Angesagt? Abgesagt.

Die Hipsterdichte vor Cohus Haustür nimmt seit den ersten frühlingswarmen Sonnenstrahlen langsam bedrohliche Dimensionen an und übersteigt die Schicki-Rate inzwischen bei weitem. Wobei, laut Wikipedia können das ja gar keine Hipster sein, weil die haben ja angeblich ein Interesse an non-mainstream fashion – haha! Der hiesige Hipster schlurft gerne paar- oder Kleingruppenweise (nie in Herden – soviel Individualismus muss sein) durch die Türkenstraße oder natürlich gerne auch zu den diversen AmAppy-Filialen die hier aus dem Boden schießen wie andernorts Druckertankstellen, also schlurft,
1. weil Coole immer schlurfen
2. Weil man mit solchen Hosen die Beine nicht hochheben kann!
Aber das mit der non-mainstream-fashion ist, wie gesagt, schwierig, der hiesige Hipster ist von Kopf über Hals bis zum langen Mittelteil quasi uniformiert.
Woher diese rätselhaften Mainstream-Hipster (Mipster?) kommen, hat die SZ aber immerhin aufgeklärt:

Und da das Glockenbach in letzter Zeit wenig Neues und Aufregendes zu bieten hat, zieht die Szene eben weiter – in die Maxvorstadt. (Sueddeutsche.de)

Hört, hört: Das Glockenbachviertel ist schuld, durch totales Trendversagen! Glockenbachleser, macht doch mal eine lustige – Moment – Zitat SZ, "angesagte Party" , um Eurem Viertel mal wieder, Zitat SZ, "so richtig einzuheizen". Z.B. eine, Zitat SZ, "Elektro-Fete", evt. in einer, Zitat SZ, "Interims-Location"? Oder verkauft doch, Zitat SZ, "Outlet-Mode angesagter Marken"! Ihr könnt das! Cohu hat genug vom Hipsterbingo.

(Bild: Wikimedia Commons)
 

Propaganda im Kinderzimmer

Dass die heutigen Teenager fast ausschließlich mit Schuleschwänzen, Alkopops und Schwangerschaften (in genau dieser Reihenfolge) beschäftigt sind und auch sont nichts Gutes im Schilde führen, ist ja an sich nichts Neues.

Dass aber jetzt schon zarte, unschuldige Kindergartenkinder mit einer Bilderbuchreihe namens "Frag doch mal…" eiskalt an Killerspiele herangeführt werden sollen… schockierend! Von der Leyen, übernehmen Sie!

Das Recht zu stehlen

Lolita ist nicht nur ein großartiges Buch, das exemplarisch fast alles zeigt, was gute Literatur kann. Es ist auch eins der Bücher, die jeder zu kennen glaubt, aber fast niemand tatsächlich gelesen hat – wer sich jetzt ertappt fühlt,  empfehle ich dringend, das nachzuholen.(*)

Das Buch hat neben seinem überragenden literarischen Wert außerdem auch den Verdienst, Cohu auf eine (mögliche) Erklärung für die Plagiarismus-Debatte um die Musiker Kreisler und Lehrer (Cohu berichtete) aufmerksam gemacht zu haben. Die Frage war: wie kann es sein, dass Kreisler einige Lieder Lehrers übernahm, und doch behauptet, sich nicht daran erinnern zu können, von Lehrer inspiriert worden zu sein? Lehrer dagegen ist sich anscheinend sicher, dass Kreisler plagiiert hat (auch, wenn er das mit viel Humor nimmt). Wir schätzen beide Künstler und würden auch gerne beiden glauben. Geht das?

Die gleiche Frage stellt sich bei Lolita: wie kann es sein, dass Nabokov eigentlich eine bereits existierende Geschichte zu bearbeiten scheint (nämlich eine Kurzgeschichte des Deutschen Heinz Eschwege, die von einer sehr ähnlichen Begebenheit um ein Mädchen namens – Tusch! – Lolita erzählt) – dass Nabokov sich aber gleichzeitig überhaupt nicht dessen bewusst ist, irgendetwas von Eschwege übernommen zu haben?

Die Psychologie kennt als Erklärung das Phänomen der "Kryptomnesie", der verdeckten Erinnerung. Das ist, im juristischen Jargon gesprochen, der gutgläubige Erwerb von Einfällen: Aneignung von Ideen, wobei man sich nie dessen bewusst ist, sie geklaut zu haben, sondern wirklich davon überzeugt ist, die Einfälle seien die Eigenen gewesen. Einen langen Artikel über dieses Phänomen – mit zahlreichen Beispielen aus den unterschiedlichsten Kunstgattungen – hat Jonathan Lethem 2007 unter dem Titel "The ecstasy of influence" geschrieben. Am Ende bleibt die Frage: Kunst ganz ohne Plagiat – geht das überhaupt? Und wenn es geht: wollen wir das?

Simpsonsfans können sich diesen 13-Seiten-Text aber auch sparen. Alles Wesentliche zum Thema Kunstplagiat wurde nämlich schon 1996 in der Episode "The Day The Violence Died" gesagt, im Gerichtssaal-Monolog eines durch und durch schamlosen Plagiators:

Myers: Okay, maybe my dad did steal Itchy, but so what? Animation is built on plagiarism!
[lawyer slaps his forehead]
If it weren’t for someone plagiarizing the Honeymooners, we wouldn’t have the Flintstones. If someone hadn’t ripped off Sgt. Bilko, they’d be no Top Cat. Huckleberry Hound, Chief Wiggum, Yogi Bear? Hah! Andy Griffith, Edward G. Robinson, Art Carney.
(…)

Your honor, you take away our right to steal ideas, where are they gonna come from? Her? [points at Marge]


Marge: Uh… Hmm… How about… Ghostmutt?
(The Day The Violence Died, SNPP)

 

(*) Und zwar im Original. Wenn ein Russe es hingekriegt hat, das Buch auf Englisch zu schreiben, sollte man soviel Transferleistung auch vom Leser erwarten. Die Fremdsprachlichkeit ist ausnahmsweise sogar wirklich zentral – von Nabokovs Vorliebe für Anagramme und Wortspiele abgesehen ist ja nicht nur der Autor, sondern auch der Erzähler ganz dezidiert kein englischer Muttersprachler. Mindestens drei Ebenen des Buchs gehen also vermutlich mehr oder weniger am Leser vorbei, wenn er zur Übersetzung greift.

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