Sieben Jahre in Grosny

In der taz findet sich ein hochinteressanter Artikel über das Chinabild des Westens, insbesondere im Bezug auf den Tibetkonflikt:

Die Berichterstattung in den westlichen Medien wiederum gleicht einer Art Hysterie. Schon lange gilt Tibet in Europa und Nordamerika als etwas ganz Besonderes und Mystisches. Tibet wird als ein exotisches Gebilde angesehen, das idealisiert und als "rein" begriffen wird, als "Mythos Tibet", wie ein vor einigen Jahren erschienenes Buch dieses Phänomen nannte. Hier sei auch daran erinnert, dass Tibet vor 1950 keineswegs eine harmonische, auch nur annähernd demokratische, sondern eine stark hierarchisch organisierte Klassengesellschaft war, die selbst der Dalai Lama als "feudal" charakterisiert hat: mit einer erblichen und besitzenden Adelsklasse an der Spitze und einer großen Zahl armer oder landloser Kleinbauern – auch wenn niemand mehr dorthin zurück möchte.  (Thomas Heberer in der taz)

Flagge der tschetschenischen Exilregierung

Wer weiß: hätte mein Jugendheld Heinrich Harrer nicht in Lhasa, sondern in Tschetschenien seine Zuflucht gefunden und ein dementsprechendes Buch geschrieben, dass man dann wiederum mit Brad Pitt hätte verfilmen können, würden die Lisa Simpsons dieser Welt Free Tchetchnia rufen (wenn es sich auch nicht so schön anhört).

In dieser Hinsicht haben die Tschetschen aber eher Pech gehabt.

Bestechende Logik

Die AZ titelt heute zum Siemens-Schmiergeldskandal mit der Schlagzeile: "Siemens zahlte sogar eine künstliche Befruchtung."

Wieso denn bitte "sogar"? Als wäre das besonders schlimm. Aber im Gegenteil! Mir erscheint eine künstliche Befruchtung geradezu als ein besonders positives, ja, sogar lobenswertes Bestechungsgeschenk – insbesondere, wenn dabei zwei gesunde nigerianische Zwillinge rauskommen. Man möchte rufen: wenn schon Bestechung, dann bitte mit sowas, und nicht mit schnöden Moneten, Waffen, Plasma-Fernsehern (übrigens sehr beliebt!), Brasilianischen Prostituierten, sonstigen sexuellen Gefälligkeiten oder gar Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhren. Dagegen ist die In-Vitro-Fertilisation ja doch mal ne richtig nette Idee – der Siemens-Slogan "be inspired" verspricht nicht zu viel!

(P.S.: Im Zusammenhang mit dem Thema Korruption bin ich grad noch auf was gestoßen: Wer das schöne Wort "Reptilienfonds" noch nicht kennt, lese bitte hier nach. Tipp: es geht nicht um Investments in die hochrentable Zucht von CITES-Kriechtieren. Schade eigentlich.)

(Bild:ICSI, Wikimedia Commons)

Bestätigung einer alten Weisheit

Wenn man es sich zu leicht macht, geht alles schief. So erging es zumindest einem Newsweek-Kolumnisten, der sich eins dieser superleichten "Air"-Macbooks kaufte – und es dann versehentlich mit dem Altpapier entsorgte: "As humiliating as it sounds, let me repeat: the MacBook Air is so thin that it got tossed out with the newspapers."
Dieses Missgeschick mag auch mit seiner Sehbehinderung zusammenhängen (siehe Autorenfoto neben Artikel). Aber trotzdem: auch, wenn mein Thinkpad in einem Zeitungsstapel vermutlich doch stark auffallen würde, ist das doch alles nur wieder eine Bestätigung meiner Theorie, dass das Lesen von Tageszeitungen den Blutdruck gefährlich erhöht und daher zu vermeiden ist.

(Das reizende Piktogramm des Müllentsorgers mit ohne Hosen stammt übrigens von einer türkischen Mülltonne)

I Can’t Get No

Höchst unbefriedigend ist es, wenn man ein Buch liest, in dem ein englischer Spion in höchst geheimer Mission während des 2. Weltkriegs gerade mit dem Fallschirm über der Schweiz abgeworfen wurde, sich ein einem Hotel versteckt hält, dann überraschenderweise doch festgenommen und in eine Zelle gebracht wird….
Und es dann statt mit Seite 265 mit Seite 313 weitergeht. Bei einem neuen, eingeschweißt beim Hugendubel erstandenen Taschenbuch. Wenigstens fand ich das Buch eh schlecht, nicht auszudenken, wenn das bei einem Tom Wolfe passiert wär.
(Potter-Fans ist das anscheinend auch schon zugestoßen).

Tiroler Doppel

Passenderweise bekam Cohu ja zu Weihnachten das schöne Spiel "Gemischtes Doppel" geschenkt. Einer der seltenen Anlässe, wo es tatsächlich gelang, mir mit einem Druckerzeugnis aus dem Hause SZ eine Freude zu machen! Auch erfreulich in diesem Zusammenhang: nur eines der im Spiel enthaltenen Doppel gab es auch bei Cohu, nämlich "Fussball/Bussfall". Leider können wir der übersichtlichen Tabelle, die ein Doppelfreund in mühe- und verdienstvoller Arbeit hier erstellt hat, entnehmen, dass uns das SZ-Magazin da einige Monate voraus war (genauso übrigens bei Steckbein/Beckstein: das Magazin brachte das schon 2005!). Jetzt aber erstmal ein neues, vom Urlaub angeregtes Doppel:

Pennerbrause

Brennerpause

Loser generated content

He, SZ. Irgendwie bist Du total süß, wenn Du sauer bist. Muss echt schwer für Dich sein zur Zeit. Und dann musst Du auch noch bald nach Berg am Laim umziehen – ist das überhaupt noch S-Bahn-Gebiet? Lass uns doch einfach mal wieder schön zusammen frühstücken. Da kannst Du mir dann mal alles erzählen, was Dich bedrückt.
Aber nur, wenn der Heribert nicht mitkommt.

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In Memoriam Ira Levin

Vor zwei Tagen starb der amerikanische Autor Ira Levin, bekannt geworden vor allem durch seinen Satanisten-Thriller "Rosemary’s Baby". Vielleicht kennt Ihr die Polanski-Verfilmung (mit Mia Farrow), aber ihr solltet auf jeden Fall auch mal den Roman lesen. Ein Trivia-Schmankerl für zerebral Unausgelastete und Verschwörungstheoretiker: die Außenszenen des Films wurden vor "The Dakota" in New York, einem berühmt-berüchtigten Apartmenthaus, gedreht – und vor dem Eingang dieses Hauses (s. Abb.) wurde am 8. Dezember 1980 John Lennon erschossen!
Von Levin stammt auch "The Stepford Wives" (*), die Verfilmung mit Nicole Kidman (2004) ist, finde ich, großartig (und ich ertrage Kidman normalerweise eigentlich gar nicht). Etwas weniger bekannt, jedoch nicht weniger empfehlenswert, ist Levins SciFi-Dystopie "This Perfect Day" -das Buch liegt auch in einer ordentlichen Übersetzung vor ("Die Sanften Ungeheuer", erschienen bei Hoffmann&Campe 1979, heute bei amazon.de für schlappe 2,40 zu haben). Alles keine "große Literatur" und nicht stilistisch geschliffen, aber handwerklich solide, und die Geschichte bleiben einem einfach über Jahrzehnte im Kopf – wie gut komponierte Ohrwürmer.

(*)Ja, tatsächlich, mit v, liebe Spiegel-, tagesschau– und NZZ-Redakteure – als Qualitätsjournalist sollte man doch zumindest Englisch können – oder sollte es etwa so sein, dass Ihr alle nur die gleiche tippfehlerhafte Pressemeldung ungesehen übernehmt, statt zumindest Euren unbezahlten Volontär zehn Minuten im Internet die Werktitel recherchieren zu lassen? Ts, ts, ts. Da muss man jetzt mal Müll von Qualität trennen

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Tausend Deutsche, eine Meinung

Es gibt bei uns so einige Themen, bei denen – egal, mit wem man redet, sei es Oma oder Verkäuferin, Sozi oder Nazi, Student oder Arbeitsloser – eine Meinung vertreten wird. Als da wären Scientology ("Gefährliche Psycho-Sekte, die verboten gehört"), Freilandhaltung ("Glückliche Hühner!"), Mülltrennung ("Jeder ausgespülte Joghurtbecher rettet ein Stück Umwelt!"), Computerspiele ("Die größte Gefahr für den Deutschen Burschen!") und, nicht zuletzt, staatlicher Schulzwang ("Selbstverständlich") sowie Homeschooling ("Was für religiöse Fanatiker und sonstige Irre!").
Dem letzten Punkt einen kompetenten, sachlichen Artikel entgegenzusetzen bemüht sich die Frankfurter Sonntagszeitung hier – der erste und einzige nicht vorverurteilende, relativ neutrale und unaufgeregte Artikel, den ich zu diesem Thema in deutschen Massenmedien je gelesen habe.
Unabhängig davon, was man von Homeschooling/Schulzwang hält, finde ich jeden Widerstand gegen Einheitsmeinungen respektabel. Erstaunlich allerdings, dass das Infragestellen staatlicher Zwangsbeschulung in Deutschland ausschließlich von konservativ/reaktionärer Seite kommt. Die Linke hat doch eigentlich auch oft Probleme mit staatlicher Einmischung – und kam die ganze antiautoritäre, Anti-Staatsschul-Bewegung nicht ursprünglich von den 68ern? Die taz verbreitet in Familienfragen jedenfalls gerne eine sehr staatsfreundliche Doktrin (cohu berichtete).

Da gibt’s auch krasse Videos

Islamismus: eine ernste Sache. Dass wir in diesem Zusammenhang jetzt mal endlich was zu lachen haben, dafür können wir dem Innenministerium von NRW danken, das unter dem vielver- sprechenden Titel "Andis Freund Murat hat Stress" ein Jugend-Aufklärungs-Comic (pdf)  zum Thema herausgebracht hat. Man kann nun, wie die taz, darauf hinweisen, dass eine solche Maßnahme keinen einzigen Terroranschlag verhindern wird, aber den Steuerzahler 33.000 Euro kostet. Man kann sich aber auch einfach über die gute Unterhaltung freuen. Und über die Pointe, dass Murat sich promt vom wahren Glauben bzw. Jihad abwendet, als der ihn propagandistisch bearbeitende Islamist seine Schwester beschimpft. Motto Hey alder, machst Du mein Schwester an? Das dürfte den stereotypenfreudigen Leser allerdings kaum darüber hinwegtrösten, dass im Comic eine vorbildliche emanzipierte Muslima mit Kopftuch (!!!) auftritt. Der deutschen Stimmungslage würde jetzt evt. noch ein Sequel entsprechen – "Andis Freundin Aishe legt ihr Kopftuch ab." Cohu freut sich schon darauf.

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Immer an den Leser denken

"Wohin mit den Kindern? Mama oder Krippe – eine Diskussion spaltet die Gesellschaft." Da hat der Focus, wie es seit jeher seine (vielleicht einzige) Stärke ist, die deutsche Diskussion ja schön zusammengefasst.
Väter haben mit der ganzen Sache ja gottseidank nichts zu tun.

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