Decline of a Nation: Kindisch

SPON amüsiert sich über eine Kampagne des britischen "National Childrens Bureau", und das ist natürlich ein gefundenes Fressen für Cohu: "Kleinkinder werden auf Rassismus überprüft" heißt es da spöttisch, und "Schon auf Dreijährige, die scharf gewürztes Essen mit der Äußerung "Bäh" oder "Igitt" kommentierten, sei besonderes Augenmerk zu richten." Das Hauptziel dieser Kampagne: wenn ein Kind ein anderes rassistisch beschimpft, es aufgrund seiner Hautfarbe aus der Gruppe ausschließt oder abwertende Kommentare fallen, soll vom Erzieher bzw. der Erzieherin auf die Falschheit hingewiesen werden. Rassistische Vorfälle sollen in Kindergärten und Schulen nicht ignoriert, sondern gemeldet und (natürlich altersgemäß) verfolgt werden. Ja, die Briten, sind sie nicht ein verrücktes Völkchen! Und diese verdammte Political Correctness, tsts! Telegraph– und SPON-Leser können sich hier entrüstet und kopfschüttelnd die Hand reichen.
Und das zurecht! Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass  es wesentlich sinnvoller ist,  wie bei uns üblich erst beim ausgewachsenen, 16- bis 79-jährigen Nazi anzusetzen, dem man dann übrigens auch nicht auf unsicheren Verdacht hin aufgrund bloßer Sprüche, sondern idealerweise erst nach erfolgter Durchführung rassistischer Gewalttaten mit Hilfe von Antifa-, No Racism-und Exit-Kampagnen leicht und zielgerichtet auf den rechten richtigen Weg bringt – der durchschlagende Erfolg deutscher Anti-Rassismus-Methoden spricht für sich! Also Hände weg vom "Neger"-rufenden Kindchen – das wächst sich doch aus. Tsk, diese Briten immer…

10 Responses to “Decline of a Nation: Kindisch”

  1. Dr.Sno* Says:

    Genau! Lasst die Kinder doch in Ruhe!!! Ich finde ja das längst Schluss sein müsste mit diesem frühen Aufoktruieren gesellschaftlicher Zwänge, wie etwa dem Benutzen von Toiletten…

  2. markus Says:

    Naja, das mit dem Essen ist wirklich doof.Davon abgesehen bin ich mir nicht sicher, wie sinnvoll es ist, unter dem Aspekt des Anti-Rassismus gegen Beleidigungen unter Kindern vorzugehen, weil ihnen öfter Sprachschatz und Übersicht fehlen dürften, um ihre Ablehnung angemessen auszudrücken. Das klappt selbst bei Erwachsenen schlecht. Deswegen sollte die Beleidigung natürlich nicht ignoriert werden. Den – unvermeidlichen – übereifrigen Erzieher, der einem Kind einen halbstündigen Vortrag hält, weil es sich bspw. über den Knoblauchgeruch eines anderen Kindes falsch beschwert hat muss man aber nicht auch noch ermuntern.

  3. cohu Says:

    Das mit dem Essen ist wird in dem Bericht halt als Beispiel gebracht für unbedachte Kommentare im Alltag, die Kinder in einen unangenehmen Minderheiten-Status drängen. Also wenn die weißen Kinder z.B. geschlossen "Igitt" rufen, wenn Klein-Mohammed seine Knoblauch-Falafel auspackt. Dass man dann aufpassen und schauen sollte, ob der sich eigentlich den ganzen Tag solche Sprüche anhören muss, finde ich vollkommen angebracht. Niemand redet davon, Beleidigungen zu verbieten. Aber dass bestimmte Schimpfwörter einfach nicht gehen, kann man Kindern glaub ich schon beibringen, das ist doch ein minimaler Mindestanspruch an Erziehung…? Warum man z.B. "Bimbo"-Rufe nicht "Rassismus" nennen darf, ist mir nicht klar. Kinder verstehen auch Eigentumsrechte noch nicht – trotzdem (oder gerade deshalb) wird man ihnen immer wieder erklären: fremde Sachen nehmen ist Stehlen, und Stehlen ist ganz schlimm. Auch, wenn ihr Verhalten noch nicht unter strafrechtlichen "Diebstahl" fällt, weil sie gar nicht wirklich wissen, was sie tun – wie sollen sie’s denn sonst lernen?Ich weiß nicht, ich hatte immer den Eindruck, dass "übereifrige" Erzieher extrem rar gesät sind (Gottseidank!). Aber evt. weiß das der Erzieher unter den Stammlesern ja besser…

  4. markus Says:

    Nicht das wir uns falsch verstehen: ich meinte lediglich, dass es unter Umständen nicht angemessen und nicht kindgerecht ist, zwischen "Arschloch" und "Bimbo" einen großen Unterschied zu machen. Beides hat man nicht zu sagen und gut ist.Und ja, wenn du einem Dreijährigen, der ein Schimpfwort gebraucht, dass er irgendwo aufgeschnappt hat "Rassismus" unterstellst wird der Begriff bedeutungslos. Über- und Untergeneralisierungen sind in diesem Alter (und noch ein paar Jahre lang) ein ständiges Problem, die Bezeichnung "Bimbo" wird auch weiße Kinder, "böse" Hunde etc. treffen wenn sie mal im Wortschatz gelandet ist. Davon abgesehen hat ein solches Kind noch keinen Begriff von "Rasse". Allenfalls hat es eine generell ablehnende Haltung gegenüber "Anderen" erworben, wobei die Grenzen dieses "Anders" fließend sind. Teilweise haben sie auch ihre Berechtigung, wenn es bspw. um das angefasst werden oder das mitgehen geht. An anderer Stelle ist es normaler Teil der Individualitätsentwicklung Fehler zu machen, wenn es darum geht, was "ich" und "nicht-ich" ist. Wer will sagen, ob ein Kind sich mit "Bimbo" von der Hautfarbe, dem Sozialverhalten, der Körperhygiene oder den Spielzeugvorlieben eines anderen Kindes abgrenzt?Das macht den Begriff nicht besser, aber der richtige Ansatzpunkt dagegen sind die Personen (Eltern) von denen das Kind den Begriff hat.p.s. "fremde Sachen nehmen" ist eben gerade nicht "Diebstahl", es gibt jede Menge Ausnahmen, stillschweigende Einwilligungen etc.. "fremde Sachen darf man nicht nehmen" ist aber kindgerecht. Für mich ist "Nein, damit würdest du eigenen Gewahrsam entgegen den Willen des Eigners begründen" genauso unangemessen wie "Nein, dieser Begriff perpetuiert eine lange Geschichte der Unterdrückung und Ausgrenzung von Menschen, die anders aussehen."

  5. cohu Says:

    "Der richtige Ansatzpunkt dagegen sind die Personen (Eltern) von denen das Kind den Begriff hat."Ja schon. Die unterstehen aber im Gegensatz zu Erziehern nicht direkter staatlicher Kontrolle und sind nicht weisungsgebunden, weshalb eine Anti-Rassismus-Kampagne sie nicht weiter jucken wird.Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zwischen "Arschloch" und rassistischen Ausdrücken ("Neger" etc.): ersteres ist in vielen Kontexten zwar nicht so schön, aber geduldet. Sagen Mama und Papa doch in der Regel auch. Letzteres dagegen geht gar nicht, egal in welchem Kontext. Natürlich ist es vollkommen normal, dass Kindern mal sowas rausrutscht, aber es ist und bleibt halt was anderes als ein "normales" Schimpfwort und das kann man ihnen auch erklären.Natürlich ist es im Einzelfall schwer festzustellen, ob ein Kind Opfer von Rassismus oder "normaler" Ausgrenzung wird, aber die Haupt-Stoßrichtung dieser Kampagne war, Erziehern überhaupt mal die Augen dafür zu öffenen, dass Rassismus sich schon sehr früh festsetzt. Von drakonische Bestrafungen, stundenlangen Vorträgen, "Vorführen" des Kindes als böser Rassist o.ä. war da gar nicht die Rede, nur eben vom "Nicht Ignorieren." Evt. kann man die Sache auch besser verstehen, wenn man sich nicht in die Eltern der unabsichtlich "rassistischen" Kinder sondern in die der Geärgerten hineinversetzt. Bei denen wird nämlich "Neger" o.ä. eben nicht als "Abgrenzung" oder "Schimpfwort wie jedes andere" ankommen, sondern als besonders schlimm und verletzend empfunden werden. Kinder haben da feine Antennen. Dass Eltern ihre Kinder vor sowas geschützt wissen und nicht nur hören wollen, dass das ja "normaler Teil der Individualitätsentwicklung" und "nicht so gemeint" ist, finde ich nachvollziehbar.

  6. Stadtneurotiker Says:

    Was habe ich denn unter einem "übereifrigen Erzieher" zu verstehen?Ob es einer Behörde bedarf, die diese Vorfälle sammelt und dokumentiert (und damit was anfängt?), wage ich zu bezweifeln. Allerdings kenne ich auch die Aufgaben des National Children’s Bureau zu wenig, um das wirklich beurteilen zu können.Daß Rassismus schon im Kindergarten thematisiert werden muss, steht indes außer Zweifel. In vielen positiven Beispielen geschieht das nicht durch "halbstündige Vorträge", denn damit können Kinder wirklich nichts anfangen. Interkulturelle Arbeit ist da wesentlich passender und ist eine gute Gelegenheit, Kindern auf spielerische Weise fremde Kulturen und deren Riten, Essensgewohnheiten, Kinder-)Lieder, etc. näherzubringen. Kindern ajnderer Kulturkreise gibt es die Möglichkeit, sich und ihr Geburts- / Heimat oder Prägungsland näher vorzustellen. Ob sie erfolgversprechend ist, steht auf einem anderen Papier. Aber deswegen stellt man den Geschichtsunterricht an den Schulen auch nicht ein…Nicht unwesentlich ist auch die Frage, woher die Kinder diese Ausdrücke haben? Wieviele wirklich den Schneid besitzen, die entsprechenden Eltern anzusprechen, weiß ich nicht. Schimpfwörter, die sich fern des Rassismus bewegen, sind eine eigene Baustelle, die in der Regel von den Eltern gerne an Elternabenden eingebracht werden. Das erledigt sich in der Regel im Laufe der Zeit von selbst, sofern sie sich in einem "normalen" Rahmen bewegen.So weit die Ausführungen des Erziehers unter den Stammlesern… 😉

  7. cohu Says:

    Ja da schau her, der Stadtneurotiker hat jetzt derart fix geantwortet…sollte es sich bei ihm etwa um einen dieser gefürchteten ÜBEREIFRIGEN ERZIEHER handeln??? ;-P

  8. Stadtneurotiker Says:

    Klar, wenn’s um Diskussion geht, immer übereifrig! Ansonsten: übermüdet…

  9. markus Says:

    <i>Ja schon. Die unterstehen aber im Gegensatz zu Erziehern nicht direkter staatlicher Kontrolle und sind nicht weisungsgebunden, weshalb eine Anti-Rassismus-Kampagne sie nicht weiter jucken wird.</i>Und deshalb ist ein 366seitiger Leitfaden mit zumindest teilweise fragwürdigen Indikatoren die angemessene Reaktion? Kaum jemand würde an einer 20seitigen Broschüre mit den wichtigsten kritischen Punkten (samt Lösungsvorschlag) herumkriteln, aber 366 Seiten klingt nach Steuergeldverschwendung und Beschäftigungstherapie für Staatsdiener.Ok, Arschloch war ein schlechtes Beispiel. Nimm Idiot, das impliziert als Schimpfwort immer auch die Abwertung geistig weniger fähiger Personen. (Davon abgesehen: "sagt Mama auch" kann auf beides zutreffen und ist irrelevant. Ich erwarte, das Kinder dazu erzogen werden, Differenzen und Frustrationen ohne ehrverletzende Äußerungen bewältigen zu können.)Wie gesagt, für die Sensibilisierung der Erzieher braucht es keine 366 Seiten.

  10. cohu Says:

    Naja, Broschüre/Leitfaden ist auch der falsche Ausdruck. Das Ding ist ein Lehrbuch, "with case studies, references and accessible articles". Das im übrigen von Wissenschaftlern aus dem Erziehungsbereich durchaus geschätzt wird und jetzt eben auf Initiative des NCB neu aufgelegt wurde. Ich schätze, dass es vom NCB dann auch zusammengefasste Broschüren etc. geben wird. Um konkrete Ratschläge für Erzieher ging es da nicht so (die Presseartikel gehen in eine falsche Richtung). Das werden eher Ausbilder von Erziehern oder Studenten der Erziehungswissenschaft lesen, scheint mir, und denen kann man ein so hohes Komplexitätsniveau durchaus zumuten.Was Verschwendung von Steuergeldern angeht: Das Buch wurde ganz normal bei einem wirtschaftlich arbeitenden Verlag veröffentlicht. Ok, die Wissenschaflterin wird (wie die meisten Wissenschaftler) staatlich gefördert. Das scheint mir aber eine wirklich noch vertretbare "Verschwendung" von Steuergeldern mit praktischer Relevanz zu sein – ansonsten dürfte man erstmal ca. 80% der an deutschen Unis betriebenen Forschung den Geldhahn zudrehen …Warum sich angesichts dieser Sachlage die Presse so auf diese Sache stürzt, ist mir persönlich ein Rätsel.


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