sich bringen – insbesondere für die Jugend. Das damalige "neue Medium" war der Roman.

Die Herangehensweise an das Problem, der "wissenschaftliche" Anspruch, die Generationenunterschiede sind die gleichen wie heute. Die meisten Textpassagen könnte man leicht verändert in aktuellen Zeitungen lesen. Man muss eigentlich nur "Bücher" durch "Computer/Internet" austauschen:

"The great profusion of children’s books protracts the imbecility of childhood. They arrest the understanding, instead of advancing it. They give forwardness without strength. They hinder the mind from making vigorous shoots, teach it to stoop when it should soar, and contract when it should expand."  (On Novel Reading, 1820)

Zum Vergleich der heutige "Experte" Gerald Hüther:

"Betroffene müssten nur einen Computer sehen, schon hätten sie das Bedürfnis, sich davor zu setzen. Mit jeder Stunde aber, die Kinder vor dem Computer verbrächten, fehle ihnen eine Stunde, um ihr Gehirn für die Anforderungen im wirklichen Leben weiterzuentwickeln, warnte der Hirnforscher." (sueddeutsche.de)

Das Konzept der "Romansucht" war die damalige Entsprechung der heutigen "Internetsucht" – man verglich das zwanghafte Verschlingen von fiktionalem Lesestoff direkt mit Alkohol. Und die "Süchtigen" waren gar arme Gesellen (vielleicht, weil es noch keine Tiefkühlpizza gab?). So heißt es in einem Bericht aus einem tristem Lesesüchtigen-Haushalt:

"I am rooming, (…) with a couple of young men who are confirmed novel readers. Their nights are spent chiefly in poring over ‘the last Romance,’ and their studies are neglected in the strange reverie in which they are continually lost. Speak to them of a matter of History, and they stare vacantly, entirely ignorant of the principal events that have transpired in the world since its doings began to be recorded." ("Novel Reading" in The Western Gem, 1853)

Heute ist es die "Onlinesucht", die Leben zerstört – und sie scheint ein echtes Problem zu sein. Experten behaupten, "dass die Online-Kommunikationssucht sehr häufig bei Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Bildungsstandes" auftritt: "Onlinesüchtige verändern sich merklich, indem sie sich nach und nach immer mehr vom realen Leben zurückziehen." (www.onlinesucht.de).

 Romane wurden aber nicht nur aufgrund ihrer Suchtwirkung als bedrohlich empfunden – sie lösten sogar Gewalttaten aus! Etwa Suizide:

"A late "Recorder," notices the death of a young lady of 17, in Ohio, and observes–"this was a case of cool, premeditated suicide, occasioned by extreme sensibility, and romantic ideas, created by novel reading. She imagined herself ridiculed and slighted by a young gentleman, who had engaged her affections: she frequently improperly suspected her friends of coolness, and was unhappy because she had no relation. She was heiress to a considerable property, and had been well educated."" (On Novel Reading, 1820)

Heute kennt man den "Internet-Selbstmord" . Er ist traditionell definiert als praktisch jeder Selbstmord, der von einem Menschen verübt wird, der zuvor online mit anderen Menschen kommuniziert hat. Durch das neue Medium Roman wurden aber nicht nur Selbstmorde ausgelöst – nein, auch Jon Wilkes’ Booth’s Mord an Abraham Lincoln führte ein entsetzter Kommentator ganz auf den Konsum von blutrünstigen Groschenromanen zurück:

(…) reading the bloody tales of the weekly story papers, or the flashy, ten cent, yellow-covered literature sold in almost every book store. He will soon learn how to be a hero of the approved romantic type. But, young friend, if you have any regard for your character, your future standing in society, the credit of your families, your own peace and the welfare of your souls, let such reading alone! Why should you suffer yourself to trace hour after hour the foul workings of human revenge, jealousy, malice and corruption, because some writer has woven them into intoxicating fiction? (…) Rather never read a printed line. Such material stimulates only the bad in your nature. (…) Victims of this intellectual and moral debasement are seen dawdling through society in every city and town, communicating poison to all who touch them.("Booth and Bad Literature", in: Youth’s Companion, 1865)

Werden wir den Tag noch erleben, an dem mit Steuermitteln geförderte Stiftungen versuchen werden, unseren verkommenen Kindern und Enkeln das Internetsurfen und Online-Gamen, die Kommunikation in Foren und in sozialen Netzwerken, und – Gott steh uns bei – sogar das Bloggen näherzubringen? Die Gattin des Bundespräsidenten als Schirmherrin einer "Stiftung Internet"? Vermutlich.
Aber die Jugend wird dann – so war es schon immer – ihre Zeit lieber mit anderen Dingen verbringen. Lustigeren Dingen. Holodeck vielleicht.

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Keine Lösung

Was wäre eigentlich, wenn die IAVI irgendwann Erfolg hätte, und es gelänge, eine Impfung gegen HIV zu entwickeln? Konsequent weitergedacht müsste die katholische Kirche den Gläubigen davon abraten, diese für sich selbst (oder ihre Kinder) in Anspruch zu nehmen. Denn eine Impfung würde das "Problem"  – das für die Kirche nicht in der Epidemie selbst, sondern im außerehelichen Geschlechtsverkehr liegt – nicht lösen, sondern, in der Logik des Papstes, sogar noch verschlimmern: schließlich müsste man dann bei unmoralischen Unternehmungen aller Art nicht mal mehr Angst vor bösen Viren haben.

Die christlichen Kirchen investieren stark in die Mission in Afrika. Bei aller Abneigung gegen propagandistisches Verbreiten weltanschaulicher Ansichten: Vielleicht sollte sich das die Atheistische Mission auch mal überlegen.

(Aber mal im Ernst: wer gerne auf die Rückständigkeit des Islams schimpft, dem rate ich, die monotheistischen Religionen mal im Hinblick auf die HIV-Frage miteinander zu vergleichen. Der Islam ist da vielleicht auch nicht das große Vorbild, aber schon mal wesentlich weiter als das Christentum – zum Beispiel im Senegal:

Senegal (…) is one of the best examples regarding HIV/AIDS prevention by engaging religious institutions in a proactive role. (…) Unlike other African countries, HIV/AIDS prevention is a regularly discussed topic in the Friday prayers in mosques in Senegal. (…) The current 1.2 percent AIDS prevalence rate in the general population of Senegal is in stark contrast to the rest of the continent which has an average AIDS prevalence rate of 30–35 percent.

So beschrieben im insgesamt recht interessanten Paper "Cultural Approach to HIV/AIDS Harm Reduction in Muslim Countries", Hasnain 2005.)

(Bild: Wikimedia Commons)