Die Bundesregierung, allen voran der vielgeliebte Herr Seehofer (siehe Detail-Abb.), sollte sich vielleicht mal diesen Artikel durchlesen, bevor die Herrschaften meinen, mit Appellen und Aktionen dem Deutschen das "Übergewicht" austreiben zu müssen bzw. zu können. Das Gewicht ist ein Faktor, der stärker genetisch determiniert ist als fast alles andere (z.B. Brustkrebsanfälligkeit, Größe, psychische – und Herzerkrankungen). Klar, man kann das Gewicht beeinflussen – aber für jemanden, der die Veranlagung zum Dickwerden geerbt hat (wie anscheinend auch unser guter Horst) bedeutet das ein ständiges Ankämpfen gegen natürliche Veranlagung. Um den Ernährungswissenschaftler Jeffrey Friedman zu zitieren:
“Those who doubt the power of basic drives, however, might note that although one can hold one’s breath, this conscious act is soon overcome by the compulsion to breathe, (…) The feeling of hunger is intense and, if not as potent as the drive to breathe, is probably no less powerful than the drive to drink when one is thirsty. This is the feeling the obese must resist after they have lost a significant amount of weight.” (NYT)
Das ganze wird noch dadurch verstärkt, dass die Standards für "Übergewicht" ständig verändert werden. Warum sind heute angeblich 60% bis 75% (!) der Männer übergewichtig? Hauptsächlich, weil man unter "übergewichtig" inzwischen langsam alles versteht, was nicht Men’s Health (bzw. Hungerhaken-) Niveau entspricht. Und jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich den "Aktionsplan" für eine Anmaßung, eine unzulässige Einmischung in persönliche Angelegenheiten der Bürger und, nicht zuletzt, eine enorme Verschwendung von Steuergeldern halte, abgesehen davon, dass Diäten ungesund und auch die Fixierung von Kindern auf Nährwerte und Gewicht unverantwortlich und angesichts der schon bei neunjährigen Mädchen einsetzenden Essstörungen bis hin zur Unterernährung und psychischen Dauerschädigung lebensgefährlich sind: es ist schon interessant. Bei ganz vielen ungünstigen Verhaltensweisen hat man inzwischen eingesehen, dass Appelle an die Selbstdisziplin wenig helfen: man sagt heute dem Alkoholiker nicht mehr "Na dann trink halt einfach nix mehr!". Dem Depressiven erspart man (zumindest meistens) den Rat "Reiß dich halt zusammen"! Aber bei jemandem, der gegen eine ganz enorme Kraft zu kämpfen hat – nämlich Hunger oder Appetit, oder auch eine ganz enorme Abneigung gegen Sport – meint man, der Appell "Ernähre dich halt einfach richtig!", "Krieg doch mal den Arsch hoch!" würde irgendwas bringen, außer, dem Betroffenen Schuldgefühle einzureden, die die Lage noch schwieriger machen. Ich bin gespannt, wann man darauf kommt, dass es so einfach nicht ist. Die Idee mit dem Ernährungsunterricht finde ich allerdings eine Gute – wenn das mal nur nicht darauf rausläuft, dass man schon als Kleinkind Kalorien- und Fettpunkte zählen lernt…