Höchstens Dreineunzig.

Da bin ich mal wieder Opfer meiner eignenen grenzenlosen Gutmütigkeit geworden und habe ein Buch fertiggelesen, dessen erste Seite schon Schreckliches erahnen ließ. Ich weiß nicht, liegt es an der Übersetzung aus dem Französischen oder ist das einfach schon wieder total überholt, dieses 39,95 von Frédéric Beigbeder? Oder einfach nur ein ganz schlechtes, plattes Pamphlet, das weder durch die zahlreichen Porno-Referenzen noch die "zynischen" Anekdötchen (im Stil von Altherrenwitzen) aus der Welt der Kreativen besonders aufgelockert wird?
Egal jetzt, wie der Titel sagt, ich hätte für diesen supervermarkteten Groschenroman in Hardcover rückblickend höchstens Dreineunzig bezahlt, aber in der Studentenwerksbib gab’s ihn auch umsonst.

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Alles Glück dieser Erde

Stabi-Buchrückgabe. Vor mir in der Schlange gibt ein ca. 30-Jähriger, bebrillter und mit Kurzhaarschnitt versehener junger Mann ein einziges Buch zurück. Und zwar dieses hier.
Entweder er hat eine Nichte. Oder eine sehr junge Freundin. Oder seltsame Vorlieben. *Schüttel*

Bestseller

Jetzt hatte ich mich schon gefreut, dass sie den Hahne endlich vom ersten Platz der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste vertrieben haben – eine Schande für Deutschland, dieses Pamphlet und seine überschwengliche Rezeption von den Volksmassen! Aber ich befürchte fast, der Schirrmacher ist nicht viel besser. Oh Gott, was habe ich gelitten bei der Lektüre seines Methusalem-Komplotts… [Bemerkung am Rande: ich frage mich, ob andere bei dem Birnenmatsch, den es manchmal in Mensa, Kantine oder Krankenhaus gibt, auch immer spontan “Methusalem-Kompott” denken, aufgrund der Zahnfleischfreundlichkeit!]
Über Konkurrenten auf den ersten Plätzen muss man nicht viele Worte verlieren, einziger Trost: Harry G. Frankfurt’s “Bullshit” (über das ich hier vor ca einem Jahr schon mal berichtet hatte) auf Platz 5. Das lässt hoffen. Zumal es vor ein paar Wochen noch viel schlimmer aussah, zumindest laut Deutschlandfunk vom 3.3.:

“Die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch ist im März 2006 die schlechteste aller Zeiten. Mit Deutschland geht es bergab! Nur noch saufende Schauspieler, durchgeknallte Beziehungstherapeuten, missionarische Heilpraktiker, neokonservative Fernsehspießer und prüde Medizinprofessoren.” (Lektüre des gesamten, sehr amüsanten Artikels dringend empfohlen)

 

Die Belletristik-Bestsellerliste ist für mich noch nichtssagender (nichtsiger sagend? noch weniger sagend? Sick, hilf!), schon wegen der darin enthaltenen unsäglichen Schundwälzer à la Schätzing und Kinkel und vor allem aufgrund der zahlreichen Übersetzungen aus dem Englischen, die man bei Beherrschung dieser schönen Sprache  – abgesehen von Glücksgriffen wie Harry Rowohlts Übersetzungen David Sedaris’ – ja eher meidet.
Jetzt hat mir der Jungforscher – Gratulation übrigens zur ersten Publikation! – auch mal den Kehlmann geliehen. Einem geliehenen Gaul schaut man zwar prinzipiell nicht ins Maul, aber der Verleiher hatte mich derart vor dem Buch gewarnt, dass ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, es überhaupt durchlesen zu können. Ja, überraschenderweise war ich dann jedoch lediglich leicht genervt und gelangweilt. Selten war es mir derart wurscht, wie es mit den Protagonisten weitergeht, weil sie ja eh beide unsympathische Kerle sind. Also, sollte man das jetzt sozusagen intrinsisch interessant finden, was Gauß und Humboldt so getrieben und gesagt haben (oder auch nicht), weil die halt irgendwie berühmt waren? Oder wie? Und wieso muss das dann in Romanform stattfinden, diese Anekdötchen? Große Männer unter sich, na ja… Der oben bereits zitierte Literaturkritiker des Deutschlandfunk, Denis Scheck, sagt es so: Der größte Einwand gegen ihn sei nicht verschwiegen: es ist ein bisschen ein Schweinchen-Schlau-Roman.” Die vielbeschworene Komik konnte ich beim Kehlmann übrigens nicht entdecken (vielleicht muss man bei mir aufgrund einer fortschreitenden Fry-Intoxikation inzwischen schärfere Geschütze auffahren…). Lesen kann man das schon, aber vielleicht wird der nächste Roman ja besser.

Wiederentdeckt: Roald Dahl

Als Kind war ich nicht nur ein Freund von Naturforscher- und Entdeckerbüchern, sondern auch von den Erzählungen Roald Dahls. Manche kennen ihn vielleicht als Autor des Kinderbuches "Hexen hexen" (The witches), das 1990 (soweit ich mich erinnern kann) ganz nett verfilmt wurde; letztes Jahr wurde dann ja mit "Charlie and the Chocolate Factory" ein anderes seiner Bücher verwurstet, ich konnte aufgrund einer starken Johnny-Depp- und Musikfilm-Allergie das Machwerk leider nicht begutachten. Wie ich der IMDB entnehme, hat Dahl sogar das Drehbuch für "Man lebt nur zweimal" mit dem "Best Bond" Sean Connery geschrieben.
Viel köstlicher als die Kinder- und Drehbücher fand ich allerdings Roald Dahl’s Kurzgeschichten, die einen unnachahmlichen "schwarzen Humor" haben, jedoch immer vollkommen harmlos bleiben, obwohl es teilweise um blutige Morde und seltsame Perversionen geht. Gerade im Kontrast zur heute üblichen brutalen Spielart des schwarzen Humors (Tarantino etc.) und der vollkommenen Arriviertheit dieses einst provokanten Stilmittels – gibt es überhaupt noch "weißen" Humor? –  wirken Dahls Stories wirklich noch frisch, charmant und drollig. Aufgrund ihrer doch recht schlichten Sprache leiden die Kurzgeschichten auch nicht großartig unter der Übersetzung ins Deutsche, sagen wir es so: das sind Geschichten, die gut sind, egal, wie man sie erzählt. Man könnte sich daher auch kaum Vorlagen vorstellen, die sich für die Verfilmung besser eignen.
Wer einmal "Man from the South"  (aka The Smoker) gelesen hat, wird übrigens jedesmal unwillkürlich an Roald Dahl denken, wenn sein Feuerzeug nicht geht  – jedenfalls geht es mir so! Auch das ist wohl eine Form der Unsterblichkeit …(hier kann man die Geschichte nachlesen).

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Aus dem Selbsthilferegal

Kennt jemand das Buch “Getting Things Done” von David Allen? Ich bräuchte mal irgendwas, um das zu überwinden, was in der englischen Sprache so schön “Procrastination” heißt (gibts dafür ein deutsches Wort, das Sinn macht?). Wobei die bei mir noch relativ mild ausgeprägt ist, glaube ich.
GTD hat ja inzwischen einige begeisterte Anhänger, unter anderem sollen – berichtet ein Informant (Name ist der Red. bekannt) – “alle bei Microsoft damit arbeiten”, was ja vielleicht als gutes Zeichen zu werten ist. Vielleicht.

Andererseits habe ich immer ein wenig Zweifel bei solchen Selbsthilfeschinken. Allen Carrs angeblich so tolles “Endlich Nichtraucher” hat bei mir lediglich dazu geführt, dass ich drei Jahre munter weitergeraucht hab aus bloßem Trotz, weil der ganze Trick dieses Buchs darauf beruht, dem Leser einzureden bzw. zu suggerieren, dass Rauchen überhaupt keine Vorteile hat. So ein Schmarrn. Es ist natürlich falsch, zu Rauchen, vom rationalen Standpunkt aus (weil die Nachteile überwiegen), aber deshalb sind Raucher noch lang keine Vollidioten, die etwas tun, was “keine Vorteile” hat. Nikotin hat natürlich eine Wirkung, die äußerst angenehm sein kann. Ich kam mir da nur verarscht vor. Und dazu noch dieser ganz spezielle Stil der Self-Help-Amerikaner, der durch die deutsche Übersetzung nicht gerade angenehmer wird…

Also, und jetzt zurück zu meiner “To do”-Liste!

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Constantia

Juhuuu, in
Office 12
ist eine Schriftart nach mir benannt
! (Und nein, es ist nicht Comic Sans).
Introducing "Constantia":

Vergleich
der Beständigen: Die Schrift sieht – wie ich – relativ unauffällig aus. Ebenso
zutreffend: "relatively small x-height", "classic proportions" und "slight
squareness." Aber: "long extenders" habe ich nicht. Im Gegenteil, wenn ich Hosen
kaufe bekomme ich jedes Mal den Eindruck, dass die Beine der Durchschnittsfrau
um die 30cm länger sind als meine. Ts. Und so alberne Serifen hab ich auch
nicht.

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Scriptor non calculat

Heute in der SZ (in einem seltsam-wirren Artikel betreffend den Vorschlag, die objektbezogene in eine subjektbezogene Theaterförderung zu ändern)

Würde nicht jede Theaterkarte mit insgesamt zwei Milliarden Euro
Steuergeldern alimentiert, könnte sie am Schalter nicht für 25 Euro verkauft
werden, sondern müsste 250 Euro kosten.”

Hm. Würde jeder SZ-Artikel einmal redigiert, wäre das Abo noch n paar Euro
teurer. Also bin ich mal still jetzt.

Ach ja. Morgen fahre ich wieder nach München, um den Nikolaus nicht zu verpassen, hehe. Vom katholischen Bischof zur Ikone des Consumerism – das ist eine Karriere ganz nach meinem Geschmack!

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Es gibt nichts Neues unter der Sonne

Von wegen: die Philosophie kann auch heute noch neue Themengebiete erschließen. Harry Frankfurt, Princeton, "On Bullshit":

"One of the most salient features of our culture is that there is so much bullshit. Everyone knows this. Each of us contributes his share. But we tend to take the situation for granted. (…) We have no clear understanding of what bullshit is, why there is so much of it, or what functions it serves. And we lack a conscientiously developed appreciation of what it means to us. In other words, as Harry Frankfurt writes, "we have no theory."

Frankfurt, one of the world’s most influential moral philosophers, attempts to build such a theory here. With his characteristic combination of philosophical acuity, psychological insight, and wry humor, Frankfurt proceeds by exploring how bullshit and the related concept of humbug are distinct from lying.(…)

Landet natürlich gleich auf meiner Wunschliste!

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