Reizlos

Die morgige Verleihung des ersten Feministischen Pornofilmpreises auf Europäischem Boden ist ja an sich eine gute Sache, wenn auch ziemlich verspätet –  eine lebendige Bewegung zur feministischen Demokratisierung oder Verteidigung von Sex bzw. Pornos gibt es auf dem amerikanischen Kontinent schon seit den 80er-Jahren, während bei uns nach wie vor eine unheilige Allianz aus DworkinianerInnen und anderen Ideologen den Diskurs beherrscht.

Aber mal ehrlich: wenn die taz dann dazu aufruft, Pornos sollten “die Lebensrealität von Frauen ausdrücken”, reichts einem doch schon wieder. Realistische Pornos! So eine idiotische Kopfgeburt kann doch nur aus Richtung Links kommen, also aus der gleichen Ecke wie gesunde Pizza, lebendes Wasser oder Recycling-Klopapier!

Untergang des Abendlandes

Etwa durch Vermehrung der Unterschicht? I wo: es kommt noch viel schlimmer. Das Abendland (lies: bürgerliche Mittelschicht) geht  für mich dann unter, wenn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung allen Ernstes einen lobpreisenden Artikel über New Burlesque veröffentlicht:

Ein neues Phänomen ist in Deutschland angekommen: Burlesque. Das ist eine ironische Form des Strips, die auch Frauen gefällt. Es darf schlüpfrig sein, auch vulgär. Billig ist es nie. Und es wird viel gelacht. (FAZ.net)

Ach Gott. Als Akademikerin ist man bei diesem Fachblatt der upper middle class eh schon unter Reproduktionszwangs-Dauerbeschuss. Aber dass mir jetzt auch noch ironisches Strippen gefallen muss….

(Ich bin eine durch und durch amerikafreundliche und, wie der Ami so schön sagt, sex positive Person, aber Porno durch eine Comedymühle zu drehen, damit er am Schluss “ironisch” und “lustig” ist und – juhuuu! – dann sogar Frauen gefallen darf, jedenfalls in einem “ironischen” Sinne – das finde ich derart reaktionär und im schlimmsten Sinne amerikanisch-protestantisch prüde, dass es mich schüttelt. Die Idee kommt wohl aus der gleichen Ecke wie die Auffassung, die sexuelle Revolution der Siebziger hätte aus “Erotikkomödien” bestanden. Und Emmanuellefilmchen waren dann wohl feministische Propaganda. Na logo.)

(Bild: Josephine Baker, 1927, aus den Wikimedia Commons)

Why We Fight

“Aufgabe der ISAF ist die Unterstützung der gewählten Regierung Afghanistans zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines sicheren Umfeldes in Afghanistan. In erster Linie soll so der Wiederaufbau Afghanistans, die Etablierung demokratischer Strukturen und die Durchsetzungsfähigkeit der frei gewählten Zentralregierung vorangetrieben werden.” (Wikipedia: ISAF)

Diese gewählte Regierung Afghanistans versucht mittlerweile, ein Gesetz zu verabschieden, wonach:

– das Sorgerecht für Kinder grundsätzlich nur Vätern oder Großvätern zugesprochen werden kann
– es keine Vergewaltigung in der Ehe mehr gibt, da Frauen zu Sex verpflichtet sind
– Frauen das Haus nur mit Erlaubnis ihres Mannes oder Vaters verlassen dürfen

Eine afghanische Parlamentarierin bezeichnet das Gesetz als “schlimmer als die Taliban”. Das alles steht im Guardian. Die deutschen Medien scheinen sich nicht so sehr dafür zu interessieren – obwohl über eine geplante Aufstockung des deutschen Kontingents und die damit zusammenhängenden diplomatischen Verwicklungen überall in epischer Breite berichtet wird.

Ich habe zum Afghanistan-Krieg keine wirklich gefestigte Meinung, weiß auch insgesamt nicht, was ich von der deutschen Beteiligung halten soll. Bin da einfach unentschieden. Aber, ernst gemeinte Frage: Warum wird es nicht als massives Problem wahrgenommen, dass Deutschland eine Regierung militärisch unterstützt, die eine große Gruppe der Bevölkerung offiziell entrechten will? Warum diskutiert diese Frage niemand?

(P.S.: Eigentlich wollte ich das mit dem Video einer traditionellen afghanischen Sängerin illustrieren. Leider ist sowas – von wenigen im Exil lebenden Ausnahmen abgesehen – schwer aufzutreiben: Frauen, die öffentlich musizieren, bekommen noch immer Todesdrohungen. Die Taliban versuchten ja bekanntlich, alle nichtreligiöse Musik zu unterbinden, und Musikerinnen waren ihnen natürlich ein besonderer Dorn im Auge. Ein hochinteressanter Film über ein Projekt zur Rettung traditioneller afghanischer Musik findet sich hier. Auch, wenn ihre “Freiheit” mittlerweile mehr als sieben Jahre andauert, dürfen wir der im Film gezeigten Musikerin beim Singen nicht zusehen: ihr Gesicht ist gepixelt. Das im Film vorgestellte Afghan Music Project kann man durch den Kauf von Musik unterstützen.)

Frauen-Aua, Männer-Aua

Das NYT-Magazin titelte vor ein paar Wochen mit einem Artikel namens “The Uneven Playing Field”, der eine wahre Lawine von Kommentaren lostrat. Der Autor beklagte eine “Epidemie” von Sportverletzungen unter weiblichen Sportlern, insbesondere Fußballerinnen (in den USA ist Fußball ein Mädchensport) und fragte allen Ernstes : “Everyone wants girls to have as many opportunities in sports as boys. But can we live with the greater rate of injuries they suffer?” Ähnlich brechreizerregend “fürsorglich” kommt der Titel des Buches daher, dem der Aufsatz entnommen wurde: “Warrior Girls: Protecting Our Daughters Against the Injury Epidemic in Women’s Sports”.
Tatsächlich scheinen junge weibliche Sportler, nach vorläufigen Zahlen aus den wenigen Jahren, in denen sie auf hohem Niveau Mannschaft-Leistungssport wie Fußball und Hockey betreiben, anfälliger zu sein für Kreuzbandrisse und Gehirnerschütterungen.
Worauf ich jetzt allerdings seit diesem Artikel warte: einen aufrüttelnden Bericht darüber, in welche Gefahr sich unsere Knaben begeben, wenn sie ihre empfindlichen Körperteile-die-üblicherweise-nur-Männer-haben Freistoßbällen und Radsätteln aussetzen. Solche ausschließlich für das verletzliche Geschlecht auftretenden Probleme sind hier beschrieben, aus Rücksicht auf empfindliche Gemüter gebe ich die medizinischen Probleme hier nicht detaillierter wieder. Wir alle wollen tüchtige Sportler. Aber können wir damit leben, dass unsere Söhne dafür ihre Eier hinhalten ihre kostbare Fruchtbarkeit aufs Spiel setzen?

Am Rande: Psychologisch bemerkenswert finde ich die kompensatorischen Bemühungen, die ein (ich vermute stark: männlicher) SPON-Reporter bei einen Artikel über fußballbedingte Hodenschädigung aufbot. Peinliche Zwangswitzeleien waren die Folge, sie gipfeln schließlich im Satz:

“Die angegriffenen Hoden würden nämlich nur mangelhaft mit Blut versorgt, dadurch sei “die Fruchtbarkeit verschlechtert” – bambino finito.” (SPON, 2001)

War es mir als Frau bis jetzt nicht vergönnt, die volle Wucht des berüchtigten Keimdrüsenschmerzes erfahren zu dürfen – der SPON-Autor verursacht bei mir ein Stechen und Dröhnen, das dem einer Hodenquetschung zumindest nahe kommen dürfte. Allerdings eher im Kopfbereich.
Gottseidank sind Frauen nicht so schmerzempfindlich.

(Bild: Markus Dallarosa/Wikimedia Commons)

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Die verlorene Ehre der Ashley Dupré

Die FAZ hat schon recht, wenn sie beklagt, dass im Spitzer-Skandal nun das Leben der betroffenen Prostituierten unter die Lupe der Presse genommen wird. Es gibt interessantere Themen (nur kann man die, für SPON ausschlaggebend, nicht mit Halbnacktfotos illustrieren. Oder will hier jemand Kurt Beck im Bikini sehen? – Mahlzeit!). Warum der Abdruck des (öffentlich zugänglichen) Myspace-Profils bzw. der Liedtexte der Dame so schrecklich fies ist, wird mir allerdings nicht klar. Deutlich übers Ziel (und die Grenzen des guten Geschmacks) hinaus schießt der Autor dann mit der Formulierung, Herr Spitzer hätte “die junge Frau mit Geld zu Sex genötigt.” Wenn ich zum Kiosk gehe, dem Verkäufer zweifuffzich hinlege und eine FAZ verlange – was, bei Gott, selten vorkommt-, hab ich ihn auch nicht “mit Geld beraubt”, sondern ein Geschäft mit ihm gemacht. Aber zu einem solchen – klar – kann eine junge hübsche Frau, die auch noch aus schlimmen Verhältnissen stammt, natürlich per definitionem gar nicht in der Lage sein. Erklären wir sie deshalb doch gleich von vorneherein zum Opfer, das erst von seinen Kunden missbraucht, und jetzt auch noch von den Medien “vergewaltigt” wird.

Prostitution automatisch in die Nähe sexueller Nötigung zu rücken, ist eine Beleidigung für alle Prostituierten – und vor allem für alle Opfer tatsächlicher sexueller Nötigung, also z.B. der sogenannten “Zwangsprostitution”, die mit dem Ausdruck serielle Vergewaltigung besser bezeichnet wäre. Und die Ehre einer Frau – um die scheint es dem Autor ja zu gehen – schützt man nicht dadurch, dass man sie zum hilflosen, armen Opfer erklärt. Hilfreicher wäre für die Situation Prostituierter der Hinweis, dass die in den USA betriebene Kriminalisierung der Prostitution ein schädliches Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert ist, das – auch in diesem Fall – Leben zerstört.

These Boots Are Made For Walking

Wenn man Kleidungsvorlieben hat, die dem Genderstereotyp nicht entsprechen, erlebt man seltsame Dinge. Unser Stadtneurotiker berichtet hin und wieder recht amüsant von den erstaunlichen – teils aggressiven, teils wohlwollenden – Reaktionen, die er durch das Tragen von Röcken hervorruft.
Cohus Abweichung vom Stereotyp ist weniger spektakulär: sie bevorzugt Schuhe, die man auch bei Wind und Wetter tragen kann, die keine krankhafte Verformung der Füße hervorrufen und die – Schockschwere Not!- auch noch annehmbar aussehen. Im Bereich der Damenschuhe gibt es das nicht, zumindest nicht in einer Ausführung, die man auch in drei, vier, oder gar zehn Jahren noch tragen kann.
Es gibt da momentan vor allem “Ankle Boots”, die ja wohl nicht ernsthaft für erwachsene Frauen gemacht sind. Ich gehe nicht auf den Zehenspitzen, meine Füße laufen nicht spitz zu. Würde ich in einer Sänfte durch den Alltag getragen, dann wären diese Schuhe ideal, leider muss ich selber gehen. (Ich führe das jetzt ungern aus, aber: schuhbedingte Verformungen sind im bei über 80% der Frauen über 40 zu finden: Hallux Valgus, Spreizfuß, oder eine Verkürzung der Achillessehne – hier ein eindrucksvolles Beispiel einer Dame, die nicht mehr ohne Absätze gehen kann und nun notgedrungen Hausschuhe mit 10cm Absatz sucht – appetitlich, oder?). Es gibt dann natürlich “Bequemschuhe” und allerhand läppische Tassle Loafer – Zielgruppe scheinen mir hier vor allem jene bemitleidenswerten Geschlechtsgenossinnen zu sein, deren Füße schon in den 60ern durch Wedges ruiniert wurden und die froh sind, überhaupt noch gehen zu können. Dann hat es Funktionsschuhe (von Timberland o.ä.) oder die allgegenwärtigen hohen Reiterstiefel – beides kann sehr nett sein, etwa wenn man Trapperin in Kanada ist oder auf einer Fuchsjagd unterwegs.
Was Cohu will, sind anständige, stadtaugliche, rahmengenähte Schuhe in klassischer Form. In Frage kämen: Oxford Fullbrogues oder Chelsea Boots. Das blöde ist: solche Schuhe gibt es nur für Herren, d.h. höchstens ab (Herren)Größe 39,5 – was mir gerade noch zu groß ist. [Das Problem wird auch auf einer “Transmann“-Seite bestätigt. Ein Rätsel ist mir, was Buben machen, die noch im Wachstum sind: Jungsschuhe finde ich überall nur bis größe 35, Herrenschuhe wie gesagt erst ab 39 oder 40, von Sneakers natürlich abgesehen].  Für Tipps bin ich dankbar!
Dabei begibt man sich ja mit nicht ganz dem Stereotyp entsprechenden Schuhen schon in die Gefahr, von manchen für vollständig unweiblich gehalten zu werden, ich zitiere:

“die machen leidern einen feinen damenfuss zu einem pferdehuf! was leichtes luftiges soll es sein, frieren sollen die mädchen drinnen und dabei schön sein, ein schönes schlankes bein sollen die schuhe zur geltung bringen, sexy und begehrenswert erscheinen lassen!” (Nutzer “roletti” im Dailyshoes-Forum)

Ach ja? Warum steigt in mir jetzt das Bedürfnis hoch, mir schöne feste Dockers mit Stahlkappen zuzulegen und jemandem mal kräftig auf die Füße zu steigen?
Nun werde ich wohl nächste Woche mal zu Halfs (bekannt vielleicht dem einen oder der anderen durch ihre Haferlschuhe) in der Schellingstraße schauen – vielleicht passen mir die 40er Chelseaboots ja doch. Und ansonsten muss ich mir das mit der Sänfte doch noch mal überlegen…

Decline of a Nation: Verschlossene Türen

Das Modell “TotalSecure” bietet größten Schutz vor häuslicher Gewalt.
(Bild: Wikimedia Commons)

Nordirische Behörden denken im Kampf gegen, wie es immer so schön heißt, “häusliche Gewalt”, darüber nach, Wohnungen von davon betroffenen Frauen mit sogenannten “Panic Rooms” auszustatten. Dort können sich die Frauen und Kinder verstecken, wenn sie von gewalttätigen Männern bedroht werden, statt die Wohnung verlassen zu müssen und in ein Frauenhaus zu ziehen (was große Probleme und Kosten mit sich bringt). Die Ausstattung hört sich ja richtig gemütlich an:

Depending on the victims needs, we would include locks, security doors, film on the windows, grills, high sensing cameras – anything that they need which would make them feel safe in their own home. (BBC News)

Hm. Evt. wäre es auch noch ratsam, zur Sicherheit die Damen nur in Begleitung männlicher Verwandter vor die Tür zu lassen. Vielleicht sollten sie sich auch noch was anziehen, was sie für Gewalttäter unauffälliger macht. Das wäre für die Betroffenen doch sicher angenehmer. Hier fänden sich noch einige Anregungen. Auf jeden Fall sollte vermieden werden, sich in diesem Fall den Tätern zu widmen. Wäre ja noch schöner.

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