Man spricht deutsh

Edda Moser:

"Die Deutschen genieren sich, ihre eigene Sprache zu sprechen, das ist doch verrückt!"

Wiktionary meint dazu: Genieren – Herkunft: frz. "gêner" "belästigen", "se gêner" "sich Zwang antun, sich genieren."

Die restlichen Aussagen der aus persönlichen Überzeugung zur "Sprachpflegerin" berufenen Opernsängerin kann man hier im "Reading Room" der FAZ nachlesen, der seit Neuestem aufgrund sprachhygienischen Aufruhrs des Publikums in "Lesesaal" umbenannt wurde.(*) Mir persönlich drängt sich bei Mosers Habitus der Anglizismus batshit insane auf. Was meinen Sie dazu, Frau Moser?

"Wer seine eigene Sprache durch Anglizismen verunstaltet, leidet meiner Meinung nach an Minderwertigkeitskomplexen."

Küchenpsychologie kann ich auch: Wer es sich allen Ernstes zur Aufgabe macht, anderen zu sagen, wie sie sprechen und schreiben sollen, leidet meiner Meinung nach an einer ausgeprägt anal-retentiven, bis zur Obsession hin ausgeprägten und nur begrenzt sozialverträglichen Charakterstruktur.

(*) Ich hatte mich bei "Reading Room" ja schon gefreut, weil ich dachte, jetzt würden endlich mal in einer deutschen Zeitung auch englischsprachige Bücher besprochen, statt erst Monate/Jahre später ihre Übersetzungen. Weit gefehlt. "Lesesaal" hört sich etwa so gemütlich an wie "Wartesaal" oder "Kreißsaal". Aber immer noch besser als Mosers Vorschlag "Lesezentrum der F.A.Z." – warum eigentlich nicht gleich "Netzseite zur mittelpunktsmäßigen Veranschlagung deutschsprachigen Buchinhalts"?

6 Responses to “Man spricht deutsh”

  1. terre des pommes Says:

    Zum Thema "Fremdwörter raus": Die Bastian Sicks sind ja schon schlimm. Aber viel, viel schlimmer sind die Sickfans und Hobbysprachpfleger, diese frustrierten Kleingeister, die Unbildung und Dummheit mit den Sekundärtugenden von Lateinlehrern paaren.Neulich meinte eine Sick-Jüngerin zu mir, sie wäre ja schon sehr enttäuscht, dass der Sick jetzt sogar selbst den Genitiv-Apostroph bei Geschäftsschildern (Sonja’s Bratwurstbude) für legitim erklärten würde, obwohl das doch überhaupt nichts mit dem deutschen Genitiv zu tun hätte.Eine Satire auf einen Sick-Abend mit Sick-Publikum gibt es hier"Warum müssen wir heute…das englische hair cutter verwenden, wo wir doch das schöne deutsche Wort Friseur haben?"

  2. cohu Says:

    Hab Deinen Verbindungshinweisausdruck gerichtet, sehr lobenswerter Scherztext bei der Welt.Ich habe ja Übrigens sogar in meiner Netztagebuch-Überschrift einen zutiefst undeutschen Wesfall-Oberstrich (so heißt das, bitte unterlass das ausländische A-Wort! Oder sind wir hier im alten Griechenland?! Tsk.)

  3. Erde der Erdäpfel Says:

    Die Witzschrift trifft in der "Welt" leider nicht auf einen breiten Zusammensinn, wie man im Gesprächssaal sieht.Außerdem ist der Wegwender in "Cohu’s" noch das kleinste Übel in der überfremdeten Überschrift deines Aufschnur-Notizlings.

  4. cohu Says:

    Ein Edelstein aus ebendiesem Gesprächssaal:"Nadja meint:06.03.2008, 20:15 UhrSo ein Quatsch! Ich war gestern da. Ausverkauft bis auf den letzten Platz. Nichts von dem, was hier steht, ist wahr. Das Publikum war begeistert, es gab weder Banner noch Unterschriftensammler im Vorraum. Das Publikum wollte Zugaben und Bastian Sick hat drei gegeben. Es wurde die ganze Zeit herzhaft gelacht – ohne Ausnahmen. Ich versteh nur Bahnhof und weiß nicht, was das hier soll."Und auch dazu fällt mir wieder nur so ein verfluchtes englisches Fremdwort ein…

  5. Kröti Says:

    Ich bin wie stets nicht Eurer Meinung. Aber vielleicht können wir uns ja auf ein "we agree to disagree" einigen. Völlig falsch ist m.E. Eure eigene Einschätzung. Als zwei Frauen, die nicht nur ein Fach studier(t hab)en, bei denen es den Protagonisten schon jeher auf die feine sprachliche Formulierung ankam, seid Ihr selbst auch Verfechter eines klaren Ausdrucks. Was Ihr nicht versteht, ist, dass es tatsächlich ein Problem darstellt, dass viele Deutsche kein richtiges Deutsch mehr sprechen KÖNNEN (und analog viele Franzosen kein französisch, decline of a natiion ganz zu schweigen). Man kann sich über Bastain Sick lustig machen oder nicht, aber Eure Kritik verkennt, dass Ihr schon längst auf der Seite der Sprachverbesserer steht, und nicht auf der Seite, die schweigend, ignorierend, desinteressiert verlernt hat, sich auszudrücken.Verwendete TAN: 677584

  6. cohu Says:

    Leider uebersiehst Du, dass mein eigenes Verhalten (z.B. eine implizit klar werdende Praeferenz fuer begriffliche Genauigkeit) kein Werturteil ueber die Praeferenzen anderer (Verwendung modischer Begriffe, Vereinfachung) darstellt, und schon gar nicht einer explizit geausserten "Verbesserungsabsicht" im Bezug auf Sprache gleichkommt. Ich weiss auch nicht ganz, wie Du zu diesem Schritt kommst. Obwohl, Moment, ich weiss es doch: weil "normativer Fehlschluss" der zweite Vorname des Juristen ist.


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