In ihrer ansonsten schönen Serie "Die Zukunft des Kapitalismus" druckt die ZEIT diese Woche einen Artikel ab, bei dessen Lektüre ich nicht weiß, ob ich lachen, weinen, laut kreischend mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder erstmal einen Schnaps trinken soll. Ich glaube fast, Ludger Lütkehaus wird mein neuer Liebling, gleich nach Peter Hahne! Zur Annäherung empfehle auch die Lektüre dieses Buches.
Der Artikel ist natürlich stilistisch brillant (Schluss bezieht sich auf Einleitung! Grandiose Metaphern! Ein Sprachfluss wie im kontinentalphilosophischen Hauptseminar!) und eingebettet in Sartre-Referenzen. Da kennt die Originalität der Feuilletonisten zur Zeit keine Grenzen. Gibt es eigentlich eine Sartre-Textbausteine-Extension für Word? Oder schreibt der moderne Antikapitalist eher in LaTex?
Inhaltlich ist Lütkehaus’ zentrale Aussage, dass der Kapitalismus notwendigerweise zu Überproduktion führt (?!), die dann wiederum Ekel Sartre’scher Dimensionen beim Menschen auslöst, Zitat:
"Die Überflussgesellschaften der global kommerzialisierten Welt sind das Endprodukt jener zwanghaften Logik der Steigerung, der die kapitalistische Ökonomie unter allen Umständen folgt. Ihre Produktion terminiert stets in Überproduktion, der warenförmigen Überbevölkerung der Welt."
Wer jetzt die typischen Anzeichen für innere Blutungen an sich feststellen kann, die manchmal bei Über- und Fehlstrapazierung des kognitiven Systems auftreten, sollte nicht weiterlesen! Lütkehaus verweist – wohlgemerkt, um seine These vom bösen bösen Kapitalismus zu stützen, auf die EU-Agrar-Überproduktion und Vernichtungsaktionen.
"Gründlichere Formen der Entsorgung des Zuviel sind unter diesen Umständen gefragt. Die EU-subventionierte Agrarindustrie ist ihre Avantgarde. Mit der unmittelbaren Produktvernichtung überspringt sie gleich das prinzipiell überflüssige Stadium des Konsums von Überflüssigem. Ohne das Ritardando irgendeines Gebrauchs und Nutzens wandert die Ware unverzüglich auf jene Müllhalden, die die Friedhöfe des Zuviel sind."
Ich rekapituliere: Kapitalismus (damit meint er wohl freie Marktwirtschaft im Gegensatz zur Planwirtschaft) führt notwendigerweise zu Überproduktion! Diese Überproduktion ist irgendwie schlimm und stürzt die Gesellschaft/den Markt/den Autor in eine tiefe persönliche/spirituelle/ökonomische Krise! Beweis für Thesen: planwirtschaftliche, protektionistische Systeme wie die EU-Argrar-Steuerung bringen Überproduktion hervor, nicht nachgefragte Produkte müssen perverserweise weggeworfen werden. Hm. An diesem Punkt merkt Lütkehaus anscheinend, dass das irgendwie, also jetzt so als Argument gegen den freien Markt, nicht funktioniert, und stürzt sich auf die Übel des technischen Fortschritts als "ökonomisch ergiebigere Form der Entsorgung des Zuviel", und schließlich auf die "allgegenwärtige Reklame", die ja bekanntlich den armen Konsumenten dazu bringt, Dinge zu kaufen, die er gar nicht will und gar nicht braucht und die ihn ach so unglücklich machen, an denen er sich überfrisst und übersäuft und die ihn schließlich dazu bringen, sich vor sich selbst zu ekeln. Puh! Menschen, die nicht in unserer kommerzialisierten Überflussgesellschaft leben, sollten froh sein, dass sie nicht zu so ekligem Konsum gezwungen werden, dass sie jeden Tag 12 Stunden arbeiten müssen, um ihre (vollkommen ausreichende!) Hand voll Reis zu ergattern, und dass sie vor technischem Fortschritt, Reklame, und letztlich auch vor der Lektüre schwafeliger Autoren wie Lütkehaus bewahrt bleiben. Gäbe es sie noch, würde man dem Autor gerne zurufen: "Geh doch in die Zone!", so bleibt aber nur die Aufforderung an ihn, in einen Plattenbau zu ziehen, sich ‘nen Tisch zu kaufen etc. (Leser des SZ-Magazins werden sich erinnern).