Cohu’s Urlaubslektüre

Endlich gibt es – wie versprochen – einen Bericht über meine Urlaubsbücher, in nach Wichtigkeit absteigender Reihenfolge:

"I Am Charlotte Simmons" von Tom Wolfe: 1-
In diesem Buch geht es um ein weibliches Landei, dass in den Orkus eines (fiktiven) amerikanischen Elitecolleges gerät und um seine Identität und soziale Stellung kämpft – ob mit Erfolg, verrate ich hier nicht, ihr müsst das Buch selbst lesen!
Gut, dass Cohu vor dem Urlaub nicht die Kritiken gelesen hat. Die waren nämlich – von Ausnahmen abgesehen – nicht gerade Lobeshymnen. Ja, der Wolfe hat sogar den "Bad Sex in Fiction Award" des Jahres 2004 abgestaubt.
All das ging an Cohu, wie gesagt, vorbei, und sie fand den Roman (ja, sogar die unanständigen Stellen) durch und durch gelungen, die Protagonistin glaubwürdig (wenn auch wenig sympathisch), die Nebenfiguren großartig herausgearbeitet und das Ende genau richtig (nicht zu offen, nicht zu happy). Dass der Roman "unrealistisch" ist und das Collegeleben nicht korrekt abbildet, kann sich m.E. nur ein vollkommen mit humorabweisenden Brettern vernagelter Kritikerkopf ausdenken: das ist so, als würde man einem Karikaturisten vorwerfen, seine Spottzeichnungen stellten die Karikierten mit zu großen Nasen dar…
Eine 1- gibt’s deshalb, weil ich den Wolfe ein bisserl unsympathisch finde, obwohl er schon ein Hund ist, der Wolfe!

"Indecision" von Benjamin Kunkel: 2-
Dwight Wilmerding leidet unter klinischer "Abulia" (= krankhafte Entscheidungsunfähigkeit), bei der ihm weder die Lektüre philosophischer Klassiker, Golfspielen mit seinem insolventen Vater noch der Verzehr großer Mengen "Jiggy Juice" helfen können. Mithilfe eines neuen Wundermittels, das ihm sein pharmakologisch versierter Mitbewohner vermittelt, soll er davon geheilt werden. Zwischendrin findet er noch einen haarentfernenden Wunderbaum im Ecuadoranischen Dschungel, eine seltsame Europäerin und diverse andere Kuriositäten.
Die erste Hälfte dieses Buchs ist furios und so komisch, dass man am liebsten jeden Satz auswendig lernen würde:
"Sanch said, "Yeah man fucking Hugo Chávez drinks sixteen espressos a day. And that’s after his staff weaned him down from twenty-four."
"Amazing!" I was really impressed with this man.
Who is Hugo Chávez?"
"He’s, like, a revolutionary."
"Sounds like it," I said.

 Vielleicht seid ihr anderer Meinung, aber: gegen Ende lässt das Buch stark nach. Antiklimaktisch, würde ich sagen. Wenn der Kunkel es beim nächsten Mal genau andersherum macht, kriegt er auch eine 1-. Aber es ist ja ein Erstling, er darf also noch üben.

Die Tyrannei des Gemeinsinns von Richard Herzinger: 1-
Schon etwas ältere, aber zeitlose Polemik eines wahren Liberalen. Herzinger rechnet mit der besserwissenden und gutmeinenden deutschen Intelligenz genauso ab wie mit der politischen Elite (haha)aller Parteien und entlarvt ihre ständigen Aufrufe zum Konsum-, Fernseh- und – allgemeiner- Individualitätsverzicht als anmaßende Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen. In der schönen Tradition des Sarkasmus entweiht Herzinger vollkommen hemmungslos und treffsicher die Begriffe der Kultur, der Heimat, der Moderne, der Identität und der "Gemeinschaft". So ein Ikonoklasmus gefällt der Cohu natürlich, weil man ja immer gerne das liest, wovon man sowieso schon immer überzeugt war (nur, dass der Herzinger sich halt besser auskennt und seine Überzeugungen sogar begründen kann). Es wäre jetzt noch interessant, zu lesen, was jemand von diesem Buch hält, der nicht liberal denkt. So einen hatt ich im Urlaub aber nicht dabei. 1- weil mir das Buch zu kurz war und weil ich das Kapitel "Opfer und Interesse" nicht mal ansatzweise verstehe.

The Virgin Suicides von Jeffrey Eugenides: 2
Wie der Titel andeutet, geht es um den Selbstmord von Mädchen, und zwar fünf Stück Schwestern, was jetzt kein Spoiler ist, weil es schon auf der ersten Seite steht. Ihr kennt den Eugenides vielleicht vom großartigen "Middlesex". Die IT war – ganz verfeinerter Kunstmensch, Freund des L’art pour L’art – vom Eugenideserstling total begeistert. Cohu mag gerne Bücher, die primär Geschichten erzählen, statt artifiziell dahinzuschwadronieren, egal, wie gut der Autor das kann. Außerdem fand sie den mythologisierenden Umgang mit diesem Thema vollkommen daneben: 2. Hat jemand den Film gesehen? Lohnt sich das?

Jetzt noch einige kurze Erwähnungen:

Stephen Fry: Revenge – (In England erschienen als "The Stars’ Tennis Balls"). Wie der Titel andeutet, geht es (in der zweiten Hälfte) um Rache, und in der ersten Hälfte des Buchs um das angetane Unrecht, das Letztere rechtfertigt. Sowas aus meinem Munde, aber: das Buch ist irgendwie so… negativ! Böse! Brutal! Vielleicht bin ich nur zu humorlos, nicht mal Pulp Fiction find ich lustig. Also, mit meinem Lieblings-Fry "Hippopotamus" kann es jedenfalls nicht mithalten. 2-

Yadé Kara: Selam Berlin – Der deutschtürkische Protagonist wächst zwischen Istanbul und Deutschland auf, zieht zur Wendezeit nach Berlin, seine Eltern trennen sich, Familiengeheimnisse kommen ans Licht… Die Geschichte ist reizend (und wird immer reizender), aber in derart hölzerner Sprache erzählt, dass man sich fragen muss, warum die Autorin sich überhaupt literarisch ausdrücken will. Vielleicht kann sie Malen, vielleicht kann sie Singen, vielleicht ist sie gut im Ballett, vielleicht kann sie sogar (mündlich) Geschichten erzählen: Schreiben kann sie jedenfalls nicht, und wenn doch, gelingt es ihr in diesem Buch bestens, ihr Können zu verbergen. Des ist keine "Art brut" sondern "Art egalwie." Naja, de gustibus… Und ich weiß nicht ob das Lektorat schuld war oder die Autorin, aber die ständigen Deppenleerzeichen á la "Barbie Puppe" machen mich wahnsinnig!!! Trotzdem, weil wie gesagt die Geschichte sehr nett ist: 3 (heißt: durchaus lesbar). Mehr zu dem Buch gibts beim Deutschlandfunk Büchermarkt.

John Irving: A Son of the Circus – Die Story von Irvingbüchern zu erzählen ist witzlos – selber lesen! Dieser Irving – zum zweiten Mal gelesen – ist jedenfalls mein Lieblingsirving, weil er schön bunt ist. Langweilen muss man sich da nicht, da kommen Zwerge vor, Straßenkinder, Eunuchen, Transvestiten, eine Zwillings-Verwechslungsgeschichte, eine Hollywooddiva, Schlangenmenschen… Besser als "Complete Review" kann mans nicht sagen: "Exuberant, free-wheeling fun, with a lot going on, but no character the reader can really empathize with and a multitude of plots, verging on the chaotic." – sehr gut geeignet als Urlaubslektüre. Ganz im Gegensatz zum letzten Irving (Until I Find You). Den hab ich wirklich nur aus Irving-Loyalität fertiggelesen, sowas Zähes! Also, Zirkuskind: 2.

2 Responses to “Cohu’s Urlaubslektüre”

  1. Weltenweiser Says:

    Mich würde auch interessieren, wie das Buch verfilmt worden ist. Ich fand es nicht so schlecht wie Du.

  2. cohu Says:

    Hmpf, meine Videothek hat leider grad zugemacht… vielleicht findet sichs ja irgendwo bei video on demand. Werde berichten.


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