Keine Lösung

Was wäre eigentlich, wenn die IAVI irgendwann Erfolg hätte, und es gelänge, eine Impfung gegen HIV zu entwickeln? Konsequent weitergedacht müsste die katholische Kirche den Gläubigen davon abraten, diese für sich selbst (oder ihre Kinder) in Anspruch zu nehmen. Denn eine Impfung würde das "Problem"  – das für die Kirche nicht in der Epidemie selbst, sondern im außerehelichen Geschlechtsverkehr liegt – nicht lösen, sondern, in der Logik des Papstes, sogar noch verschlimmern: schließlich müsste man dann bei unmoralischen Unternehmungen aller Art nicht mal mehr Angst vor bösen Viren haben.

Die christlichen Kirchen investieren stark in die Mission in Afrika. Bei aller Abneigung gegen propagandistisches Verbreiten weltanschaulicher Ansichten: Vielleicht sollte sich das die Atheistische Mission auch mal überlegen.

(Aber mal im Ernst: wer gerne auf die Rückständigkeit des Islams schimpft, dem rate ich, die monotheistischen Religionen mal im Hinblick auf die HIV-Frage miteinander zu vergleichen. Der Islam ist da vielleicht auch nicht das große Vorbild, aber schon mal wesentlich weiter als das Christentum – zum Beispiel im Senegal:

Senegal (…) is one of the best examples regarding HIV/AIDS prevention by engaging religious institutions in a proactive role. (…) Unlike other African countries, HIV/AIDS prevention is a regularly discussed topic in the Friday prayers in mosques in Senegal. (…) The current 1.2 percent AIDS prevalence rate in the general population of Senegal is in stark contrast to the rest of the continent which has an average AIDS prevalence rate of 30–35 percent.

So beschrieben im insgesamt recht interessanten Paper "Cultural Approach to HIV/AIDS Harm Reduction in Muslim Countries", Hasnain 2005.)

(Bild: Wikimedia Commons)

7 Responses to “Keine Lösung”

  1. Maex Says:

    Ich weiß nicht, ob das hierzu jetzt so 100% passt, aber ich fand diesen Artikel zur Verwendung von Kondomen und AIDS äußerst überraschend.

  2. cohu Says:

    Es ist Propagandajournalismus vom Feinsten, wenn man Greens Thesen mit denen des Papstes gleichsetzt. So macht es z.B. auch die Katholische Nachrichtenagentur. Green sagt aber dezidiert NICHT: "Kondome machen AIDS schlimmer". Er sagt eher sowas wie: 1. Gummis verteilen bringt nicht so viel wie man gedacht hätte2. andere Methoden wären erfolgreicher(wobei 1. empirisch belegt ist, 2. dagegen Greens persönliche Meinung). Das ist nur eine ziemlich halbherzige "Unterstützung" des Papstes, finde ich, und auf keinen Fall eine empirische Basis dafür, Kondome in der AIDS-Bekämpfung rundweg abzulehnen.Die Diskussionsthreads hier und hier sind übrigens noch aktiv.

  3. Maex Says:

    Zuerst: ich bin kein großer Freund der kath. Kirche im speziellen und von Religionen im allgemeinen.Dann: der Propagandajournalismus findet momentan wohl auf beiden Seiten massivst statt. Was der Papst wohl wörtlich gesagt hat ist:»Ich würde sagen, das Problem Aids kann man nicht bloß mit Werbeslogans überwinden. Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geissel nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden: Im Gegenteil, es besteht das Risiko, das Problem zu vergrößern.«Auch wenn Green wohl recht nahe der kath. Kirche anzusiedeln ist, stimmt obiges mit seiner (empirischen) Aussage ziemlich überein.Meine Vermutung ist (und ähnlich schreibt das ja auch Green mit "risk prevention") dass mit den als sicher gepriesenen Kondomen ein ähnlicher Effekt auftritt, wie bei uns mit den Autos mit ABS. Da war der Slogan "Bremsen und Lenken" und "bessere Spurtreue in der Kurve" und der Erfolg war erst einmal, dass die ganzen Dummlurche daraufhin mit überhöhter Geschwindigkeit in die Kurve gebrettert sind und sich dann gewundert haben, dass sie trotz ABS im Graben landen. Für diese war ein Auto mit ABS schlechter als eines ohne, denn dann wären sie evtl. langsamer in die Kurve gefahren.Analog kann man jetzt argumentieren "Kondome verleiten zu mehr und leichtsinnigerem Sex" und die Aussage von Green scheint das zu bestätigen.Aus diesem Grund Kondome (oder ABS) zu verteufeln ist natürlich Blödsinn (aber das hat der Papst IMHO in diesem bewussten Interview ja ausnahmsweise nicht getan (siehe auch Zitat hinter Link in meinem obigen Kommentar)). Man sollte vielmehr daran arbeiten die PR-Kampagnen dazu besser zu gestalten, so dass den Leuten klar wird, dass ein Kondom bzgl. AIDS-Übertragung kein Allheilmittel ist und immer ein Risiko bleibt. (Dies wurde ja bei ABS dann auch so gehandhabt, denn plötzlich hieß es "ABS ist toll zum Bremsen, wer zu schnell in die Kurve fährt landet trotzdem im Graben")Die Frage, die bleibt, ist dann auch, wie sie denn die Verwendung von Kondomen "messen". Klar kann ich jedem bei jeder Gelegenheit Kondome in die Hand drücken, interessant ist aber doch1. wieviele davon auch verwendet werden und2. wie hoch der Prozentsatz "geschützter vs ungeschützter" Verkehr ist.Wenn nur jedes zehnte Mal ein Kondom verwendet wird, ist es – wenn auch nicht ganz, so doch fast – sinnlos sie überhaupt zu verwenden, denn ein Übertragungsschutz ist dann eher zufällig.Aber da sind wir wieder beim Thema "Statistiken machen und verstehen" 🙂

  4. cohu Says:

    Das Problematische an dieser schönen Theorie ist leider, dass man in Europa und den USA mit "reiner" Kondomverwendung anscheinend gute Erfahrungen gemacht hat. Wenn der Effekt der Risikokompensation so stark wäre, wie Green das behauptet (und wie der Papst impliziert), warum sollte er denn dann bitte nur bei Afrikanern auftreten? Die ABS-Analogie funktioniert nicht so einfach. Das heißt nicht, dass Green Unrecht hat, aber es fehlt einfach noch ein Begründungsschritt.Diese komplexe Sachlage im öffentlichen Diskurs so nuanciert darzustellen, dass keine krude These á la Kardinal Trujillo dabei rauskommt, ist meiner Meinung nach fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sieht man auch an Deiner Formulierung: "(…) dass ein Kondom bzgl. AIDS-Übertragung kein Allheilmittel ist und immer ein Risiko bleibt." Auf individueller Ebene ist die korrekte Verwendung von Kondomen durchaus ein "Allheilmittel" gegen HIV (wenn es überhaupt sowas wie "Allheilmittel" gibt). Wer das nicht immer explizit dazusagt, wenn er Thesen über die eingeschränkte Wirksamkeit von Kondomkampagnen in die Welt setzt, geht ein großes Risiko ein, gründlich missverstanden zu werden. Green scheint dieses Risiko zumindest billigend in Kauf zu nehmen, weil es ihm halt weltanschaulich in den Kram passt. (Was, wie gesagt, seine Theorien nicht widerlegt…)

  5. Maex Says:

    Man hat auch in Kambodscha und in Thailand sehr gute Ergebnisse mit Kondomen gegen HIV erzielt (habe ich gelesen, als ich heute etwas gestöbert habe). Hier waren aber die Schwerpunkte gezielt Prostituierte dazu zu bringen Kondome zu verwenden und damit eine Verbreitung unter den Freiern und Prostituierten selbst einzudämmen. Dabei handelt es sich um eine sehr begrenzte Zielgruppe, die im Umgang mit dem "Geschäft" und Kondomen denke ich als geübt bezeichnet werden kann und denen klar ist dass sie eine Hochrisikogruppe darstellen. Dass hier ein Erfolg eher leichter zu erreichen ist dürfte klar sein.Leider weiß ich nicht, inwieweit im "Westen" HIV jeweils eine Verteilung in die Breite hatte, oder ob es primär ein Symptom verschiedener Risikogruppen war.Mit ein Problem der Verbreitung in Afrika ist IMHO, dass eine gewisse kritische Masse in der Bevölkerung übersprungen wurde, so dass die Infektion quasi ein Selbstläufer wird.Ah, lt. http://www.aids.de haben sich nur 4% in Deutschland über heterosexuelle Kontakte infiziert. Das spräche eher fuer ein Risikogruppenproblem.Afrika südlich der Sahara ist mit insgesamt 22,5 Millionen Infizierten (ca 2/3 der weltweit Infizierten) die am schlimmsten betroffene Region. Mehr als die Hälfte von ihnen – insgesamt 59 Prozent – sind Frauen. (Quelle Bundesregierung). In manchen Gegenden Südafrikas erreicht die Zahl HIV infizierter Frauen bis zu 55 Prozent. Damit ist das ein generelles Problem und nicht wie im Westen ein Problem von Risikogruppen.Risikokompensation hat natürlich immer etwas mit _richtiger_ Aufklärung zu tun (deshalb mein ABS Beispiel). Ich würde mal davon ausgehen, dass das bei uns besser funktioniert, als in weiten Teilen Afrikas. Dazu kommt dass lt. UN Aids mehr als 50 Prozent aller Jugendlichen in Afrika so gut wie nichts über HIV und Aids wissen.Mehr als 50% der Jugend Südafrikas hat Geschlechtsverkehr vor dem 16. Lebensjahr, aber weniger als die Hälfte schützt sich auch (Quelle). In Amerika und Deutschland liegt der Wert ca 10% darunter, also um die 40%. Dafür verwenden aber nur ca 30% dieser Jugendlichen in Deutschland Kondome (Quelle). Das Alter spielt bei der Verbreitung eine Rolle, weil es bei nicht ausgewachsenen Körpern beim Geschlechtsverkehr wohl leichter zu kleinen Verletzungen und damit zu höherem Ansteckungsrisiko kommt.Natürlich stimme ich Dir 100% zu, dass bei korrekter Verwendung von Kondomen ein wirksamer Schutz gegen AIDS-Übertragung besteht. Der Knackpunkt ist aber "korrekte Verwendung" und da kann doch einiges schief gehen, im Eifer des Gefechts (darauf bezog sich auch mein Hinweis auf ein "Restrisiko"). Derartige Mißgeschicke scheinen gar nicht so häufig zu passieren, über die Hälfte aller Frauen haben sie schon erlebt Quelle).Wenn ich etwas aus all den Artikeln gelernt habe, die ich heute gelesen und überflogen habe, dann ist das, dass die gesamte Problematik, gerade in Afrika, ungeheuer komplex ist, dass es durchaus widersprüchlich scheinende Studien gibt und dass ich ganz sicher viel zu wenig darüber weiß um es bewerten zu können.Im Moment bin ich mir überhaupt nicht sicher, was ich voll all dem zu halten habe.

  6. Maex Says:

    Der Link zu books.google.com ist leider kaputt gegangen (Verwendung von Kondomen bei Jugendlichen in Deutschland). Da wurde das "&" zu "&" und damit zu "&".Hoffentlich ist dieser hier besser.

  7. cohu Says:

    Ja, bei solchen Themen kann man eigentlich als Laie fast nicht zu einer gerechtfertigten Meinung finden. Evt. vergleichbar mit dem Themenkomplex Klimawandel, auch von der "Stimmungsmache" von beiden Seiten her. Naja, man kann immerhin soweit kommen, unzulässige Vereinfachungen als solche zu enttarnen, glaube ich. (Diesen Vortrag von Emily Oster dürftest Du auch interessant finden, glaube ich :-))


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