Abklatsch

Dass die deutsche Presse gerne mal abschreibt sich gerne mal "inspirieren" lässt von den Erzeugnissen amerikanischer Kollegen, ist ja nix neues. Aber warum das SZ-Magazin fast drei Monate braucht, um diesen Scherz von Slate zu kopieren, ist mir ein Rätsel…vermutlich, weil alle lustigen Witze wie "Barack Obama added prosecuting torturers to interests — Barack Obama deleted prosecuting torturers from interests" schon vom Original aufgebraucht waren? Wenigstens in Studi-VZ-Optik hätte man’s ja wohl umbauen können…Gähn.

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There’s probably no god

Das Vereinigte Königreich ist von jeher eine Hochburg der Religionskritik: schließlich hat man hier den Empirismus erfunden, und spätestens mit Darwin wars dann endgültig vorbei mit der geruhsamen Glauberei. Auch bei diesem Thema zeigt sich übrigens der Charme der aurea mediocritas,(*) der Goldenen Mitte also: viele Fundamentalatheisten kommen in ihrem Auftreten in nach Cohus Geschmack ja fast schon ebenso unsympathisch daher wie (sehenswerte) Vertreter der anderen Seite. Herrn Dawkins (natürlich auch ein Brite!) führt das Camp Extrem-Blasphem an, darunter auch die berüchtigten "Brights", die sich in zehennagelaufrollender Idiotie selbst für die Allerhellsten halten, als hätten sie den Materialismus im Alleingang erfunden.

In Großbritannien jedenfalls ist der Atheismus praktisch schon ein Volksglaube. Nicht nur, dass seit einiger Zeit Londoner Busse für die Tatsache werben, es gäbe "wahrscheinlich" (sic!) keinen Gott.

Der Volksatheismus hat auch schönere Seiten: so wandelten etwa in Northumberland zwei Briten eine aufgegebene Kirche in ein Wohnhaus um, und das ist ganz schön gut gelungen, wie man in der Fotostrecke "We turned a church into a home" nachprüfen kann (besonders pikant ist für christlich Sozialisierte: die Platzierung des Ehe, äh, Partnerschaftsbetts).

Zu den erfreulichsten Folgen des Abwurfs christlich-abendländischer Ketten der Weltanschauung gehört allerdings die Wiederentdeckung vorchristlicher Glaubensrichtungen, insbesondere des Paganismus (vulgo Heidentum). Angeblich gibt es mittlerweile schon wieder 250.000 praktizierende Heiden in Großbritannien. Die diesseitigen Vorteile dieser Konfession sind aber auch für spirituelle Analphabeten wie Cohu nachvollziehbar: heidnische britische Polizisten bekommen mittlerweile bis zu 8 freie Tage, um ihrem Glauben nachzugehen, dazu gehören die Sommersonnenwende oder (für Cohu geburtstagstechnisch besonders interessant) das Halloweenfest. Am interessanten am einschlägigen BBC News-Artikel ist aber mal wieder ein Nebensatz: es gibt eine Pagan Police Association, eine Organisation der heidnischen britischen Polizisten also. Großbritannien schlägt uns also nicht nur beim Atheismus, sondern auch bei der Vereinsmeierei um Längen.

(*) Dieselbe aurea mediocritas war übrigens auch Thema der Rede, die Cohus Schuldirektor bei ihrer Abiturfeier hielt. Ich habe jetzt fast elf Jahre lang drüber nachgedacht, aber bis jetzt ist mir kein Motto eingefallen, das für eine commencement speech vor einer Hundertschaft Neunzehnjähriger schlechter geeignet wäre. Chapeau, Herr Dr.Fr.Br.!

(Bild: Julius Schnorr von Carolsfeld, via Wikimedia Commons)

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Catch and Release

Nein, also sowas! Am Freitag kauft sich Cohu das Buch “ABC des Angelns“. Und einen Tag später schreibt die SZ, Angeln wäre der “neue Trend”:

Angeln, das ist vor allem: stundenlang aufs Wasser starren und nichts passiert, sozusagen: meditative Besinnung. (…) Angeln: Das scheint zur Zeit einfach die stilvollste Therapie für die neue Lost Generation zu sein, die vor lauter Gewinnen und weißen Motoryachten das Verlieren fast verlernt hätte. (sueddeutsche.de)

Soso. Ich sage: grundfalsch. Nach meiner Lektüre des Angel-ABCs scheint es mir beim Angeln nämlich um ganz andere Sachen zu gehen als “stundenlang aufs Wasser starren und nichts passiert” und “Verlieren lernen”. Ich muss das mal kurz erläutern:

Die SZ hat, wie so oft, was verpasst. Das Fischefangen ist nämlich längst nicht mehr Domäne der Dosenbierschlürfer und Achselhemdträger. Der heißeste Trend im Angelsport ist nämlich spätestens seit A River Runs Through It das Fliegenfischen. Jeder junge Angler, der heute ins Hobby einsteigt, träumt davon, mal wie Brad Pitt vor schmachtenden jungen Damen zu stehen, wenn er – haha – die Rute rausholt. Passiert am Karpfenteich ja eher nicht.

Der Fliegenfischer ist mit dem traditionellen Standardangler gar nicht zu vergleichen. Einen Großteil seiner Energie widmet er der Konstruktion und richtigen Auswahl der künstlichen Köder. Das sind bei ihm virtuos geschlungene Gebilde aus Haaren, Borsten, Federn und Draht, die bestimmte Futtertiere (z.B. Eintagsfliegen, ihre Larven oder Fische) täuschend echt nachbilden und sogar die launische Forelle zum Biss verlocken (s. Abb.).

Der Angler macht es sich dabei keineswegs im Klappstuhl gemütlich – beim Fliegenfischen, erklärt vielmehr mein Angel-ABC, geht es effizient zu – da “werden ganze Flüsse systematisch abgefischt.” Der Jäger steht nicht wartend da, sondern wirft den verlockenden Köder immer wieder kunstvoll aus – imitiert dabei aus dem lockeren Handgelenk den Insektenflug -, bis die Grätentiere nicht mehr widerstehen können und zuschnappen. Ihr Verhängnis!

Und jetzt zur unvermeidlichen theoretischen Analyse dieses Phänomens, liebe Leser. Beim Fliegenfischen, dem Angel-Trendsport, lernt man nicht Verlieren – sondern Bescheißen. Man legt die schlauste und leckerste Beute aufs Kreuz: die fettesten Lachse, die köstlichsten Raubforellen. Und zwar mit Tücke und intelligent konstruierten, bunten und schillernden, in unglaublicher Vielfalt produzierten Attrappen.

Kam der herkömmliche Angler noch bieder daher wie eine Sparkassenfiliale, ist der heutige Fliegenfischer quasi der Bernie Madoff unter den Fischfängern. Die Trockenfliegen in ihrer unglaublichen Detailtreue und Diversität entsprechen den Swapderivaten, Rainbow Options und sonstigen für die Beute undurchsichtigen, hochkomplexen Finanzprodukten der letzten Jahre. Vom gierig zubeißenden Beutefisch bleiben hier wie dort nur ein paar Gräten und Flossen, zur großen Freude der rutenschwingenden Hochstapler.

Und dieses groß aufgezogene Bescheiß- und Verwirrspiel soll jetzt die Therapie der Lost Generation sein soll, liebe SZ? Na, ich weiß ja nicht. Scheint mir eher überholt. Übernehmt für Eure Stil-Seite doch lieber einen anderen “neuen” Trend, den neulich die NYT ausgerufen hat: Canning. Das grandiose Steckenpferd der Bohème der Weltmetropolen. Das moderne Bungeejumping praktisch, der Poetryslam von heute, so heiß wie Bikram Yoga und so spannend wie Slacklining. Und im Gegensatz zum teuren Angelhobby ist es wirklich rezessionstauglich. Die Älteren unter meinen Lesern werden es vielleicht noch kennen:

Es geht ums Einwecken.

(Bild: Wikimedia Commons)

Zum Hitlervergleich hats nicht ganz gereicht…

…trotzdem ein Stück für Cohus Sammlung:

"Die Piraten sagen, sie seien nicht links und nicht rechts. Dass auch Mussolini sich so präsentierte, wissen sie nicht und wundern sich nun, warum Faschisten ihre Partei interessant finden."

(Jörg Sundermeier vertritt in der taz die Contra-Position zu Piratenpartei)

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Die Entdeckung der Langsamkeit

Frau B. hat, wie so oft, recht:

"Aber irgendwie will man grad nicht um die Welt fliegen. Stattdessen werden Kind und Kegel und Luftmatratze ins Auto gepackt, die Räder hinten, oben, sonstwo angeschnallt und es geht los. Und nicht mal mehr zwingend übern Brenner. Slow down heißt ganz offensichtlich die Devise."

Auch bei Cohu keine Brennerüberquerung dieses Jahr. Es geht ins Ötztal, ins altbewährte tiroler Domizil mit Herrgottswinkel und Holzofen (den wir nicht brauchen werden, naja, hoffentlich!). Highlight: Besuche des Ötzidorfs und des Alpenzoos sind geplant, ebenso wie das Betrachten von wilden Forellen, eine Beschäftigung, die das Herz des Städters bekanntermaßen auch dann erfrischt, wenn er ohne Angelausrüstung anreist. Irgendwann lerne ich es auch noch, die Viecher mit der bloßen Hand zu fangen (doch, das gibts. Der Schotte nennt es "Guddling for Trout", Zitat " ….you’re going to get wet and cold. Very wet and very cold. But the reward—-")

Da wir zwangskosmopolitisierten Jungspunde aber doch nicht von einer Flugreise ablassen können (so lange wir noch dürfen!), gehts danach auch noch nach Irland (ebenfalls ein bereits bewährtes Cohu-Reiseziel). Diesmal allerdings nach Kerry. Auch da wird vermutlich kein wirkliches Exotik-Feeling aufkommen: der Ire ist ja, was Bierkonsum und Traditionsbewusstsein angeht, der Bayer der britischen Inseln. Auch das Wetter dürfte sich vom hiesigen nicht groß unterscheiden. Richtig so. Denn, wie Frau B. sagt:

"…der Erholungswert beim downslowen ist enorm."

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Ein Unglück kommt selten allein

Um 12:00 gabs nämlich auch noch den Programmpunkt "Autounfall" – beim Tag der offenen Tür der Feuerwache 4.

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Cohu stöbert

In den alten Fotosammlungen, die durch Digitalisierung nach und nach im Netz auftauchen, findet sich so manche Perle.

The Humphrey Winterton Collection of East African Photographs 1860-1960 etwa enthält Herrn Stanley (der von Livingstone) mit seinem beachtlichen Gefolge und den unheimlichen Captain Speedy und seinen Kleinen Prinzen (mehr zu ihm gibt es hier).

Das Bilder-Bundesarchiv ist (bis auf unrühmliche Ausnahmen) weniger exotisch – und unglücklicherweise durch Wasserzeichen verunziert…- aber trotzdem interessant: Büro im Wasser, Krippenwagen, E-Mail anno 1930. Und zum Thema "es war ja nicht alles schlecht damals" der photographische Beleg einer "schönen Weihnnachtssitte" im Jahr 1931.

Das alles wird aber weit in den Schatten gestellt durch die Werke des russischen Fotografen Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii vom Beginn des letzten Jahrhunderts. In für die Zeit um 1910 wahrlich ungewohnter Farbenpracht strahlen uns in dieser Sammlung entgegen: Jüdische Schüler mit ihrem Lehrer. Gefangene und Wärter. Ein turkmenischer Kameltreiber. Und: Teepflückerinnen. Mehr Informationen zu der Sammlung und Prokudin-Gorskis Methode gibt es hier

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Californiliquidation

Ein sueddeutsche.de-Kommentar versucht heute, das kalifornische Finanzdebakel zu analysieren. Hm, also, wenn ich den Kommentar, nach einiger Überlegung und wiederholtem Lesen, richtig verstehe, dann… hmmmm….hat auch der sz-Kommentator eigentlich keine Ahnung, warum es so gekommen ist, findet Schwarzenegger aber irgendwie diffus doof, weil der mal im Kino war.

Wen die Frage trotzdem noch interessiert, der kann ihr bei reason nachgehen: unterhaltsamer, polemischer, argumenthaltiger und passenderweise in Videoform, präsentiert vom einzig wahren Lederjackenlibertarian Dr. Nick Gillespie.

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Kindisch

„Ich kann mich doch auch nicht abends im Internet verstecken, sondern muss meine Schüler immer von Angesicht zu Angesicht beurteilen“, sagt die einunddreißigjährige Deutsch- und Ethiklehrerin. „Dieses anonyme Mütchenkühlen finde ich unreflektiert und pubertär.“ (Faz.net zur Lehrerbewertung im Internet)

Wenn einem an einem guten und offenen Verhältnis zu pubertierenden Schülern gelegen ist, wäre es vielleicht (gerade für eine Deutschlehrerin) eine gute Idee, mal etwas an der eigenen Ausdrucksweise zu feilen. Wie wäre es zum Beispiel damit, das Wort "pubertär" nicht als Schimpfwort zu verwenden…?

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“I can’t tell you that, because I’m not God, am I?”

“…I move in with a high school teacher who also does a little plumbing on the side, who ain’t much to look at, but who’s built a special kind of refrigerator that can turn newspaper into lettuce. Everything’s going good until that delivery boy shows up and tries to knife me. Needless to say, he burned the house down, and I hit the road. The first guy that picked me up asked me if I wanted to be a star. What could I say?” (NY Mag: The Ten Most Incomprehensible Bob Dylan Interviews of All Time)

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