Misserfolg hat eine Farbe

Cohu war ja zunächst sehr erfreut, als sie diesen Artikel las:

"Rot macht aus Athleten Sieger

Der Erfolg hat eine Farbe: Sportler in roter Kleidung siegen bei Wettkämpfen öfter als ihre Konkurrenten in Blau oder anderen Tönen – gleich mehrere Studien haben das belegt. Forscher rätseln nun über die Ursachen des erstaunlichen Kleidungsphänomens. "

Eine gute Nachricht, dachte Cohu: schließlich sieht ihr Arbeitsplatz so aus…

Aber doch etwas rätselhaft: wie kann es sein, dass mir trotz meines überaus roten Arbeitsplatzes Nobelpreis, Reichtümer, Top-Karriere, Schönheit, tiefe wissenschaftliche Einsichten, etc. bisher versagt blieben???

Die Erklärung finden wir auf Seite 2:

(…) Rot schwächt die Leistung bei Denkaufgaben

Ausdrücklich verweisen die Anthropologen auf Experimente von Psychologen, die gezeigt hatten, dass allein der Anblick der Farbe Rot das Leistungsvermögen von Menschen sinken lässt.Beispielsweise hatten Forscher der University of Rochester (USA) und der Universität München Probanden Denkaufgaben lösen lassen. Die Nummern aller Teilnehmer waren in verschiedenen Farben auf den Testbögen notiert. Das mit Stopp assoziierte Rot verschlechterte die Performance nachweisbar, berichten Andrew Elliot und seine Kollegen im "Journal of Experimental Psychology"). "

Auwehzwick! Muss ich jetzt etwa 60er-Fan werden?

Sinniges zum Armutsbericht

Ein interessanter Artikel über den "Armutsbericht" von unserem tapferen Ahab aus der Poschingerstraße findet sich bei der Wirtschaftswoche:
"Zunächst einmal stimmt es nicht, dass jeder achte Deutsche arm ist. Wäre diese Aussage korrekt, käme der deutsche Sozialstaat der im Grundgesetz und im zwölften Sozialgesetzbuch festgelegten Aufgabe, die Würde des Menschen durch seine Sozialleistungen zu sichern, nicht nach. Im Armutsbericht findet man eine solche Aussage auch gar nicht. Dort ist von „Armutsrisiko“ statt von Armut die Rede, das ist ein Unterschied."
(…)
"Zweifel an der Interpretation der Zahlen sind auch insofern angebracht, als die dargestellten Entwicklungen sich nicht auf Pro-Kopf-Einkommen, sondern auf das „bedarfsgewichtete Einkommen“ beziehen. Dabei wird unterstellt, dass zwei Singles zusammen ein Drittel mehr Einkommen brauchen als ein Paar. Das ist nicht unplausibel, impliziert aber, dass die zitierten Verteilungsmaße eher die Ausweitung gesellschaftlicher Wunschvorstellungen als ökonomisch bedingte Versorgungsdefizite widerspiegeln. Das sonst in der Statistik gültige Prinzip, das Faktum vom Werturteil zu trennen, wird bei der Armutsstatistik durchbrochen."

Beim echten Ahab bin ich inzwischen übrigens schon bei Kapitel 99.

(Bild: Wikimedia Commons)

Wenn die Inseln Mauern tragen

Cohus Venedig-Aufenthalt war wissenschaftlich wie touristisch ein voller Erfolg: Ich empfehle allen LMU-Angehörigen (und gegebenenfalls auch meinen Lesern von der Duke University), einmal ein Seminar auf San Servolo zu besuchen. Blockseminare sind wohl die effektivste Form, sich ein Thema zu erschließen, und: Selbst bei Regen kann man sich nachmittags mit Tischkicker und (welch ungewohnter Luxus!) sogar zimmereigenen Fernsehern gut unterhalten. So konnte ich etwa meine (noch) miserablen Italienischkenntnisse durch einen beeindruckenden Tarot-Kartenleger und anspruchsvolle Talkshows schulen. Bei schönem Wetter lassen sich Nachmittage und Abende mit bloßem durch-die-Gassen-Schlendern vortrefflich verbringen. Wer wie wir einen Reiseführer von 1972 mitgebracht hat (Danke, Herr Ford!) wird darin sogar einige nicht mehr existente Brücken und früher wohl noch betretbare Ruinen verzeichnet finden, nicht jedoch die Isola San Servolo: die war nämlich bis 78 eine psychiatrische Anstalt und somit kein Bildungsbürger-Material. Ein klein wenig gruselig wirkt die Insel – jedenfalls bei Dunkelheit und Nebel – heute noch, vor allem aufgrund der rundum angebrachten meterhohen Mauern, die nur ab und zu mit vergitterten Öffnungen den Blick auf die Lagune freigeben.
Den tiefgreifenden Erholungseffekt von Paternalismuskritik, Vaporetti, Pizza "Tira e Molla" und Aufenthalt in fürsorglicher (!) Sanatoriumsatmosphäre konnte der mehrstündige Flughafen-Wahnsinn auch nicht ganz zunichte machen – irgendwie hätte man dieses Chaos aber schon ahnen können bei einem Airport, der nach einem der notorischsten Lügner der Weltgeschichte benannt ist…

(
Bild: Letcombe/wikimedia commons)

Und der HipHop hat doch recht

Dass der gluteus maximus und vor allem seine ausgiebige Polsterung ein ästhetisch ansprechendes Wunderwerk der Natur ist, geriet über weite Strecken des 20. Jahrhunderts leider in Vergessenheit. Eine Rehabilitation startete Sir Mix-A-Lot zwar schon 1992 mit seinem unvergessenen Song "Baby got Back"  (Wikipedia), aber da ist er, wenn man sich momentane Schönheitsideale ansieht, immer noch der Rufer in der Wüste:

I’m tired of magazines
Sayin’ flat butts are the thing
Take the average black man and ask him that
She gotta pack much back
So, fellas! (Yeah!) Fellas! (Yeah!)
Has your girlfriend got the butt? (Hell yeah!)
Tell ’em to shake it! (Shake it!) Shake it! (Shake it!)
Shake that healthy butt!
Baby got back!

Wie ich da jetzt drauf komme? Wie so oft wurde kulturell tief verankertes Wissen ("Hintern = gut!") von der Naturwissenschaft letztendlich bestätigt. Man hat nämlich herausgefunden, dass subkutanes Fett in genau diesem Bereich vor Diabetes schützen soll. Die Überschrift "Scientists find something good about a big bottom" allerdings erweckt den Eindruck, man wäre auf Wissenschaftler angewiesen, um große Hinterteile gut zu finden – Grundfalsch natürlich. Wie sagt nochmal Sir Mix-A-Lot:

So your girlfriend rolls a Honda,
playin’ workout tapes by Fonda
But Fonda ain’t got a motor in the back of her Honda
My anaconda don’t want none
Unless you’ve got buns, hun!

Das Video gibt es hier. Und es ist, würde ich mal sagen, beim besten Willen nicht SFW.

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Aus der Genetik

Haushaltsgene (engl. housekeeping genes) sind, wie ich gerade gelernt habe, solche Gene, die immer exprimiert werden, d.h. die in ihnen enthaltenen Informationen zur Herstellung von Proteinen werden ständig umgesetzt, währen bei anderen Genen ein Regulationsprozess zwischengeschaltet ist. Die Haushaltsgene sind für die Produktion der Stoffe des Grundstoffwechsels der Zelle zuständig, daher der Name.
Die Dinger scheinen mir eine besonders geeignete Steilvorlage für den grade bei der Genetik so gerne praktizierten Wissenschaftsjournalismus von Lifestyle-Zeitschriften zu sein, der mit dem Horoskopschreiben artverwandt und ähnlich treffsicher ist. Ich seh da einen FHM-Titel: "Warum Männer nicht putzen – amerikanische Wissenschaftler zeigen: das y-Chromosom enthält kein Haushaltsgen!" Noch eine junge Dame im Hausmädchen-Outfit und neckisch geschwungenem Staubwedel dazu, und das Cover ist fertig!

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SEO für Philosophen

Zufrieden lehnt sich Cohu zurück, weil sie es geschafft hat, in ihrer Diss jetzt neben dem obligatorischen "sex with animals"  heute nun auch den Begriff "hard-core pornography" unterzubringen. (Für die Yalies bzw. Juristen unter meinen Lesern: das scheinbar Unmögliche gelang mir mithilfe eines Zitats des legendären Potter Stewart).

Wenn Google Books die Zukunft gehört, möchte ich bei den beliebtesten Keywords nicht hintanstehen!

Von wegen Free to Choose

Wir wissen: normalerweise ist von Ökonomen nicht viel zu erwarten außer schlechte Manieren und unwürdige Schwanzlängenvergleiche. Es gibt aber auch Ausnahmen, so z.B. Tim Harford, bekannt als "Undercover Economist" (bei Slate und FT) und Autor des gleichnamigen Buches.
So widmet er sich dankenswerterweise in seiner Kolumne "Dear Economist" mit ökonomischem Sachverstand einem Problem, das Cohu sehr bekannt vorkommt:

"Dear Economist,
In restaurants my husband always picks something better than me. It’s boring to choose the same as him. What can I do?
Sarah"

In der Tat: auch die IT schafft es immer wieder, mich von meinen Lieblingsgerichten abzubringen, indem sie sich hartnäckig die köstliche Nummer 44 (bei Man Fat) oder die unvergleichliche Nummer 32 (bei Mao) bestellt. Der dann einsetzende Effekt, den ich immer für einen Cohu-spezifischen Defekt hielt, ist laut wissenschaftlichen Untersuchungen tatsächlich verbreitet (zumindest in den USA): man wählt ungern das Gleiche wie der Vor-Besteller, selbst, wenn man unbeeinflusst genau diese Wahl bevorzugt hätte. Das Ergebnis fand ich schon mal beruhigend. Harfords Tipp ist dann allerdings nicht mehr so hilfreich:

"The implication is obvious. You should make a mental note of what you wish to eat and not change your mind when your husband announces his selection. If that is too “boring’’, the solution is even simpler: order first."

Leichter gesagt als getan, wenn die IT schon auf dem Weg zum Chinesen die altbekannte Bestellabsicht äußert! Vielleicht muss man da mal mit mechanism design rangehen: wer seine Bestellabsicht zuerst äußert – der zahlt. Oder: geheime Bestellungen. Werde demnächst DFG-Forschungsgelder für eine große, chinarestaurantbasierte Studie beantragen!

Voll auf die Nüsse

Mir kam diese Theorie ja immer seltsam vor. Aber als ich bei Amazon nach einer Muskatreibe suchte und sage und schreibe 48 verschiedene Produkte vorgeschlagen bekam, musste ich gleich an die These von der “Qual der Wahl” als Gefahr für die Wohlfahrtsmaximierung im freien Markt denken:

“As economists, we tend to accept the principle that more choice cannot make us worse of. However, recent evidence from lab and field experiments suggests that more choice can inhibit decision making and reduce search in many situations, potentially reducing welfare. This paper provides a formal theoretical foundation for these observations (…).”
(Irons, Hepburn 2006: Regret theory and the tyranny of choice, .pdf.)

Cohu hat jedenfalls erstmal….gar keine Muskatreibe gekauft und verspürt daher einen deutlichen Wohlfahrtsverlust, insofern: plausibel, die Hypothese!
Hatte Marx etwa doch recht? Hat der freie Markt versagt? Denn im Sozialismus gibt es, sicherlich nur ein Muskatreibenmodell, das in einem volkseigenen Betrieb aus verschrotteten Luxusgütern der Bourgeoisie gestanzt wird. Einen Antrag auf Zuteilung einer Reibe kann man einmal im Jahr stellen und erhält das Teil (wenn Parteimitglied) dann nach ca 3 Jahren, wenn nicht aufgrund imperialistischer Aggression ein Aufrüstungsschub dazwischenkommt und man doch noch Panzer daraus schmieden muss! (Und Muskatnüsse gibts eh nicht, diese verwestlicht-halluzinogene Kolonialistenbeute, stattdessen Macisersatz aus gerösteten Kichererbsen).
Aber das alles ist ja wohl definitiv immer noch besser als diese Konsumtyrannei! 48 Muskatreiben!!!

Lügen haben lange Beine

Da lese ich im Guardian, schon nichts Gutes ahnend, einen Artikel, dass Männer und Frauen Menschen nach einer "wissenschaftlichen Untersuchung" für besonders attraktiv halten, deren Beine 5% über der Durchschnittslänge liegen. Sieht schlecht aus für Cohu. Ich habe nicht nachgemessen (habe hier kein Millimetermaß), aber schätze, dass meine Stumpfelfortsätze mindestens 50% unter der Durchschnittslänge liegen. Bin ich also jetzt nicht nur aus eigener leidvoller Erfahrung beim Jeanskauf, sondern sogar empirisch nachgewiesenermaßen ein abstoßendes Monster???
Ich hatte mich schon auf die Suche gemacht, um Beweise für die Vorteilhaftigkeit meiner Körperausstattung zu suchen. Da berichtet etwa ein Artikel in der Welt unter dem vielversprechenden Titel: "Erfolg beim Sex hatte in der Urzeit kurze Beine": eine "Untersuchung zeigt, dass bei Primaten kurze Hinterbeine ein Hinweis auf kämpferisches Verhalten sein können" (trifft zu!), und erklärt: "Ein gedrungener Körper brachte Vorteile beim Kampf um potenzielle Geschlechtspartner, da kurze Beine am Boden die Stabilität erhöhen." – Ich muss sagen, dieser Artikel machte alles noch schlimmer. Habe ich etwa nur deshalb einen Partner gefunden, weil ich dank meiner Kurzbeinigkeit Männer besser festhalten kann?

Aber dann nahm ich den Guardian-Artikel nochmal genauer unter die Lupe. Und stellte fest: der zitierte Wissenschaftler trägt den Namen: Boguslaw Pawlowski.
In dem Fall kann ich nur sagen: Nomen est omen. Man muss auch nicht jedem glauben.

(Bild: Gray’s Anatomy, Wikimedia Commons).

How To Be Gay

Ja, Momeeeeent. Sooo einfach geht das nicht!

Menschen entsprechen, im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht, gerne Stereotypen. So bestehen 87,4% aller Teenager darauf, ihre überbordenende Individualität durch das Anbringen von Piercings auszudrücken, im Internetz  publizierende Menschen schreiben Blogrolls und beantworten die hirnrissigsten Stöckchen, um zur “Blogosphere” zu gehören, gestandene Frauen müssen hin und wieder eine Träne produzieren, um für eine Einordnung in die richtige Schublade zu sorgen, und eine Vielzahl von Publikationen dienen ihren Lesern dazu, sich der Zugehörigkeit zu einer jeweils mit besonderen Attributen versehenen geschlossenen Gemeinschaft zu versichern (wobei bei genauerem Hinsehen die Themen nicht weit auseinanderliegen:bei “Men’s Health”: “Wampe Weg” – “Rätsel Frau” – “Sixpack”, bei Joy “Die “Diät-Tipps der Stars” und: “Jüngere Männer sind besser!”). Eine bombenfeste Absicherung erhält der in seiner Zuordnung immer noch verunsicherte Mensch durch pseudowissenschaftliche Quirlkacke, die von der längst durch Knochenfunde bewiesenen Tatsache lebt, dass Steinzeitmänner- und Frauen exakt die gleiche Rollenverteilung hatten wie amerikanische Suburbia-Bewohner der 50er Jahre (siehe als Beleg entsprechende Dokumentarfilme, z.B. dieses Beispiel).

Noch schwerer als Durschnittspersonen haben es Menschen, die das ihnen zugewiesene Stereotyp aus diversen Gründen nicht erfüllen können. Wohl aus diesem Grund wird an der University of Michigan ein Kurs namens “How to be Gay” angeboten:

“Just because you happen to be a gay man doesn’t mean that you don’t have to learn how to become one. (…) In particular, we will examine a number of cultural artifacts and activities that seem to play a prominent role in learning how to be gay: Hollywood movies, grand opera, Broadway musicals, and other works of classical and popular music, as well as camp, diva-worship, drag, muscle culture, taste, style, and political activism.”

Hm, da sind ja eigentlich alle Themen dabei, die Menschen überhaupt interessieren. Man könnte jetzt auf die Idee kommen, dass die Interessen von Schwulen (abgesehen von Interesse an Männern) so variieren, dass es insgesamt ein aussichtsloser Schmarrn ist, eine “schwule Identität” zu konstruieren. Aber, wie gesagt, wir alle gehören doch gern zu einer Gruppe. Und wenn’s die Internationale Gesellschaft für Regenbogenfische ist.

(Bild: Wikimedia Commons)