Stolz und Vorurteil

Das SZ-Magazin fragt gerade, warum, ja warum bloß, niemand auf unsere Ursi stolz ist. Immerhin, sie hat sieben Kinder und eine Mordskarriere (nein, natürlich nicht die Ursi)!
Neidzerfressen, so die recht einfache Analyse, sind die Frauen, weil sie es nicht schaffen, wie die Ursi sieben (7!) Kinder mit der Karriere zu vereinbaren und nebenbei noch ein Colgate-Lächeln und eine Stepford-Frisur aufrecht zu erhalten. Und, immer gut gelaunt, so gar nicht dem Klischee des chronisch überforderten, hysterischen Muttertiers à la “Desperate Housewives” oder “Malcolm Mittendrin” zu entsprechen. Die Männer dagegen – auch ein alter Hut – haben Angst vor so viel Multi-Tasking- Fähigkeit. Das alles hat einen wahren Kern.

Störend fand ich allerdings die Titelfrage, die meiner Meinung nach schon falsch gestellt ist: warum soll ich auf jemanden stolz sein, weil er Kinder hat? Erstens: stolz ist man doch sowieso nur auf Menschen, mit denen man in einer irgendwie gearteten Verbindung steht. Diese Verbindung spüre ich zu Frau von der Leyen, obwohl sie – wie ich – blond und Gebärmutterbesitzerin ist, nicht.  Zweitens: Ich bin auch nicht stolz auf Menschen, weil sie verheiratet sind oder Single, oder weil sie in der Großstadt leben oder auf dem Land. Das alles sind Lebensentscheidungen, die per se nichts über den Charakter eines Menschen oder seine Lebensleistung aussagen. Finde ich.

Anderer Meinung ist da diese gerade von Freund Deissner für die WAMS interviewte und zitierte Berliner Mutter:

“Arite Raebel ist 30 Jahre alt und Mutter von vier Töchtern. Manche Frauen ihres Alters finden diese Kinderzahl “asozial”, erzählt sie. Arite Raebel hat es sich längst zur Maxime gemacht, sich von äußeren Erwartungen zu befreien. Aber sie bedauert, daß viele Gleichaltrige nicht bereit seien, Verantwortung zu übernehmen – Verantwortung für das eigene Leben, für die Partnerschaft und die Kinder. “Wir nehmen uns alle viel zu wichtig”, sagt Arite Raebel und meint damit diejenigen, die immer nur über sich selbst nachdenken und wesentliche Lebensentscheidungen hinauszögern, bis es für Nachwuchs zu spät ist.”

Wer keine Kinder hat, ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen? Ehrlich gesagt: diese Unterstellungen, Eltern seien die besseren Menschen (und die absurde Behauptung, Selbstlosigkeit wäre ihr Motiv dafür gewesen, Kinder zu bekommen – ???), gehen mir ganz schön auf die Nerven. Von Ursula von der Leyen kommen sie erfrischenderweise übrigens nicht!
Aber selbst, wenn ich – was mir, als kinderloser Egoistin, enorm schwer fällt – mal nicht an mich und meine strapazierten Nerven denke, sondern an die Sozialgemeinschaft (= Rentenkasse): ich glaube nicht, dass die Rate der Fortpflanzer dadurch steigen wird, dass man die Entscheidung für oder gegen Kinder derart moralisch überfrachtet, wie es momentan geschieht.

Langsam hat man ja schon den Eindruck, nur Übermenschen, die Nerven wie Stahlseile, hektargroße Wohnungen, Geldspeicher wie Dagobert und ebenso übermenschlichen Chefs, Freundeskreise und Familien haben, seien fähig, Kinder zu kriegen, und das auch nur unter dem enormen “Armutsrisiko”, all das zu verlieren und mit misslungenen Schratzen unter der Brücke zu landen, ohne Freunde und geschieden und sexuell frustriert. Ist das wirklich so? Ich kann es mir irgendwie nicht vorstellen.

[Am Rande: Fest steht jedenfalls, wenn man dem Sozialminister von BaWü Renner glauben schenken darf, schon mal, wer sich aus Debatten über Zeugung oder Nicht-Zeugung lieber ganz raushalten sollte… Ich bin gespannt: Ein Mann mit solch stieglereskem Temperament, der wäre doch auch ein heißer Kandidat für einen Nazivergleich!]

5 Responses to “Stolz und Vorurteil”

  1. Tobi Says:

    Ob des vom Nikotinentzug kommt?

  2. computadora Says:

    Nicht vergessen: Schlafen vor 12 macht schön! Oder ist das reine Solidarität mit den jungen Eltern, diese nächtliche Aktivität?

  3. ursi Says:

    hast du ne ahnung, das leben mit sieben kindern, dreizehn katzen, vier hunden, zwei hühnern und einem gockel ist ganz schön anstrengend. auch wenn es bisher mein best gehütetes geheimnis war 😉

  4. Benedict: Deus caritas est! Says:

    Dieser ständige Vorwurf, man würde sich selber zu wichtig nehmen, geht echt ganz schön auf den Keks. ICH bin nun mal der einzige Mensch, der mit MIR IMMER zu tun hat. Ich möchte auch niemandem einen Vorwurf machen, der keine Kinder haben will. Allein: Ich verstehe es nicht! Denn der Wunsch nach Familie ist mir einfach total in mein Denken und Handeln gelegt und es wundert mich, wie das bei anderen Leuten anders sein kann. Würde jedenfalls jegliche berufliche Verwirklichung hintanstellen, wenn mit der Familie dann alles so läuft, wie ich es mir wünsche…

  5. computadora Says:

    "Die Familie" bzw. Kinder als planbares, zielgerichtetes Instrument zu betrachten, sei es zur Selbstverwirklichung, sei es zum Nutzen der Solidargemeinschaft, finde ich eine ganz scheußliche Vorstellung.
    Vielleicht, wer weiß?, werde ich auf meine alten Tage doch noch Kantianer.


Comments are closed.

<span>%d</span> bloggers like this: