Cohu stöbert

In den alten Fotosammlungen, die durch Digitalisierung nach und nach im Netz auftauchen, findet sich so manche Perle.

The Humphrey Winterton Collection of East African Photographs 1860-1960 etwa enthält Herrn Stanley (der von Livingstone) mit seinem beachtlichen Gefolge und den unheimlichen Captain Speedy und seinen Kleinen Prinzen (mehr zu ihm gibt es hier).

Das Bilder-Bundesarchiv ist (bis auf unrühmliche Ausnahmen) weniger exotisch – und unglücklicherweise durch Wasserzeichen verunziert…- aber trotzdem interessant: Büro im Wasser, Krippenwagen, E-Mail anno 1930. Und zum Thema "es war ja nicht alles schlecht damals" der photographische Beleg einer "schönen Weihnnachtssitte" im Jahr 1931.

Das alles wird aber weit in den Schatten gestellt durch die Werke des russischen Fotografen Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii vom Beginn des letzten Jahrhunderts. In für die Zeit um 1910 wahrlich ungewohnter Farbenpracht strahlen uns in dieser Sammlung entgegen: Jüdische Schüler mit ihrem Lehrer. Gefangene und Wärter. Ein turkmenischer Kameltreiber. Und: Teepflückerinnen. Mehr Informationen zu der Sammlung und Prokudin-Gorskis Methode gibt es hier

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Die Gefahren des Internet und ein praktischer Vorschlag zur Abhilfe.

Finde ich in düst’ren Foren
ein Rezept für Bombenbau
fühle ich mich auserkoren
und notiere es genau.

Lese ich: "Fight on, White Power!"
ist die Toleranz dahin
Mein Umgangston wird deutlich rauer
weil ich jetzt ein Nazi bin.

Stoß’ ich dann auf Porno-Kinder
werd’ ich – Zack! – zum Bösewicht
Sind die Jahre noch so minder
Mich Zufallsnutzer stört es nicht.

Des Menschen Geist ist nicht verlässlich:
Krankes macht ihn ungesund
Sieht er Böses, wird er hässlich
angesteckt von Schmutz und Schund.

Für Netz-Hygiene tut drum alles
macht die dunklen Ecken hell
Und, im Falle eines Falles,
Verbietet schlicht HTML.

3…2…1…meins

Um den Titel “Geschmackloseste AdWord-Werbung aller Zeiten” gibt es ja einige Bewerber. Das hier aber scheint mir ein besonders heißer Kandidat zu sein!

(Bei ebay finden sich im Übrigen tatsächlich Sachen – nicht pornographische, sondern wissenschaftliche – unter dem Stichwort, was mir zu der erstaunlich verspätenen Erkenntnis verhalf, dass es den gefürchteten ebay-Wortfilter schon seit 2003 nicht mehr gibt. Endlich kann Cohu sich eine Haarschneidemaschine sowie einen Cafetisch kaufen – und darauf Tyrannen-Quartett “Mao Hitler Stalin Franco” spielen!)

Kann es eigentlich sein,

…dass bei der Abenzeitung ein etwas übereifriger Volontär am großen roten Kommentarmoderations-Knopf sitzt? Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Moderation einer privaten Seite für pöse pöse Zensur halten, aber wenn man mit großer Geste zu einer Userbefragung aufruft und schreibt:

“Was gefällt Ihnen in unserem Angebot, was sollten wir anders machen, was vermissen Sie? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen.”  (AZ – Helfen Sie uns, noch besser zu werden)

– und dann Kommentare, die sehr sachlich und freundlich auf Probleme hinweisen, immer wieder von der Seite löscht, spricht das nicht grade für ernst gemeinte Leserorientierung…

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Verborgene Schätze

Die Liste der appetitlichen Streaming-Angebote, die für deutsche Nutzern lästigerweise nicht zugänglich sind, wird länger und länger: zur BBC (Sendungen der letzten 7 Tage können über Iplayer abgerufen werden – aber nur auf der Insel) und Hulu (mit Sendungen wie The Office, Simpsons, House – nur in den USA zugänglich) kommt nun auch noch Channel 4. Während der Brite sich also in aller Ruhe die Sendungen des letzten Monats ansehen kann, muss man in Deutschland mit Mini-Ausschnitten auf Youtube Vorlieb nehmen (etwa zum Thema Was tun im Fall eines Bürofeuers?).

Ich verstehe sehr gut, dass man in unterschiedlichen Ländern Rechte unterschiedlich verwerten will und es daher keinen Sinn macht, alles einfach gratis ins Netz zu stellen. Aber wie lange soll due  (durchaus zahlwillige) Nachfrageseite hierzulande sich eigentlich noch mit grottigen Synchonisationen, albernem Proxy-Gewurschtel und  UK-Import-DVDs zufriedengeben – oder gar mit Kapernfahrten?

Wer ist eigentlich schuld daran, dass diese (wie man angesichts der zahlreichen Piratenbörsen feststellen kann, ziemlich große) Nachfrage nicht befriedigt wird? Das hat sich Farhad Manjoo von Slate auch gefragt, zwar im Bezug auf Kinofilme und den US-Markt, aber die Überlegungen lassen sich genausogut auch auf TV-Inhalte übertragen:

The reason isn’t stupidity. When I called people in the industry this week, I found that many in the movie business understand that online distribution is the future of media. But everything in Hollywood is governed by a byzantine set of contractual relationships between many different kinds of companies—studios, distributors, cable channels, telecom companies, and others. (…) many of the contracts were written years ago, and they don’t reflect the current technology. (…)
(Farhad Manjoo: Why there is no Itunes for movies)

Schuld sind also, wer hätte es gedacht, die Juristen und ihre absurden Vertragskonstruktionen. Sie lassen flexible Anpassung an neue Verwertungswege einfach nicht zu. Laut dem Netflix-Gründer wird es daher in den USA noch an die zehn Jahre dauern, bis man alle Filme über Internet-Stream kaufen kann. Bis dahin müssen wir wohl oder übel vertrackte Schatzkarten lesen. Oder Lindenstraße glotzen.

(Illustration von Georges Roux für "Die Schatzinsel", via Wikimedia Commons)

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Du gehst mir sowas vom am Arsch vorbei

Dem Twitter-Medium steht Cohu ja tendenziell leidenschaftslos gegenüber: einerseits finde ich die Idee ganz lustig, schließlich schreibe ich auch die eine oder andere Facebook-Statusmeldung, was wohl so ähnlich ist wie "twittern", andererseits lese ich keine Twitter-Feeds (mit einer einzigen Ausnahme, für die ich aber vollumfänglich meine Hormone verantwortlich mache). Also insgesamt eher meh.

Aber was ich immer wieder lustig finde: wie sehr sich Leute über Twitter ereifern können, und was dahinter oft für ein seltsames Menschen- und Weltbild steht. Eine der am meisten vorgebrachten Behauptungen von Twitter-Skeptikern ist eigentlich immer sowas:

"Also mich interessiert es einfach nicht, was irgendwelche Leute zu Mittag gegessen haben, ob sie grade auf den Bus / das Flugzeug / einen Termin warten oder welches Youtube-Video sie grade gesehen haben. Für sowas hab ich einfach keine Zeit."

Das ist ja an sich schön und gut und ich will niemandem vorschreiben, welche Prioritäten er im Leben zu haben hat, mich wundert es aber immer, mit welcher Inbrunst und moralischem Überlegenheitsglauben diese Behauptung vorgetragen wird. Als wäre es ein Beleg für wirkliche menschliche Größe, dass einem die alltäglichen Belange und Gefühle, Sorgen und Freuden anderer Menschen vollkommen am Arsch vorbeigehen. Was hat man eigentlich für ein Menschenbild, wenn man stolz darauf ist, an anderen Menschen grundsätzlich erstmal kein Interesse zu haben – es sei denn, man kennt sie "wirklich" und "in echt" oder sie übermitteln nützliche Informationen? Wo folgerichtig auch jeder, der seinen Frust, Spaß oder einfach nur seine Langeweile der Umwelt in harmlosen Kurzmeldungen mitteilt, als "Narzist" oder "Exhibitionist" gilt? Sind für Menschen, die sich über die Idiotie von Twitter aufregen, eigentlich grüßende Nachbarn und übers Wetter ratschende Kassiererinnen, plaudernde Omas in der U-Bahn oder im Wartezimmer, "nur zum Ratschen" anrufende Freunde oder, um im Bild zu bleiben, zwitschernde Vögelchen, eigentlich auch narzistische, lärmende Belästigung und Ablenkung von eigentlich Wichtigem (was auch immer das ist)?

Wäre ja ok. Ich bin ja wirklich die Letzte, die ein Problem mit introvertierten Misanthropen hätte. Ich weiß nur nicht, ob es das ist, was Twitter-Skeptiker eigentlich signalisieren wollen…

(Bild: Martin Cathrae, flickr)

Alte Neue Medien

Höchst erfrischende Perspektiven auf aktuelle Diskussionen bietet diese Seite, auf der Quellen aus dem 19. Jahrhundert zusammengetragen sind. Alle Texte handeln von den Gefahren, die neue Medien mit sich bringen – insbesondere für die Jugend. Das damalige "neue Medium" war der Roman.

Die Herangehensweise an das Problem, der "wissenschaftliche" Anspruch, die Generationenunterschiede sind die gleichen wie heute. Die meisten Textpassagen könnte man leicht verändert in aktuellen Zeitungen lesen. Man muss eigentlich nur "Bücher" durch "Computer/Internet" austauschen:

"The great profusion of children’s books protracts the imbecility of childhood. They arrest the understanding, instead of advancing it. They give forwardness without strength. They hinder the mind from making vigorous shoots, teach it to stoop when it should soar, and contract when it should expand."  (On Novel Reading, 1820)

Zum Vergleich der heutige "Experte" Gerald Hüther:

"Betroffene müssten nur einen Computer sehen, schon hätten sie das Bedürfnis, sich davor zu setzen. Mit jeder Stunde aber, die Kinder vor dem Computer verbrächten, fehle ihnen eine Stunde, um ihr Gehirn für die Anforderungen im wirklichen Leben weiterzuentwickeln, warnte der Hirnforscher." (sueddeutsche.de)

Das Konzept der "Romansucht" war die damalige Entsprechung der heutigen "Internetsucht" – man verglich das zwanghafte Verschlingen von fiktionalem Lesestoff direkt mit Alkohol. Und die "Süchtigen" waren gar arme Gesellen (vielleicht, weil es noch keine Tiefkühlpizza gab?). So heißt es in einem Bericht aus einem tristem Lesesüchtigen-Haushalt:

"I am rooming, (…) with a couple of young men who are confirmed novel readers. Their nights are spent chiefly in poring over ‘the last Romance,’ and their studies are neglected in the strange reverie in which they are continually lost. Speak to them of a matter of History, and they stare vacantly, entirely ignorant of the principal events that have transpired in the world since its doings began to be recorded." ("Novel Reading" in The Western Gem, 1853)

Heute ist es die "Onlinesucht", die Leben zerstört – und sie scheint ein echtes Problem zu sein. Experten behaupten, "dass die Online-Kommunikationssucht sehr häufig bei Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Bildungsstandes" auftritt: "Onlinesüchtige verändern sich merklich, indem sie sich nach und nach immer mehr vom realen Leben zurückziehen." (www.onlinesucht.de).

 Romane wurden aber nicht nur aufgrund ihrer Suchtwirkung als bedrohlich empfunden – sie lösten sogar Gewalttaten aus! Etwa Suizide:

"A late "Recorder," notices the death of a young lady of 17, in Ohio, and observes–"this was a case of cool, premeditated suicide, occasioned by extreme sensibility, and romantic ideas, created by novel reading. She imagined herself ridiculed and slighted by a young gentleman, who had engaged her affections: she frequently improperly suspected her friends of coolness, and was unhappy because she had no relation. She was heiress to a considerable property, and had been well educated."" (On Novel Reading, 1820)

Heute kennt man den "Internet-Selbstmord" . Er ist traditionell definiert als praktisch jeder Selbstmord, der von einem Menschen verübt wird, der zuvor online mit anderen Menschen kommuniziert hat. Durch das neue Medium Roman wurden aber nicht nur Selbstmorde ausgelöst – nein, auch Jon Wilkes’ Booth’s Mord an Abraham Lincoln führte ein entsetzter Kommentator ganz auf den Konsum von blutrünstigen Groschenromanen zurück:

(…) reading the bloody tales of the weekly story papers, or the flashy, ten cent, yellow-covered literature sold in almost every book store. He will soon learn how to be a hero of the approved romantic type. But, young friend, if you have any regard for your character, your future standing in society, the credit of your families, your own peace and the welfare of your souls, let such reading alone! Why should you suffer yourself to trace hour after hour the foul workings of human revenge, jealousy, malice and corruption, because some writer has woven them into intoxicating fiction? (…) Rather never read a printed line. Such material stimulates only the bad in your nature. (…) Victims of this intellectual and moral debasement are seen dawdling through society in every city and town, communicating poison to all who touch them.("Booth and Bad Literature", in: Youth’s Companion, 1865)

Werden wir den Tag noch erleben, an dem mit Steuermitteln geförderte Stiftungen versuchen werden, unseren verkommenen Kindern und Enkeln das Internetsurfen und Online-Gamen, die Kommunikation in Foren und in sozialen Netzwerken, und – Gott steh uns bei – sogar das Bloggen näherzubringen? Die Gattin des Bundespräsidenten als Schirmherrin einer "Stiftung Internet"? Vermutlich.
Aber die Jugend wird dann – so war es schon immer – ihre Zeit lieber mit anderen Dingen verbringen. Lustigeren Dingen. Holodeck vielleicht.

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