Genug ist genug.

Obwohl ich ja nicht zu den Verschwörungstheoretikern bzw. ehemaligen Waldorfschülern gehöre, die in der Mikrowelle, vermutlich schon aufgrund ihrer Rechtwinkligkeit, ein Werkzeug Satans sehen, das zuvor einwandfreie Speisen wie Seitan, Hirse- und Grünkernlaibchen mit schädlichen Wellen vollstopft und dabei auch noch die Augäpfel all zu neugieriger Zubereitungs-Betrachter von innen heraus radioaktiv verseucht (korrigiert mich, wenn ich die aktuellen Thesen zur Schädlichkeit der Mikrowelle nicht richtig wiedergebe) – irgendwann is’ gut.

Jetzt gibt es doch tatsächlich einen neuen schändlichen Versuch, meine Leibspeise Pizza unserer schnelllebigen Zeit anzupassen, und zwar eine mit allerlei Unrat bestreute, tiefgefrorene Teigscheibe, die man zur Zubereitung innerhalb von 5:30 Minuten in die Mikrowelle stellen und danach angeblich mit Genuss essen kann. Bah! Ihr Dauerfernseher habt diese Produktinnovation garantiert schon mitbekommen, aber ich war heut im Flieger doch einigermaßen über die "Minuteria"-Kampagne erstaunt. Die Spots kenn ich jetzt nicht, aber die Print-Anzeigen sind ziemlich textlastig, und folgende Stellen daraus kann und will ich Euch nicht vorenthalten:

"Der Minuteria Kenner ist anderen Genießern stets ein Stück voraus. Während die Kollegen noch in der Kantinenschlange warten, hat er sich schon in der Büroküche seine schmackhafte Pizza bereitet."

Hm ja, und dieser Typ, vermutlich SysAdmin, der da in der Büroküche vor der Mikro seine Pizza mampft, kommt auch echt sympathisch rüber. Ich wäre gern wie er! Blöde Kollegen! Geht doch allein in die Kantine! Und in der Zeit, die ich mir spare, schau ich mal, was ihr so auf den Festplatten habt. "Meinneuerbikini.jpg", aha, soso!
Aber weiter im Text:

"Wenn andere den romantischen Abend damit verbringen, alleine am Herd oder Backofen zu stehen, widmet er sich schon intensiv dem Partner."

Aaaah! Der Traumpartner für mich! Nicht so ne Lusche, die übertriebene Fünfgängemenüs aufkocht, während ich mir in Ruhe Simpsons reinziehe, nee, eher so einer, der mir ne  labbrige Papp-Frisbee à 2,99 vorsetzt, um schneller zum …äh… "intensiven Widmen" zu kommen. Werde ab jetzt nach Minuteria-kaufenden Männern Ausschau halten!

Wie schade, dass ich überhaupt keine Mikrowelle habe, sonst würd ich aus reiner Abenteuerlust mal so ein Teil kaufen. Aber im Ernst: komm mir bitte keiner auf die Idee, mir das Zeug bei nem Besuch vorzusetzen –

"Denn sobald die Freunde ihren Mantel ausgezogen haben, steht die heiße Pizza auf dem Tisch."


– so ein Mantel ist nämlich auch ganz schnell wieder angezogen.

3 Responses to “Genug ist genug.”

  1. Felix Says:

    Als alter SysAdmin hab ich diese neue Kreation natürlich schon probiert, und das Vorurteil, Mikrowellen-Pizza sei per se eine "labbrige Papp-Frisbee" kann sie nicht bestätigen, sie ist erstaunlich knusprig. Allerdings hab ich dann doch lieber nicht nachgelesen, mit welchen chemischen Zusatzstoffen das bewerkstelligt wird…

  2. Simon Says:

    Sehr köstlicher Artikel 😀 ich würde dennoch zwecks objektiver Betrachtung einen Selbsttest wagen. Wenn es eine einäugige Mikrowellen Pizza unter den blinden Mikrowellen-Pizzas gibt dann vielleicht die "Minuteria". Das Einsatzgebiet der "Minuteria" sollte wahrlich nicht das romantische Dinner zu zweit sein, für die Halbzeitpause wie auch hier http://www.adwebcat.com/blog/food/wagner-minuteria-pizza-fur-die-mikrowelle.htm beschrieben eigentlich ganz OK.

  3. cohu Says:

    Oh nein, ich tu ja alles für meine Leser, aber ein Selbsttest ginge doch zu weit!Meine altmodische Überzeugung: wer sich nicht mal die Zeit nimmt, selbst eine Pizza zu kneten und zu backen – das ist eine ganz simple, schnell und einfach zuzubereitende Allerweltsmahlzeit – der kriegt halt keine Pizza. Was die Realdoll für die moderne Sexualität, sind diese Ausgeburten der Convenience-Hölle für unsere Esskultur! (Übrigens vergeht einem auf dieser Realdoll-Seite eh jeglicher Appetit…)


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