Eine wahrhaft schockierende Geschichte serviert uns da die SZ:
"Manchen Studenten ist jedes Mittel recht, um ein Stipendium zu bekommen. Ein besonders dreistes Beispiel liefert ein Student, der sich gleichzeitig bei der CSU nahen Hans-Seidel- [sic] und der SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) beworben hatte. Weil er bei der FES nicht aufgenommen wurde, drohte er daraufhin mit dem Parteiaustritt aus der SPD und vergas [sic] auch nicht zu erwähnen, dass er wenigstens bei der Hans-Seidel-Stiftung [sic] untergekommen sei. Nach Rücksprache zwischen den Stiftungen wurde die Förderung eingestellt, weil der Student seine Bewerbung bei unterschiedlichen Werken verschwiegen hatte." (sueddeutsche.de)
Liebe nichtakademische Außenwelt, setz Dich und atme tief durch, ich habe eine ganz schlechte Nachricht: die Bewerbungsrunden und Stipendiatenkarteien der Stiftungen sind voll von Leuten, die mit den "Idealen" der sie finanzierenden Institutionen nichts anfangen können. Da sind manche dabei, die nie in einer Partei waren und auch nicht vorhaben, je in eine einzutreten. Unpolitische. Oder Politische, die sich aber lieber die Hand abhacken würden, als jemals die Partei zu wählen, die ihrer Stiftung "nahe steht". Und die kirchlichen Stiftungen beherbergen, habe ich mir sagen lassen, nicht nur bis zur Ehe jungfräuliche Katholiken und andere treue Gottesdienstbesucher, sondern alles bis hin zum schändlichen Atheisten. Wie heißt es so schön bei Elvis? One for the money, two for the show…
Das von der SZ geschilderte "besonders dreiste Beispiel" des hemmungslosen Stipendiumsstrichers hat ein Charakteristikum, das im deutschen Stipendienwesen sehr selten ist: Ehrlichkeit. (Und, OK, vielleicht auch noch eine große Portion Dummheit, die erfahrungsgemäß in fast allen Lebensbereichen hinderlich ist).
Auf die Idee, Geld für wissenschaftliche Forschungs- und Bildungsvorhaben ausgerechnet von politischen Parteien und Kirchen verteilen zu lassen, muss man aber auch erstmal kommen. Das System führt natürlich dazu, dass Projekte und Menschen benachteiligt sind, die nicht in den deutschen Parteienkonsens passen. Löbliche Ausnahme ist die Studienstiftung, die weltanschaulich neutral ist – aber auch nur weniger als die Hälfte der Gelder verteilt. Auch diese Stiftung betont aber, wie alle Förderwerke, die Wichtigkeit des berühmten "gesellschaftlichen Engagements". "Wer sich nur für sein Studium interessiert, wird nicht aufgenommen", Streber unerwünscht. Um mal in meinem Fach zu bleiben: ein junger Wittgenstein hätte in diesem System sicher keinen Pfennig Geld gesehen, Frege erst recht nicht, ganz zu schweigen von Kant (private Tischgespräche zählen nämlich nicht als "gesellschaftliches Engagement").
Damit nicht genug der Seltsamkeiten: das Kriterium der, wie es so schön heißt, "Bedürftigkeit", ist für die Förderwerke (im Gegensatz übrigens zu vielen privaten Stiftungen) irrelevant. So wird wohl so mancher generös mit tausend Kröten Taschengeld im Monat versorgt, der Mietshäuser sein eigen nennt – Hauptsache, er ist "gesellschaftlich engagiert". Darunter fällt auch die Organisation eines Charitydinners für Papas Rotarier.
Das alles wäre schön und gut, wenn es sich bei dem Geld um Parteivermögen, also z.B. Spenden von Privatleuten, handeln würde. Private Stiftungen haben schließlich auch freie Hand, wenn es darum geht, wen sie fördern wollen – ist ja ihr Geld. Anders ist das bei den parteinahen Förderwerken:
"Seit 2006 erhöht das Bildungsministerium jährlich die Mittel zur Begabtenförderung, die an die elf großen Förderwerke fließen – von 80,5 Millionen Euro in 2006 auf 113,2 Millionen in 2008."
Von den Stipendiaten gehören wie gesagt etwas weniger als die Hälfte der weltanschaulich neutralen Studienstiftung an. Folglich gibt der Steuerzahler inzwischen jährlich einen beträchtlichen zweistelligen Millionenbetrag aus, um über den Umweg "Stipendium" die Interessen und den Einfluss großer politischer Parteien und Kirchen zu stärken – und das nennt sich dann "Begabtenförderung." Irgendjemand, scheint mir, hat da eine ziemlich begabte Public-Relations-Abteilung.
[Liebe SZ, das ist übrigens der kritische Artikel über die politischen und kirchlichen Förderwerke, den ich, natürlich wesentlich besser geschrieben und ordentlich recherchiert, gerne mal bei Euch oder einem Eurer Kollegen gelesen hätte. Aber PR und Nutzwertjournalismus liegen Euch einfach mehr, nicht wahr?]