Blümchen-Gaming

Wer weiblich ist oder aus anderen Gründen (?) in letzter Zeit mal das Damen-WC eines größeren Lokals betreten hat, hat vielleicht die an den Türen der Damentoiletten angeschlagenen Werbeplakate für ein neues Magazin bemerkt. Für die Blasenstarken oder Männer unter meinen Lesern: es handelt sich um ein Gaming-Magazin speziell für Frauen. In der Leseprobe finden sich etwa unter der Überschrift “Vamos a la playa” sog. “sexy Notebooks für den Trip ins Freie,” und – man hatte es befürchtet – “mädchengerechter” Gaming-content, so etwa ein Test einer Dressur-Reitsimulation (Isabell Werth Reitsport), “H&M Fashion-Accessoires” für die Sims sowie süße kleine Flashgames mit Häschen. Naja, so weit, so überflüssig.  Nun bin ich aber doch erstaunt über den Namen “Play Vanilla”. Sollte es sich bei den Herren/Damen Zeitschriftenmachern noch nicht rumgesprochen haben, dass “vanilla” in der großen, verdorbenen und von “special interests” durchseuchten Welt des Internetz größtenteils sehr eindeutig konnotiert (und auch noch überwiegend abschätzig gemeint) ist? Naja, eigentlich auch wieder beruhigend für die Leserinnen. Artikel über Rollenspiele aber dann bitte zukünftig unterlassen!!!

Decline of a Nation: Rinderwahn

Großbritannien hat momentan wirklich ein Problem. Nein, ich meine natürlich nicht die riesige Flutkatastrophe. Vielmehr erregt momentan ein heiliger Bulle namens Shambo die Gemüter. Das Tier lebt in einem walisischen Hindu-Tempel und wird dementsprechend versorgt (hier auf der Webcam sieht man, wenn man Glück hat, wie er, fein gestriegelt, mit Blumenkranz in blütenreinem Stroh steht).
Jetzt aber das Problem: bei Shambo besteht TB-Verdacht. Und für Rinder mit TB-Verdacht gilt in Wales die strenge Regelung, dass sie geschlachtet werden müssen, da sonst eine Ausbreitung der Seuche befürchtet wird. Blöd natürlich jetzt, wenn man ein Hindu ist, und das Vieh für heilig hält. Doch die walisischen Behörden lenken nicht ein: heilig oder nicht, heute muss Shambo zur Schlachtbank. Wie wird das ganze ausgehen?
Wer es jetzt vor Spannung schon nicht mehr aushält, sei auf das Liveblogging des Guardian verwiesen, das ja schon bei ähnlich einschneidenden Ereignissen (etwa den Londoner Terroranschlägen) weitergeholfen hat. Letzte Meldung, vor 10 Minuten veröffentlicht: die Behörden machen sich Sorgen um das Wohlbefinden des Bullen, da es um die Hütte herum jetzt doch etwas lauter zugeht – man möge sie doch bitte durchlassen, damit sie in Ruhe ihres Amtes walten können. Im Namen des Tierschutzes!
Humor haben sie, die Briten.

(Bild: Skanda Vale Hindu temple, Wales)

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Tückisch!

Hamburg versuchte an diesem Wochenende mit allen Methoden, Cohu und IT davon zu überzeugen, dass es eigentlich das bessere München ist. Überbordend von Gastfreundschaft, öffneten sich uns gleich zwei Wohngelegenheiten, in Eppendorf überließ uns die Gastgeberin sogar ihr eigenes Bett und schlief derweil bei einem etwas zweifelhaften jungen Mann aus ihrer Bekanntschaft. Man kennt die losen Sitten des Alsterbabylon! Cohu (sonst ohne Zugang zu Fernsehgeräten) staunte über die Dichte an Zootierarzt-Dokusoaps im Nachmittagsprogramm. Dann wurden wir regelrecht gemästet, die Hansestadt hatte sämtliches kulinarisches Potential aufgeboten, sich für ein paar Tage über Grünkohl. Aal und Labskaus erhoben und Pizza Hawaii sowie unübertroffenes Speiseeis und gigantische Griechenteller präsentiert, von den türkischen Köstlichkeiten im Mangal ganz zu schweigen. Fast schon höhnisch wurde uns dann noch, als Krönung des Hochzeitsbanketts, ein perfekter Schweine-Krustenbraten (!) serviert. Welch Anmaßung! Wir sahen darüber weg, genauso wie über die durchgehend gute Stimmung.
Wenigstens unser Deichtorhallenbesuch in der Erwin Wurm-Ausstellung bewies, dass es ohne München nicht geht, tauchte doch bald gleich einer Fata Morgana der Münchner Rechtsgaleerensklave T. vor uns auf. Aber als sich am Schluss noch herausstellte, dass das Eppendorfer Gewürzlädchen "Viola’s" mit schätzungsweise 6 Schwarzpfeffersorten unseren Schuhbeck um Längen schlägt (der bietet nämlich nur eine sorte Schwarzpfeffer an, "Schwarzer Pfeffer", Punkt), hatten wir endgültig genug. Wir reisten sofort ab und werden ab jetzt München nicht mehr verlassen. Unser Entschluss steht fest, München ist die schönste Stadt der Welt, und damit wir daran auch niemals zweifeln, werden wir höchstens vielleicht noch nach Kaiserslautern, Kalkutta oder Kassel fahren. Oder Berlin.

Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter,

…hier gibt es nichts zu sehen! Cohu fliegt nämlich morgen sehrsehrsehr früh nach Hambuich. Schon wieder eine Hochzeit, die Leute heiraten ja momentan wie die…äh, Fliegen? Kaninchen? Gibt es Tiere, die oft heiraten? Oder einen Volksstamm? Evt. "wie die Mormonen" oder Moment, noch besser: Die Leute heiraten wie König Mswati!

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Decline of a Nation: Gute Nacht, Verstand

England galt lange als Bastion der Ratio (Newton, Mill, Thatcher) und der stets ironisch-distanzierten, lebensweisen Intelligentsia (Wilde, Larkin, Cleese). Aber das geht ja alles den Bach runter.
Fangen wir bei einer besonders drolligen Geschichte an. In der Nähe eines dorset’schen Dorfes names Cerne Abbas findet sich auf eine sanften Hang die vielfach überlebensgroße in den Kreideboden gekratze Zeichnung eines nackten, ostentativ männlichen (s. Abb.), Riesen. Angeblich aus vorchristlichen Zeiten, jedenfalls wird das Ding von heidnischen Religionsgemeinschaften als heiliger Ort verehrt. Nichtsdestotrotz mussten wenig gottes- (bzw. götter-)fürchtige Werber den Nebenhang durch eine ebenso große Figur eines Homer Simpson in Unterhose und mit obligatorischem Donut verzieren, um den Simpsons-Film zu promoten, natürlich aus abwaschbarer weißer Farbe. Schande, sagt die Ober-Heidin der Region:

Ann Bryn-Evans, joint Wessex district manager for The Pagan Federation, said: "We were hoping for some dry weather but I think I have changed my mind. We’ll be doing some rain magic to bring the rain and wash it away." (BBC News)

In England Regenmagie betreiben, das erscheint mir so sinnvoll, wie dafür zu beten, dass auch morgen die Sonne wieder aufgeht, für die Zustellung eines Steuerbescheids, oder dafür, am Ende des Lebens auch wirklich zu sterben. Aber gut, dass die Vernunft vor der Religion die Waffen streckt, ist nichts neues, da ist meine zweite Geschichte vielleicht erstaunlicher:

In Oxford hat es eine lange Tradition, nach Beendigung der letzten Examina die Prüflinge in der Merton Street zu empfangen und dann mit Mehl, Champagner, Konfetti, und allerlei Unrat zu bewerfen ("Trashing"). Großer Spaß, die Universität bezeichnet das allerdings als "antisocial behaviour" und versucht schon seit Jahren, es zu unterbinden. Drastische Strafen von bis zu 150 Euro wurden verhängt, nur ist es halt schwierig, im Gewusel hinter den Exam Schools die bösen Mehl- und Oktopus-Werfer überhaupt zu identifizieren. Naja, es sei denn…die Studenten machen Fotos vom Trashing und veröffentlichen die dann im Internet. Und Uni-Disziplinarbeamten finden sie da und verfolgen die Anti-Sozialen. Montags schrieb denn auch die Student Union eine aufgeregte Rundmail ("URGENT!") und bat alle Mitglieder, ihre Privacy Settings bei Facebook zu überprüfen, um keine Kommilitonen ans Messer zu liefern – inklusive detaillierter Anleitung (s. Abb.). Wohlgemerkt: eigentlich sollten das alles schlaue Kerlchen sein. Aber dass im Internet veröffentlichte Bilder, auch, wenn man das gar nicht willimmer den Weg zu daran Interessierten finden, das hatte sich bei ihnen noch nicht rumgesprochen, genausowenig wie die Funktionsweise einer ursprünglich für durch Spring Break und zuviel Cola verblödete amerikanische Highschool-Studenten ausgelegten Software. Also, Herr Wilde hätte, in der guten alten Zeit, seine Bosie-Eskapaden jedenfalls kaum bei Facebook ausgebreitet. Oder wäre zumindest schlau genug gewesen, den Datenschutz richtig einzustellen…

 (Bild: Wikimedia Commons)

Au contraire, Frau B.:

Zu warm für Kuchen? Nicht mit Cohu! Mir wäre es lediglich zu warm gewesen dafür, einen zu backen, aber das hat dankenswerterweise die gestrige Jubilarin übernommen.

P.S. Wow, und ich bin ja fast Don-Alphonso-tauglich, mit meinen lässigen Arzberg-Tellern. Im Gegensatz zu "Meike Kowalski" hat Cohu das alte Zeug nämlich übernommen. Aber das gute Leinen von der Oma bleibt im Schrank und für Silberbesteck hats auch nicht gereicht. Mei, ich bin halt keine Puristin.
P.P.S. Das Geschirr fliegt raus, sobald ich eine Geschirrspülmaschine hab. Ich sage: Herzlich Willkommen, goldrandlose Zukunft – IKEA-Kollektiv, ich komme! Oder macht mich die Tatsache, dass es mir im Gegensatz zu den anderen Individualisten da draußen herzlich wurscht ist, ob 365+ auch in jedem anderen europäischen Schrank steht, nicht erst zum authentischen Individuum?

Rolling on the Ammersee

Was macht man nur bei so einem Wetter? Wer sich einen Helikopterflug auf einen Alpengletscher nicht leisten kann und nicht mal einen Pool (geschweigedenn einen Garten) sein eigen nennt, muss wohl oder übel die Stadt verlassen. Obwohl, nicht ganz, Starnberg ist ja eigentlich nur ein potenziertes München. Aber zuerst zum Ammersee und eine kleine Rundfahrt gemacht. Angeblich gibt es hier sogar einen Schaufelraddampfer, da bekäme man zu dem memphismäßigen Wetter sogar ungefähr noch so ein Gefühl (wenn  Elvis nicht wäre, könnte ich wirklich zum Ike-and-Tina-Fan werden):

Aber ob es im Fünf-Seen-Land auch so zugeht wie in der letzten Strophe?

"You dont have to worry
If you got no money

People on the river are happy to give"

Äh, eher nicht!
Aber zurück zum Ammersee, auch auf einem normalen Dampfschiff kann man es, mit Eis und Schampaninger, ganz gut aushalten.
Und danach muss man zum Häring. Idealerweise sagt man dann den schwitzenden, ächzenden, in der Stadt oder gar im Büro Zurückgebliebenen Bescheid, dass sie einen hier via Webcam beneiden können:
Das macht man bei so einem Wetter!

Der Krieg ist der Vater aller Dinge

Dass der Krieg heute nicht mehr aussieht wie vor hundert Jahren, ist gemeinhin bekannt. So ist es in von Krieg betroffenen Regionen größtenteils gar nicht mehr nötig, erstmal große Mengen von jungen, hoffnungsvollen Leuten einzusammeln und auf (Ab-)Schlachtfelder zu transportieren, wie noch im ersten oder zweiten Weltkrieg – dank denzentraler Methoden ist es heute möglich, das alles vor Ort, auf dem Marktplatz, vor der Moschee, in der Schule zu erledigen. Die mühsamen Unterscheidung zwischen Zivilist und Soldat spart man sich größtenteils auch (Stichwort  "Enemy Combatant"). Selbstmordattentäter sind wohl die effizienteste Form überhaupt, dem Feind zu begegnen, und haben sich deshalb auf dem globalisierten Markt der Gewalttaten durchgesetzt. Was man dadurch an Ausbildungs-, Bekleidungs- und, nicht zu vergessen, Ruhestands- und Sozialzahlungen spart!
Aber die strategischen Errungenschaften der Kriegskunst beschränken sich nicht auf diese "Zivilisierung" des Krieges. In den Nachrichten der letzten Tage ist nämlich auch von ganz neuen Methoden die Rede. Im Irak verbreitete sich das Gerücht, britische Besatzungstruppen hätten menschenfressende Dachse, ja, richtig gelesen, menschenfressende Dachse,  in der Nähe von Basra ausgesetzt, um Panik auszulösen. Der Honigdachs (s. Abb.) siehr zwar drollig aus, aber wird bis zu einen Meter lang und hat unschöne, scharfe Klauen an den Vorderpfoten, die er zu benutzen weiß – nicht nur gegen Vieh, sondern auch, wenn Menschen ihn in die Enge treiben oder auf dem Falschen Fuß erwischen. Um das Gerücht zu zerstreuen, britische Truppen hätten diese ungemütlichen Gesellen (die im Irak heimisch sind) in der Basra-Region ausgesetzt, äußerte ein Militärsprecher dann einen für seine Funktion wohl einmalig lustigen Satz:

"We can categorically state that we have not released man-eating badgers into the area." (BBC News)

Was die Panik mutmaßlich ausgelöst hat, war übrigens dieser Artikel auf der Seite "NewsBisquit", Die eher satirische Natur dieser Publikation ist trotz deutlicher Anzeichen wohl nicht jedem gleich aufgefallen.

Bizarrer ist dann wohl nur eine angebliche Meldung der iranischen Nachrichtenagentur IRNA: der iranische Geheimdienst hätte14 Eichhörnchen festgenommen, weil sie im Grenzgebiet Spionage verübten. Ausgestattet waren sie sogar mit "Spionagewerkzeug" (vermutlich kleine Zeitungen mit reingeschnittenen Augenlöchern, um unauffällig die Atom-Anstrengungen Persiens zu verfolgen?). Schade, dass ich bei der IRNA selbst gar nichts dazu finde (vielleicht hab ihr mehr Glück). Sollte man man sich da in Israel nur einen Scherz erlaubt haben, ist er jedenfalls ganz gut gelungen, finde ich. (Aber was heißt "westliche Mächte"? Dass die Eichhörnchen selbst die Weltherrschaft anstreben, ist lange bewiesen!)

Oma-Sprüche: Das Grauen der Heßstraße

Unten habe ich ja schon in das Thema “Spruchweisheit der unheimlichen Art” eingeführt. Allerdings fehlte noch etwas Wesentliches. Den wohl gruseligsten aller 50er-Jahre-Sprüche findet man auf einem Nachkriegshaus in der maxvorstädter Heßstraße, illustriert von markerschütternd moderner Lüftelmalerei. Ich hab da mal ein Bild gemacht (entschuldigt die schlechte Qualität, hab nur eine Handykamera):
Für diejenigen, die ihre Lesebrille gerade nicht zur Hand haben (ich weiß, auch mein Publikum wird älter) – da steht:

“Alles bedecken soll ein Haus, drum schwatzt, was drin geschieht, nicht aus. (Sprichwort)”

Auf dem Fresko sehen wir (das kann man jetzt echt schlecht erkennen) eine eitle, schmuckbehängte Tussi mit einer Truhe voller Familienjuwelen, einen sich der Völlerei hingebenden Fresssack, ein knutschendes Pärchen, einen bieselnden Hund, den Fresssack, wie er im Vollrausch darniederliegt, dann tuschelnde Tanten mit Geierköpfen, einen lauschenden Burschen, und schließlich sich empörendes Bürgertum (verwirrenderweise mit Tierköpfen). Links findet sich eine Illustration der Handlungsanweisung (nichts sehen, nichts hören, nichts sagen).
Man kann versuchen, diese grafische Moralpredigt irgendwie positiv zu interpretieren. Gegen Blockwart-Mentalität und Einmischung in die Privatsphäre anderer. Aber trotzdem: ich kriege Gänsehaut davon. Ein beliebtes – und in der Aussage sehr ähnliches – 50er-Jahre-Diktum (eigentlich: das, wenn auch selten explizit ausgesprochene, Diktum der Nachkriegsjahre) wäre übrigens:

“Darüber spricht man nicht!”

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder

Langeweile am Schreibtisch? Schlechte Stimmung? Blöde Kollegen? Nix zu tun? Und dann ist auch noch der Chef im Urlaub?
In diesem Fall empfiehlt Cohu eine ausgedehnte Runde Büro-Karaoke, unterstützt vom Online-Karaokeportal "Singshot". Wer will, kann sich hier auch mit anderen Singwütigen messen, indem er Ton- oder gar Webcamaufnahmen ins Netz stellt. Muss ja nicht sein.
Auf jeden Fall vermeidet man die ansonsten üblichen Karaoke-Surroundings (verrauchte Kneipe mit Kegelclub-Kerlen, Außenhandelsvertretern, Junggesellinnenabschiedsrunden und Erdbeerlimes). Mein persönlicher Favorit: "As Time Goes By". Aber falls ihr mit Euren Kollegen oder Mitbewohnern noch ein größeres Hühnchen zu rupfen habt, rate ich zum Schnulzklassiker "Spanish Eyes", inklusive jaulenden Backgroundsängerinnen. Und immer schön laut!

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