Blümchen-Gaming

Wer weiblich ist oder aus anderen Gründen (?) in letzter Zeit mal das Damen-WC eines größeren Lokals betreten hat, hat vielleicht die an den Türen der Damentoiletten angeschlagenen Werbeplakate für ein neues Magazin bemerkt. Für die Blasenstarken oder Männer unter meinen Lesern: es handelt sich um ein Gaming-Magazin speziell für Frauen. In der Leseprobe finden sich etwa unter der Überschrift “Vamos a la playa” sog. “sexy Notebooks für den Trip ins Freie,” und – man hatte es befürchtet – “mädchengerechter” Gaming-content, so etwa ein Test einer Dressur-Reitsimulation (Isabell Werth Reitsport), “H&M Fashion-Accessoires” für die Sims sowie süße kleine Flashgames mit Häschen. Naja, so weit, so überflüssig.  Nun bin ich aber doch erstaunt über den Namen “Play Vanilla”. Sollte es sich bei den Herren/Damen Zeitschriftenmachern noch nicht rumgesprochen haben, dass “vanilla” in der großen, verdorbenen und von “special interests” durchseuchten Welt des Internetz größtenteils sehr eindeutig konnotiert (und auch noch überwiegend abschätzig gemeint) ist? Naja, eigentlich auch wieder beruhigend für die Leserinnen. Artikel über Rollenspiele aber dann bitte zukünftig unterlassen!!!

Quod licet jovi, non licet bovi

Frau B. wies vor kurzem auf die zeitlose Bedeutung von "Omasprüchen" hin, insbesondere auf das Exemplar "Messer, Gabel, Schere, Licht…". Es gibt wirklich schöne solche Sprüche, überhaupt ist Cohu eine große Freundin bildhafter Idiome und Sprichworte.
Jedoch: manche deutschen "Oma-Sprüche" (die natürlich auch Mama-, Papa- oder Lehrer-Sprüche sein können) strotzen vor hemmungsloser Autoritätsgläubigkeit, bitterem Fatalismus und menschenverachtender, ja geradezu schäubloiden, antiliberalen Verfassungsfeindlichkeit. Hier mal eine kleine Liste – Auswahlkriterium ist natürlich nicht, dass Cohus Oma sie geäußert haben muss, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie geschickt eine gewisse Überlegenheit des Äußernden, eine Abwertung des Adressaten und eine positivistisch-sozialdarwinistische Weltsicht ausdrücken. Das sind ja Qualitäten, die heute wieder modern werden, jetzt wo Diekmann die Achtundsechziger restlos entzaubert hat! Also, auf gehts, zurück in die 50er:

Es war ja nicht alles schlecht damals
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
– Langes Fädchen, faules Mädchen (der ist nun aber tatsächlich von meiner Oma)
– Wir waren ja froh, wenn wir in die Schule gehen durften
Da muss mit eisernem Besen gekehrt werden!
Kinder soll man sehen und nicht hören
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! (ca. ab den 80er Jahren wurde dieser Spruch abgelöst von:)
Wer zu krank für die Schule ist, ist auch zu krank zum Fernsehen!
– Große Buben weinen nicht. Große Mädchen machen sich nicht schmutzig.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt (und wo wir schon beim letzteren sind:)
Solange du Deine Beine unter meinen Tisch streckst….

Und, mein persönlicher Lieblingsspruch:

– "Halt den Mund, wenn Du mit mir redest!"

Ich finde, sowas sollte man auch an die nächste Generation weitergeben. Sind doch eh alle so schlecht erzogen, diese Racker, immer mit dem Handy die MVV-Fahrgäste belästigen, mit ihrem Peking Pension oder wie die heißen, die jungen Herren. Ich habe ja, als ich jung war, noch den schönen Spruch beherzigt "Aus dem Walkman tönt es grell / Den Nachbarn juckts im Trommelfell." – naja, wenn ich einen gehabt hätte, einen Walkman. Hatten wir ja alles nicht!!!

Ja, was ich jetzt noch erzählen wollte, also ganz kurz…

…Frauen reden mehr als Männer. Das glauben nicht nur Männer, sondern sogar Frauen (wobei sie sich dann oft damit brüsten, halt einfach “kommunikativer” und “sprachbegabter” zu sein, und von der Venus und nicht vom Mars oder sonst irgendeinen Schmarrn daherreden, also Frauen reden ja viel, wenn der Tag lang ist, genauso wie diese eine Freundin von mir, also wie ihre Nichte Kommunion hatte, gab es ja diese …äh, das war dann in dem Wirtshaus, wo ich neulich auch schon … also die Kommunion, wer macht heutzutage noch Kommunion, ich kenne niemanden, jedenfalls die Freundin hat auch zu ihrer Schwiegermutter immer gesagt: Mutti – ernsthaft, wer sagt zu seiner Schwiegermutter “Mutti”, da fängts ja schon an – also jedenfalls haben die auch darüber geredet, und da meinte die Schwiegermutter (die arbeitet bei Dallmayer oder so, irgendwo in der Innenstadt jedenfalls) – die Schwiegermutter meinte, das wäre ja schon damals so gewesen, die kommt ja aus dem Osten, obwohl ja dort einiges anders war, schon wegen den Kinderkrippen usw. obwohl man ja jetzt mit der Linkspartei schon gar nicht mehr weiß wo die DDR eigentlich anfängt und wo sie aufhört, der Mann meiner Freundin, also von einer anderen, war ja auch ursprünglich aus der DDR, aber die sind ja schon vor der Wende, unter schwie-rig-sten Umständen sind die rüber, da hatten die übrigens auch keine Kommunion drüben….
also was ich sagen wollte. Frauen reden nicht mehr als Männer. Frühere Studien, die das  Gegenteil belegen sollten,  beruhten lediglich auf eigenen Angaben der  Untersuchungssubjekte. Einen tatsächlichen Unterschied gibt es also wohl zwischen den Geschlechtern: Männer glauben im Gegensatz zu Frauen, weit weniger zu plappern, als sie es tatsächlich tun. Und das liegt, so Cohus Theorie, schlicht an den  zum-einen-Ohr-rein-zum-anderen-Ohr-raus- Qualitäten des männlichen Hirns. Gerechte Strafe: die kriegen ihr eigenes Geplapper also sogar noch weniger mit als Aufforderungen weiblicherseits, den Müll runterzubringen…

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Scotland the Brave

Ich will den Mut des schottischen Taxifahrers, der sich mit einem der Glasgower Terroristen anlegte, keinesfalls in Abrede stellen. Aber davon mal abgesehen – das ist ja wohl die geilste Schlagzeile ever:

Da kann "Schwabing: Baggerfahrer verfolgt Dönermann" nicht mal ansatzweise mithalten…

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Irre!

So ging’s zu in "Bedlam", meinte zumindest Hogarth. Wobei, die beiden Damen rechts hinten, die würden uns heut vielleicht gar nicht so irr vorkommen – siehe die moderne Version der hysterischen Frauenfreundschaft.

(Bild: Wikimedia Commons)

Cohu ist nun wirklich keine Verfechterin beinharter Political Correctness. Aber Spiegel-Online-Schlagzeilen gehen mir in letzter Zeit nicht mehr nur wegen ihrer blöden Kalauer auf die Nerven (Stichwort "Blair Switch Project"), sondern auch, weil sie über Flapsigkeit hinausgehende tendenziöse, marktschreierische Ausdrücke verwenden, die meiner Ansicht nach meinetwegen in einem Blog, aber nicht ein einer "ernsthaften" (oder zumindest ernsthaft gemeinten, woran ich inzwischen bei SPON langsam meine Zweifel habe) Onlinepublikation stehen sollten. Dazu gehört für mich der Begriff "Kinderschänder", aber auch der Ausdruck "Killerspiel" (solange er nicht in distanzschaffende Anführungszeichen gesetzt wird, was dem Spiegel immerhin manchmal gelingt).
Besonders geschmacklos finde ich die Bezeichnung einer Berliner Waldorfschule, an der anscheinend seit Jahren ganz un-steiner’sche Disharmonie herrscht, als "Irrenhaus von Friedrichshagen." Wenn da stünde: "In Friedrichshagen geht’s zu wie in der Judenschule" oder "Die Anthros streiten sich wie alte Weiber" wäre es vielleicht noch klarer, dass inakzeptable antisemitische oder misogyne Anklänge vorhanden sind…aber, lieber Herr Osang, auch über die Verwendung eines abschätzigen, verächtlichmachenden Worts für Verwahranstalten psychisch Kranker (in denen z.B. im dritten Reich, aber auch noch danach, bis zu 360.000 Menschen zwangssterilisiert und 200.000  – allein aufgrund psychischer Erkrankungen – "euthanasiert" wurden, mal gar nicht zu reden von massiven Menschenrechtsverletzungen, die das medizinisches Establishment und Gesellschaft bis weit in die 70er tolerierten, denn es ging ja nur um "Irre") könnte man doch zumindest vor der Verfassung einer "witzigen" Überschrift nochmal ein wenig nachdenken…

Ach du Scheiße!

In den USA tobt ein heftiger Kampf um’s Schimpfwort. Während die Fernmeldeaufsichtsbehörde FCC jedes noch so kleine "Fuck" drakonisch ahndet, regt sich langsam Widerstand in den Reihen der Fernsehsender: zumindest "fleeting expletives" sollten doch – im Rahmen der Freiheit künstlerischen Ausdrucks – erlaubt sein.
Eine ganze Menge solcher flüchtigen Flüche bekommt man bei jeder Folge "Penn & Teller’s Bullshit" mit, einer überaus unterhaltsamen Serie der in den U.S.A. bekannten und erfolgreichen Zauberkünstler Penn Gillette und Raymond TellerHier unter "Penn & Teller" kann man einige Folgen ansehen.
Auf die Seite des Fernsehsenders "Showtime US", der "Bullshit" ausstrahlt, hat man als nicht-Amerikaner leider keinen Zugriff. What the fuck, you fucking dickheads? – ist z.B. eine Schimpftirade, die ich in diesem Fall für im Rahmen der künstlerischen Freiheit für durchaus angemessen halte. Aber ich hab vermutlich zu viel Penn&Teller gesehen.

(Bild: via Wikipedia)

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Komische Dinge, die ich heute gesehen habe

Ein Mann geht bzw. rennt in Wahnsinnsgeschwindigkeit den Fahrrad-, Kleinkinder- und Obstkisten-gesäumten Türkenstraßen-Bürgersteig entlang. Ans Ohr gepresst: ein Handy, in das er in ebenfalls wahnsinniger Geschwindigkeit (und Lautstärke) hineinbrüllt. Bis dahin nicht weiter auffällig. Besonderes Merkmal: der Mann war zur Fortbewegung auf einen wild vor sich hingewedelten weißen Blindenstock angewiesen. Die Leistungsgesellschaft macht echt vor nichts halt.
Dann schmuckes 25-cm-Wellenschliff-Brotmesser gekauft. Auf der Packung folgende  Aufschriften:
"suitable for foodstuffs" (Im Gegensatz zu den auch oft verkauften reinen Dekorationsbrotmessern)
"Achtung: Nicht in Reichweite von Kindern aufbewahren"
, aber das reichte nicht, drunter stand nämlich noch:
"UK Legislation – Not for sale to persons under 18 years. (Proof of age may be required)."
Dass in Großbritannien die minderjährigen Gangster auch ja nicht anfangen, mit 25-cm-Wellenschliff-Messern rumzulaufen…

Schwarz-Weiß-Denken

Ralph Giordano hat in einem Rundumschlag gegen aufmüpfige Muslime, die jetzt auch noch die in Deutschland herrschende Religionsfreiheit schamlos ausnützen und Moscheen bauen wollen (!), burkatragende Frauen als "menschliche Pinguine" bezeichnet, die seine "Ästhetik" "beschädigen und stören."

 Pinguin, beliebte menschliche Nachahmer

Nun. Inhaltlich will ich mich gar nicht in die Debatte (?) einmischen, nur bei der Wortwahl hätte ich Herrn Giordano, der doch immerhin etablierter Schriftsteller ist, etwas mehr Geschick zugetraut: erstens ist es allgemein bekannt, dass Pinguine sehr ästhetische und auch moralisch vorbildhafte Tiere sind (siehe "Reise der Pinguine"). Sie sind reinlich, schön anzusehen, aufopfernde Eltern und vorzügliche Schwimmer. Schon also solche eignen sie sich nicht als Metaphernfutter für beleidigende Bemerkungen. Zweitens müsste man dem Herrn Intellektuellen evt. mal ein Bild eines Pinguins zeigen (siehe Abb.). Der Pinguin trägt einen weißen Latz und erinnert daher mitnichten an Burkachicks, sondern vielmehr an (katholische!!!) Nonnen und (westliche!!!) Dirigenten bzw. Pianisten (s. Abb.). Will Herr Giordano solche "menschlichen Pinguine" auch aus dem Straßenbild verschwinden sehen? Sollen Konvente und Konzerthallen geschlossen werden? Und Linux vielleicht auch gleich noch verboten, nur wegen der Abneigung gegen Sphenisziden? Ich weiß ja nicht…wer Pinguine so sehr hasst, dem kann ich eigentlich nur noch dieses Killerspiel empfehlen.

(Hier gibt’s noch einen Audiolink zu einem Interview mit Giordano, das heute morgen meine absolute Radiolieblingsjournalistin Elke "Ich-stelle-hier-die-Fragen" Durak geführt hat – ca. 9 unterhaltsame Minuten.)

(Bilder: "Tux": Larry Ewing, Simon Budig, Anja Gerwinski; Wikimedia Commons. Nonnen: Wikimedia Commons, Dirigent Charles Lamoureux: Wikimedia Commons).

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Lügen haben kurze Beine

Herr im Straßencafé: "Ja, so wie der Lügner von…der Lügner von… der Lügner von Notre Dame, so heißt doch die G’schicht!"
Dame im Straßencafé: "Glöckner"
Herr: "Hä?’
Dame: "Glöckner von Notre Dame!"
Herr: "Ja dann halt Glöckner!"

Neutral und zufällig

Lobenswert und zeitgemäß ist, dass die NZZ bei ihrem Probeabo-Formular auch die Möglichkeit "Neutral" einräumt (wenn es auch sicher Menschen gibt, die weder Mann, noch Frau, noch "Neutral" sind).
Weniger schön ist, dass die NZZler auf die Angabe einer Telefonnummer bestehen. Tröstlich in diesem Zusammenhang, dass selbst ein mathematisch unbegabte Mensch zufällige Zahlenfolgen in Sekundenbruchteilen generieren kann, was ja gar nicht so einfach ist!

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