Lolita ist nicht nur ein großartiges Buch, das exemplarisch fast alles zeigt, was gute Literatur kann. Es ist auch eins der Bücher, die jeder zu kennen glaubt, aber fast niemand tatsächlich gelesen hat – wer sich jetzt ertappt fühlt, empfehle ich dringend, das nachzuholen.(*)
Das Buch hat neben seinem überragenden literarischen Wert außerdem auch den Verdienst, Cohu auf eine (mögliche) Erklärung für die Plagiarismus-Debatte um die Musiker Kreisler und Lehrer (Cohu berichtete) aufmerksam gemacht zu haben. Die Frage war: wie kann es sein, dass Kreisler einige Lieder Lehrers übernahm, und doch behauptet, sich nicht daran erinnern zu können, von Lehrer inspiriert worden zu sein? Lehrer dagegen ist sich anscheinend sicher, dass Kreisler plagiiert hat (auch, wenn er das mit viel Humor nimmt). Wir schätzen beide Künstler und würden auch gerne beiden glauben. Geht das?
Die gleiche Frage stellt sich bei Lolita: wie kann es sein, dass Nabokov eigentlich eine bereits existierende Geschichte zu bearbeiten scheint (nämlich eine Kurzgeschichte des Deutschen Heinz Eschwege, die von einer sehr ähnlichen Begebenheit um ein Mädchen namens – Tusch! – Lolita erzählt) – dass Nabokov sich aber gleichzeitig überhaupt nicht dessen bewusst ist, irgendetwas von Eschwege übernommen zu haben?
Die Psychologie kennt als Erklärung das Phänomen der "Kryptomnesie", der verdeckten Erinnerung. Das ist, im juristischen Jargon gesprochen, der gutgläubige Erwerb von Einfällen: Aneignung von Ideen, wobei man sich nie dessen bewusst ist, sie geklaut zu haben, sondern wirklich davon überzeugt ist, die Einfälle seien die Eigenen gewesen. Einen langen Artikel über dieses Phänomen – mit zahlreichen Beispielen aus den unterschiedlichsten Kunstgattungen – hat Jonathan Lethem 2007 unter dem Titel "The ecstasy of influence" geschrieben. Am Ende bleibt die Frage: Kunst ganz ohne Plagiat – geht das überhaupt? Und wenn es geht: wollen wir das?
Simpsonsfans können sich diesen 13-Seiten-Text aber auch sparen. Alles Wesentliche zum Thema Kunstplagiat wurde nämlich schon 1996 in der Episode "The Day The Violence Died" gesagt, im Gerichtssaal-Monolog eines durch und durch schamlosen Plagiators:
Myers: Okay, maybe my dad did steal Itchy, but so what? Animation is built on plagiarism!
[lawyer slaps his forehead]
If it weren’t for someone plagiarizing the Honeymooners, we wouldn’t have the Flintstones. If someone hadn’t ripped off Sgt. Bilko, they’d be no Top Cat. Huckleberry Hound, Chief Wiggum, Yogi Bear? Hah! Andy Griffith, Edward G. Robinson, Art Carney. (…)
Your honor, you take away our right to steal ideas, where are they gonna come from? Her? [points at Marge]
Marge: Uh… Hmm… How about… Ghostmutt? (The Day The Violence Died, SNPP)
(*) Und zwar im Original. Wenn ein Russe es hingekriegt hat, das Buch auf Englisch zu schreiben, sollte man soviel Transferleistung auch vom Leser erwarten. Die Fremdsprachlichkeit ist ausnahmsweise sogar wirklich zentral – von Nabokovs Vorliebe für Anagramme und Wortspiele abgesehen ist ja nicht nur der Autor, sondern auch der Erzähler ganz dezidiert kein englischer Muttersprachler. Mindestens drei Ebenen des Buchs gehen also vermutlich mehr oder weniger am Leser vorbei, wenn er zur Übersetzung greift.

Das Konzept der "Romansucht" war die damalige Entsprechung der heutigen "Internetsucht" – man verglich das zwanghafte Verschlingen von fiktionalem Lesestoff direkt mit Alkohol. Und die "Süchtigen" waren gar arme Gesellen (vielleicht, weil es noch keine Tiefkühlpizza gab?). So heißt es in einem Bericht aus einem tristem Lesesüchtigen-Haushalt:
Hölle ist für jeden etwas anderes. Meine persönliche Hölle sähe so aus: für alle Ewigkeit eingesperrt in einer riesigen Bibliothek, die Regale über und über mit Büchern beladen. Zentnerweise, kubikmeterweise, kubikkilometerweise Bücher. Ein gemütlicher Ohrensessel dazu und eine feine Leselampe. Und alle diese Bücher wären von: 


Marktwirtschaftliche Zwänge haben es bis jetzt verhindert, dass wirkliche Romane veröffentlicht werden – damit meine ich 800 Seiten aufwärts. Wenn aber das Kindle die Kosten für lange Texte abschafft, brechen goldene Zeiten an für Leser und Autoren. Warum musste Melville seinen Moby-Dick auf popelige 536 Seiten beschränken? Eine zeitlose Geschichte erfordert mehr Raum, die Cetology ist kurz gefasst und wichtige Details fehlen. Warum ist Donna Tartts großartiger "Little Friend" schon nach 555 Seiten vorbei? Köstliche Spannung, aber doch etwas übereilt. Und warum kann man sich in einen genialen Wolfe wie "A Man In Full" nur viel zu kurze 742 Seiten lang vergraben? Bei so wenig Raum ist es nicht verwunderlich, dass der Weißgewandete einen etwas überstürzten Schluss an dieses Meisterwerk hängen musste. Schreib’s nochmal, Tom! 1000, 2000, 3000 oder 10.000 Seiten – wenn das Kindle sich durchsetzt, werden die literarischen Genies der Zukunft keine Grenzen mehr kennen.