Schlichter Trichter

Oh Graus, ein Autohaus!Verfroren und hungrig trieb uns heut mittag der Wind von einem Olyparkspaziergang in die "BMW-Welt". Leider verging Cohu ob der Brachialorganik dieses Bauwerks gleich wieder der Appetit und wir mussten doch zum Atzinger weiterfahren. Gewagt ist die Architektur tatsächlich, aber das heißt ja ästhetisch gesehen – wie man ein ums andere Mal bei gofugyourself erfahren darf – noch nicht gelungen. Gerade im Kontrast zum tatsächlich organischen, schwungvollen, dynamischen Wunderwerk Olympiastadion (das halt mal leider in direkter Sichtweite steht) fällt das besonders auf. Schade, da mir der Erweiterungsbau, den die gleichen Architekten für die Kunstakademie gemacht haben, ganz besonders gut gefällt, hätte ich mir da etwas mehr erwartet. Aber an Cohu zieht wohl auch "The Art of Being BMW" so ziemlich vorbei. Ein Blechhaufen wird für mich kein Augenschmaus, auch wenn fünfzehn davon sich auf runden, in den Boden eingelassenen Plattformen drehen, dazu Sphärenklänge ertönen und um mich herum tausend Plasmadisplays was von EfficientDynamics, Motorenkompetenz, ConnectedDrive oder CleanEnergy schwafeln. Autos sind für mich wie Waschmaschinen: laut, hässlich, nehmen Platz weg, aber manche Leute brauchen halt eine. Vielleicht macht ja Miele demnächst eine "WaschWelt" auf. CleanEfficiency, Hybridantrieb, Touchdisplays, Personifizierung ihrer Waschtrommel, Sicherheits-Waschkurse, der WashingClub für die Upperclass-Dame und ein Wash-Shop, das ganze in einem avantgardistischen Gebäude untergebracht – vielleicht sowas. Sauber, das wär doch was.

(Bild: Maximilan Dörrbecker, Wikimedia Commons)

Neue Bürgerlichkeit

…ist ja sonst nicht so beliebt im Hause Cohu. Rahmengenähte Schuhe? Bevorzuge Chucks.  Sonntägliches Sitzen auf Kirchenbänken? Macht Hämorrhoiden. Benimmregeln? Kann meinen Mantel selber anziehen. Manufaktum?  Mir wird schon beim Lesen der Katalogtexte leicht übel. Kulturkritik? Lieber Supernanny als Philosophisches Quartett. Oder gar Sekundärtugenden? Leckt mich doch am Arsch!
Aber jenseits von Di Fabio, Schirrmacher und wie diese Hirsche alle heißen, hat die Bürgerlichkeit doch einen gewissen Reiz. Insbesondere in der Küche. Daher widmete Cohu sich eben einem ganz feinen Produkt der bourgeoisen Kultur, nämlich dem Königsberger Klops. Im vorzüglichen jüdischen Restaurant Cohen’s in der Theresienstraße hatte ich das neulich das erste Mal gegessen und heute, in Anlehnung an ein Siebeck‘sches Rezept, nachgekocht. Man nehme – und ich spreche jetzt ausschließlich die jungen Damen an, die hier mitlesen, denn Herren haben in der Küche nichts zu suchen, ideal wäre natürlich Hauspersonal, also, los gehts:
Kalbshack, zur Not tut es auch Schweinehack, mit eingeweichter Semmel, kleingehacken Sardellenfilets, Zitronenzesten, Eigelb, gewürzt mit Muskat, Salz und Pfeffer, vermischen und zu kleinen Bällchen rollen. Dann in Brühe knapp 10min. leicht sieden lassen, da sollte man auch Lorbeerblätter und Wacholderbeeren mitkochen. Klopse rausfischen, die Hälfte der Brühe reduzieren, mit Sahne aufgießen, und mit Zitronensaft sowie ein wenig Honigsenf (ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass bei mir in praktisch jedes Gericht Honigsenf kommt?) abschmecken. Dann massig Kapern sowie die Klopse reinwerfen. Richtig bürgerlich wird es erst – die Gourmets sowie Herr Siebeck hören jetzt bitte weg – wenn man die Soße dann noch mit Mondamin (!) bindet. Der Bürger an sich schätzt rauhe Mengen an dicker weißer Soße, wer unter Euch schon eher in Richtung rechtskonservativ/reaktionär tendiert, macht vielleicht gleich eine richtige Mehlschwitze, aber aufpassen, dass sie nicht zu braun wird. Dazu gibt es glasierte Möhren (finde ich auch hammermäßig bürgerlich!) und dann hatten wir noch lecker türkischen Reis mit diesen schönen arpa sehriye-Nudeln drin.
Äh ja, bei der Beilage ist dann wohl so ein bisserl der linksliberale, individualistische, achtundsechzigerverseuchte Multikulti mit Cohu durchgegangen. Wer es mit der Bürgerlichkeit ernster meint, der sagt sich, das geht gar nicht, dass der Osmane plötzlich mit am Tisch sitzt, da ist Schluss mit Lustig, wir sind ja nicht im Harem, und macht die Klopse also stattdessen mit deutschen Salzkartoffeln, die ein deutscher Bauer im Schweiße seines Angesichts, also ohne Fremdarbeiter, der deutschen Krume entrungen hat, und liest beim Essen vielleicht gleich die neue Enzyklika. Danach noch einen Schnaps auf Paul Nolte – Wohl bekomms!

(Bildausschnitt: Kuchenmaistrey, um 1500, Wikimedia Commons)