Die zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft

Ich persönlich freue mich ja immer, wenn ich von meiner Alma Mater zugespammt werde  interessante Informationen zugesandt bekomme. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr euch in einem Anfall geistiger Umnachtung auch mal so ne "Campus-LMU"-Adresse zugelegt hab: da sind so nützliche und vor allem zielgruppenpräzise Sachen dabei wie

Du bist ein kreativer Mensch oder möchtest deine kreativen Potentiale umsetzen? Dann komm zum IdeenJam! an der LMU mit dem Thema „Kreativität“

…wir laden Sie herzlich ein zu einem kostenlosen Weißwurstfrühstück beim "Branchentreff Medien" am 24.01.08 …

Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel (Max-Planck-Institut Andechs) spricht zum Thema:„Wissen ohne Schule. Lernen in traditionalen melanesischen Gesellschaften“

…im Universitätskindergarten sind momentan zwei Plätze für Zweijährige zu vergeben.Bei Interesse wenden Sie sich bitte an das Büro der Frauenbeauftragten…

…die Ludwig-Maximilians-Universität zum Anziehen, Verschenken und auf Datenspeichern – das gibt es jetzt im Online-Shop der LMU. Rund 50 Artikel mit LMU-Branding vom USB-Stick bis zur coolen Retrojacke, lassen sich ab sofort rund um die Uhr bestellen…

Ich für meinen Teil, liebe Leser,wüsste nicht, wie ich ohne diese Informationen meinen straff organisierten Uni-Alltag gestalten sollte. Heute kam der Hinweis, dass morgen der "Konvent der Fachschaften" – anscheinend eine neue Organisation zur Studentenvertretung – tagt. Neugierig wie ich bin, hab ich natürlich sofort auf den angehängten Link (pdf) geklickt. Schließlich geht es um die Vertretung meiner Interessen!
Als erster Punkt wird verzeichnet, dass die Studierendenvertreter 20 Laptops bekommen, inklusive UMTS-Karten. Eine Homepage wird geplant, eine Sekretärin eingestellt. Alles in meinem Sinne, schließlich kümmern die Herrschaften sich ja um den reibungslosen und interessengemäßen Ablauf der Lehre! Ich bin gespannt auf die in diese Richtung geplanten Initiativen. Schließlich gäbe es da so manches zu verbessern. Nun kommen aber erstmal zwei Antifa-Anträge (Teilnahme an Demonstrationen, eine für Grundrechte, eine gegen Gebirgsjäger) dran. Dann kommen einige Seiten mit sage und schreibe 27 Logo-Vorschlägen. Kreative Menschen, das ist gut (vermutlich waren die alle beim IdeenJam!). Jetzt aber kommt das Inhaltliche, die Spannung steigt: Vorschläge zur Gleichstellung, inklusive einem "Knappen Überblick über den Feminismus". Äh, kommen wir etwas vom Thema ab? Geschlechtergerechtes Formulieren. Meinetwegen. Über Mag.a als weibliche Form des Magisters müssen wir nochmal reden, aber gut. Jetzt kommt aber was Relevantes: Verwendung von Studiengebühren. Im Gegensatz zum Genderthema ist da noch nicht so viel Ihnaltliches da, ist aber auch schwierig. Halbe Seite reicht. Außerdem sind Studiengebühren doof. Drangehängt ist dann die alte Forderung nach einer "verfassten Studentenschaft" (mehr Kompetenzen, mehr Geld). Als letzter Punkt kommt dieser Satz:

Studierendenvertretungen sind traditionell ein wichtiges Element der außerparlamentarischen politischen Landschaft. Sie vertreten die zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft. Aus diesem Grund darf und muss die Studierendenvertretung sich auch zu allgemeinpolitischen Themen äußern dürfen.

Moment mal. Antifa: Gerne. Genderzeug: her damit. Feminismus: geil. Meinetwegen könnt ihr mit Euren UMTS-Karten rumsurfen, was das Zeug hält, und jede Woche eine Erklärung zur Lage der Welt veröffentlichen. Aber wenn jemand die Gruppe, die er selbst vertritt (und der ich zufällig auch noch angehöre), allen Ernstes als zukünftige Geistige Spitze der Gesellschaft bezeichnet, ist bei Cohu Schluss, aus, Nikolaus. Sowas gehört doch Exmatrikuliert. Gibt es keinen Anstand mehr?

Da auf mich erfahrungsgemäß aber eh niemand hört, hab ich sicherheitshalber auch noch ein dementsprechendes Logo für die StudierendenvertreterInnen gebastelt. So nen Spruch soll man schließlich nicht irgendwo in Grundsatzpapieren verstecken, sondern gleich ins Zentrum des Brandings stellen ("Die Linke" hat das ja beispielhaft vorgemacht). Also Bitteschön:


P.S. Ach ja, ein ganz zentraler Tagesordnungspunkt dieser ersten Sitzung scheint auch noch zu sein: "Diskussion zur Befreiung von StudierendenvertreterInnen von Studiengebühren". Damit dürfte sich dann, in bester demokratischer Tradition, die Studentenvertretung wenigstens für eine Gruppe ganz deutlich lohnen: die Studentenvertreter.

Surfer, ihr könnt einpacken

Es gibt auch bei schlechtem Wetter zumindest einen Grund, trotzdem in den E-Garten Laufen (oder Spazieren) zu gehen. Nein, nicht die doofen Surfer. Viel lustiger finde ich persönlich die Kunststücke des Wasseramselpärchens ein paar Meter weiter, am Wasserfall hinter dem Haus der Kunst. Obwohl überall Schilder mit "Schwimmen verboten – Lebensgefahr!" aufgestellt sind (was in Anbetracht der reißenden Flut auch relativ glaubwürdig wirkt), stürzen sich die faustgroßen Vögelchen mit eleganten Bauchplatscherern in den Schwabinger Bach, laufen auf dem Bachboden oder "fliegen" unter Wasser und und klettern schließlich, wenn sie was zu Fressen gefunden haben (oder ihnen die Luft ausgeht) am Ufer wieder heraus, genau wie in diesem Video, das ich bei Youtube gefunden hab. Zwischendrin machen sie reizende Knickse. Und das alles ohne Surfbrett und ohne nass zu werden.

Sieben Jahre in Grosny

In der taz findet sich ein hochinteressanter Artikel über das Chinabild des Westens, insbesondere im Bezug auf den Tibetkonflikt:

Die Berichterstattung in den westlichen Medien wiederum gleicht einer Art Hysterie. Schon lange gilt Tibet in Europa und Nordamerika als etwas ganz Besonderes und Mystisches. Tibet wird als ein exotisches Gebilde angesehen, das idealisiert und als "rein" begriffen wird, als "Mythos Tibet", wie ein vor einigen Jahren erschienenes Buch dieses Phänomen nannte. Hier sei auch daran erinnert, dass Tibet vor 1950 keineswegs eine harmonische, auch nur annähernd demokratische, sondern eine stark hierarchisch organisierte Klassengesellschaft war, die selbst der Dalai Lama als "feudal" charakterisiert hat: mit einer erblichen und besitzenden Adelsklasse an der Spitze und einer großen Zahl armer oder landloser Kleinbauern – auch wenn niemand mehr dorthin zurück möchte.  (Thomas Heberer in der taz)

Flagge der tschetschenischen Exilregierung

Wer weiß: hätte mein Jugendheld Heinrich Harrer nicht in Lhasa, sondern in Tschetschenien seine Zuflucht gefunden und ein dementsprechendes Buch geschrieben, dass man dann wiederum mit Brad Pitt hätte verfilmen können, würden die Lisa Simpsons dieser Welt Free Tchetchnia rufen (wenn es sich auch nicht so schön anhört).

In dieser Hinsicht haben die Tschetschen aber eher Pech gehabt.

Gemischtes Doppel: Nass und kalt

Dieses schöne  Doppel inklusive Bildauswahl verdanken wir Rodnox:

Reisangeln

Eisrangeln

Bestechende Logik

Die AZ titelt heute zum Siemens-Schmiergeldskandal mit der Schlagzeile: "Siemens zahlte sogar eine künstliche Befruchtung."

Wieso denn bitte "sogar"? Als wäre das besonders schlimm. Aber im Gegenteil! Mir erscheint eine künstliche Befruchtung geradezu als ein besonders positives, ja, sogar lobenswertes Bestechungsgeschenk – insbesondere, wenn dabei zwei gesunde nigerianische Zwillinge rauskommen. Man möchte rufen: wenn schon Bestechung, dann bitte mit sowas, und nicht mit schnöden Moneten, Waffen, Plasma-Fernsehern (übrigens sehr beliebt!), Brasilianischen Prostituierten, sonstigen sexuellen Gefälligkeiten oder gar Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhren. Dagegen ist die In-Vitro-Fertilisation ja doch mal ne richtig nette Idee – der Siemens-Slogan "be inspired" verspricht nicht zu viel!

(P.S.: Im Zusammenhang mit dem Thema Korruption bin ich grad noch auf was gestoßen: Wer das schöne Wort "Reptilienfonds" noch nicht kennt, lese bitte hier nach. Tipp: es geht nicht um Investments in die hochrentable Zucht von CITES-Kriechtieren. Schade eigentlich.)

(Bild:ICSI, Wikimedia Commons)

Kulturelle Tiefenanalyse des mitteleuropäischen Hausschuhs

Je älter man wird, desto mehr tastet man sich an die Fragen im Leben heran, die wirklich wichtig sind. Und nur so ist es zu erklären, dass mir erst vor Stunden die Frage aufschien: Was ist eigentlich mit Hausschuhen?

Pantoffeldetail aus:
Hans Memling,

Bathseba im Bade, um 1480.
Wikimedia Commons.

Erstens: Einem bestimmten Menschenschlag ist das ganze Konzept "Hausschuh" zuwider. Er – denn es handelt sich eigentlich immer um Männer, den Typ der hausschuhhassenden Frau hat die Evolution schon lange ausgemerzt – sieht im Pantoffel einen Angriff. Worauf, das hängt wiederum von der Sozialisation des Hausschuhhassers ab: auf seine Coolness (Rapper tragen keine Hausschuhe!), seine gewollte Fernheit von (wahlweise) ROMIKA-Bürgerlichkeit oder Zimtlatschen-68ern, seine leder- oder sneakersohlige Stilsicherheit, seinen Purismus und – das haben alle Typen gemein – auf seine Männlichkeit. Die Rebellion drückt sich dann wahlweise in maskulin-bestimmtem Strumpfsockentragen oder dem Anbehalten der Straßenschuhe aus – bis im höheren Lebensalter auch beim Pantoffelrevoluzzer die Prostata bzw. die Ehefrau diesem Unfug ein Ende bereitet. Hausschuhe sind also für Mitteleuropäer wie der Tod: auch bei größter Anstrengung letztlich unausweichlich.

Zweitens. Nachdem diese Grundlagen bereitet sind, widmen wir uns den Details. Für den Deutschen ist eigentlich der Birkenstock der Pflichtschuh – hat sich dieser Korksohler doch wie ein Geschwür über alle Gesellschaftsschichten ausgebreitet und ist sogar im fernen Amerika zur generischen Bezeichnung für breite Treter geworden, eine linguistische Unterwanderung, die sonst nur Blitzkrieg, Rucksack und Angst gelungen ist. Leider tobt um diesen Schuh ein erbitterter Grabenkampf. Während die Geschmacksfrage natürlich schwer zu beantworten ist (Birkenstocks werden in einem Bundesland gefertigt, das eigentlich Garant für weltläufige Eleganz ist), tobt von orthopädischer Seite ein handfester Rechts-Links-Streit um den Birkenstock. Das bequeme Fußbett der Clogs ist, um eine politische Metapher zu bemühen, Sozialstaat für die Füße. Es ist klar, dass hier Puschen-Thatcheristen auf den Plan treten und auf die Nachteile einer solchen Wohlfahrtsgarantie hinweisen, auf die Gefahr nämlich,  "dass die Muskeln und Bänder erschlaffen, wodurch der Fuß seine Form verliert; der Fuß ginge in die Breite und drohe zum Senk- und Spreizfuß zu degenerieren."  (Wikipedia) Cohu schließt sich dieser Auffassung an und trägt deshalb keine Birkenstocks. Meine Füße wollen Eigenverantwortung, keine podiatrische Hängematte.

Drittens. Das zentrale Problem des Hausschuhs im modernen Mitteleuropa ist, meiner Analyse nach, dass angenommen wird, ein Paar Hausschuhe pro Mensch sei ausreichend. So wird es schon manche zart aufkeimende Jugendromanze zerstört haben, dass die Angebetete bei einem Überraschungsbesuch die Haustür öffenete, während z.B. solche "hochwertigen Plüschhausschuhe" ihre Füße zierten. Manch lässiger DJ hat, wenn er ein oder mehrere junge Damen noch zur Durchsicht der Plattensammlung in die Wohnung bat, alle Chancen auf weitergehende Betätigungen durch nikotingetränkte Lammflorpantoffeln zunichte gemacht. Die Tatsache schließlich, dass Hardliner wie Schily und Beckstein zuhause tatsächlich karierte Puschen tragen, und laut Hersteller Günter Jünemann in der FAZ "Selbst Guido Westerwelle bei winterlichen Temperaturen kuschelige Niedertreter" liebt, lässt jeden stilbewussten Schlapfenfreund zusammenzucken – diese Pantoffelhelden! Eine der seltenen Gelegenheiten für Cohu, den Papst zu loben: der trägt nämlich laut Wikipedia von seinem eigenen Schuster gemachte päpstliche rote Lederpantoffeln mit weißen Socken.

Viertens. Gerade in Zeiten, wo immer mehr Menschen Zeit zuhause verbringen (junge Mütter und Väter, Arbeitslose, Alte, Heimarbeiter) brauchen wir eine neue Kultur des Hausschuhs, wo für jede Betätigung und jeden Anlass der richtige Hausschuh vorhanden ist: Birkenstocks für die Pekip-Gruppe, Pompom-Pantoletten für das verführerische Date. Bunte Quastenpantoffeln für Weihnachten. Für Freizeiten der Adenauer-Stiftung oder das Vorstellungsgespräch bietet sich die seriöse Pantolette "Romika Präsident" an. Für nächtliche Hauswanderungen oder Spionageaufträge: Pantoffeln mit Beleuchtung. Extra für die Loge gibt es sogar Opernhausschuhe. Was allerdings fehlt, sind ernsthafte Business-Hausschuhe für die Führungskräfte der Zukunft, für das Meeting im Home Office. Hier sollte man sich eventuell an orientalischen Herrscherpantoffeln orientieren – ich finde, davon geht eine gewisse Autorität aus. Auf dass der Siegeszug der Pantoffeln unaufhaltbar werde!

[Welche Pantoffeln trägt eigentlich der Cohu-Leser so? (Psst! So sehen meine aus. Für den Sommer brauche ich allerdings leichtere).]

Milch für den Menschenpark

Die Firma Parmalat (eine Molkerei, die nördlich der Alpen wie viele italienische Institutionen hauptsächlich durch Skandale bekannt geworden ist), wirft, wie ich gerade im Supermarkt sah, trotz Insolvenz ein sehr erstaunliches Produkt auf den deutschen Markt: eine aus hocherhitzter Milch gewonnene Flüssigkeit mit "1,6 Prozent Fett mit Eisen und Vitaminen", die angeblich "das Wachstum fördert". Das ganze wird vermarktet unter dem Namen "Juniorix."
Cohu staunt nicht nur angesichts der Tatsache, dass sich sowas "Milch" nennen darf, während meine gute "Alpro" sich "Sojadrink" schimpfen muss (EU-Regel: nur Tiersekrete dürfen Milch heißen!). Nein, mich hat zudem das Branding des Parmalat-Wachstumsförderers irgendwie ganz stark an Niederbayrische Nutztierställe und Baywa erinnert. Und in der Tat: es gibt ein gleichnamiges Produkt, ebenfalls für Wachstumsförderung, allerdings bei Pferdefohlen.
Ach, Italien. Bleibe bitte bei: Mozzarella, Brunello, Olivenöl…äh: Parmaschinken.

(Bild: Wikimedia Commons)

“Ethik des Nichtwählens”: Follow Up

Ich hatte zur allgemeinen Volksbildung, die mir ja immer sehr am Herzen liegt, hier schon mal erklärt, warum Nichtwählen nicht so schlimm ist, wie von Wohlgesinnten (das schöne Wort kann man jetzt wohl auch nur noch mit unguter Konnotation verwenden?), also meinetwegen von Es-Gut-Meinenden behauptet wird. Nun redet mir in dieser Angelegenheit ein amerikanischer Ökonom das Wort, der (Disclaimer) an der ultralibertären George Mason University tätig ist und auch so aussieht. Donald Boudreaux schreibt:

The notion that greater involvement in politics is noble and beneficial stems from several delusions. The first of these delusions is that all time devoted to politics would be used less productively in nonpolitical pursuits. (…) The person who, say, volunteers to work for a political campaign necessarily takes time away from activities such as studying, working for a private employer or helping parents out around the house. (…) it might be true that spending time on politics is the best use of someone’s time — but it is far from being necessarily true. (Pittsburgh Tribune-Review)

Das ist vielleicht ein bisschen sophistisch. Es wird aber besser:

A more serious delusion is that politics is the only — or, at least, the most noble — venue for each of us to get "involved" with our fellow humans. In fact, though, we are involved even when we pay no attention to politics. We care for our families, support our friends, work at jobs that produce goods and services for millions of people and are active members of churches and clubs. Each of us is intensely involved, daily.

Das, finde ich, trifft ganz gut die Bigotterie, die das "politische Engagement" umgibt: warum soll die Tätigkeit als Politiker, Parteisoldat oder Stimmvolk, Ausschussmitglied oder Wahlkämpfer an sich eine edlere sein als z.B. die als Arbeitnehmer, Unternehmer oder Elternteil, Künstler oder Wissenschaftler? Wer sagt, dass der "politisch Engagierte" seinen Mitbürgern einen größeren Gefallen tut, wenn er über sie betreffende Gesetze abstimmt oder berät, als wenn er mit ihnen Geschäfte macht, oder sich sonst mit ihnen, zur beiderseitigen Freude, austauscht? Bourdeaux Boudreaux meint sogar:

Indeed, we are involved better and more fully when we act privately (that is, outside of government) than when we act politically.
Acting privately, none of us intrudes without invitation into other people’s affairs.

Der politisch Involvierte hat – so die libertäre Ansicht – den unangenehmen psychologischen Grundansatz, dass es ihm persönlich anstehe, anderen zu sagen, was sie zu tun haben. Das ist sozusagen die hässliche Kehrseite des sich rücksichtsvoll enthaltenden Nichtwählers, den ich in meinem Artikel als den wahren Helden identifiziert hatte!
Aus dieser (zugegebenermaßen etwas grobschlächtigen) Theorie folgt aber auch, dass politisches Engagement für solche Menschen äußerst angebracht ist, die für den privaten, freiwilligen Austausch gar kein Gegenüber fänden. Womit wir mit einem Schlag die Phänomene Markus Söder und Andrea Nahles erklärt hätten. Danke, Mr.Boudreaux!

Den Schreibtisch sehen und sterben

Lebensgefährdung durch den Beruf? Nur  Tölpel denken, das sei eine Angelegenheit der Vergangenheit. Im Gegenteil! Meine vor Tagen durch hochdramatischen Papierschnitt zugezogene tiefe Wunde am kleinen Finger hat mich dazu angeregt, mich einmal über das tatsächliche Risiko der Erwerbs- und Berufstätigkeit zu informieren.

Die Moderne, so mein erstes Ergebnis, hat Berufe hervorgebracht, die gefährlicher sind als die wildeste Mammutjagd oder die tollkühnste Walharpunierung: man denke nur an Selbstmordattentäter oder Zahnärzte. Tatsächlich: letztere haben, wie Stack (2001) nachweist, gegenüber allen anderen in der Studie untersuchten Berufsgruppen, und zwar unabhängig von demographischen Faktoren, eine enorm erhöhte Suizidwahrscheinlichkeit! Beim nächsten Wurzelkanal oder Weisheitszahnzug möge es dem werten Leser ein Trost sein.

Und die Gefährdung durch Unfälle? Auch heute nicht zu unterschätzen. Gottseidank kann man in Deutschland die sogenannten "Gefahrklassen" in den Gefahrtarifen der Berufsgenossenschaften zu Hilfe nehmen, um sich einen Überblick über die Risiken unterschiedlichster Berufe zu verschaffen. Gefahrklasse 1 ist der Standard – alles darunter also besonders ungefährlich, alles darüber risikoreicher. Softwareentwickler fallen in die Gefahrenklasse 0.33, Entwarnung also schonmal für die IT. EDV-Berater dagegen müssen, aufgrund des hochgefährlichen Kundenkontakts, immerhin schon in die Klasse 0.63. Versicherungsvertreter und Finanzmakler werden sogar mit 1.53 veranlagt – da schlägt schon mal eine Tür ins Gesicht oder der Telekom-Kleinaktionär übt grausame Selbstjustiz (Inkassounternehmer treten selbstbewusster auf und kommen deshalb mit 0.6 davon). Bildene Künstler dagegen haben ziemlich Pech: sie werden nämlich mit Stuntmen in einen Topf geworfen und (ab 2009) mit der Ziffer 3.0 abgerechnet. Soviel zahlen auch alle Tierzüchter und -Dresseure, egal, ob sie Schildkröten, weiße Tiger oder Hammerhaie halten. Richtig teuer wird die Berufs-Unfallversicherung dann für Fußballer der ersten und zweiten Bundesliga: ihre Gefahrenklasse beträgt schlappe 57,81!  (Näheres über Gefahrklassen findet man hier und in diesem .pdf)

Blogger sind in den berufsgenossenschaftlichen Gefahrtarifen leider noch nicht erfasst. Fallen sie unter "Religionsgemeinschaft," 1,11? Oder gar unter die "Unternehmen zur Freizeitgestaltung", 2,94? Egal: die NYT führ uns schonungslos vor Augen: das ist ein Hammerjob. Blogger sind, so der Eindruck, schlimmer dran als dickens’sche Kaminkehrerjungs des 19.Jahrhunderts. So schlimm, dass jetzt zwei dieser bedauernswerten Kreaturen mit 50 respektive 60 an Herzinfarkt verstorben sind. Und das ist nicht alles: "Other bloggers complain of weight loss or gain, sleep disorders, exhaustion and other maladies" – Wahnsinn. Das ist einfach unmenschlich. Dann lieber Giftschlangenzüchter, Minenräumer oder Medikamententester.

(Bild: www.emailleschilder.com)

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Decline of a Nation: Im Auge des Sturms

Tu felix Britannia: während andere auf dem Trockenen sitzen und obwohl dich vor ein paar Wochen immerhin das schlimmste Erdbeben seit 1984 erschüttert hat, warnt Dein größter Versicherungsmarkt, Lloyd’s, vor einem Mangel an Naturkatastrophen. Die Versicherungswirtschaft steht vor dem Abgrund, wenn es nicht bald wieder mal ein bisschen rappelt!
Helfen wir doch etwas nach. Meine Vorschläge: Arktis und Antarktis mit Heizpilzen bedecken, der Strom dafür wird aus verheizten Regenwäldern gewonnen. Ab jetzt zum Shoppen mal eben in die Stadt fliegen. Und wenn alle ihre Ventilatoren gleichzeitig einschalten, gibts vielleicht sogar einen Hurrikan! Wir kriegen das schon hin – 2008 darf nicht katastrophenlos bleiben!