So gesehen…

Hm, also wenn diese Rede von US-Notenbankchef Ben Bernanke “Kapitalismuskritik” ist – wie Spiegel online in seiner Überschrift behauptet – dann wird die Weltbank vermutlich bald mit Attac fusionieren. Wer hätte das gedacht? Angeblich mahnt Bernanke sogar vehement “Gerechtigkeit bei der weltweiten Verteilung des Wohlstandes” an.
Ich hatte die Rede eher so verstanden, dass Bernanke für den Kapitalismus, ach was, für globales Wachstum und gegen die protektionistischen Barrieren ankämpft, die einen freien Weltmarkt und damit Wachstum für alle verhindern. Und zwar auch gegen die Widerstände z.B. von Firmen und Arbeitern, die Aufgrund momentaner Umwälzungsprozesse ihre Märkte oder ihren Job verlieren. Solche vorrübergehenden Verlierer der Marktbefreiung muss man, so Bernanke, als gewichtiges Risiko und Problem für die gloable wirtschaftliche Integration sehen. Von “Gerechtigkeit” und “Verteilung” redet er – so, wie ich den Text verstehe – gar nicht, geschweige denn mahnt er sie an. Wie unterschiedlich man doch einen Text interpretieren kann…

Gebührend besteuert

Grad mal wieder einen Flug bei Lufthansa gebucht: dazu die üblichen “Steuern und Gebühren”, das reicht aber nicht, eine “Service Charge” von 10 € wird noch draufgeschlagen (frage mich, wofür, wenn alles über Internetz vollautomatisch läuft? Kriegt das der tapfere LuHa-SysAdmin?). Und für den Altmodischen, der noch auf Papiertickets besteht, wären es nochmal 8 € zusätzlich.
Demnächst, so meine Horrorvision, wird der Besuch im Supermarkt so ablaufen: nach dem geflissentlichen Beladen des Einkaufswagens und an-die-Kasse-Schieben kommt das böse Erwachen. Die Kassentusse berechnet:

Einkäufe: 18,23 €
Einkaufswagenmiete: 1 € (refundable)
zuzüglich
Regalmetersteuer: 33,20 €
Shopping Cart Charge: 10 €
Service-Gebühr: 13 €
Warentrennbrettchen-Miete: 2x 3€ = 6€
Wenn man persönlich mit der Kassiererin abrechnen und eine Quittung haben will (sonst “Self-Check-Out”): 12 € extra.

Vielleicht wäre das ja mal ein interessantes Geschäftsmodell?

Immer sauber bleiben

Frohe Botschaft: bei meiner Recherche für den Besuch beim mir aus England bekannten Kosmetikladen Lush, den in für meinen Hamburg-Aufenthalt nächste Woche geplant hatte, stolperte ich gerade über die Meldung, dass es in München auch bald einen Lush gibt. Und zwar: ab morgen! In der Sendlinger Str. 27.
Einen Einkauf dort kann ich nur empfehlen. Bei Lush gibt es nämlich z.B. eine Kokosnussseife, die tatsächlich hauptsächlich aus Kokosnuss besteht und auch so riecht, mjam! Dann auch die köstliche, Kater-bekämpfende “Red Rooster Soap”, die zwar Zimt und Orange enthält, aber nicht nach Weihnachten riecht, sondern eher so lecker wie ein australischer Surfer, kurz, nachdem er aus dem Ozean gestiegen ist (nicht dass ich schon mal an einem gerochen hätte, seht dies bitte lediglich als rein fiktive, metaphorische Umschreibung eines frisch-herben Duftes). Und zuletzt natürlich das legendäre Trichomania-Shampoo, das aus festen Brocken besteht, ist also etwas gewöhnungsbedürftig. Habe damit im Nordbad schon so manchen mitleidigen Blick und Schauma-Angebote geerntet, anscheinend sah dasTeil so aus, als könne ich mir kein Haarwaschmittel außer Kernseife leisten…trotzdem sehr zu empfehlen! Tierversuche machen die nämlich auch nicht.

Mir zahlet nix!

Wenn die GEZ tatsächlich die Drohung wahr macht, ab 2007 für Rechner und fernsehtaugliche Handys (!) Rundfunkgebühren entsprechend denen eines Fernsehers zu erheben, muss ich – die ich bis heute brav meine Gebühren für das Radio zahle – mich wohl in die Illegalität und den Widerstand flüchten.
Der GEZ-Sprecher zu Spiegel Online:

“Es gibt also nur einen sehr kleinen Kreis von Haushalten, die kein Fernsehen nutzen, zum Beispiel aus religiösen Gründen. Ich glaube kaum, dass hier Fernsehen per Handy eine Rolle spielen wird. Das Problem ist völlig überbewertet und spielt eigentlich keine Rolle.” (Spiegel Online)

Wenn ich das hier richtig deute: Anscheinend geht aus dem Gesetzestext tatsächlich hervor, dass bei der (bei mir, wie der Jurist so schön sagt, “vorliegenden”) Kombination Radio + Internet-PC die volle (Fernseh-)GEZ-Gebühr von 17€ und nicht mehr nur die ermäßigte (Nur-Radio)-Gebühr von 5 € anfallen wird.
Unverschämtheit. Ich weigere mich seit Jahren, mir Fressen wie Silbereisen, Gottschalk und Christiansen nach Hause zu holen, von den Privaten mal ganz zu schweigen, und dafür muss ich mich nicht nur mit irren religiösen Minderheiten in einen Topf werfen, sondern auch noch zum Voll-Gebührenzahler machen lassen, obwohl ich weiß Gott nicht vorhabe, mein gutes Thinkpad als Fernseher zu verwenden. Auf die Straße werd ich gehen und… und… GEZ-Flaggen verbrennen!

Käuflich

Ts, jetzt hab ich doch tatsächlich vergessen, die Anti-Consumerists unter meinen Lesern auf den Buy Nothing Day hinzuweisen. Ich hoffe inständigst, ihr habt am Samstag nichts gekauft, und wenn dann nur ökologisch und politisch Korrektes!
Ansonsten gibts zum Trost diesen Film für Euch.

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Globalisierung im Fokus des Leitmediums

Der Spiegel bewirbt sein SPIEGEL special “Globalisierung – Die Neue Welt” mit einem Motiv, das ich dann doch erstaunlich fand:

Dieses Bild impliziert natürlich, dass Globalisierung per se ein Nullsummenspiel ist, bei dem das, was einer gewinnt, erst mal einem anderen weggenommen werden muss. Schon mal was von Wachstum gehört? Oder hängt hier jemand einer vormodernen Theorie der statischen Volkswirtschaft an?
Globalisierung betreibt man nicht, weil man irgendjemanden ausbeuten will (dafür ist Imperialismus, der momentan vorherrschende, vehement verteidigteProtektionismus und auch der eine oder andere Angriffskrieg wesentlich besser geeignet), sondern, weil man hofft, den ganzen Kuchen größer zu machen. Ob das klappt, ist eine andere Frage, aber allen Globalisierungsbefürwortern (ist das jetzt ein Schimpfwort?) so pauschal die Absicht zu unterstellen, sie wollten die Welt unter sich aufteilen, finde ich dann doch etwas weit gehend.
Aber gut, das “Leitmedium” ist halt auch nicht mehr das, was es mal war…(und die angebliche Akzentsetzung auf “Wirtschaftsthemen” ist mit dieser Kampagne auch nicht mehr glaubhaft)

(Interessant in diesem Zusammenhang auch diese schnippische Bemerkung auf dem sehr empfehlenswerten Adam Smith Institute Blog)

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Happiness…

Jetzt mal wieder zu den Sachthemen. Vielleicht hat der eine oder andere von Euch das Interview mit Richard Layard in der SZ am Wochenende gelesen (Artikel im Netz leider nur kostenpflichtig erhältlich). Layard ist ein renommierter Ökonom an einer Londoner Wirtschaftsschule der LSE, außerdem langjähriger Berater der Blair-Regierung und somit ein Vater des “Dritten Weges” bzw. der “Neuen Linken”, der in der letzten Zeit mit dem jetzt auch ins deutsche übersetzten Buch “Die Glückliche Gesellschaft” Aufsehen erregt hat.
Insbesondere die deutsche Presse jubelt über die Layards Thesen, die angeblich zu einem “radikalen Kurswechsel” der Politik aufrufen, indem er eine “neue große Vision” entwickelt: im Zentrum soll nicht mehr das Wirtschaftswachstum stehen,sondern “der Mensch”, bzw. eben das Glück. Schon der Klappentext lässt schlimmes ahnen:

“Wir sind eine Wohlstandsgesellschaft – eine glückliche Gesellschaft sind wir nicht. Stress, Angst und Unsicherheit bestimmen unser Leben auf der Jagd nach Geld und Erfolg. Schuld ist die einseitige Fixierung auf ökonomisches Wachstum, die Politik und Wirtschaft bestimmt. Mit seinem Blick auf das Glück der Menschen stellt sich Richard Layard radikal quer zu seiner Zunft und zur herrschenden Politik. Er macht konkrete und unbequeme Vorschläge für einen Politikwechsel. Auf der Grundlage umfangreicher empirischer Studien geschrieben, ist sein Buch ein Plädoyer gegen die Herrschaft der Ökonomie über unser Leben, ein dringender Appell zum Handeln und eine neue große politische Vision, deren Kern das Glück der Gesellschaft ist.” (libri.de)

Da schwebt dann dem momentan vielleicht etwas bedröppelten SPD-wählenden Journalisten Layard gleich einem Ritter auf dem weißen Hengst des Wirtschaftsverstandes vor Augen, der herbeigaloppiert, um uns alle vor den bösen
Heuschrecken und Neolibs zu retten. Er will unser Glück, alle anderen wollen nurWachstum!
Diese Begeisterung geht wohl etwas an der eigentlichen Frage vorbei. Das Ziel fast aller politischer Visionäre ist das “Glück der Gesellschaft” (zumindest seit dem Siegeszug des Utilitarismus). Nur glaubt jeder, es auf eine andere Art und Weise am besten erreichen zu können: der eine versucht das eben über möglichst hohes Wirtschaftswachstum, der andere mit Bierdeckeln oder 25% oder Freibier, manche probieren’s mit einem Blitzkrieg, und der nächste – nämlich
Layard – mit dem Hinweis, dass niedrige Steuern und hohes Pro-Kopf-Einkommen nicht alles sind.

…is a high tax rate

Und das geht so: Glück, sagt Layard, hat nichts mit dem absoluten, sondern mit dem relativen Einkommen zu tun. Das heißt: in einer Gesellschaft, in der alle anderen von 1000 Dollar im Monat leben, werde ich mit 1500 glücklich sein; in einer Gesellschaft, in der alle anderen 5000 Dollar verdienen, machen mich meine 1500 nicht sehr froh. Das bedeutet, dass eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens in einer Gesellschaft für manche sogar negative Effekte haben kann (die altbekannte “Soziale Schere”). Zweitens passen sich Leute an ein erhöhtes Einkommen an: ihre Vorstellung davon, was ein “angemessenes” Einkommen ist, verändert sich nach oben, je nachdem, wie viel sie verdienen. Das kann -weil Menschen ihre sich stetig erhöhenden Erwartungen nicht antizipieren – in Wohlstandsgesellschaften zu einem “Rat Race” führen: ein Nullsummenspiel, bei dem alle für mehr Einkommen rackern und rackern (und dabei andere Glücksfaktoren wie fressen, saufen, f Familie, Freizeit etc.
vernachlässigen), ohne tatsächlich eine Steigerung eines individuellen Glücks zu erreichen. Damit bleibt dann auch – trotz gestiegenem Pro-Kopf-Einkommen – das Glück der Gesellschaft auf der Strecke.
So  erklärt Layard, warum (angeblich) in den Wohlstandsgesellschaften das Glück in den letzten 50 Jahren nicht gestiegen ist, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in die Höhe schnellte.  Und damit erklärt sich auch, warum hohe Steuern glücklich machen: einerseitskönnen sie für Umverteilung und damit für eine Vermeidung der “Sozialen Schere” sorgen, andererseits nehmen sie den Leuten die (fehlgeleitete) Motivation, mehr zu arbeiten, als gut für sie ist, und verhindern so das “Rat Race”.
Tim Worstall, Erfinder des Economic Idiot Award, bemerkt dazu boshaft:

“…his central thesis seems to be that marginal tax rates should be 60%. This is based on the ideas that, one, you are too dim to understand work/life balance so we should tax you 30% if you work too much and two, that if you go ahead anyway and make more others will get jealous, so we should tax you another 30%. About the only positive thing I can say about this at present is that it is nice to have it proven that the Third Way really is based upon stupidity and envy. ” (link)

Ja, und natürlich gibt es auch schon Libertarians, die auf den “Happiness”-Zug aufspringen, den Layard ins Rollen gebracht hat, und behaupten, ökonomische Selbstbestimmung mache Leute noch glücklicher als hohe Steuern, und außerdem sei es gar nicht die Aufgabe des Staates, Glück herzustellen, sondern nur, die Ausgangsbedingungen für die Verfolgung des eigenen Glücks herzustellen:

“Research tells us that optimism works. People who think that they are in control of their lives go on to be more successful than others, whereas those who indulge in victimisation and think that someone else is to blame for their problems are most often proven right in their pessimism. Creating the paternalist institutions that Layard and others propose would be a way of depriving us of freedom, and the sense of control, and therefore probably also of happiness.” (Johan
Norberg, The Scientist’s Pursuit of Happiness
)

So. Wie schon mein (und übrigens auch Layards) großes Vorbild Jeremy Bentham sagte: “Happiness is a very pretty thing to feel, but very dry to talk about.”
Und deshalb solls das für heute erstmal gewesen sein von der Glücks-Debatte.

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Totalitärer Ökonomismus oder: Sind doch alles Nazis!

Während andernorts schon eiskalt der schnöde Wahlkampf eingeläutet wird, möchte ich noch auf den abschließenden Artikel der "Zukunft des Kapitalismus"-Serie in der Zeit eingehen: Jens Jessen, "Fegefeuer des Marktes". Habe ihn allerdings nur überflogen, schließlich bin ich im Urlaub und breche gleich zur Hafenrundfahrt auf…Positiv aufgefallen ist mir natürlich, dass der Autor sich meines Lieblings-Stilmittels, des Nazivergleichs, bedient:

"Nach diesem Muster erklärt der neue Ökonomismus sämtliche Gesellschaftsphänomene, selbst in der Kultur (Aufstieg und Abstieg von Kunstgattungen) und in der Bildung (Untergang des altsprachlichen Gymnasiums). Mit anderen Worten: Das Unterfutter der neuen Marktideologie bildet ein Darwinismus einfältigster Sorte. Die Entwicklung der menschlichen Kultur vollzieht sich in dieser Perspektive unsteuerbar wie die Evolution.

Eine solche Behauptung ewiger Gesetze, nach denen sich die Zukunft vorhersagen lässt, ist nun freilich nach der klassischen Definition Hannah Arendts das wesentliche Kennzeichen aller totalitären Bewegungen. Sie entbinden von jeder Form moralischer Abwägung; denn wer nach diesen Gesetzen Opfer und wer Sieger sein wird, steht von Anbeginn fest. Der Untergang der zum Untergang Verurteilten (der am Markt Schwächelnden) kann nicht verhindert, er kann nur beschleunigt werden, so wie die Nationalsozialisten den Untergang angeblich schlechtrassiger Völker und die Bolschewisten den Untergang so genannter absterbender Klassen beschleunigen wollten.

Dieser Wille zur Beschleunigung ist ein weiteres Merkmal der neokapitalistischen Ideologen, das sie mit den totalitären Bewegungen der Vergangenheit teilen." (link)

Na, was meint ihr? Is doch einer, oder nicht? Ich lass ihn zählen! Und jetzt alle abstimmen, was ist schlimmer: Nationalsozialismus, Stalinismus oder Neokapitalismus?
Was Jessen (obwohl sein Artikel bei weitem nicht so lustig ist wie Lütkehaus’) mit Lutti Lütte gemeinsam hat, ist eine gewisse Skepsis, was die Segnungen der Innovation angeht:

"…alle leiden unter der hysterischen Abfolge technologischer Neuerungen, aber der Wettbewerb zwingt die Produzenten dazu, ständig neue Waren herzustellen." (link)

Ich leide unter vielen Dingen und kann mich auch über viele sehr stark aufregen. Auch Jammern ist eine meiner Stärken. Aber irgendwie hat mich erst Jessen draufgebracht, dass die "hysterische Abfolge technologischer Neuerungen" ein Problem sein könnte…mögliche Erklärungen: Jessen hatte Probleme mit der Umstellung auf DVB-T und sieht jetzt schwarz. Oder er hat eine umfangreiche Sammlung von (künstlerisch wertvollen) Schwedenfilmen (sfw) – auf VHS.

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Kapitalismus ist eklig!

In ihrer ansonsten schönen Serie "Die Zukunft des Kapitalismus" druckt die ZEIT diese Woche einen Artikel ab, bei dessen Lektüre ich nicht weiß, ob ich lachen, weinen, laut kreischend mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder erstmal einen Schnaps trinken soll. Ich glaube fast, Ludger Lütkehaus wird mein neuer Liebling, gleich nach Peter Hahne! Zur Annäherung empfehle auch die Lektüre dieses Buches.

Der Artikel ist natürlich stilistisch brillant (Schluss bezieht sich auf Einleitung! Grandiose Metaphern! Ein Sprachfluss wie im kontinentalphilosophischen Hauptseminar!) und eingebettet in Sartre-Referenzen. Da kennt die Originalität der Feuilletonisten zur Zeit keine Grenzen. Gibt es eigentlich eine Sartre-Textbausteine-Extension für Word? Oder schreibt der moderne Antikapitalist eher in LaTex?

Inhaltlich ist Lütkehaus’ zentrale Aussage, dass der Kapitalismus notwendigerweise zu Überproduktion führt (?!), die dann wiederum Ekel Sartre’scher Dimensionen beim Menschen auslöst, Zitat:

"Die Überflussgesellschaften der global kommerzialisierten Welt sind das Endprodukt jener zwanghaften Logik der Steigerung, der die kapitalistische Ökonomie unter allen Umständen folgt. Ihre Produktion terminiert stets in Überproduktion, der warenförmigen Überbevölkerung der Welt."

Wer jetzt die typischen Anzeichen für innere Blutungen an sich feststellen kann, die manchmal bei Über- und Fehlstrapazierung des kognitiven Systems auftreten, sollte nicht weiterlesen! Lütkehaus verweist – wohlgemerkt, um seine These vom bösen bösen Kapitalismus zu stützen, auf die EU-Agrar-Überproduktion und Vernichtungsaktionen.

"Gründlichere Formen der Entsorgung des Zuviel sind unter diesen Umständen gefragt. Die EU-subventionierte Agrarindustrie ist ihre Avantgarde. Mit der unmittelbaren Produktvernichtung überspringt sie gleich das prinzipiell überflüssige Stadium des Konsums von Überflüssigem. Ohne das Ritardando irgendeines Gebrauchs und Nutzens wandert die Ware unverzüglich auf jene Müllhalden, die die Friedhöfe des Zuviel sind."

Ich rekapituliere: Kapitalismus (damit meint er wohl freie Marktwirtschaft im Gegensatz zur Planwirtschaft) führt notwendigerweise zu Überproduktion! Diese Überproduktion ist irgendwie schlimm und stürzt die Gesellschaft/den Markt/den Autor in eine tiefe persönliche/spirituelle/ökonomische Krise! Beweis für Thesen: planwirtschaftliche, protektionistische Systeme wie die EU-Argrar-Steuerung bringen Überproduktion hervor, nicht nachgefragte Produkte müssen perverserweise weggeworfen werden. Hm. An diesem Punkt merkt Lütkehaus anscheinend, dass das irgendwie, also jetzt so als Argument gegen den freien Markt, nicht funktioniert, und stürzt sich auf die Übel des technischen Fortschritts als "ökonomisch ergiebigere Form der Entsorgung des Zuviel", und schließlich auf die "allgegenwärtige Reklame", die ja bekanntlich den armen Konsumenten dazu bringt, Dinge zu kaufen, die er gar nicht will und gar nicht braucht und die ihn ach so unglücklich machen, an denen er sich überfrisst und übersäuft und die ihn schließlich dazu bringen, sich vor sich selbst zu ekeln. Puh! Menschen, die nicht in unserer kommerzialisierten Überflussgesellschaft leben, sollten froh sein, dass sie nicht zu so ekligem Konsum gezwungen werden, dass sie jeden Tag 12 Stunden arbeiten müssen, um ihre (vollkommen ausreichende!) Hand voll Reis zu ergattern, und dass sie vor technischem Fortschritt, Reklame, und letztlich auch vor der Lektüre schwafeliger Autoren wie Lütkehaus bewahrt bleiben. Gäbe es sie noch, würde man dem Autor gerne zurufen: "Geh doch in die Zone!", so bleibt aber nur die Aufforderung an ihn, in einen Plattenbau zu ziehen, sich ‘nen Tisch zu kaufen etc. (Leser des SZ-Magazins werden sich erinnern).