Decline of a Nation: Indische Verhältnisse

Aus dem fernen Indien erreichte mich ein Link zu diesem Video mit der Nachricht, das sei ja wohl ein Zeichen dafür, "dass es mit der guten alten Kolonialmacht wieder aufwaerts geht."

Dass ich nicht lache! Ein Straßenkehrer aus Chiswick tanzt, statt tüchtig zu arbeiten, zur Musik eines des Kindesmissbrauchs angeklagten Pleitiers, und das soll dann das Empire retten? Ich verstehe, dass man aus der Sicht des indischen Subkontinents eine gewisse Trotzhaltung gegenüber hartnäckiger Straßenverschmutzung als erstrebenswert ansehen kann, aber in Wirklichkeit gehts auf der Insel steil bergab, und zwar in Richtung indische Verhältnisse!

Beweise? Briten müssen seit neuestem Wachdienste engagieren, um ihre Gemüsegärten (!) vor Himbeer-, Erbsen- und Bohnendieben zu schützen! Britische Supermärkte werden evakuiert, weil Giftspinnen aus den Bananenstauden kriechen! Britische Züge schalten ihren Motor beim Abwärtsfahren aus! Und sogar (Achtung, eklige Links) britische Tierschützer benehmen sich seit Neuestem, als wären sie beim Thaipusam. Dass Chicken Tikka Masala seit Jahren die beliebteste "englische" Leibspeise ist, ist da ja nur noch das Tüpfelchen auf dem (indischen) "i"…

Decline of a Nation: I Like To Watch

Aufgrund der großzügigen Leihgabe der IT, die es wiederum als Geschenk erhielt, durfte ich mir in den letzten Tagen das wunderbare Buch "Watching The English" von Kate Fox zu Gemüte führen. Frollein Fox ist eine Oxbridge-Anthropologin und hat als solche schon mal einen Stein, ach, was sage ich, ein Bergmassiv bei mir im Brett, denn wer ist noch ein aus Oxbridge-Anthropologe, jahaaa, dreimal dürft ihr raten, Hugh "Derdürftemichauchmaldiagnostizierenrowrrr" Laurie (nebenbei hier noch ein Bild für die Dartwerfer unter meinen Lesern!) – aber ich schweife ab.

Fox beschäftigte sich bis jetzt mit Subkulturen – nämlich der der Pubs und der Pferderennbahnen – was sie natürlich für eine Untersuchung über die Engländer in besonderer Weise prädestiniert.  Besonders interessant sind, neben den vielen englischen Besonderheiten, die in leichter Anekdotenform aufgetischt werden, Fox’ Ausführungen zu den "Class Codes" in den verschiedensten Bereichen von Sprache über Kleidung bis zum Konsumverhalten. Die entdeckt man, wenn man sich das mal überlegt, genauso auch bei uns; den Briten scheint die Klasseneinteilung lediglich stärker bewußt  bzw. peinlicher zu sein…

Fox führt den Englischen Nationalcharakter auf eine Liste von Grundeigenschaften zurück: Humour – Moderation – Hypocrisy – Empiricism – Eeyorishness – Class Consciousness – Fair Play – Courtesy – Modesty. Im Zentrum dieser Aspekte steht die "Social Dis-Ease":

"The English social dis-ease is a congenital disorder, bordering on a sort of sub-clinical combination of autism and agoraphobia (the politically correct euphemism would be ‘socially challenged’). It is out lack of ease, discomfort and incompetence in the field (minefield) of social interaction; our embarrassment, insularity, awkwardness, perverse obliqueness, emotional constipation, fear of intimacy and general inability to engage in a normal and straightforward fashion with other human beings."

Das hört sich übel an, macht uns Anglophilen die Inselaffen aber natürlich nur noch sympathischer. Was soziale Fähigkeiten angeht, sind wir Deutschen ja beim besten Willen auch nicht geschickter. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir uns und unsere Ungelenkheit auch noch  fürchterlich ernst nehmen. Die typisch englische entwaffnende Selbstironie, die Fox als "Oh, Come Off It"-Rule (etwa: "Ach komm!"-Regel") beschreibt, könnte sich der Deutsche an sich deshalb wirklich mal hinter die Ohren schreiben. Und beim Jammern ("Eeyorishness"), das der Frau Fox besonders aufgefallen ist, schlagen wir die Engländer vermutlich noch um Längen…Wobei sich in meiner Interpretation jetzt natürlich der deutsche Nationalcharakter durchsetzt, dessen bitterer Kern meiner Analyse nach aus reinem, unverfälschten Selbsthass besteht, aber ich bin ja keine Antrophologin.

Also, das Buch eröffnet nicht nur einen Einblick in die Psyche des Engländers, sondern in die Struktur menschlicher Gesellschaften überhaupt: die anthropologische Sichtweise auf Sitten und Gebräuche macht einem die tausenden von sozialen Regeln bewußt, die man tagtäglich befolgt, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Sehr spannend!

Nur eine Sache hat Frau Fox übersehen – die typisch englische Vorliebe für Teppichboden auch an den unmöglichsten Plätzen wie Badezimmer, Pub und Flughafenwartehallen. Das hätte ich ja gerne mal von einem Anthropologen analysiert gehabt.

Decline of a Nation: Urlaubsreif

“They scream, they sing, they fall down, they take their clothes off, they cross-dress, they vomit,” Malia’s mayor, Konstantinos Lagoudakis, said in an interview. “It is only the British people — not the Germans or the French.”  (NYT)

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Decline of a Nation: Nationalcharakter

Eins muss man den Briten ja lassen: sie sind oft erfrischend pragmatisch! Und das nicht nur in der Philosophie und der Politik, sondern auch im wirklichen Leben.

Als z.B. neulich eine vermummte und mit Vorschlaghämmern bewaffnete Bande von Diamantendieben aus einem Juwelierladen in East Sussex stürmte, fanden sie zwar ihr davor geparktes Auto noch vor, jedoch hatten findige Passanten erkannt, dass es sich um das Fluchtfahrzeug handelte – und den Verbrechern, ohne lange zu zögern, den Zündschlüssel geklaut. Die Polizei fasste dank dieses Eingreifens die Juwelenbande wenig später, Diamanten im Wert von mehr als 250000 Euro wurden sichergestellt.

Ein deutscher Passant hätte da ja vermutlich erstmal einen zwanzigminütigen Nasbohrmarathon eingelegt: über die Natur der Verpflichtung zur Zivilcourage, dann allgemeine rechtliche Erwägungen, etwa ob er wegen unterlassener Hilfeleistung zu belangen wäre und wer ihm beim Aufhalten der Diebe evt. entstehende Schäden ersetzen würde, Sozialneidgedanken ("Ist Eigentum nicht eh Diebstahl?"), gipfelnd natürlich in ausführlichen Überlegungen, ob das Diebstahlsverbot von Kants kategorischem Imperativ erfasst wird – und ob! – schließlich noch ein paar Heldenphantasien von der Überwältigung der Übeltäter, dann natürlich die Frage der Selbstjustiz…. währenddessen hätte er den Banditen beim Ausparken zugesehen.

Er hätte sie aber auf jeden Fall noch lautstark darauf hingewiesen, dass ihre TÜV-Plaketten abgelaufen sind, denn so gehts ja wirklich nicht.

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Bullen sind Schweine

Ich bin ja ein sensibler Mensch, der schon vom Tatort Alpträume bekommt. Aber bei diesem BBC-Bericht über die tödlichen Stiere Nordirlands muss ich trotzdem kichern. Ich weiß nicht, ob es an den Bullen liegt oder am sagenhaft gestelzten BBC-Text ("It’s the quiet bull which poses the real danger, those animals that farmers sometimes turn their back on – sometimes, with fatal consequences"). Aber vermutlich ists der Ulster-Dialekt. Menschen, die Dialekt sprechen, nimmt man ja zu Unrecht oft nicht ganz ernst (naja, manchmal auch zu Recht).

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Decline of a Nation: Rock Bottom

Briten verbieten Sackhüpfen. Zu große Verletzungsgefahr! Wäre vielleicht auch ein geeigneter neuer Trend- und Risikosport: Sackracing.

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Decline of a Nation: Kindisch

SPON amüsiert sich über eine Kampagne des britischen "National Childrens Bureau", und das ist natürlich ein gefundenes Fressen für Cohu: "Kleinkinder werden auf Rassismus überprüft" heißt es da spöttisch, und "Schon auf Dreijährige, die scharf gewürztes Essen mit der Äußerung "Bäh" oder "Igitt" kommentierten, sei besonderes Augenmerk zu richten." Das Hauptziel dieser Kampagne: wenn ein Kind ein anderes rassistisch beschimpft, es aufgrund seiner Hautfarbe aus der Gruppe ausschließt oder abwertende Kommentare fallen, soll vom Erzieher bzw. der Erzieherin auf die Falschheit hingewiesen werden. Rassistische Vorfälle sollen in Kindergärten und Schulen nicht ignoriert, sondern gemeldet und (natürlich altersgemäß) verfolgt werden. Ja, die Briten, sind sie nicht ein verrücktes Völkchen! Und diese verdammte Political Correctness, tsts! Telegraph– und SPON-Leser können sich hier entrüstet und kopfschüttelnd die Hand reichen.
Und das zurecht! Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass  es wesentlich sinnvoller ist,  wie bei uns üblich erst beim ausgewachsenen, 16- bis 79-jährigen Nazi anzusetzen, dem man dann übrigens auch nicht auf unsicheren Verdacht hin aufgrund bloßer Sprüche, sondern idealerweise erst nach erfolgter Durchführung rassistischer Gewalttaten mit Hilfe von Antifa-, No Racism-und Exit-Kampagnen leicht und zielgerichtet auf den rechten richtigen Weg bringt – der durchschlagende Erfolg deutscher Anti-Rassismus-Methoden spricht für sich! Also Hände weg vom "Neger"-rufenden Kindchen – das wächst sich doch aus. Tsk, diese Briten immer…

Decline of a Nation: Your Tax Money at Work

Großbritannien gilt als Bastion der Stilsicherheit. Andere Nationen mögen Ehrlichkeit, gutes Essen, heißen Sex und gepflegte Gebisse bevorzugen – im vereinigten Königreich dagegen setzt man auf  Manieren, Klassenbewußtsein und dezente Zurückhaltung. Jeder weiß, wo sein Platz ist und wie er ihn auszufüllen hat. Gipfel des British Style findet man so nicht nur beim Cricket, in geschmackvollen Viktorianischen Terraced Houses beim Five o Clock Tea oder auf dem perfekten Rasen bei Pimm’s und Gurkensandwich, nein, auch die Unterschicht hat einen ganz eigenen, stringent durchgehaltenen Stil, der sie bis weit über alle Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat.

Um so schockierender deshalb, mit welch stillosen Mitteln die englischen Stadtverwaltungen jetzt darauf hinweisen, was sie alles für ihre Bürger tun:

"One of the posters in the ‘My Council’ campaign features a picture of a woman dressed in fishnet tights who, grasping a beer bottle, is bent double and vomiting in the street. The slogan reads: ‘My council… clears up my mess’" (thisislondon.co.uk, inkl. Abb. des wirklich ekligen Plakats)

Sauber. Motive mit einem kackenden Hund und einem romantischen Dinner, in dessen Bildunterschrift appetitlicherweise auf die ständig drohende Gefahr der trots hingewiesen wird, gehören auch zur Kampagne. Diese plakative Geschmacklosigkeit können die sich doch eigentlich nur bei uns abgeschaut haben…

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Decline of a Nation: Sex and the City auf Englisch

Eine kanadische Journalistin namens Leah McLaren hat mit den britischen Männern bittere Erfahrungen gemacht: sie zog nach Großbritannien, in der Hoffnung, dort wilde Liebesabenteuer im Stil von “Sex and the City” zu erleben. Leider wurde daraus nichts. Nun hat sie das Drehbuch für eine Fernsehserie verfasst, die auf unterhaltsame Weise von ihren gescheiterten Versuchen erzählt, den britischen Männer näher zu kommen. Zuvor legte schon Artikel “The Tragic Ineptitude Of The English Male” von ihren Erfahrungen auf subtile Weise Zeugnis ab:

“Since moving to London, my romantic life has been characterised by last-minute text messages, incomprehensible drunkards, first-date coke-bingers and split bar tabs.” (The Spectator)

Was, The Spectator? Da arbeitete doch auch mein Lieblingsengländer! Die Spannung steigt – was meint denn die glücklose Liebessucherin zu Boris Johnson?

“He’s very sexy, but I didn’t have an affair with him,” she said. “He’s a very unusual character. He’s not your usual upper-class Englishman, is he?” (The Independent)

Ich weiß nicht…irgendwie habe ich das Gefühl, dass man auch mit Herrn Johnson kein “romantisches Date” nach nordamerikanischem Vorbild durchleben dürfte. Frau McLaren wäre vermutlich entsetzt. Ich jedoch bitte um Verfilmung, aber bitte nur, wenn Boris sich selbst spielt.

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Decline of a Nation: Extreme Makeover

Ach England – es geht bergab mit Dir: schon vor einiger Zeit wurde beschlossen, dass Deine Richter Ihre traditionelle Bekleidung ablegen müssen. Ab Oktober: nix mehr mit Rosshaarperücke und Sommer- und Wintertalar und all diesen seltsamen Spielarten. Als wären die armen (Zivil)Richter damit nicht genug Ihrer Amtswürde beraubt, hat das immer schon reformfreudige Großbritannien gleich noch eins draufgelegt: die Armen bekommen eine ganz neu designte Amtstracht. Man kann sie beim Guardian betrachten und sich dann, zweifellos, diesem Urteil anschließen:

"If humanising the judicial profession was the aim of this makeover, it is interesting that Betty Jackson decided that the outfit best suited for this would be one that looks like something an alien android with menacing religious undertones would wear when waging war with Doctor Who. (…)
Look at this poor man: instead of appearing imperious, the lord chief justice, Lord Phillips, now just looks like the man who sells you tickets for the Star Trek Experience at Caesars Palace in Las Vegas.
And judging from his expression, he knows it." (Guardian)

Ein kleiner Trost: Strafrichter bleiben aus Gründen der Autorität und Wahrung der Anonymität bei Perücke und altertümlicher Tracht, und vorerst wohl auch die Barristers ("The consultation has revealed a profound attachment by barristers to their wigs", formuliert der Guardian in einem anderen Artikel).

[Interessantes über die Amtstracht deutscher Juristen findet sich bei Wikipedia: die schönen karmesinroten Roben der Verfassungsrichter kennt jeder, aber wußtet Ihr, dass man verschiedene Juristen an der Art ihres Robenbesatzes auseinanderhalten kann (breiter Samtbesatz Richter oder Staatsanwalt, Wollstoff-Besatz: Urkundsbeamter)? Und dass deutsche Richter noch bis in die 60er Jahre ein Barett trugen? Wem das noch nicht reicht, der findet in den unergründlichen Weiten des Netzes sogar ein Roben-Blog.]