Im Reaktor

Auch wenn die Forschungsfragen in der Physik sich manchmal fast so universal anhören wie bei uns Philosophen ("Where did our Universe come from? What is it made of, what are the fundamental forces and structures?") – ist der Besuch des Forschungsreaktors in Garching letzlich doch um ein ganzes Stück interessanter als eine Ontologievorlesung. Hmpf, hab ich jetzt vielleicht doch das Falsche studiert?

Die Forschungsneutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz war zwar nicht in Betrieb, aber die ganze Anlage, inklusive dem unter Denkmalschutz stehenden legendären Atom-Ei (seit 2000 in Rente) lässt auch ohne Neutronenströme das Nörpelherz höher schlagen und reißt selbst die nuklearphysikalisch Unwissende zur Begeisterung hin. Wenn das Oxford University Museum den Titel "Cathedral to Science" verdient hat (Cohu berichtete), dann war ich heute wohl in der entsprechenden Megachurch to Science.

Prof. Dr. Peter Fierlinger war übrigens einer der (sehr netten) Führer durch die Anlage. Am aus geisteswissenschaftliche Perspektive geradezu schockierenden Kontrast zwischen Titel und Person merkt  man ganz deutlich: Atom hält jung!

(Bild: Quarkstruktur des Neutrons. Arpad Horvath, Wikipedia)

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Dem Regen trotzen

Das Bürgerfest in der Theresienstraße fiel zwar wie der bisherige Sommer so ziemlich ins Wasser, hatte aber doch seine Highlights. In den ausnahmsweise regenfreien Abendstunden aßen wir einen weltrekordverdächtigen Burger (Prädikat bestätigt durch einen amerikanischen Staatsbürger), serviert von der "schönsten Frau der Welt" (Titel verliehen von mehreren geschmackssicheren Herren der Cohu’schen Entourage).

Aber, worauf ich eigentlich hinaus wollte: habe dort das brandneue, druckfrische Büchlein "KulturGeschichtsPfad Maxvorstadt" abgestaubt, das auf dem Bürgerfest erstmals vorgestellt wurde. Eine sehr ansehnliche Broschüre von 96 Seiten mit ausfaltbarer München- und Maxvorstadtkarte und Wissenswertem zum Stadtteil – wußtet Ihr z.B., dass Franz Josef Strauß in einer Hinterhofwohnung der Schellingstr. 49 aufwuchs (heute ist das Nr. 47, Italiener "Arte in Tavola")? Früh übt sich:

"Aus dem der Metzgerei gegenüberliegenden traditionsreichen Schelling-Salon durfte der junge Strauß seinem Vater gelegentlich eine Maß Bier besorgen."

Auch viele interessante Fotos sind in dem Büchlein abgedruckt, z.B. von grasenden Pferden vor der in Schutt und Asche liegenden Pinakothek.

Mittlerweile gibt es neun dieser Broschüren, zu den Stadtteilen: Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt, Au-Haidhausen, Moosach, Ramersdorf-Perlach, Laim, Neuhausen-Nymphenburg, Schwabing-Freimann und Pasing-Obermenzing. Man bekommt sie entweder wie Cohu beim Stand des jeweiligen BA (=Bezirksausschuss) auf Veranstaltungen, in den Stadtteilbibliotheken, im Kulturreferat (Burgstr. 4.), oder hier als pdf.

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Timing

Just gestern hat jemand ca. auf (Cohu-)Augenhöhe an die Wand unseres Hausflurs im Eingangsbereich gekotzt, Pfützendurchmesser ca. 1 m. Und für morgen ist die Begehung unserer Baracke unseres herrschaftlichen Türkenstraßen-Anwesens durch die neuen Eigentümer geplant. Trifft sich doch gut, weil:

"Angestrebt wird klare Kosteneffizienz und die Nutzung von Optimierungsansätzen bei Einsatz von aktivem Property- und Asset Management." (#)

"Aktives Asset-Management" kann ja wohl nur heißen, dass die Herren einen Mop mitbringen…

Weird Weekends

Die Lehre dieses Sommers: Bei kurzem Blick auf den blauen Himmel prognostiziere ich, dass es in den nächsten 5 Stunden zu monsunartigen Regenfällen mit Hagel und Graupelschauer kommen wird. Genau der richtige Zeitpunkt für einen Cohu-Videotipp also:

Louis Theroux ist nicht nur der Sohn von Paul Theroux, sondern außerdem ein BBC-Journalist, der uns die exzellente Reportagereihe Weird Weekends (1998-2000) geschenkt hat. In dieser besuchte er (vornehmlich U.S.-amerikanische) Subkulturen, also etwa Neonazis, fundamentalistische Christen, Wrestler, Pornodarsteller, Teleshopping-Verkäufer, Spieler in Las Vegas etc. pp. Eine Linksammlung zu den entsprechenden Filmchen auf Google Video gibt es bei BoingBoing. Eine Empfehlung für eine spezielle Episode kann ich nicht aussprechen, es sind nämlich ausnahmslos alle wirklich gut. Hier noch eine ensprechende Google Video-Suche, da die BoingBoing-Links teilweise nicht mehr funktionieren. Eine (ziemlich unheimliche) Sendung über Theroux’ Versuch, Michael Jackson zu interviewen, gibt es übrigens hier.

(Das Ganze gibts wohl auch auf Deutsch, lief anscheinend mal auf VOX. Da BBC Germany die Reihe völlig unpassend “Louis Theroux rettet Amerika” genannt hat und Theroux bescheinigt, “den Charme eines Theologiestudenten im 19. Semester” auszustrahlen, gehe ich allerdings davon aus, dass auch die Synchro gründlich an der Sache vorbeigeht…)

Menschlicher Makel

Freunde des Diastema mediale (Cohu berichtete) sollten sich schleunigst einen aktuellen H&M-Katalog sichern oder aber diese Seite aufsuchen – dort findet sich mitsamt ihrem entwaffnenden Lächeln (s.Abb.) nämlich Frau Jessica Hart, eine australische Waldorfschülerin (!), und man kann sich dem Liebreiz ihrer Zahnstellung nur schwerlich entziehen. Eine Google-Bildsuche fördert nicht nur das Übliche zu Tage, sondern auch die Erkenntnis, dass Frau Hart auch sonst Mut zur ästhetischen Subversion besitzt. Weiter so: Die Welt braucht mehr Zahnlücken und weniger Photoshop.

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Windows 7…

…ist der Obama unter den Betriebssystemen. Kann eigentlich nur messianisch strahlen. Bei dem Vorgänger…

Abklatsch

Dass die deutsche Presse gerne mal abschreibt sich gerne mal "inspirieren" lässt von den Erzeugnissen amerikanischer Kollegen, ist ja nix neues. Aber warum das SZ-Magazin fast drei Monate braucht, um diesen Scherz von Slate zu kopieren, ist mir ein Rätsel…vermutlich, weil alle lustigen Witze wie "Barack Obama added prosecuting torturers to interests — Barack Obama deleted prosecuting torturers from interests" schon vom Original aufgebraucht waren? Wenigstens in Studi-VZ-Optik hätte man’s ja wohl umbauen können…Gähn.

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There’s probably no god

Das Vereinigte Königreich ist von jeher eine Hochburg der Religionskritik: schließlich hat man hier den Empirismus erfunden, und spätestens mit Darwin wars dann endgültig vorbei mit der geruhsamen Glauberei. Auch bei diesem Thema zeigt sich übrigens der Charme der aurea mediocritas,(*) der Goldenen Mitte also: viele Fundamentalatheisten kommen in ihrem Auftreten in nach Cohus Geschmack ja fast schon ebenso unsympathisch daher wie (sehenswerte) Vertreter der anderen Seite. Herrn Dawkins (natürlich auch ein Brite!) führt das Camp Extrem-Blasphem an, darunter auch die berüchtigten "Brights", die sich in zehennagelaufrollender Idiotie selbst für die Allerhellsten halten, als hätten sie den Materialismus im Alleingang erfunden.

In Großbritannien jedenfalls ist der Atheismus praktisch schon ein Volksglaube. Nicht nur, dass seit einiger Zeit Londoner Busse für die Tatsache werben, es gäbe "wahrscheinlich" (sic!) keinen Gott.

Der Volksatheismus hat auch schönere Seiten: so wandelten etwa in Northumberland zwei Briten eine aufgegebene Kirche in ein Wohnhaus um, und das ist ganz schön gut gelungen, wie man in der Fotostrecke "We turned a church into a home" nachprüfen kann (besonders pikant ist für christlich Sozialisierte: die Platzierung des Ehe, äh, Partnerschaftsbetts).

Zu den erfreulichsten Folgen des Abwurfs christlich-abendländischer Ketten der Weltanschauung gehört allerdings die Wiederentdeckung vorchristlicher Glaubensrichtungen, insbesondere des Paganismus (vulgo Heidentum). Angeblich gibt es mittlerweile schon wieder 250.000 praktizierende Heiden in Großbritannien. Die diesseitigen Vorteile dieser Konfession sind aber auch für spirituelle Analphabeten wie Cohu nachvollziehbar: heidnische britische Polizisten bekommen mittlerweile bis zu 8 freie Tage, um ihrem Glauben nachzugehen, dazu gehören die Sommersonnenwende oder (für Cohu geburtstagstechnisch besonders interessant) das Halloweenfest. Am interessanten am einschlägigen BBC News-Artikel ist aber mal wieder ein Nebensatz: es gibt eine Pagan Police Association, eine Organisation der heidnischen britischen Polizisten also. Großbritannien schlägt uns also nicht nur beim Atheismus, sondern auch bei der Vereinsmeierei um Längen.

(*) Dieselbe aurea mediocritas war übrigens auch Thema der Rede, die Cohus Schuldirektor bei ihrer Abiturfeier hielt. Ich habe jetzt fast elf Jahre lang drüber nachgedacht, aber bis jetzt ist mir kein Motto eingefallen, das für eine commencement speech vor einer Hundertschaft Neunzehnjähriger schlechter geeignet wäre. Chapeau, Herr Dr.Fr.Br.!

(Bild: Julius Schnorr von Carolsfeld, via Wikimedia Commons)

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Catch and Release

Nein, also sowas! Am Freitag kauft sich Cohu das Buch “ABC des Angelns“. Und einen Tag später schreibt die SZ, Angeln wäre der “neue Trend”:

Angeln, das ist vor allem: stundenlang aufs Wasser starren und nichts passiert, sozusagen: meditative Besinnung. (…) Angeln: Das scheint zur Zeit einfach die stilvollste Therapie für die neue Lost Generation zu sein, die vor lauter Gewinnen und weißen Motoryachten das Verlieren fast verlernt hätte. (sueddeutsche.de)

Soso. Ich sage: grundfalsch. Nach meiner Lektüre des Angel-ABCs scheint es mir beim Angeln nämlich um ganz andere Sachen zu gehen als “stundenlang aufs Wasser starren und nichts passiert” und “Verlieren lernen”. Ich muss das mal kurz erläutern:

Die SZ hat, wie so oft, was verpasst. Das Fischefangen ist nämlich längst nicht mehr Domäne der Dosenbierschlürfer und Achselhemdträger. Der heißeste Trend im Angelsport ist nämlich spätestens seit A River Runs Through It das Fliegenfischen. Jeder junge Angler, der heute ins Hobby einsteigt, träumt davon, mal wie Brad Pitt vor schmachtenden jungen Damen zu stehen, wenn er – haha – die Rute rausholt. Passiert am Karpfenteich ja eher nicht.

Der Fliegenfischer ist mit dem traditionellen Standardangler gar nicht zu vergleichen. Einen Großteil seiner Energie widmet er der Konstruktion und richtigen Auswahl der künstlichen Köder. Das sind bei ihm virtuos geschlungene Gebilde aus Haaren, Borsten, Federn und Draht, die bestimmte Futtertiere (z.B. Eintagsfliegen, ihre Larven oder Fische) täuschend echt nachbilden und sogar die launische Forelle zum Biss verlocken (s. Abb.).

Der Angler macht es sich dabei keineswegs im Klappstuhl gemütlich – beim Fliegenfischen, erklärt vielmehr mein Angel-ABC, geht es effizient zu – da “werden ganze Flüsse systematisch abgefischt.” Der Jäger steht nicht wartend da, sondern wirft den verlockenden Köder immer wieder kunstvoll aus – imitiert dabei aus dem lockeren Handgelenk den Insektenflug -, bis die Grätentiere nicht mehr widerstehen können und zuschnappen. Ihr Verhängnis!

Und jetzt zur unvermeidlichen theoretischen Analyse dieses Phänomens, liebe Leser. Beim Fliegenfischen, dem Angel-Trendsport, lernt man nicht Verlieren – sondern Bescheißen. Man legt die schlauste und leckerste Beute aufs Kreuz: die fettesten Lachse, die köstlichsten Raubforellen. Und zwar mit Tücke und intelligent konstruierten, bunten und schillernden, in unglaublicher Vielfalt produzierten Attrappen.

Kam der herkömmliche Angler noch bieder daher wie eine Sparkassenfiliale, ist der heutige Fliegenfischer quasi der Bernie Madoff unter den Fischfängern. Die Trockenfliegen in ihrer unglaublichen Detailtreue und Diversität entsprechen den Swapderivaten, Rainbow Options und sonstigen für die Beute undurchsichtigen, hochkomplexen Finanzprodukten der letzten Jahre. Vom gierig zubeißenden Beutefisch bleiben hier wie dort nur ein paar Gräten und Flossen, zur großen Freude der rutenschwingenden Hochstapler.

Und dieses groß aufgezogene Bescheiß- und Verwirrspiel soll jetzt die Therapie der Lost Generation sein soll, liebe SZ? Na, ich weiß ja nicht. Scheint mir eher überholt. Übernehmt für Eure Stil-Seite doch lieber einen anderen “neuen” Trend, den neulich die NYT ausgerufen hat: Canning. Das grandiose Steckenpferd der Bohème der Weltmetropolen. Das moderne Bungeejumping praktisch, der Poetryslam von heute, so heiß wie Bikram Yoga und so spannend wie Slacklining. Und im Gegensatz zum teuren Angelhobby ist es wirklich rezessionstauglich. Die Älteren unter meinen Lesern werden es vielleicht noch kennen:

Es geht ums Einwecken.

(Bild: Wikimedia Commons)

Zum Hitlervergleich hats nicht ganz gereicht…

…trotzdem ein Stück für Cohus Sammlung:

"Die Piraten sagen, sie seien nicht links und nicht rechts. Dass auch Mussolini sich so präsentierte, wissen sie nicht und wundern sich nun, warum Faschisten ihre Partei interessant finden."

(Jörg Sundermeier vertritt in der taz die Contra-Position zu Piratenpartei)

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