Neue Bürgerlichkeit

…ist ja sonst nicht so beliebt im Hause Cohu. Rahmengenähte Schuhe? Bevorzuge Chucks.  Sonntägliches Sitzen auf Kirchenbänken? Macht Hämorrhoiden. Benimmregeln? Kann meinen Mantel selber anziehen. Manufaktum?  Mir wird schon beim Lesen der Katalogtexte leicht übel. Kulturkritik? Lieber Supernanny als Philosophisches Quartett. Oder gar Sekundärtugenden? Leckt mich doch am Arsch!
Aber jenseits von Di Fabio, Schirrmacher und wie diese Hirsche alle heißen, hat die Bürgerlichkeit doch einen gewissen Reiz. Insbesondere in der Küche. Daher widmete Cohu sich eben einem ganz feinen Produkt der bourgeoisen Kultur, nämlich dem Königsberger Klops. Im vorzüglichen jüdischen Restaurant Cohen’s in der Theresienstraße hatte ich das neulich das erste Mal gegessen und heute, in Anlehnung an ein Siebeck‘sches Rezept, nachgekocht. Man nehme – und ich spreche jetzt ausschließlich die jungen Damen an, die hier mitlesen, denn Herren haben in der Küche nichts zu suchen, ideal wäre natürlich Hauspersonal, also, los gehts:
Kalbshack, zur Not tut es auch Schweinehack, mit eingeweichter Semmel, kleingehacken Sardellenfilets, Zitronenzesten, Eigelb, gewürzt mit Muskat, Salz und Pfeffer, vermischen und zu kleinen Bällchen rollen. Dann in Brühe knapp 10min. leicht sieden lassen, da sollte man auch Lorbeerblätter und Wacholderbeeren mitkochen. Klopse rausfischen, die Hälfte der Brühe reduzieren, mit Sahne aufgießen, und mit Zitronensaft sowie ein wenig Honigsenf (ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass bei mir in praktisch jedes Gericht Honigsenf kommt?) abschmecken. Dann massig Kapern sowie die Klopse reinwerfen. Richtig bürgerlich wird es erst – die Gourmets sowie Herr Siebeck hören jetzt bitte weg – wenn man die Soße dann noch mit Mondamin (!) bindet. Der Bürger an sich schätzt rauhe Mengen an dicker weißer Soße, wer unter Euch schon eher in Richtung rechtskonservativ/reaktionär tendiert, macht vielleicht gleich eine richtige Mehlschwitze, aber aufpassen, dass sie nicht zu braun wird. Dazu gibt es glasierte Möhren (finde ich auch hammermäßig bürgerlich!) und dann hatten wir noch lecker türkischen Reis mit diesen schönen arpa sehriye-Nudeln drin.
Äh ja, bei der Beilage ist dann wohl so ein bisserl der linksliberale, individualistische, achtundsechzigerverseuchte Multikulti mit Cohu durchgegangen. Wer es mit der Bürgerlichkeit ernster meint, der sagt sich, das geht gar nicht, dass der Osmane plötzlich mit am Tisch sitzt, da ist Schluss mit Lustig, wir sind ja nicht im Harem, und macht die Klopse also stattdessen mit deutschen Salzkartoffeln, die ein deutscher Bauer im Schweiße seines Angesichts, also ohne Fremdarbeiter, der deutschen Krume entrungen hat, und liest beim Essen vielleicht gleich die neue Enzyklika. Danach noch einen Schnaps auf Paul Nolte – Wohl bekomms!

(Bildausschnitt: Kuchenmaistrey, um 1500, Wikimedia Commons)

5 Responses to “Neue Bürgerlichkeit”

  1. felix Says:

    Die Zugabe von Sahne zu einem Fleischgericht erscheint mir…nunja, nicht ganz koscher sozusagen.

  2. cohu Says:

    Cohen’s ist zwar kein koscheres Lokal, vermute aber auch stark, dass die ihre Soße ohne Sahne und die Klopse nicht aus Schweinehack gemacht haben. War auch lecker. Ich persönlich gehöre allerdings einer Religionsgemeinschaft an, die die Verwendung von rauen Mengen Sahne und Butter praktisch in jedem Gericht vorschreibt, daher konnte ich das in dieser Form nicht nachkochen.

  3. Helga Says:

    Das liebe ich so an der Blogwelt – kaum hat man eine Frage, wird sie beantwortet, ehe man sie ausgesprochen hat! Wobei sich die Frage nach auf die Königsberger Klopse bezog (das Familienrezept hat sich die Spieserin in mir vor zwei Jahren schon von Muttern geben lassen) – die Frage lautete: Ist das Cohen’s noch so gut? Ich war nämlich schon lange nicht mehr und wollte mal wieder hingehen…Also danke für die Antwort;-)

  4. felix Says:

    Wenn du deine Religionsgemeinschaft noch in Richtung Plätzerl, Kekse und Schweinebraten aufbohren, kommen wir ins Gespräch.Was sind so die aktuellen Kirchensteuersätze? Bißchen Steuersatzdumping, eine virale Werbekampagne mit Crossblogging bei delicious:days und du möbelst dein Grundeinkommen ordentlich auf.(vgl die Diskussion ein Posting weiter unten)

  5. cohu Says:

    Cohu kriegt ihren persönlichen Mindestlohn momentan steuerfrei…da ist nix mit Optimieren.Ansonsten: Ich bin Pastafarian, da wird keine Kirchensteuer erhoben. Bis jetzt jedenfalls.


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