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| Von wegen! (Bild: Wikimedia Commons) |
Meine Leser sind ja erfahrungsgemäß derart gebildet, dass ich mir sicher bin, dass jeder von ihnen die Lebens- und Wirkungsgeschichte des "Deutschen Darwin", Ernst Haeckel, aus dem Effeff kennt. Ich dagegen musste erstmal seinen Wikipediaartikel lesen.
Wie schade, dass dieser Haeckel – eigentlich einer der interessantesten Geistesmenschen in der deutschen Geschichte – aufgrund seiner unschönen Verwicklung in das Aufkommen von "Eugenik" (im nationalsozialistischen Sinne) und Sozialdarwinismus – fast vollkommen in der Versenkung verschwunden ist. Insbesondere seine Rezeptionsgeschichte ist interessant, denn nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern auch die Nazis und sogar die Anthroposophen (!) fanden ihn toll, und wer kann das schon von sich behaupten? Der momentan vergötterte Humboldt jedenfalls nicht, wenn er auch zugegebenermaßen etwas sympathischer wirkt als Haeckel.
Was ja nur wenige wissen, und damit komme ich zum Anlass dieses Textes, ist, dass Haeckel der Meinung war, es gäbe verschiedene Arten (i.S.v. Spezies) des Menschen. So gehört nach Haeckels Einteilung z.B. die Autorin zur Gattung homo eranoides, denn sie ist ein Lockenhaarmensch, mit einem "Mittelkopf" (als "schiefzähniger Langkopf" lasse ich mich dann doch nicht beschimpfen), Grundton hell, und ist damit ein Mitglied der Spezies euplocamus mediterraneus. Die zwölf verschiedenen Menschenarten nach Haeckel findet man in seiner "Natürlichen Schöpfungsgeschichte" in dieser übersichtlichen Tabelle.
Haeckel würde vermutlich in seinem schmucken Grab rotieren, wenn er wüsste, was die heutigen Humangenetiker (ganz zu schweigen von den Anthropologen) so treiben, denn heute sind die mehrheitlich der Meinung, dass es nicht mal Menschenrassen gibt, und schon gar keine Arten. So kann man sich täuschen, lieber Herr Haeckel! Die Entwicklung ist natürlich Wasser auf Cohus anti-essentialistische Mühlen, aber trotzdem: Wissenschaftler, die Unrecht hatten, sind doch viel interessanter, als die, die sich letztendlich durchsetzen. Denn der Fortschritt lebt – wie wir seit Popper wissen – von der Falsifizierung. Na, zumindest, bis jemand den Popper falsifiziert.
Ich rufe jedenfalls hiermit den Haeckel zum neuen Humboldt aus. Und als nächster ist Rudolf Virchow dran, der hat sich nämlich auch einige spannende Irrtümer geleistet!


29. August 2007 at 10:44
Wollte nicht Robert Koch mal die Krokodile ausrotten, um der Schlafkrankheit Einhalt zu gebieten? Fröhliche Wissenschaft, denn was würden heute die edlen Damen als Handtaschen und die Alpha-Manager als Uhrenarmband tragen?
29. August 2007 at 11:14
Besonders schön finde ich auch die Idee des Nobelpreisträgers Julius Wagner-Jauregg, die Syphilis durch eine "Fieberkur" zu behandeln (die Leute wurden schlicht mit Malaria infiziert). Es funktionierte angeblich, jedenfalls manchmal. Und dann erst die Freeman-Lobotomie…was wären wir ohne irre Ärzte!