Bildgebung

"Mit Fotos von Leichen, Raucherlungen, Tumoren oder kranken Kindern sollen Bätzing zufolge nun auch „Hardcore-Raucher“ erreicht werden."  FAZ.net: "Zigarettenschachteln von 2010 an mit Schock-Bildern"

Wasser auf meine Mühlen! Werbe ich doch schon lange dafür, Autos nur noch unter der Auflage verkaufen zu lassen, dass auf ihren Kühlerhauben und Sonnenblenden großformatige Fotos von blutigen Unfallopfern pappen. Memento mori, ihr Genusssüchtigen!

[Dass jedoch ab 2010 auf jedem Wahlzettel ein Posselt-Konterfei abgedruckt werden muss, um Wähler vor den Gefahren der repräsentativen Demokratie zu warnen, ist nur ein böses Gerücht.]

Alternativlos

In diesen Tagen betont jeder politisch Engagierte: wer nicht zur Europawahl geht, macht was falsch. Über den Vertrag von Lissabon würde ich in der Tat nur zu gerne abstimmen. Leider gibt es wohl keine einzige Partei, die politisch noch einigermaßen akzeptabel ist (d.h. moderat und nichtreaktionär, damit meine ich alles zwischen SPD, FDP, Grünen und in Gottes Namen sogar der CDU) und gleichzeitig gegen diesen Verfassungsvertrag.
Ich hatte ja auf die Libertas gehofft, die vom Programm her akzeptabel war – leider wird diese nun in Deutschland nicht selbst antreten, sondern geht eine Kooperation mit der AUF ein. So wichtig mir ein demokratisch legitimiertes Europa ist: nur über meine Leiche werde ich jemals eine Partei wählen, die sich "Christen für Deutschland" nennt und sich von Eva Hermann vertreten lässt.

Da in der Auswertung dieser Wahl aber jede Stimme, die nicht explizit für eine Anti-Lissabon-Partei abgegeben wird, als Zustimmung zu diesem Vertrag interpretiert werden wird, bleibt den Wählern, die gegen Lissabon sind, nichts anderes übrig, als zuhause zu bleiben (was, wie ich andernorts vertreten habe, auch nicht so schlimm ist wie oft behauptet). Für Alternativvorschläge bin ich dankbar.

Aber auch noch ne gute Nachricht: inzwischen finden sich die Songs des Robinson-Konzerts von Rainald Grebe, und auch viele andere Songs von ihm, auch bei YouTube. Hier eins meiner Lieblingslieder – zufällig handelt es auch von fehlenden Alternativen: 

[Da ich annehme, dass Herr Grebe an YouTube keinen Cent verdient, nun noch der obligatorische Hinweis: besucht ein Live-Konzert von Grebe, das ist es wirklich wert, oder kauft eine CD von ihm. Viele der Songs gibt es auch für schlappe 84 Cent als MP3-Download via Amazon, also sogar für altmodische Itunes-Verweigerer wie Cohu.]

Altersfrage

Im ersten Fall dieser Art hat sich ein amerikanischer Manga-Sammler schuldig bekannt, für den Aufbau einer umfangreichen Manga-Sammlung fiktive Kinderpornographie aus Japan importiert und im Besitz genommen zu haben. Nach einem 2003 verabschiedeten Gesetz wird auch fiktive Kinderpornographie verfolgt: der Angeklagte hat also mit bis zu 15 Jahren Gefängnis zu rechnen. (Wired-Artikel dazu). In Deutschland ist sowas auch strafbar ("kinderpornographischen Schriften … die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben").

[Sollte ich wegen Recherche dieser Rechtsfrage, die notwendigerweise die Suche nach zweifelhaften Stichwörtern via Google erfordert, von den Schergen der Zensursula in U-Haft genommen werde, bitte ich meine Leser, mir baldigst einen Kuchen mit eingebackener Feile zuzuschicken. Zur Not auch  Kuchen ohne Feile, solange es nur ein Schokoladenkuchen ist.]

Aber ernsthafte Frage: wie stellt man eigentlich die Volljährigkeit fiktiver Figuren fest? Reicht es, wenn z.B. in einem pornographischen Mangacomic die (fiktiven) vorpubertär erscheinenden Figuren im ersten Bildchen ihren (fiktiven) Ausweis hochhalten, in dem ihr (fiktives) Geburtsalter im einem Jahr vor 1991 liegt? Und wie verfährt man hinsichtlich der Altersfeststellung ausgedachter Personen eigentlich bei so kuriosen Fällen wie Peter Pan oder gar diesem hier:

"Well," gasped Mr. Button, "which is mine?"

"There!" said the nurse.

Mr. Button’s eyes followed her pointing finger, and this is what he saw. Wrapped in a voluminous white blanket, and partly crammed into one of the cribs, there sat an old man apparently about seventy years of age. His sparse hair was almost white, and from his chin dripped a long smoke-coloured beard, which waved absurdly back and forth, fanned by the breeze coming in at the window. He looked up at Mr. Button with dim, faded eyes in which lurked a puzzled question.

"Am I mad?" thundered Mr. Button, his terror resolving into rage. "Is this some ghastly hospital joke?

"It doesn’t seem like a joke to us," replied the nurse severely. "And I don’t know whether you’re mad or not–but that is most certainly your child."

The cool perspiration redoubled on Mr. Button’s forehead. He closed his eyes, and then, opening them, looked again. There was no mistake–he was gazing at a man of threescore and ten–a baby of threescore and ten, a baby whose feet hung over the sides of the crib in which it was reposing.

The old man looked placidly from one to the other for a moment, and then suddenly spoke in a cracked and ancient voice. "Are you my father?" he demanded.

Mr. Button and the nurse started violently.

"Because if you are," went on the old man querulously, "I wish you’d get me out of this place–or, at least, get them to put a comfortable rocker in here," 

(The Curious Case Of Benjamin Button. F. Scott Fitzgerald)

Die Juristen können sich glücklich schätzen, dass Herr Fitzgerald nicht auf Pornographie spezialisiert war…

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Highscore

Als erste Amtshandlung bei neu installiertem Word die Entwicklertools einschalten (oder, wie Microsoft so schön sagt: "Entwicklerregisterkarte in der Multifunktionsleiste anzeigen in den  Word-Optionen aktivieren"):
20 Nörpelpunkte

Danach gleich für alle Standarddokumentarten eigene Vorlagen herstellen:
25 Nörpelpunkte

Server auf einem USB-Stick installieren:
300 Nörpelpunkte

WordPress draufbasteln:
-100 Nörpelpunkte  (Blogsoftware ist intrinsisch sozial und damit antinörpelisch)

Stick mit Truecrypt verschlüsseln:
200 Nörpelpunkte

Sich über diese Amazon review kaputtlachen:
500 Nörpelpunkte

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Formulierungskunststück

Wie nennt man eigentlich Segregation, wenn man Segregation nicht in den Mund nehmen will? "Auflösung der Koedukation". Aus einem Artikel über eine OECD-Studie zu den unterschiedlichen Schulleistungen von Buben und Mädchen.

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Symbolisch

Ich verstehe ja die Anreizsituation: Jeder Artikel, der mit einer Nackerten bebildert wird, bringt massig Klicks. Und wenns überhaupt eine Zeitung gibt, der ich die in großem Umfang gönne, dann ist das die AZ. Partymäuse: her damit, und ein Bericht aus dem Silicon Valley fällt ja sowieso in den Lokaljournalisten-Auftrag.
Aber: einen Artikel über Zwangsprostitution mit einem nach Geldscheinen greifenden Halbakt (also, ehrlich: NSFW) zu illustrieren, ist schon ganz speziell. Was kommt als nächstes: Schlagzeile "Studentin vergewaltigt" und dazu ein Girls-Gone-Wild-Foto? Dann doch lieber Betonporno.

Sarcletti war gestern

Unser Nachbar ist beliebt. So beliebt, dass man bei Temperaturen über 25 Grad vor lauter Begeisterten die Straßenseite wechseln muss. So beliebt, dass die Schlange vor seinem Laden an einen “Konsum” nach der lange ersehnten Bananenlieferung erinnert und die paar Hansel vor der grade eröffneten Sammlung Brandhorst gegenüber bei Weitem in den Schatten stellt: nachfragetechnisch gesehen müsste der Freistaat Bayern eigentlich Herrn Ballabeni eine architektonisch anspruchsvolle Gelateria für seine Eiskunst spendieren, statt noch ein paar dutzend Twomblys in teuren Xylophonbauten aufzuhängen.

Cohu hat aber für die Volksmassen einen Alternativvorschlag: immer schön am Türkenstraßen-Adria vorbei (das zwar sehr familär und hübsch ist, aber grottiges, wässriges Eis macht) ins Eiscafé Venezia am Kurfürstenplatz. Schon der Name weist darauf hin: hier gibts vermutlich kein Schoko-Ingwer, Milch-Minze, Basilikumeis. Auch: keine Mädels in Leggings und Burschen mit Hipsterschal, aber dafür so herrlich unprätentiöse Sorten wie Snickers und Nutella (oder einfach Schokolade). Für die Gesundheitsbewussten auch laktosefreies Eis und zahlreiche Sorbets. Und das für 80 Cent und standardmäßig in einer nicht nur essbaren, sondern auch köstlichen Knusperwaffel (Aufpreis für Schoko-Rand).

Alternativalternative: Wer sich beim vollkommen un-trendigen Anblick der Venezia dann doch nicht überwinden kann, dort ein Eis zu kaufen, geht einfach noch hundert Meter weiter: rechtsrum in die Hohenzollernstraße. Da gibt’s jetzt nämlich auch eine Ballabeni-Eisdiele. Bis jetzt ohne Schlange.

(Grafik der beliebtesten Eissorten: Wikimedia Commons. Man beachte den enorm hohen Anteil an “andere”: Eis ist ein Long-Tail-Produkt!)

Florida

Ein Klick auf das Bild führt den interessierten Leser zu einem Florida-Bilderalbum (links oben auf der Picasa-Seite ist dann auch gleich der Link zur Slideshow, inklusive Cohu-Kommentare). Hereinspaziert! Bestaunen Sie auf sage und schreibe fünfundneunzig Fotos die wildeste Wildnis und die zivilisierteste Zivilisation. Alligatoren! Der Sinn des Lebens! Katzen! Sexshops! Seekühe! Es ist für Jeden was dabei (ok: viele Vögel. Aber nicht nur.)

Hüttenheinrich

Ein gar nicht so schlechter Artikel über Walden. Mit  Kapitalismuskritik und Wirtschaftskrise hat das Buch jetzt nicht sooo viel zu tun, finde ich, eher mit dem Guten Leben, aber seis’ drum, irgendeinen Aufhänger braucht man wohl für sonen Artikel. Überhaupt, hab ich schon erzählt, dass ich SPON aus meinen Favoriten verbannt habe und stattdessen nur noch FAZ.net lese? Mein Blutdruck ist spürbar gesunken. Bis halt dann wieder ein Arktikel über den Gebärstreik der Akademikerinnen rauskommt (bzw. die übermäßige Gebärfreude der Moslems, im wöchentlichen Wechsel mit irgendeiner abgefahrenen "Debatte" zwischen Männern über 80).

Egal, der Artikel passt jedenfalls bestens dazu, dass Cohu beim Amerikaurlaub im Borders nicht zu Atlas Shrugged (momentan allen Ernstes Platz 7 der US-Bestsellerliste!) sondern als Ersatz des zerlesenen Altexemplars zu einer preiswerten, netten Ausgabe des guten Heinrich griff. Gute Bücher kann man nicht oft genug lesen.

(Bild: Wikimedia Commons)

Sumpfmythen

Erstens, kurze Zwischenmeldung für die Meerjungfrauenfreunde unter meinen Lesen. Und zwar: die Behauptung, dass Seeleute Manatees früher für Meerjungfräuleins gehalten hätten, ist wohl eher so eine Art Insiderwitz unter Menschen, die so ein Tier einmal leibhaftig vor Augen hatten:

Zweitens, man soll nicht Zickzacklaufen, wenn man von einem Alligator verfolgt wird, sagen die Park Rangers. Gegenteilige Behauptungen gehören zum Standardrepertoire aller Möchtegern-Nehbergs. Lirum larum, sagt Cohu, und weist mit der ihr eigenen Klugscheißerei Akribie darauf hin, dass es, was Verfolgungsjagden zwischen Mensch und Alligator angeht, einfach viel zu wenig empirisches Material gibt, um daraus tragbare Aussagen über die beste Fluchtstrategie abzuleiten. Die weitere Bemerkung der Frau Rangerin, man möge in die hiesigen Sümpfe einfach immer jemanden mitnehmen, der langsamer ist als man selbst, überzeugt jedoch. Pragmatismus: eine uramerikanische Erfindung!