Noch ein Pöt

Cohu ist nur in beschränktem Maße der Lyrik zugänglich: meistens bin ich wohl für die feinen Schwingungen, die die Dichtkunst transportieren soll, nicht empfänglich genug, oder die Themen (wahre Liebe, unausweichliche Vergänglichkeit und, äh, …schöne Schönheit) interessieren mich nicht soooo brennend, dass ich für eine Vertiefung in sie jetzt stundenlang über Verse gebeugt zubringen wollen würde. Ich bin ja eher eine fürs Narrative.
Die einzigen Ausnahmen, was Cohus lyrisches Desinteresse angeht, bilden Robert Gernhardt (der breiten Öffentlichkeit sind seine Werke unwissentlich bekannt aus den Otto-Büchern) und  Phillip Larkin ("This be the verse"). Ansonsten: ich bin sooo unpoetisch (sprich "unpötisch")!
Aber jetzt. Schon allein für dieses unglaubliche Gedicht sollte man sich vielleicht auch Kurt Bartsch mal näher ansehen: Adolf Hitler, ganz allein (1985)


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Zeigeraum

Gerne würde ich darüber berichten, dass in zwei Wochen nahe meiner Haustür der erste "Microsoft Showroom" Deutschlands eröffnet. Leider crasht die Seite (zumindest meinen) Firefox, und hat außerdem einen Audioeffekt, den man nicht ausschalten kann (jedenfalls hab ich keinen Knopf gefunden). Wer trotzdem noch Interesse daran hat, der drehe die Lautstärke runter gebe diese Adresse gewissenhaft in seinen "Internet Explorer" (?) ein: http://www.microsoft.com/germany/showroom/

Andere im Hause Cohu sind da etwas positiver eingestellt: Ich rechne jetzt jedenfalls schon mal fest damit, dass ich ab jetzt Montag bis Mittwoch von 12-19 Uhr und Donnerstag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr die Wohnung für mich habe.

Von der Kunst, wirklich relevante Nachrichten auszuwählen.

Schneckenpost

Cohu bekam heute ein ganz schön verdächtig aussehendes Päckchen zugestellt (s. Abb.) Mit einem Filmdöschen drin, in so einem gepolsterten Umschlag. Jaaa, was kann das gewesen sein? Da sieht das Briefchen auch noch so aus, als wäre es auf dem Weg geöffnet und wieder verschlossen worden – hat Cohu versucht, Drogen zu schmuggeln? Geheimnisvolle Biologische Waffen? Anthrax? Würchwitzer Milbenkäse? Oder, noch schlimmer, ist Cohu etwa G8-Gegnerin und Gegenstand steter Post-Überwachung?
Weit gefehlt. In Wirklichkeit befinden sich im rätselhaften Päckchen malaiische Turmdeckelschnecken, die ersten Bewohner meines neu angelegten Aquariums! Wie es jetzt ausschaut, sieht man hier. Allerdings ohne Schnecken, die sind viel zu klein, um sie zu fotografieren.

Blattkritik

Der Stadtneurotiker hatte ja vorgewarnt: heut war in der Zeit das neue "Leben-Magazin." Ich fand das Ding leider nicht gut: beim Layout hatte ich die spontane Assoziation "Vanity Fair," was (hoffe ich wenigstens) nicht beabsichtigt war. Der Wallraff-Aufmacher: gewohnt unheimlich, aber auch gewohnt "schockierend, schockierend." – über böse Callcenter. Erwarte das nächste Mal eine Geschichte darüber, wie skrupellos Inkassounternehmen sind oder Drückerkolonnen, angekündigt wurden schon mehrere Wallraffiaden für das Leben-Magazin. Gääähn!
Dann eine befremdliche Reportage über "Zwei Frauen, zwei Männer, alle Mitte zwanzig und in einer festen Beziehung, lernen sich bei einem Wochenendseminar kennen, Es werden drei Tage voller Magie und großer Gefühle. Jetzt sind sie sich erstmals wiederbegegnet."  Das ganze ziemlich Jetzt-mäßig, in dem Sinne, dass die Großen Gefühle durch Großes Gerede verständlich gemacht werden müssen, inkl. Große Worte wie Beziehung, Partnerschaft und Die Liebe. Am Ende bleibt nur die Frage: haben die tatsächlich beim Adenauerseminar gebumst, und das nicht nur ausserehelich, sondern sogar außer-festbeziehungsmäßig? Sorry, man muss die Dinge manchmal beim Namen nennen! Äh, man müsste: die drängende Frage bleibt unbeantwortet.
Ein wenig überraschendes Interview mit Ackermann, Siebeck mit abgefahrenem Zeug aus dem Kochwettbewerb (Würschtl aus Hering, Kalbshirn, na lecker). Lustig: Atelierbesuch bei den Künstlern Gilbert & George.
Also für mich hätte es die Umstellung auf ein Magazin nicht gebraucht.
Ach, ach, ach, ich bin immer so negativ, deshalb noch was Positives: Martenstein gibt’s jetzt auch als Video. z.B. hier zum Thema: "Messer für Pilze!"

Friede, Freude, Eierkuchen

Wie man der Datenbank der Nominierten für den Friedensnobelpreis für die erste, ja bekanntermaßen besonders friedvolle Zeit des letzten Jahrhunderts, leicht entnehmen kann, sind die Vereinigten Staaten mit 613 Nominierten von 1901-1955 (zum Vergleich Österreich: 215, China: O) damals das friedlichste Volk überhaupt gewesen.
Andere Gründe sprechen allderdings dafür, etwas an der Aussagekraft dieses Ergebnisses zu zweifeln: ahem.

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Teufelsgeiger

Nein, es geht wider Erwarten nicht um die IT, obwohl sie jetzt sogar in einem richtigen Orchester mitkratzt. Sondern um einen echten Geigenvirtuosen, der gerade im Nebenhaus einen Brahms herunterspielt, dass es eine Freude ist. Dieser Neuzeitpaganini beeindruckt mit seiner Brillianz sogar Cohu, die ja eigentlich keine Freundin von Streichinstrumenten ist. Sieh da, man kann dem schändlichen Instrument gar himmlische Töne entlocken!
Schade, dass der Herr (oder die Dame) mit dem Gefiedel im Laufe seiner Karriere vermutlich 200 Elternpaare auf die Idee bringen wird, dass "Der Noel/Die Jaqueline doch auch mal Geige lernen könnte!" – und damit viel Leid in die Welt.

Schwarz-Weiß-Denken

Ralph Giordano hat in einem Rundumschlag gegen aufmüpfige Muslime, die jetzt auch noch die in Deutschland herrschende Religionsfreiheit schamlos ausnützen und Moscheen bauen wollen (!), burkatragende Frauen als "menschliche Pinguine" bezeichnet, die seine "Ästhetik" "beschädigen und stören."

 Pinguin, beliebte menschliche Nachahmer

Nun. Inhaltlich will ich mich gar nicht in die Debatte (?) einmischen, nur bei der Wortwahl hätte ich Herrn Giordano, der doch immerhin etablierter Schriftsteller ist, etwas mehr Geschick zugetraut: erstens ist es allgemein bekannt, dass Pinguine sehr ästhetische und auch moralisch vorbildhafte Tiere sind (siehe "Reise der Pinguine"). Sie sind reinlich, schön anzusehen, aufopfernde Eltern und vorzügliche Schwimmer. Schon also solche eignen sie sich nicht als Metaphernfutter für beleidigende Bemerkungen. Zweitens müsste man dem Herrn Intellektuellen evt. mal ein Bild eines Pinguins zeigen (siehe Abb.). Der Pinguin trägt einen weißen Latz und erinnert daher mitnichten an Burkachicks, sondern vielmehr an (katholische!!!) Nonnen und (westliche!!!) Dirigenten bzw. Pianisten (s. Abb.). Will Herr Giordano solche "menschlichen Pinguine" auch aus dem Straßenbild verschwinden sehen? Sollen Konvente und Konzerthallen geschlossen werden? Und Linux vielleicht auch gleich noch verboten, nur wegen der Abneigung gegen Sphenisziden? Ich weiß ja nicht…wer Pinguine so sehr hasst, dem kann ich eigentlich nur noch dieses Killerspiel empfehlen.

(Hier gibt’s noch einen Audiolink zu einem Interview mit Giordano, das heute morgen meine absolute Radiolieblingsjournalistin Elke "Ich-stelle-hier-die-Fragen" Durak geführt hat – ca. 9 unterhaltsame Minuten.)

(Bilder: "Tux": Larry Ewing, Simon Budig, Anja Gerwinski; Wikimedia Commons. Nonnen: Wikimedia Commons, Dirigent Charles Lamoureux: Wikimedia Commons).

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Wie im Urlaub…

Me likey: so sieht das Original aus. Neapolitanische Pizza Margherita.
(Bild: Wikimedia Commons)

…fühlst Du dich, wenn Du, einen romantischen Sonnenuntergang im Blick, zu sparsamen Preisen ein kühles Bierchen zischen und eine knusprige Pizza verspeisen kannst, untermalt vom südländischen Geschäker des dreitagebärtigen Pizzaiolo Enzo und seines ebenso dreitagebärtigen Kumpanen Renny, die außerdem die gesamte italienische Diaspora nördlich der Alpen um sich versammelt zu haben scheinen. Um so besser, wenn man dafür nicht an den Gardasee oder gar bis ins eher unappetitliche Neapel fahren muss, sondern die Schellingstraße reicht: Lo Studente. Die Pizza ist übrigens tadellos (wenn auch nicht perfekt): sehr knusprig, hat mir persönlich etwas zu wenig Kräuter, aber ich muss jetzt erst mal ein paar Sorten ausprobieren, um mir ein abschließendes Urteil erlauben zu können (gestern gab’s Napoli, die ist natürlich hauptsächlich salzig).
Das wär’s eigentlich: alle Sorten von Mario, Rosso und Studente einmal durchprobieren. Widerstand gegen den Nationalen Aktionsplan!

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Decline of a Nation: Von vor der Wiege bis zur Bahre

7. Woche: noch schaut er harmlos aus…

(Bild: Wikimedia Commons)

Jaja, die neue Unterschicht, was machen wir mit ihr? Zahllose Kolumn-, Feuilleto- und sogar Theaterregisseuristen und -innen haben sich an dieser Frage die Zähne ausgebissen, von den Politi-, Psychologi- und Soziologikern mal ganz abgesehen. Eins ist sicher: ist der Unterschichtler erstmal ausgewachsen, ist an seinem Habit, seinen Ess- und Trink- sowie Fernseh-Gewohnheiten praktisch nix mehr zu ändern. Jetz mal ehrlich, kann man sich Dittsche mit Schlips und Kragen beim Assessment Center vorstellen? Kaum.
Daher auch eine Idee, die – aus den USA kommend – sich jetzt unser geschätzter Insel-Toni vorgenommen hat: schon ganz früh anfangen, sich diese Individuen vorzuknöpfen, damit Intervention das schlimmste (Ausscheiden aus der Arbeitsflotte oder gar Kriminalität) verhindert. Mit "ganz früh Einschreiten" ist diesmal aber nicht das gutgemeinte Gardinenpredigen vor garstigen Ghettokids gemeint, sondern die Überwachung von ungeborenen Kindern:

In an effort to intervene as early as possible in troubled families, first-time mothers identified just 16 weeks after conception will be given intensive weekly support from midwives and health visitors until the unborn child reaches two years old. (guardian)

Was mit "troubled" gemeint ist, wird nicht so ganz klar – in den USA machte sich das schlicht an einem geringen Einkommen der Mutter/Eltern fest. Herr Blair verkauft das Programm als "Fairness" – die Startchancen der Kinder sollen verbessert werden – und erinnert an die sozialen Schäden, die "manche von diesen Familien" in der Volksgemeinschaft in der Community anrichten.
Laut amerikanischen Studien hat die Methode tatsächlich messbare Vorteile – höhere IQs und bessere Sprachentwicklung bei den Kindern, weniger Vernachlässigung und besserer Gesundheitszustand bei Mutter und Kind, später auch gesunkenes Risiko, dass das Kind kriminell wird. Als Turbo-Konsequentialistin, die ich nun mal bin, müsste ich die Maßnahme eigentlich toll finden. Trotzdem hinterlässt es einen seltsamen Nachgeschmack, wenn schon bevor die Elternschaft überhaupt begonnen hat, diese staatlicherseits in Frage gestellt, überwacht und "unterstützt" wird. Was, wenn man keinen Bock auf wöchentliche Besuche von der NHS-Dame hat und sie wieder wegschickt? Wird einem dann für die zukünftige Fortpflanzung die Lizenz entzogen? Ach ne, da steht ja noch: freiwillig. Aber trotzdem: was, wenn sich herausstellt, dass es für die Kinder am allerbesten wäre, gar nicht in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen: müsste man sie dann nicht eigentlich staatlicherseits an bessere Stellen verteilen – äh, katholische Kinderheime?