Drunten

Gestern abend stieg Cohu hinab in den Orkus der Subkultur. Dafür ging es über die Stadtteilgrenze nach Schwabing. Ganz in der Nähe meiner bescheidenen Heimstätte gibt es nämlich ein von philosophischer Fachschaft und Bürgerinitiative freigeräumtes Kellergewölbe, in dem sich hin und wieder eine Schar von Wiss- bzw. Bierbegierigen einfindet, um die philosophischen Geheimnisse unseres und aller davor (und danach!) liegenden Jahrtausende zu lüften. Besonders schön die “Nietzsche-Bar” in einem ehemaligen Luftschutzkeller. Gadamer soll hier verkehrt haben, ist aber nun tot, weshalb man auf Prof. Wilhelm Vossenkuhl – seines Zeiches Cohus Doktorvater und nebenbei noch Nachfolger von Robert “Ich beweise Es” Spaemann auf dem Lehrstuhl I für Philosophie der LMU, zusätzlich Autor des Weltbestsellers Philosophie für die Westentasche, 127 S., 9,90€ – zurückgriff.
Nach einem Diavortrag über Occam (der von Rasiermesser, Altschwabinger Straße und “Name der Rose”) gab es erstmal Skiffle-Musik, die jedoch aufgrund der Urlaubsreise des Waschbrettisten entgegen der Wikipedia-Beschreibung vollständig ohne improvisierte Instrumente auskam. Dafür hatten sie einen brekeresken (ihr geht recht in der Annahme, dass ich dieses Wort grad erfunden habe) Kontrabassisten. Schließlich und endlich kam es zur Einführung in das neue Buch des Gastes “Die Möglichkeit des Guten. Ethik im 21. Jahrhundert” mit “renitenten” (WV) Fragen eines skandinavischen Kollegen. Ich selbst habe das Buch nicht, ahem, noch nicht gelesen, kann Euch aber dahingehend beruhigen, dass das Gute auch im 21. Jahrhundert noch möglich ist. Das Schlechte auch. Weil sonst gäbs im 21. Jahrhundert am Schluss gar keine Ethik mehr und das Buch wäre deprimierend, der Untertitel falsch gewählt und ich könnte meine Diss einrollen und als Fliegenklatsche benutzen. Falls sich jetzt jemand Sorgen gemacht hatte.

Posted in Cohu, Mater Scientiae, München. Comments Off on Drunten

Besser geht’s nicht? Von wegen!

In der Nature ist ein interessantes Interview mit meinem ehemaligen Tutor, Nick Bostrom, zum Thema "Human Enhancement." Bostrom ist Transhumanist, das heißt:

"Transhumanists view human nature as a work-in-progress, a half-baked beginning that we can learn to remold in desirable ways. Current humanity need not be the endpoint of evolution. Transhumanists hope that by responsible use of science, technology, and other rational means we shall eventually manage to become posthuman, beings with vastly greater capacities than present human beings have." (Transhumanist Values)

So eine Einstellung geht natürlich vielen gegen den Strich (besonders denen, die der Meinung sind, sie seien eh schon die Krone der Schöpfung und die bestmögliche Ausformung der Art Homo Sapiens). Francis Fukuyama etwa bezeichnete den Transhumanismus als "größte Bedrohung für das Wohlergehen der Menschheit". Eine sehr unterhaltsame Erwiderung von Bostrom findet sich hier. Den Fukuyama hab ich eh g’fressen, verwirrenderweise wird er übrigens bei der deutschen Wikipedia als "liberaler Denker" (???) bezeichnet, dabei ist er davon – trotz seiner Abkehr von den Neocons – etwa so weit entfernt wie ich von einer Heiligsprechung durch die katholische Kirche,  und zwar, wenn ihr mich fragt, sowohl vom Attribut "Denker" als auch vom "Liberalen". Ja aber schön, wenn um ein ethisches Thema noch so richtig diskutiert wird, mit ad hominems und Superlativen.
 Hätte auch direkt ne Idee für Cohu-Enhancement: so ein paar Trübsal-Gene könntens bei mir auch Out-Knocken. Die Darstellung von geheilten Depri-Mäuse als "permanent fröhlich" lässt beim Autoren Rötzer übrigens eine typisch wissenschaftsjournalistische Gehirnschrumpfung vermuten, die allerdings durch ein paar Hirnimplantate sicher zu beheben wäre. Alles kein Problem für den Transhumanismus!

Posted in Mater Scientiae. Comments Off on Besser geht’s nicht? Von wegen!

Was man so lesen muss: Christliche Chimären

Russell DiSilvestro: "A Neglected Solution To The Problem Of The Metaphysical And Moral Status Of The Human-Animal Chimera", Ethics & Medicine, Summer 2004.
 
"In answering the metaphysical question posed above, I argue that the doctrine of the Incarnation, and in particular the doctrine of the two natures of Christ, provides good reasons for thinking that such a two-species creature is possible. Just as Jesus was fully human and fully God, it makes sense (even if it never in fact comes about) that a human-animal chimera could be fully a member of species a and fully a member of species b."

Man sollte schon darüber nachdenken, ob eine "vernachlässigte Lösung" in manchen Fällen nicht sogar zu Recht vernachlässigt ist…

Posted in Kollektivneurose, Mater Scientiae, Sprachliches. Comments Off on Was man so lesen muss: Christliche Chimären

Leistungssteigerung

Mann, mann, den ganzen Tag dieses Sportfestgeplapper im Radio! Muss ich wirklich im Viertelstundentakt darüber informiert werden, wer jetzt wieder zur Urinprobe musste und wieviele rote Blutkörperchen irgendeine Reit-im-Winklerin hat? Obwohl sie ja ganz sympathisch ist, die Dame (siehe Abb. links, unschuldige weiße Bluse). Die IT hat sich sogar kurzfristig in sie verliebt, aber beim ersten O-Ton der Sportlerin war diese hormonelle Aufwallung sofort vorbei, sozusagen eine dialektische Entwicklung.

Also jetzt, egal, ich will von Körperflüssigkeiten nichts mehr hören!
Wir brauchen in der Dopingfrage also eine für alle Seiten befriedigende Lösung . Julian Savulescu von der Oxford University, dessen denkwürdiges Seminar zu “The Future of Humanity” ich zu besuchen 2004 die Ehre hatte, schlug in diesem Aufsatz vor, Doping zu erlauben, und stattdessen nur noch Gesundheitstests durchzuführen. (Er selbst sieht übrigens, ganz am Rande, für einen Philosophieprofessor außergewöhnlich sportlich und, äh, gesund aus, siehe hier, also, nicht, dass ihr Euch da jetzt so einen theoretischen Seminar-Wuzi vorstellt, nein, das ist ein genuiner australischer Surfer!).

Savulescus Argumentation: 1. Doping wird es eh immer geben und 2. die Grenze zwischen Doping und erlaubter Leistungssteigerung ist total schwammig und inkonsistent (siehe dazu auch William Saletan in Slate). Das gefällt mir gut! Vorteile: durch effektivere Leistungssteigerung hätte der Sportfan mehr Rekorde zu bewundern. Aufgrund sinnvollerer Kontrollen müsste ich mir nicht anhören, wie es um das Blut alpenländischer Schönheiten bestellt ist, es sei denn, sie stünden kurz vor dem Herzinfarkt. Ja, mag schon sein, dass dann in der Anfangsphase ein paar Sportler es zu gut meinen mit den leistungssteigernden Substanzen, aber: aus Schwarzenegger ist auch noch was geworden, und: Turin war doch schon immer die Stadt der Selbstmörder…

Posted in Mater Scientiae, Politisches. Comments Off on Leistungssteigerung

Philosophiemagister…

…verlassen ja, so der gängige Witz (?) in TU-Mensa-Kreisen, jede Party zügig, sobald der Gastgeber die Pizza bezahlt hat. Die Wahrheit (bzw.  zumindest eine für Spiegel Online überraschend gute Annäherung daran) lässt sich hier nachlesen:

"Der Philosophiestudent als unausweichlicher Fall für Hartz IV – dummes Gerücht oder bittere Wahrheit? Professoren beteuern: Ihre Absolventen haben auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Denn sie sind kreativ und stehen mit beiden Beinen auf dem Boden." (Unispiegel)

Tatsächlich: dadurch, dass man als Philosoph während des Studiums praktisch auf jeder Party einmal die Frage beantworten musste: "Und, wovon willst Du mal leben?" hat man erstens einen Fundus an kreativen Antworten parat, die sich auch exzellent für die Bewerbungsgespräch-Hammerfrage "Wo sehen Sie Sich in fünf Jahren?" wiederverwerten lassen ("Prostitution ist jetzt ja legalisiert worden…" – "Ich bin Beamtentochter" – "Ich kauf mir eine Tonne, geh mir aus der Sonne!"). Zweitens ist man durch Kommentare der Art "Ich wollte auch immer so was mit Psychologie machen", "Sinn des Lebens und so, find ich auch voll interessant" oder "Ethik machst Du? Das gibt es doch heute gar nicht mehr!" derart nervenstark, dass man jedes Großraumbüro oder sogar die Arbeit im Telekom-Callcenter aushält. Und drittens brechen derart viele das Studium ab (oder enden als hoffnungslose, bärtige Langzeitstudenten), dass ein in kurzer Zeit mit akzeptablem Ergebnis abgeschlossenes Philosophiestudium einen nicht zu unterschätzenden, für Arbeitgeber interessant machenden Seltenheitswert hat (Durchschnittliche Studienabbruchquote: 26%, in Philosophie mehr als 90%!). Und wenn das alles nichts hilft, bleibt dem Philosophen ja noch die klassische Lösung

(Bild: John William Waterhouse, Wikimedia Commons)

Induktionsproblem

Eine schöne Illustration des Induktionsproblems:

In der Bank hebt ein Mann 2000 Euro in 50-Euro-Scheinen ab. Vorsichtshalber zählt er das Geld nach: „50-100-150-200-250-…“ Bei 1000 hört er auf. „Warum zählen Sie denn nicht weiter?“ fragt der Kassierer. „Och“, meint der Kunde, „wenn’s bis dahin stimmt, dann ist der Rest sicher auch in Ordnung.“ (bild.de)

Posted in Fröhliche Wissenschaft, Mater Scientiae. Comments Off on Induktionsproblem

Utilitarian Limericks

Wenn man bei dem Dreckswetter schon für alles andere zu müde ist, kann man
sich im Seminar wenigstens Limericks ausdenken:

There once was a man named John Mill
Utility gave him a thrill.
Calculating, he would
Declare murder good
(Depending on whom you will kill)

There once was a utilitarian
Who was an outstandingly merry man
"My bill may be rising,
But I keep maximizing –
Now bring me another sherry, man!"

One evening, Professor Singer
While cooking, cut off a whole finger:
"Great, some meat for my diet,
Without causing disquiet!"
What a morally flawless left-winger

(Hier gibt es sogar
eine ganze History of Western Philosophy in Limericks)

Posted in Gedichtetes, Mater Scientiae. Comments Off on Utilitarian Limericks

G’selchter, schranktrocken

Ich wollte es ja erst nicht glauben, aber meine Lieblingsutilitarist Bentham sitzt – sozusagen als Luftg’selchter Philosoph – tatsächlich im Londoner University College. In einem Schrank.

"Jeremy Bentham specified in his will that he wanted his body to be preserved as a lasting memorial, and this instruction was duly carried out. This ‘Auto-Icon’ has become famous. Unfortunately, when it came to preserving his head, the process went disastrously wrong and left the head badly disfigured. A wax head was made to replace it, but for many years the real head sat between his legs. However, this head was frequently stolen and subjected to many student pranks, with students from rival King’s College London often the culprits. The head is said to have at one time been found in a luggage locker at Aberdeen station, and to have been used as a football by students in the Quad. These events led to the head being removed from display and placed instead in the College vaults, where it remains to this day.
Other rumours surrounding the Auto-Icon are that the box containing his remains is wheeled into senior college meetings, and that he is then listed in minutes as ‘present but not voting’. He is also said to have a vote on the council, but only when the vote is split, and that he always votes in favour of the motion." (wikipedia: UCL)

Jaja, die Engländer, so drollig. Was jetzt nicht gesagt wird: was steht auf dem kleinen Schild an Bentham’s Schranktür? So wie ich die Briten kenne: ein Feuerfluchtplan, Hinweis auf Feuerübungen, Begründungen für Kerzen- und Wasserkocherverbot. Denn es gibt keine einzige Tür im vereinigten Königreich, die ohne Feuerschutz auskommt.

Posted in Aus Aller Welt, Mater Scientiae. Comments Off on G’selchter, schranktrocken

Was man so lesen muss

"Mit der Emanzipation der Form ist die konstitutive Bedürftigkeit des
Lebens in einem gegeben und bildet mit ihr einen unteilbaren Tatbestand. – Die
Freiheit im Verhältnis zur Materie, die im stoffwechselnden Sein der Form sich
tätigt, bedeutet ipso facto zugleich Angewiesenheit auf Materie; und zwar eben
nach dem Maße der Umsatzdynamik der Form, das doch andrerseits gerade der Index
ihrer ontologischen Freiheit ist."
[Hans Jonas, Das Prinzip Leben (1994), S. 181]

Ja, und deshalb freue ich mich auch diesmal wieder wahnsinnig, dass ich einen
kontinentalphilosophischen Text lesen darf!

Posted in Mater Scientiae, Sprachliches. Comments Off on Was man so lesen muss

Heavy Petting

Endlich ist es so weit: ich kann in einer wissenschaftlichen Arbeit Peter Singers äußerst erstaunlichen Artikel
zum Thema “Sex mit Tieren” zitieren (genauer gesagt ist es eine Rezension des Buches “Dearest Pet” von Midas Dekker).

Die Behauptungen gewisser Neu-Neujorker, ich würde zu diesem Thema auch promovieren, muss ich aber weit von mir weisen. Besser als Singer kann ichs ja eh nicht sagen…schon der Titel ist unübertrefflich!

Posted in Mater Scientiae, Nichtmenschliche Tiere. Comments Off on Heavy Petting