![]() |
|
7. Woche: noch schaut er harmlos aus…
(Bild: Wikimedia Commons) |
Jaja, die neue Unterschicht, was machen wir mit ihr? Zahllose Kolumn-, Feuilleto- und sogar Theaterregisseuristen und -innen haben sich an dieser Frage die Zähne ausgebissen, von den Politi-, Psychologi- und Soziologikern mal ganz abgesehen. Eins ist sicher: ist der Unterschichtler erstmal ausgewachsen, ist an seinem Habit, seinen Ess- und Trink- sowie Fernseh-Gewohnheiten praktisch nix mehr zu ändern. Jetz mal ehrlich, kann man sich Dittsche mit Schlips und Kragen beim Assessment Center vorstellen? Kaum.
Daher auch eine Idee, die – aus den USA kommend – sich jetzt unser geschätzter Insel-Toni vorgenommen hat: schon ganz früh anfangen, sich diese Individuen vorzuknöpfen, damit Intervention das schlimmste (Ausscheiden aus der Arbeitsflotte oder gar Kriminalität) verhindert. Mit "ganz früh Einschreiten" ist diesmal aber nicht das gutgemeinte Gardinenpredigen vor garstigen Ghettokids gemeint, sondern die Überwachung von ungeborenen Kindern:
In an effort to intervene as early as possible in troubled families, first-time mothers identified just 16 weeks after conception will be given intensive weekly support from midwives and health visitors until the unborn child reaches two years old. (guardian)
Was mit "troubled" gemeint ist, wird nicht so ganz klar – in den USA machte sich das schlicht an einem geringen Einkommen der Mutter/Eltern fest. Herr Blair verkauft das Programm als "Fairness" – die Startchancen der Kinder sollen verbessert werden – und erinnert an die sozialen Schäden, die "manche von diesen Familien" in der Volksgemeinschaft in der Community anrichten.
Laut amerikanischen Studien hat die Methode tatsächlich messbare Vorteile – höhere IQs und bessere Sprachentwicklung bei den Kindern, weniger Vernachlässigung und besserer Gesundheitszustand bei Mutter und Kind, später auch gesunkenes Risiko, dass das Kind kriminell wird. Als Turbo-Konsequentialistin, die ich nun mal bin, müsste ich die Maßnahme eigentlich toll finden. Trotzdem hinterlässt es einen seltsamen Nachgeschmack, wenn schon bevor die Elternschaft überhaupt begonnen hat, diese staatlicherseits in Frage gestellt, überwacht und "unterstützt" wird. Was, wenn man keinen Bock auf wöchentliche Besuche von der NHS-Dame hat und sie wieder wegschickt? Wird einem dann für die zukünftige Fortpflanzung die Lizenz entzogen? Ach ne, da steht ja noch: freiwillig. Aber trotzdem: was, wenn sich herausstellt, dass es für die Kinder am allerbesten wäre, gar nicht in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen: müsste man sie dann nicht eigentlich staatlicherseits an bessere Stellen verteilen – äh, katholische Kinderheime?


22. May 2007 at 14:59
Hui, das ist noch eine Stufe über der Elternführerscheindiskussion hierzulande. Etwas ähnliches gibt es hierzlande schon: In Dormagen kommt der zuständige Jugendamtsmitarbeiter nach der Geburt des Kindes in die Familien, um auf sich und seine Hilfen aufmerksam zu machen. WEnn ich jetzt wüsste, wo ich einen passenden Link dazu finde…
22. May 2007 at 16:25
Ja, an sich super idee, zumal man ja als frischgebackene Eltern wahrlich anderes zu tun hat, als das jugendamt aufzusuchen (selbst wenn man Hilfe bräuchte). Aber seltsam wirds find ich wenn da erst mal über die Gehaltshöhe die "Risikofamilien" rausgepickt werden…