Ich war noch niemals in New York…

Copyright: Luigi Makkaroni & Gunther Klatt

… und wozu auch? Schließlich kann man hier einen Sonntag damit beginnen, bei Francesco Dreyfus einen unvergleichlich frischen Bagel zu essen, während man den Live-Klängen des zigarrenliebenden Kunstsaxophonisten Harry Saltzman(s. Abb.) lauscht.
Added Bonus: man kann dabei im Gegensatz zu New York vorbeifahrenden Trambahnen nachschaun.

Und Central Park kannst vergessen, fahrn wir lieber, natürlich mit der Tram, in den Botanischen Garten. Naja gut, ein paar Nachteile: man durfte dort nicht Langlaufen.

Es gab keine Hülsenfrüchte, das war ein leeres Versprechen.

Und die angeblich übersehene Traubenhyazinthe haben wir auch nicht übersehen, sondern sogar fotografiert.

Für meine Leser in Hamburg-Barmbek

Wo wir schon bei Genies sind: die wahren Genies arbeiten ja heutzutage in der Produktentwicklung, wie man an nebenstehend abgebildetem Schächtelchen sehen kann, das wir gerade im Tengelmann erworben haben. “Frühlingsblüten!” verspricht die zartlila Verpackung, und, meine Damen und Herren, sie verspricht nicht zu viel. Aufjauchzen möchte man nach dem Öffnen der innovativen Verpackung, wenn man die dort enthaltenen zartschmelzenden schokoladenen Schätze entdeckt, und sogleich der Göttin Thallo ein Opfer bringen, um die Pracht der Narzissen, Tulpen und Bellis Perennis zu preisen, die, in Ostergrüße gebettet, im Schatzkästlein prangen, und mit Zartbitter- und Milchschokolade noch das kälteste, härteste Eis zum Schmelzen zu bringen. Schlussendlich möchte man, ein Blütenblatt auf der Zunge, Gedichte rezitieren, rufen:
Frühling läßt sein lila Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Man sieht nur mit der Brille gut

Als ich gerade bei meinem Lieblingsoptiker, der dem geneigten Leser inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte, in der Refraktionseinheit mit Phoropter, Probierbrille und schwindelerregenden Dioptriewerten kämpfte, wer schäkerte da am Nebentisch galant mit der Optikerin? Richtig – unser stadtbekannter Nobelpreisträger, Prof. Hänsch, lustigerweise ausgerechnet eine Koryphäe der Quantenoptik. Hänsch erhielt den Nobelpreis für die Erfindung des Frequenzkammes, scheint aber, wenn meine – zugegebenermaßen schwachen – Augen nicht trügen, keinen, äh, makroskopischen Kamm zu besitzen… Archetypus Nutty Professor (s. Abb.). Cohu berichtete bereits über eine andere oberflächliche Unzulänglichkeit dieses sympathischen Geistesmenschen (Stichwort Diastema)  – nun ist es aber wirklich keine Überraschung, dass der Mann hinsichtlich der Sehkraft genau wie Cohu das Ideal des Maulwurfs anstrebt. Zwischen Intelligenz und Kurzsichtigkeit besteht schließlich eine gut belegte Korrelation:

"Verschiedene Studien zeigten einen Zusammenhang[*] zwischen IQ und Kurzsichtigkeit. Im Schnitt schaffen Kurzsichtige etwa 7 bis 9 Punkte mehr beim IQ-Test als Leute ohne Brille. Hochbegabte sind ganz besonders oft kurzsichtig. Eine Studie an 157 748 israelischen Rekruten kam zu dem Ergebnis, dass von den Menschen mit dem niedrigsten IQ 8% kurzsichtig waren, in der Gruppe mit dem höchsten IQ dagegen 27,3 Prozent."  (Wikipedia)

Und, ich sage es jetzt mit aller Bescheidenheit: Genies kaufen bei Brillen Schneider!

([*] Wenn Wikipedia von einem "Zusammenhang" spricht, ist das natürlich sehr irreführend, weil es eine Kausalbeziehung impliziert. Die ist aber nicht belegt, sondern lediglich eine Korrelation. Ich musste das jetzt klarstellen, auf die Gefahr hin, dass es ganz furchtbar klugscheißerisch wirkt. Obwohl man argumentieren könnte, dass das jetzt auch schon egal ist.)

Hallo, entschuldigung, äh…

Könnten Sie mal bitte Google wieder einschalten? Für den verantwortlichen Telekommitarbeiter  (?) schlage ich dieses T-Shirt vor.
(Ausweichadresse)

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn

"Brillengeschäfte sind der Hort des Amokläufers", klagt Felix. Alle Brillengeschäfte? Nein.
Denn gerade hat sich etwas wahrhaft wunderbares ereignet. Cohu – myopischer Maulwurf vor dem Herrn – betrat den Brillen Schneider in der Amalienstraße. Etwa zwei Minuten, nachdem die Tür hinter Cohu zugefallen war, reichte ihr der sympathische Inhaber eine schöne Brille. Zwanzig Minuten später, nach dem Ausprobieren vieler geeigneter und weniger ungeeigneter Modelle stand fest: die von diesem  wahren Glasschmuck-Virtuosen als allererstes vorgeschlagene Brille war das Idealmodell!
In ein paar Wochen gibt’s also für Cohu diese neue Brille. Und für den "Brillen Schneider", bei dessen Kontaktlinsenabteilung ich früher auch schon gute Erfahrungen gemacht habe, gibts – nach zahllosen erfolglosen und frustrierenden Besuchen bei den unterschiedlichsten Optikern – jetzt schon ein großes Cohu-Prädikat.

(Bild: Friedrich Herlin, Lesender Petrus, 1466, Wikimedia Commons)

Ethik des Nichtwählens

Schon lange stellt Cohu sich die Frage: Gibt es wirklich eine moralische Pflicht, zur Wahl zu gehen? Stellt, wie Dr.Sno* das so treffend ausdrückt, "die Stimmenthaltung die schlechteste Wahl dar"? Mal sehen.
Das Nichtwählen kann man, so meine These, nicht als verwerfliche Dösigkeit, Ignoranz oder gar Boshaftigkeit abtun, der beliebte Vorwurf der "Politikverdrossenheit" (übrigens eins der schönsten deutschen Wörter!) geht in vielen Hinsichten ins Leere.

Vielmehr scheint es mir zunächst so zu sein, dass Nichtwählen aus demokratischen Grundprinzipien vielleicht nicht logisch, doch aber psychologisch folgt: Demokratie heißt für den Einzelnen, dass er sein eigenes Schicksal, in gewissen festgeschriebenen Grenzen, der Mehrheitsmeinung unterwirft. Der Bürger einer Demokratie muss also psychisch dazu in der Lage sein, es zu verkraften, dass andere über ihn entscheiden: ansonsten zerbricht der demokratische Vertrag. Diese Fähigkeit der Demut vor der Mehrheit hat nun der Nichtwähler perfektioniert. Er sagt nämlich, statt das Überstimmt-Werden überhaupt zu riskieren, gleich: "Entscheidet ihr doch!". Das mag für die Interessen des Individuums gar nicht so gut sein, aber es hält – und das ist entscheidend – das System zusammen. Genauso wie tausende von deutschen Mamas ihren Familien die Wahl über Essen, Fernsehprogramm und Urlaubsgestaltung überlassen ("Esst ihr erstmal!" – "Nimm du die Fernbedienung" – "Solang ich nicht kochen muss…")  – und damit die traditionelle Kernfamilie retten! Ein heroisches Unterfangen!

Dieses Lob der Nichtwahl kann man sogar noch weiter treiben: hören wir in diesem Zusammenhang, was Herr Lammert (CDU, Bäckerssohn) zum momentan zur "Vertrauenskrise" der Politik stilisierten Linksradikalen-Problem zu sagen hat. Nämlich:

(…) dass es schon möglich sein muss, dass Parteien, dass Parlamente sich anders entscheiden als den gemessenen festgestellten Wählererwartungen entspricht. Wir würden viele notwendige Veränderungen in unserem Land überhaupt nicht und schon gar nicht rechtzeitig auf den Weg bekommen, wenn es nicht die Bereitschaft gäbe, auch unpopuläre, von der Mehrheit zu diesem Zeitpunkt nicht gewollte Entscheidungen zu treffen. Fast alle großen Richtungsentscheidungen dieser Republik sind getroffen worden zu einem Zeitpunkt, als die Mehrheit der Bevölkerung mit genau diesen Entscheidungen überhaupt nicht einverstanden war." (Deutschlandfunk)

Als Beispiele für gute, gegen die Mehrheit gefällte Entscheidungen nennt Lammert die soziale Marktwirtschaft, die Wiedereinrichtung der Bundeswehr, den NATO-Doppelbeschluss. Man könnte nun ganz bösartig werden und Herrn Lammert jene gegen die Mehrheitsmeinung getroffenen Entscheidungen um die Ohren hauen, die auch in der Rückschau nicht als großartige Richtungsentscheidungen bewertet werden – bin aber zu faul. Stattdessen folgern wir: wenn große  Richtungsentscheidungen am besten gegen den Willen der Mehrheit getroffen werden, dann ist Wählen aus individueller Perspektive überflüssig, ja: störend. Wenn man schon wählen gehen muss, dann bitte den Kandidaten, der etwas durchsetzen will, was man selbst saublöd findet: damit liegt man nach Lammert’schen Prinzipien richtig.

Eine letzte Anmerkung: moralisch auf jeden Fall auf der sicheren Seite ist, im herrschenden System, jeder Nichtwähler, der im Falle einer Wahl Extremisten gewählt hätte. Wahlmathematisch betrachtet ist es nun doch wesentlich effizienter, einen Extremwähler von den Vorzügen der Nichtwahl zu überzeugen, als einen Moderatwähler zum Urnengang zu bewegen. Politikverdrossenheit und fehlendes politisches Engagement, ansonsten laut beklagt, sind also überaus positive Eigenschaften – bei Nazis.
In diesem Sinne: es lebe die Nichtwahl!

Münchner G’schichten

Eine Durchsage an alle Münchner Leser: Falls Ihr’s noch nicht gesehen habt – die Abendzeitung ist jetzt auch "richtig" online.
Eine detaillierte Kritik des Onlineangebots findet sich bei Thomas Mrazek. Abendzeitung.de ist vielleicht nicht das Ei des Kolumbus, aber für Freunde der gediegenen Lokalnachricht (wie Cohu) auf jeden Fall was Feines. Die SZ macht sich im München-Onlinebereich ja eigentlich nur noch lächerlich (siehe Bildstrecken, siehe Kommentar-Freeze), und für eine richtige Lokalnachrichtenversorgung hat Münchenblogger einfach zu wenig bzw. zu einseitigen Content. Was will der Lokalnachrichteninteressierte eigentlich? Sowas. Sowas. Und, bei Gott: sowas. Gegen die packende Immanenz  solcher Meldungen können Pseudoboulevard und "Szene" von mir aus einpacken.
Und damit zurück zu den Weltnachrichten.

Münchner Kindle

Beim gestrigen Vortrag des Stanford-Bibliothekars Michael Keller zum Thema "The Future of Books" gab es für die wenigen unter den Zuhörern, die die Sendlinger Mordweihnacht nicht mehr selbst miterlebt hatten, nicht viel Neues zu hören. Dafür aber was Neues zu sehen bzw. zu befummeln: das Amazon Kindle. Cohu ist seit jeher keine blindwütige Buchfetischistin, sondern eine Contentophile, und daher solchen medialen Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen. Leider, oh leider genügt das Kindle meinen Ansprüchen nicht: zwar ist die Bildschirmqualität exquisit und das Lesen an sich angenehm – schön auch Funktionen wie die Schriftgrößeneinstellung – doch, ojeh, der Bildschirm baut sich viel zu langsam auf, so dass man nach dem Blättern einen Moment auf die neue Seite warten muss; deshalb ist Speedreading genauso unmöglich wie das vom Computer gewohnte Scrollen. Dazu kommen kleinere Probleme: das Kindle wird nicht von allen schön gefunden (s.Abb.), manch einer findet die Verschwendung von Bildschirmplatz für eine volle Tastatur hirnrissig, und – lästiges Detail – das Kindle ist an allen Ecke und Kanten dermaßen mit Knöpfen und Tasten übersät, dass man es gezwungenermaßen beim Hochheben auch umblättert. Also, einige Modelle muss man da wohl noch abwarten, bis die Anschaffung eines solchen elektronischen Büchleins Sinn macht. Mal ganz abgesehen davon, dass das Kindle und seine exquisiten Belieferungsfunktionen momentan eh noch nicht in Europa erhältlich  – und in den USA ausverkauft – sind.

[Nebenfrage: Muss ich mir eigentlich Sorgen machen, wenn eine von mir frequentierte Institution als "die vielleicht wichtigste Einrichtung “neurechter Ideologiebildung”" bezeichnet wird?]

Ein neues Wort erblickt das Licht der Welt

Asselkrapfen, der:  1. süßes marmeladegefülltes Gebäckstück, das zur Abwendung von Sozialkontakten (oft im Büro- oder Arbeitskontext) alleine vor dem –>PC konsumiert wird. 2. [abw.] extrem introvertierter Mensch, syn. –> Aspi.

Holterdipolter

Dieser Nazivergleich – und das dazu passende holprige Dementi – darf in Cohu’s Sammlung nicht fehlen: Kawumm!

"Ein Holocaust" drohe den Palästinensern im Gazastreifen, wenn sie den Raketenbeschuss fortsetzten, sagte [der israelische Verteidigungs-Vize] Vilnai. Arie Mekel, Sprecher des Außenministeriums, eilte umgehend zu Hilfe. Vilnai habe den Terminus "im Sinne von Desaster oder Katastrophe verstanden", versuchte er zu relativieren. Keinesfalls habe er tatsächlich einen Holocaust gemeint." (taz.de)

Auch hier gilt wieder die alte Weisheit: wenn man sagt, was man meint, wird man besser verstanden.

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