Von der Kunst, wirklich relevante Nachrichten auszuwählen.

Blattkritik

Der Stadtneurotiker hatte ja vorgewarnt: heut war in der Zeit das neue "Leben-Magazin." Ich fand das Ding leider nicht gut: beim Layout hatte ich die spontane Assoziation "Vanity Fair," was (hoffe ich wenigstens) nicht beabsichtigt war. Der Wallraff-Aufmacher: gewohnt unheimlich, aber auch gewohnt "schockierend, schockierend." – über böse Callcenter. Erwarte das nächste Mal eine Geschichte darüber, wie skrupellos Inkassounternehmen sind oder Drückerkolonnen, angekündigt wurden schon mehrere Wallraffiaden für das Leben-Magazin. Gääähn!
Dann eine befremdliche Reportage über "Zwei Frauen, zwei Männer, alle Mitte zwanzig und in einer festen Beziehung, lernen sich bei einem Wochenendseminar kennen, Es werden drei Tage voller Magie und großer Gefühle. Jetzt sind sie sich erstmals wiederbegegnet."  Das ganze ziemlich Jetzt-mäßig, in dem Sinne, dass die Großen Gefühle durch Großes Gerede verständlich gemacht werden müssen, inkl. Große Worte wie Beziehung, Partnerschaft und Die Liebe. Am Ende bleibt nur die Frage: haben die tatsächlich beim Adenauerseminar gebumst, und das nicht nur ausserehelich, sondern sogar außer-festbeziehungsmäßig? Sorry, man muss die Dinge manchmal beim Namen nennen! Äh, man müsste: die drängende Frage bleibt unbeantwortet.
Ein wenig überraschendes Interview mit Ackermann, Siebeck mit abgefahrenem Zeug aus dem Kochwettbewerb (Würschtl aus Hering, Kalbshirn, na lecker). Lustig: Atelierbesuch bei den Künstlern Gilbert & George.
Also für mich hätte es die Umstellung auf ein Magazin nicht gebraucht.
Ach, ach, ach, ich bin immer so negativ, deshalb noch was Positives: Martenstein gibt’s jetzt auch als Video. z.B. hier zum Thema: "Messer für Pilze!"

Neutral und zufällig

Lobenswert und zeitgemäß ist, dass die NZZ bei ihrem Probeabo-Formular auch die Möglichkeit "Neutral" einräumt (wenn es auch sicher Menschen gibt, die weder Mann, noch Frau, noch "Neutral" sind).
Weniger schön ist, dass die NZZler auf die Angabe einer Telefonnummer bestehen. Tröstlich in diesem Zusammenhang, dass selbst ein mathematisch unbegabte Mensch zufällige Zahlenfolgen in Sekundenbruchteilen generieren kann, was ja gar nicht so einfach ist!

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Unterirdisch

Die Münchner U-Bahn-Stationen sind ja schon mal nicht schlecht (zu bewundern sind sie auf FloSchs feiner U-Bahn-Seite). Cohus Lieblingsstation ist "Josephsburg," auch, wenn es außer dem U-Station leider nicht viele Gründe gibt, in Berg-am-Laim auszusteigen. Aber: noch viel coolere U-Bahnhöfe (bzw. Tunnelbana-Höfe) gibts in Stockholm. Müsste eigentlich auch noch viel Geld sparen, so zu bauen, oder?
Überhaupt, was moderne Gestaltung angeht: der Lokal-Kulturteil der SZ war heute überschrieben mit "MÜNCHNR KULTUR". Ich schwanke noch zwischen der Interpretation "gewohnheitsmäßige Schlamperei" und der Auslegung, dass die SZ-Redakteure jetzt auch versuchen, auf den Web 2.0-Zug aufzuspringen.

Traditionsverwurzelt Revolution vermarkten.

Schon erstaunlich, wie man in Buchhandlungen bzw. von Verlagsseite her eine Idee, die einem uralt vorkommt (weil sie halt schon vor 3 Jahren im Internetz breitgetreten wurde) als den revolutionären Wirtschafts- Bestseller schlechthin verkauft. Natürlich erstmal ausschließlich in Hardcover-Version für preisgebundene 19,90€ . Willkommen im Mittelalter.

Aus dem Vorschautext der Verlagsseite zitiert, ergeben sich interessante Kontraste:

"Verlage starren wie gebannt auf den nächsten Weltbestseller, Film-Verleiher auf den nächsten Blockbuster, die Musikindustrie auf den Superhit, der alles herausreißt. Sie alle sind schief gewickelt. Die Zukunft liegt ganz woanders." (…)
"Wie sie die [Chancen] nutzen können und was diese neue Wirtschaft für uns alle bedeutet, zeigt Anderson in seinem revolutionären Bestseller."

Hm. Äh. Kognitive — Dissonanzen— lähmen — mein — Hirn…

P.S.: Dem Schweinischen ist, zugegeben, alles schweinisch. Aber war es wirklich nötig, "The Long Tail" in seiner deutschen Übersetzung den Untertitel "Der Lange Schwanz" zu geben?

(Bild: Wikimedia Commons)

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Frau (fast) ohne Unterleib

Wo wir schon bei Abnormitäten sind – kleiner Tipp für den Photoshop-Praktikanten bei der "Matador": wenn man vom Covermädel einseitig etwa 10 cm wegschnippeln muss, damit sie zur "Traumfrau" wird, sollte man nicht vergessen, ihren Nabel PS-chirurgisch zu zentrieren. Seitlich versetzte Näbel führen bei Cohu zu ausgeprägter Gänsehaut vor dem Zeitschriftenregal, ebenso junge Mädchen, deren Schultern etwa 20 cm breiter sind als die Hüften (ernsthaft: ist das eine Kampfschwimmerin? Oder wurde ihr der Hüftknochen amputiert? Und ist der Nabel nicht auch noch irgendwie viel zu weit oben? Wenn die Dame tatsächlich aus Krankheitsgründen entstellt sein sollte, bitte ich meine Bemerkungen zu entschuldigen, das wäre dann allerdings ziemlich bewundernswert für "Matador"!)
Wer  noch Nachhilfeunterricht braucht, was die – nicht ganz realistischen, aber überzeugend schönen – Proportionen von Pinup-Girls angeht, sollte bei Gil Elvgren in die Lehre gehen (seit 1970 vermutlich SFW).

Ein Traum…

…für jeden Verleger sind wohl die "Seltsamsten Bücher", die jedes Jahr von der britischen Wochenzeitschrift "The Bookseller" ausgewählt werden – das seltsamste Buch gewinnt den "Diagram Prize". Auf der Kandidatenliste für 2007 sind laut Guardian:

How Green Were the Nazis?, Thomas Zeller, Franz-Josef Bruggemeier and Mark Cioc (Ohio University Press)
The Stray Shopping Carts of Eastern North America: a guide to field identificatio, Julian Montague (Harry N Masters)
Tattooed Mountain Women and Spoon Boxes of Daghestan, Robert Chenciner, Gabib Ismailov, Magomedkhan Magomedkhanov and Alex Binnie (Bennett & Bloom)

Gar nicht so seltsam erscheint mir "Better Never To Have Been: the Harm of Coming Into Existence" von David Benatar (Clarendon Press), zumindest auf den ersten Blick. Das liegt, ich kann meine Leser beruhigen, weniger an meiner depressiven Ader als vielmehr an meiner berufsmäßigen Beschäftigung mit mehr oder weniger abgefahrenen ethischen Fragen. Der Klappentext entlockt jedoch auch der abgebrühten Professionellen ein erstauntes Augenbrauenlüpfen:

"David Benatar argues that coming into existence is always a serious harm. (…) The author then argues for the ‘anti-natal’ view—that it is always wrong to have children (…) . Anti-natalism also implies that it would be better if humanity became extinct. Although counter-intuitive for many, that implication is defended, not least by showing that it solves many conundrums of moral theory about population." (Amazon)

In der Tat: der Anti-natalism würde nicht nur dieses, sondern praktisch auch noch alle anderen moralischen Probleme lösen. Hoch interessant. Leider sagt mir die STABI zu diesem Titel " im Geschäftsgang bis 04.07.2007" – bis dahin werde ich mich mit der Erkundung des "Anti-Natalism" also noch gedulden müssen…

Juwelen der StaBi

Remchingen, Franz-Joseph von (1744) Gantz gehorsamstes Gegen-Vorstellungs-Schreiben an eine allgemeine hochansehnliche Reichs-Versammlung, von dem Generalen Freyherrn Franz Joseph von Remching wegen Seiner den Höchsten Reichs-Fürstlichen Respect niemals beleydigenden, vielmehr zu nöthiger Ehren-Rettung abgedrungenen Defensions-Schrifften, Oberdorff.

Wilder, Johann Christoph Jakob (1819) Denkmal der Achtung und Liebe einem würdigen Greise und Freunde alles Guten und Schönen dem Herrn Benedict Wilhelm Zahn, beider Rechte Doktor, der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg Syndikus und Lehenssekretär, dann des Pegnesischen Blumen-Ordens erstem Consiliarius, der im 82sten Lebensjahre am 26. April dieses Jahrs seine Erdenwallfahrt schloß, im Namen des Pegnesischen Blumen-Ordens gesetzt von einem Mitgliede desselben, dem Schwiegersohne des Verstorbenen Johann Christoph Jakob Wilder, Diaconus der Spitalkirche. Nürnberg, 11 S.

Westermayer, Anton
(1849) Eine Hauptfrage unserer Zeit: Woher in unsern Tagen die schlechte Achtung vor der Obrigkeit und wie kann da geholfen werden? Regensburg, Pustet, 27 S.

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Nix Halbes, nix Ganzes, bzw.: Weder Fisch noch Fleisch

Kriegt ihr das eigentlich auch? Zweimal die Woche ein relativ dicker Packen Werbeprospekte (WalMart, Real, etc.), direkt von der Deutschen Post zugestellt in einem Plastiksackerl. Nennt sich "Einkauf Aktuell", und die Post bezeichnet es als "Service" bzw. als "Eine ideale Kombination aus Werbung und Unterhaltung." Der Shopblogger versucht, es positiv zu sehen: mich nervt es trotzdem. Aber, versteckt auf der Post-Seite, findet sich der Hinweis:

Die Zustellung an Werbeverweigerer ist selbstverständlich ausgenommen.


Jetzt brauch ich wohl tatsächlich einen "Bitte keine Werbung"-Sticker, ich subversiver Werbeverweigerer, aber das geht irgendwie auch an der Sache vorbei…ich will z.B. gerne Werbung für alle Arten von Lieferservice. Aber eben kein "Einkauf Aktuell". Allgemein keine Werbung für besonders billiges Fleisch, das schon im Prospekt eklig aussieht oder auch für "Real Fischwochen". Aber gerne: Indisch, Thai, Sushi. Eine Halb-Verweigerung ist das bei mir.
 Parallel bei anderen Verweigerern: einen anständigen Pazifisten findest Du ja heut gar nicht mehr, stattdessen "Angriffskriegsverweigerer." Kompliziert! Die fragmentierte heutige Welt der Postmoderne ist meinen simplen Hirnstrukturen wohl einfach nicht mehr angepasst.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Peter Claesz: Vanitas

"Wir schreiben für eine Elite, die sich als die verantwortungsbewusste, gestaltende Elite des Landes versteht." – das sagt der Chef von Condé Nast über die neue Vanity Fair (laut SPON-Feuilleton-Überblick). Die Website dieses elitären Blattes ist wohl auch für einen ganz begrenzten Zirkel zugeschnitten, nämlich den der Surfer, die gerne von schlecht designten, viel zu lauten, automatisch abspielenden Soundeffekten überrascht werden. Gebt Euch bitte auch mal den Letter from the Editor, schon allein wegen des monstercoolen Fotos.
Aber man muss sich sowas nicht antun. Man kann sich auch den New Yorker bestellen. Und, für weniger als 2 Euro (!) pro Ausgabe jede Woche wieder erstaunt feststellen, dass es richtig guten Journalismus gibt, ohne prätentiöses Getue, ohne Elitegeschwafel, ohne selbstreferentielles Geschwätz. Cohu empfiehlt dies sogar ausdrücklich (nein, ich bin nicht scharf auf die Freundschaftswerbeprämie). Und wer dann doch noch eine Vanity Fair will, die ihn stilvoll unterhält und über die High Society informiert, der soll William Makepeace Thackerays Version lesen (mach ich auch grade).